21. Oktober 2011

Muammar al-Gaddafi, der Lynchmob und die Medien Auf dem Weg in den Abgrund

Libyen ist vielleicht näher als mancher glaubt

Wer hätte das gedacht: Ausgerechnet der „Spiegel“ bringt den bislang treffendsten Artikel zum Tod Muammar al-Gaddafis. Christian Stöcker, von Hause aus studierter Psychologe, untersucht darin das Phänomen des „weltöffentlichen Lynchmobs“. Denn „das brutale Ende Muammar al-Gaddafis markiert den neuen Höhepunkt einer langen Entwicklung: Der Tod von Tyrannen und Terroristen wird zum globalen Medienereignis, fast in Echtzeit.“

Auch wenn andere deutsche Medien noch vorgeben, über „die genauen Umstände des Todes von Gaddafi“ zu rätseln, vermitteln die vielen mit Handykamera gefilmten Aufnahmen ein insgesamt klares Bild: Der gefangene, längst wehrlose Gaddafi wurde lebendig, im Sterben und noch nach dem Ableben von einem dabei lachenden Lynchmob schwer misshandelt. „Sich am Tod des Bösewichtes zu weiden“, so Stöcker, sei „ein archaischer, ein vormoderner Impuls, ein Relikt aus finsteren Zeiten. Bis heute aber hat dieser Impuls offenbar nichts an Kraft eingebüßt.“

In einem Video, beschreibt Stöcker, sei „zu sehen, wie der offenbar bereits schwer verletzte Gaddafi auf die Motorhaube eines Pick-up-Trucks gesetzt wird – um ihn öffentlich zur Schau zu stellen, wie es die Römer mit Besiegten zu tun pflegten“. Im „Hintergrund sind Kämpfer zu sehen, die ebenfalls ihre Handykameras auf den verletzten Gaddafi richten, während der sich mit leerem Blick das Blut aus dem Gesicht wischt. Ein weiterer Clip zeigt den gestürzten Tyrannen über steinigen Boden stolpernd, umringt von Männern, die offenbar auf ihn einschlagen.“

Westliche Medien sind nun darüber nicht etwa schockiert oder angewidert, nein, sie stellen die Bilder mit Häme über das Opfer zur Schau. Stöcker verweist auf die britische Boulevardzeitung „The Sun“, deren Web-Seite heute mit dem Bild des getöteten Diktators aufmacht. Daneben steht die Schlagzeile: „Das ist für Lockerbie“. „The Sun“, erklärt Stöcker, „stellt also freudig erregt einen Rachebezug zwischen Gaddafis Tod und dem Terroranschlag im Jahr 1988 her“. Doch das ist weder neu noch spezifisch britisch. Auch die „Bild“ veröffentlicht offenbar aufgegeilt ein Foto des Sterbenden nach dem anderen, ohne Mitleid, dafür mit reichlich Hohn. Ähnlich verfuhr das Blatt bereits mit Saddam Hussein nach dessen Hinrichtung.

Stöcker macht den offensichtlichen Sittenverfall auch deutscher Medien an den neuen Technologien fest. Doch das ist nur ein Teil der Wahrheit. Als im Juli das Grab von Rudolf Hess während der nächtlichen Friedhofsruhe geschändet wurde, da höhnte Chefkolumnist Franz-Josef Wagner in eben jener „Bild“ dem Opfer persönlich hinterher: „Eigentlich gehören Sie für mich in kein Grab auf einem Friedhof.“ Und unpersönlich über diesen Menschen: „Dass seine Knochen nun ausgegraben, seine Gebeine verbrannt wurden und die Asche ins Meer geworfen wird, ist großartig.“ Und über sich selbst: „Ich bin glücklich, dass dieses Schwein nicht mehr auf einem Friedhof liegt.“ Keine Handykamera der Welt hatte die „Bild“ zu einem solchen Meilenstein auf dem Weg in den Abgrund gezwungen. Eine Entgleisung, vielleicht auch ein bewusster Test, der vom Presserat ungerügt blieb.

Stöcker bleibt trotz allem Optimist: „Ein verhasster Schwerstverbrecher würde in den USA und in Europa kaum auf offener Straße verprügelt, ausgeplündert und getötet werden, um anschließend seine Leiche zu schänden.“ Und, das sei hinzugefügt, um dann noch öffentlich von den Medien verhöhnt zu werden. Doch wie lange gilt das noch?


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