01. Oktober 2011

Der schnöde Mammon Geld spielt keine Rolle

Über eine effektivere Rendite als das nervöse Gespräch mit Ihrem Bank- und Finanzberater

Haben Sie eigentlich schon einmal darüber nachgedacht, warum im Eingangsbereich Ihrer Bank keine Einkaufswagen stehen? Ich kann mir gut vorstellen, dass Sie diese Frage für einigermaßen lächerlich halten. In diesem Fall sollten Sie Ihre Zeit auch nicht damit verschwenden, hier weiterzulesen. Denn Zeit ist schließlich Geld. Und dass man Geld braucht, weiß doch jedes Kind.

Was aber ist Geld? Sind die Münzen und Papierscheine, die ich in meiner Tasche habe, Geld? Ist die auf meinem Kontoauszug unten rechts ausgedruckte Zahl Geld? Sind die Prognosen über künftige Auszahlungsbeträge, die meine Lebens- und Rentenversicherungen mir jährlich schicken, Geld? Hand aufs Herz: Auch diese Fragen halten Sie wieder für lächerlich. Sie gehören nach Ihrer Auffassung in philosophische Proseminare. Legen Sie also diesen Text weg und gehen Sie wieder an die Arbeit, um Geld zu verdienen!

Nun aber, für alle Weiterleser, im Ernst: Wagen wir zunächst einen kurzen historischen Rückblick. Die ersten Papiergeldscheine waren nichts anderes als Lagerscheine. Sie wiesen aus, dass der jeweilige Papierbesitzer Eigentümer von Gold oder Silber war, das bei einer Bank – gut bewacht – hinterlegt war. Gegen Vorlage des Lagerscheines konnte man jederzeit die Herausgabe dieses eingelagerten Metalls verlangen.

Zuvor hatten die Menschen ihre Handelsgeschäfte noch unmittelbar mit physischen Edelmetallen getätigt. Wer einkaufte, tauschte die Ware gegen Gold- oder Silbermünzen. Weil die Menschen aber keine Lust hatten, ständig schweres Gold und Silber in ihren Taschen mit sich herumzutragen, stellte der Austausch nur von Lagerscheinen eine sinnvolle Alternative dar. Papier klimpert nicht in der Hosentasche und kann besser in Socken vor Dieben versteckt werden.

In genau diesem Moment der geschichtlichen Entwicklung machten die Banken (das heißt die Lagerhausbetreiber) eine Entdeckung, die für uns heute nach wie vor von eminenter Bedeutung ist: Die Kunden nutzten zwar eifrig ihre Lagerscheine, um sie untereinander gegen Waren hin und her zu tauschen. Aber kaum ein Lagerscheinbesitzer kam je wirklich zum Lagerhaus, um sich das eingelagerte Metall tatsächlich physisch abzuholen.

Das meiste Gold und Silber lag also – man könnte sagen: als „totes Kapital“ – einfach nur ungenutzt im Keller der Bank herum. Bräuchte man, dachten die frühen Banker, nur denjenigen Teil des Metalls tatsächlich zum Abholen bereitzuhalten, der nach Wahrscheinlichkeitskriterien überhaupt physisch je abgeholt werden würde, könnte man doch ganz einfach mehr Lagerscheine ausgeben, als es eingelagerte Metalle gab. Anders gesagt: Wenn die Erfahrung zeigte, dass beispielsweise nur zehn Prozent allen Goldes je von einem Berechtigten abgeholt wurde (und dann von einem anderen Kunden ohnehin bald wieder „in Sicherheit“ zurückgebracht wurde), dann ließe sich der Ertrag aus Lagergebühren doch faktisch dadurch verzehnfachen, dass man für die nie abgeholten neunzig Prozent entsprechend mehr Lagerscheine ausgäbe. So geschah es also, dass die „Bankenteilreserve“ in die Welt kam: Die Lagerhäuser hielten nur so viel Gold und Silber effektiv in ihrer Keller-Reserve, wie sie schlimmstenfalls tatsächlich an Kunden aushändigen mussten. Den Rest ihres Bestandes verbrieften sie schlicht mehrfach.

So kam es, dass gegenüber den wahren Gold- und Silberbeständen ein Vielfaches von Lagerscheinen in der Welt kursierte, für die es faktisch keine Deckung gab. Die einzige Grenze des Multiplikators wurde dem jeweiligen Banker durch seine eigene Nervenstärke gezogen. Doch diese Nervenstärke war – und ist – nichts Besonderes. Jeder Betreiber beispielsweise eines China-Restaurants handelt nicht anders. Er schätzt nach seinen Erfahrungswerten ab, wie viele Peking-Enten seine potentiellen Gäste morgen wohl essen wollen; in dieser Zahl kauft er die Tiere ein. Anders als im Bambus-Garten reagieren Bankkunden jedoch naturgemäß anders auf die Botschaft, dass die Peking-Ente für heute „aus“ sei. Statt alternativ „Tausend Köstlichkeiten im Vogelnest“ zu bestellen, bricht bei ihnen eine Panik aus. In Windeseile sprach sich also auch in früheren Zeiten dann herum, dass der jeweilige Banker Deckungsprobleme hatte. Es kam zu einem „bank run“, bei dem alle Kunden gleichzeitig ihr Gold und Silber abheben wollten. Doch die Bank blieb – im Hinblick auf ihren leeren Keller – geschlossen.

Die Entwicklung unseres Geldsystems ist seither – wie gleich zu erläutern sein wird: nicht zu dessen Vorteil! – vorangeschritten. Um aber den Bezug zu jener Zeit zuvor noch etwas greifbarer zu machen, bietet sich der kurze Blick auf eine aktuelle britische Pfund-Note an. Bis heute lässt sich dort lesen, dass die Queen jedem Inhaber eines solchen Geldscheines verspricht, ihm auf sein Verlangen hin die jeweils ausgewiesene Summe zu zahlen. Leider ist der Satz, mit dem diese Garantie ausgesprochen wird, jedoch (gelinde gesagt) unvollständig. Denn er lautet nicht dahin, dass die Queen gegen Vorlage beispielsweise einer Fünf-Pfund-Sterling-Note fünf Pfund Sterling-Silber zu tauschen bereit wäre. Das Versprechen zielt nur auf den intellektuell verstörenden Akt, eine Note gegen eine andere auszutauschen. Denn ein Pfund ist schließlich nur ein Pfund, nicht ein Pfund irgendetwas. Auf den Euro-Banknoten, die Sie besitzen, steht kein derartiger Satz. Wenn und sobald Sie Neigung haben sollten, sich einmal besonders schlecht amüsieren zu wollen, können Sie prüfen, was auf diesen Geldscheinen steht. Nur so viel will ich hier verraten: Wenigstens insoweit war der Euro-Schein – sagen wir – wahrheitsliebender. US-Amerikaner finden übrigens den Hinweis „In God we trust“ auf ihrem Geld. Es wird Ihnen auch kaum etwas anderes übrig bleiben. Doch zurück zur Geldentwicklung.

Die Bindung von Geldscheinen an Edelmetalle wurde im Laufe des 20. Jahrhunderts in aller Welt Stück für Stück und Schritt für Schritt beseitigt. Für britische Pfunde gibt es keine Silber- und für US-amerikanische Dollars keine Goldeintauschgarantie mehr. Nur die Zentralbanken der Staaten untereinander hatten diese Rechte bis zum Jahr 1971 noch ansatzweise. Seit einem Gesetz Richard Nixons vom 15. August 1971, das seither allen Staaten der Welt zu deren Freude das Geldausgeben erheblich erleichtert, sind alle Geldscheine der Welt faktisch nur noch Lagerscheine für andere Geldscheine (was übrigens auch das jähe Verschwinden des „alten“ Fünf-Mark-Stücks in Deutschland während der 1970er Jahre erklärt; es hatte nämlich noch einen wirklichen Silbergehalt!).

Dies wiederum konnte in den bestehenden Rahmenbedingungen unserer Geldordnung(en) nicht ohne bedeutsame Konsequenzen bleiben. Den weltweiten Bestand an Gold und Silber konnte man nicht beliebig vermehren; Papier hingegen lässt sich beinahe schrankenlos bedrucken. Mehr noch: Das nur gleichsam virtuelle Geld auf unseren Konten bei den Banken unterliegt schlechterdings überhaupt keinen physischen Grenzen mehr. Die sogenannten Geldmengen (je nach Zentralbank unterschiedlich kategorisiert in Münzen und Scheine, Bankguthaben, Schuldverschreibungen etc. pp.) haben sich allesamt rasant vergrößert. Ursache hierfür waren nicht nur die Geldmengenausweitungen durch Zentralbanken selbst, sondern namentlich die immer exzessiver betriebenen Kreditgeldschöpfungen, namentlich für staatliche Förderungsprogramme aller Art. Verbunden mit dem beschriebenen – und nach wie vor gesetzlich ganz offiziell erlaubten – „Teilreserveprivileg“ der Banken ist überall auf der Welt eine Monsterwelle von Geld entstanden, deren Aufschlag auf die reale Wirtschaft wir derzeit bang entgegensehen.

Inflationiert nämlich die Geldmenge (in anderen Worten: bläht sie sich auf), dann inflationieren anschließend auch die Preise für diejenigen Waren, die mit Geld gekauft werden. Stehen beispielsweise hundert Äpfeln hundert Münzen gegenüber, kostet ein Apfel im Zweifel eine Münze; stehen hundert Äpfeln hingehen plötzlich dreihundert Münzen gegenüber, kostet ein Apfel bald drei Münzen. Terminologisch korrekt unterscheidet man daher zwischen vorangehender „Geldinflation“ und ihr nachfolgender „Preisinflation“ (letztere auch genannt: „Teuerung“). Wer diesen Zusammenhang einmal erkannt hat, der kann über den derzeit immer wieder beschworenen Einlagensicherungsfonds folglich auch nur müde lächeln; denn es mag ihm ein nominelles Vermögen von vielleicht 100.000,-- Euro garantiert sein, was er aber damit einstmals tatsächlich kaufen kann, steht auf einem ganz anderen Blatt.

Das Sparen und Behalten von „Geld“ ist angesichts dieser geschehenen und sich weiter entwickelnden Geldmengenausweitungen folglich wenig rational. Jeder „Rettungsschirm“, den Staaten und Staatengemeinschaften derzeit ausbringen, mag auf dem Papier beziehungsweise in der Theorie die Fiktion einer Stabilität des geldmathematischen Systems (noch bis auf weiteres vorübergehend) aufrechterhalten. In der sogenannten Realwirtschaft führt all dies unausweichlich nur zur konsequenten Schwächung der Kaufkraft einer jeden schon vorhandenen Geldeinheit. Und dies wiederum führt zur hier eingangs gestellten Ursprungsfrage, was „Geld“ denn ursprünglich und eigentlich sein sollte.

Warum braucht der Mensch Geld? Weil er ein Mangelwesen ist und nicht ununterbrochen über all das verfügt, was er tatsächlich benötigt. Geld soll ihm die Möglichkeit verschaffen, mit anderen Menschen diejenigen Tauschgeschäfte zu betreiben, die seinen jeweiligen Bedarf decken. Geld soll also Kaufkraft – oder noch anders: Tauschmacht – absichern. Genau diese Funktion verliert Geld dann, wenn es durch Geldinflation praktisch im Überfluss vorhanden ist. Denn was in diesem Fall „wie Sand am Meer“ unbegrenzt verfügbar ist, das hat keinen Wert mehr und gibt keine Tauschmacht. Geld also spielt keine Rolle mehr. Es ist dann faktisch „nichts“. Und um nichts zu transportieren, braucht man auch keinen Einkaufswagen, um die Eingangsfrage zu beantworten.

Welche Schlussfolgerungen sind nach alledem aus dem entgrenzten (und sich aktuell immer weiter entgrenzenden) staatlichen Geldsystem zu ziehen? Wir müssen uns auf die Suche nach einem neuen System machen, das die herkömmlichen Geldfunktionen (nämlich: Wertgrößenmaß, Tauschmittel und Kaufkraftaufbewahrungsmittel) ersetzt. Das staatlich politisierte und damit manipulierbare Geld erfüllt diese Funktionen nicht mehr hinreichend verlässlich. Kreativität ist gefragt. Die Suche hat begonnen. Anlass zu Mutlosigkeit besteht nicht. Der Menschheit ist bisher noch immer etwas eingefallen, um ihre Lage zu verbessern.

Sollten Sie auf den Geschmack gekommen sein, sich durch weitere Lektüre einen eigenen Eindruck von wirtschaftlichen und finanzpolitischen Zusammenhängen zu verschaffen, empfehle ich Ihnen beispielhaft nur vier großartige Bücher, die (1.) ohne alle Vorkenntnisse verständlich und bestens lesbar sind, (2.) atemberaubend manipulationsfrei bleiben und (3.) dann zwanglos den Weg zu weiterer Literatur öffnen:

Die dort durch Lesen investierte Zeit bringt gewiss mehr effektive Rendite als das nervöse Gespräch mit Ihrem Bank- und Finanzberater. Garantiert!

Literatur

Roland Baader: Geldsozialismus – Die wirklichen Ursachen der neuen globalen Depression, 2010

Thorsten Polleit und Michael von Prollius: Geldreform, 2011

Henry Hazlitt: Economics! – Über Wirtschaft und Mißwirtschaft, 2009

Murray Rothbard: Das Schein-Geld-System – Wie der Staat unser Geld zerstört, 2005


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