11. September 2011

Dokumentation Libyen, die andere Sicht

Zusicherung einer neuen Zentralbank als erste Amtshandlung?

Die Redaktion erhielt eine anonyme Zuschrift, die wir hier dokumentieren möchten. Die nachfolgend geäußerten, recht einseitigen Gedanken zum Krieg der NATO in Libyen mögen die nicht weniger einseitigen Verlautbarungen der deutschen Massenmedien ergänzen. Der Leser mache sich ein eigenes Bild…

Erstens

Gaddafi ist mitnichten seit 42 Jahren von Beruf „libyscher Diktator“. Er hat 1977! alle offiziellen Funktionen aufgegeben. Seine infoffiziellen Funktionen lassen sich auf die stammesorientierte Kultur in Libyen zurückführen. Seit Mitte der 90er Jahre ist er übrigens im ständigen Zwist mit der libyschen Regierung, und die Antikorruptionsbehörde ist von den libyschen Volksversammlungen auf sein Betreiben hin gegründet worden. Interessanterweise war diese Behörde eines der ersten Bombenziele der Nato, was natürlich nichts mit den gesammelten Daten über einige der Mitglieder der jetzigen „Rebellenregierung“ zu tun hat.

Zweitens

Libyens politisches System ist direkte Demokratie und ist und war dezentral. Ebenso die Verteilung der staatlichen Mittel. Es gibt landesweit etwa 2.000 Versammlungshallen in denen die Bevölkerung lokale Entscheidungen trifft und Vertreter in die jeweils übergeordneten Versammlungen schickt.

Drittens

Libyen hatte vor dem Angriff der Nato

das höchste per capita Einkommen Afrikas – 14.400 USD

die höchste Alphabetisierungsrate mit 88 Prozent (von ca. 20 Prozent 1969)

freie Gesundheitsfürsorge. (Bei Nichtverfügbarkeit einer Behandlung in Libyen wurde auch eine Auslandsbehandlung finanziert).

kostenlose Schulbildung mit staatlicher Finanzierung von Auslandsstudien.

einmalig 20.000 USD als Starthilfe bei Gründung eines Unternehmens.

einmalig 50.000 USD bei Heirat zum Erwerb eines Eigenheims.

kostenlos: Land, Maschinen und Saatgut bei Gründung eines landwirtschaftlichen Betriebes.

eine hohe Beschäftigungsrate von Mädchen und Frauen

Und noch viel wichtiger: Einen jährlichen Überschuss im Staatshaushalt, der in den libyschen Staatsfond eingezahlt und zum größten Teil im Ausland angelegt wurde. (Die sogenannten „Gaddafi-Konten“).

Den Great Man Man River (GMMR), der heute schon ganz Libyen mit Frischwasser versorgt und der planmäßig in der Zukunft den größten Teil des Maghreb versorgt hätte. Dieser wurde vollständig aus libyschem Geld finanziert, obwohl Weltbank und IWF ihre Kredite wie Sauerbier angeboten haben.

Libyen hat den ersten afrikanischen Telekommunikationssatelliten finanziert, der den afrikanischen Ländern jährliche Einsparungen von 500 Mio. USD gebracht hat.

Libyen hat darüber hinaus maßgeblich die drei geplanten afrikanischen Baken finanziert, die zur Unabhängikeit Afrikas von Weltbank und IWF geführt hätten.

African Monetary Fund (Yaounde, Kamerun)

African Central Bank (Abuja, Nigeria)

African Investment Bank (Syrte, Libyen)

Diese drei Banken, zusammen mit der Einführung einer goldbasierten kontinentweiten Währung (African Dinar) hätten die ehemaligen Kolonialmächte mit ihrer zinsbasierten Gelddruckmaschine hart getroffen. Und um nichts anderes geht es in Libyen. Das Öl ist in diesem speziellen Fall nur Zugabe.

Wenn Sie daran zweifeln sollten: Bereits am 19.3.2011! hat der „Rebellenrat“ als mehr oder weniger erste Amtshandlung die Neugründung einer libyschen Zentralbank „nach westlichem Muster“ zugesichert.

Was den Krieg als solchen angeht

Die „wenigen verbliebenen Widerstandsnester“ machen etwa 70-80 Prozent des libyschen Staatsgebietes aus. Die Nato hat die nominelle Hoheit in der Küstenregion, durch massiven Einsatz der Luftwaffe. Die offiziellen Zahlen der Nato sprechen Bände: > 20.000 Einsätze mit 8000 Kampfeinsätzen und etwa 50.000 Bomben, Raketen und Cruise Missiles. Dies gegen ein Volk von 6,5 Millionen und nicht etwa gegen China oder Russland. Wenn man die angeblich zerstörten Militäreinrichtungen addiert, machen diese etwa das dreifache dessen aus, was die libysche Armee je besessen hat.

Es gibt keine Bilder jubelnder Libyer. Die BBC hat sich besonders blamiert, als sie in einer als solchen gesendeten „Live-Schaltung vom Grünen Platz“ mit wie immer atemlosem Kommentator  alte Bilder einer Demonstration in Indien zeigte und offensichtlich hoffte, dass niemand die indische Flagge kennt. Noch am 1.9. wurden Bilder des Eid al Fidr (Fest des Fastenbrechens, vergleichbar mit dem westlichen Weihnachten) als Jubelfeiern für die „Neue Regierung“ verkauft – mit deutlich sichtbaren Gaddafi-Plakaten und grünen Flaggen im Hintergrund. Auf einem Video haben die westlichen Reporter dann 2 kleine Papierfähnchen der „Rebellen“ (übrigens die Flagge der 1969 vertriebenen Monarchiemarionette Idiris) an einem Draht vor die Kamera gehalten. Das ist nicht nur peinlich, das ist kriminell dämlich.

Man kann über die sozialistischen Anteile in der libyschen Politik sicher geteilter Meinung sein, aber sie sind vergleichsweise intelligent und nützlich umgesetzt worden. Ganz im Unterschied zu den Umverteilungen nach westlichem Muster, wie zum Beispiel dem großangelegten Landraub durch amerikanische Banken, um ihre Pyramidenschemata zu kapitalisieren oder dem europäischen „Rettungsschirm“, der im wesentlichen die Villen der Shortseller sichert.

Die Lügen der westlichen Medien fangen nicht erst bei den Folgen des Krieges an, sondern schon lange vor den Grundlagen. Die kontextfreie Dämonisierung von Einzelpersonen war schon immer ein beliebtes Mittel, das Volksempfinden zu kanalisieren. Nur sind die Guten schlampig geworden. Nach den unbestreitbaren PR-Erfolgen im Irak und in Afghanistan unterlaufen ihnen immer mehr Regiefehler. Der angebliche Mord an OBL mit dem unverhofften Dahinscheiden genau dieser Spezialeinheit bei einem Hubschrauberabsturz in Afghanistan war schon hart an der Grenze. In Libyen fällt es aber immer mehr Personen auf, wie man an der Verteilung der Meinungen in den paar Zeitungen, die online noch Kommentare zulassen sehen kann.

Und doch gibt es immer noch den Reflex, den gleichen Medien, die unzählige Male der Lüge und Verzerrung überführt wurden bei anderen Themen oder an anderen Tagen noch zu glauben. Schade eigentlich.


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