27. Juli 2011

Gewalt und Politik Wie und wo Hass entsteht und sich ausbreitet

Gegen das Schönreden eines Ursprungsherdes

Der Terror ist natürlich nicht repräsentativ für die dahinter stehenden politischen Ideen. Sagen die Anhänger. Er ist das logische Produkt derselben. Sagen die Gegner. War nicht Ulrike Meinhof eine besonders konsequente Kapitalismus-Feindin, Anders Breivik ein radikaler Gegner des Islam und Timothy McVeigh ein extremer Widersacher des Staates? Sozialisten, Nationalisten und auch Libertären fällt es naturgemäß schwer zuzugeben, dass auch schwarze Schafe die eigenen Ideen auf- und sich in der Wahl der Mittel vergreifen. Doch ist nicht im Wesen jedes politischen Denkens bereits angelegt, Feindbilder aufzubauen und Gewalt anzuwenden?

Linke möchten Kapitalisten enteignen, „Rechte“ fremde Kulturen zurückdrängen und Libertäre den Staat auflösen. Und wenn sie alle ehrlich sind: Welcher Sozialist hat nicht insgeheim mal darüber nachgedacht, wie es wäre, ein Kaufhaus, eine Bank oder eine McDonalds-Filiale in die Luft zu sprengen, natürlich in der Nacht, wenn kein Mensch drinsitzt? Welcher Nationalist hat nicht einmal am Rande heimlich überlegt, wie es sein könnte, eine Moschee, eine Bank oder eine McDonalds-Filiale, sofern unbemannt, in Brand zu setzen? Und welcher Libertäre dachte wirklich nie daran, ein menschenleeres Finanzamt, ein Parteibüro oder – wieder! – eine Bank hochgehen zu lassen?

Psychisch labilere Menschen träumen nicht nur, um sich dann vielleicht zu erschrecken. Sie handeln nach dieser Logik. Und das nicht beschränkt gegen Sachen, sondern gegen Menschenleben, was, wie die Geschichte der RAF zeigt, ohnehin nur ein weiterer Grad auf der Skala der politischen Mittel ist.

Politische Szenen haben die Eigenschaft, sich im eigenen Saft zu radikalisieren und in Fraktionen zu spalten. Immer schon. Und im modernen Internet erst recht. Sie hassen Verräter im Zweifel noch mehr als das gehegte und immer besser gepflegte Feindbild. Anders Breivik ermordete deshalb nicht Moslems, sondern Sozialisten, die willigen Helfershelfer des Bösen also, die in islamfeindlichen Internetghettos gerne mit zugehaltener Nase „Dhimmis“ genannt werden.

Linke in den 70er Jahren äußerten mitunter mehr als nur heimliche Sympathie für die Terroristen aus dem eigenen Lager. Das scheint im Fall Breivik anders zu sein. Aber: Hätte dieser in einer Moschee bärtige Gestalten statt in einem Camp Kinder gemordet, wäre nicht auch er auf etwas mehr Verständnis seines Politisch-Gleichen gestoßen? Nach dem Motto: Wir verurteilen die Tat natürlich aufs Schärfte, weisen aber darauf hin, dass…

Breivik und seine vielen Vorgänger sind nach all unserem Ermessen durchgeknallt, aber nicht im medizinischen Sinne verrückt. Das ist es, was an der Linie seines Anwalts verstört, der Anders Breivik für unzurechnungsfähig erklären will, vermutlich damit die Justiz ihn so doch noch ein Leben lang wegsperren kann, was nach der norwegischen Rechtslage sonst nicht möglich wäre.

Breivik ist wie Baader, Meinhof und McVeigh für seine Taten verantwortlich und dafür auch schwer zu bestrafen. Wenn eine solche Bestrafung in Norwegen nicht angemessen erfolgen kann, stimmt offenbar etwas nicht im dortigen Strafrecht.

Heute Morgen habe ich im Frühstücksfernsehen ein paar Sätze von Cem Özdemir verfolgt. Der Obergrüne betonte für mich zunächst überraschend, dass man aufhören müsse, die Tat aus den vorgeschobenen Motiven zu erklären. Breivik handelte zwar nach eigener Aussage aus christlichem Antrieb heraus, aber das sei völlig unerheblich, ebenso wie es unerheblich sei, dass islamistische Terroristen vorgeblich als Muslime morden. Christentum und Islam seien, so Özdemir, unschuldig. Aber dass Breivik ein „Rechter“ ist, das allerdings sei entscheidend und weiter mit geeigneten Maßnahmen im „Kampf gegen rechts“ zu verfolgen, meint derselbe Özdemir, der Linke, dieses verlogene Schw… – upps, da ist er wieder, der Hass, der offenbar mit politischem Denken so untrennbar verbunden ist.


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