22. Juli 2011

Grabschändung in Wunsiedel Bei Nacht und Nebel die Menschlichkeit verraten

Der deutsche Staat und sein Drang ins Totalitäre

Gestern früh um vier Uhr, noch vor Sonnenaufgang, wurde ein Familiengrab im kleinen oberfränkischen Ort Wunsiedel dem Erdboden gleichgemacht. Die Grabräuber verwandelten eine gut gepflegte letzte Ruhestätte ins Nichts. Sie kamen im Auftrag des Staates.

Die Leichen sollen nun verbrannt und ins Meer geschüttet werden. Wir sprechen von den Gebeinen von Rudolf Heß. Der verstarb vor knapp 24 Jahren und verbrachte zuvor 46 Jahre seines Lebens in Gefangenschaft. Hess flog im Mai 1941 in geheimer Mission nach Schottland, um Frieden mit Großbritannien zu schließen. Hier ist nicht der Ort, über sein Leben zu richten. Ohnehin ist es für eine endgültige Bilanz zu früh: Bis heute nämlich werden die Verhörprotokolle und Akten über den Flug von Rudolf Heß in London unter Verschluss gehalten. Die Sperrfrist endet erst 2017. Dann wird das Familiengrab der Eltern von Rudolf Heß mitsamt den sterblichen Überresten auch seiner Ehefrau bereits sechs Jahre geplündert und ausgelöscht sein.

Es ist der zweite Fall der Vernichtung aller Überreste eines politischen Feindes in diesem Jahr. Der amerikanische Präsident ließ zuvor den Terrorführer Osama bin Laden im Meer verschwinden. Die Schweizer „Weltwoche“ bemerkte dazu: „Die Seebestattung ist, wenn sie nicht – wie bei Seefahrern der Vormoderne – aus schierer Not vollzogen werden muss, die ultimative Schmähung eines Toten. Die Totenkulte der drei großen Religionen, Judentum, Christentum und Islam, sehen ein Erdgrab vor. Es ist ein Fixpunkt, an dem sich Hinterbliebene versammeln und des Toten gedenken können. Ein Erdgrab symbolisiert Kontinuität, neues Leben und ist daher Stätte der Hoffnung. Genau dies gilt es, dem Todfeind zu verweigern. Seine Spur soll getilgt werden, ausgelöscht in der Endlosigkeit des Ozeans.“

Vorgeblich soll „nur“ eine politische Pilgerstätte für die Anhänger von bin Laden oder Heß verhindert beziehungsweise geschlossen werden. Doch heiligt der Zweck wirklich jedes Mittel? Lässt Politik nicht einmal mehr die Toten in Frieden ruhen? Die neue deutsche Steuernummer bleibt bis 20 Jahre nach dem Ableben gespeichert...

Natürlich, „berühmte“ tote Gegner wurden immer schon dem Volk als Trophäen präsentiert. Und man ging nicht immer pfleglich mit ihnen um. Ihre große ozeanische Vernichtung aber kam erst in diesem Jahr richtig in Mode. Die Missachtung jeglichen Anstands und jeglicher Sitte im Umgang mit dem Tod und der letzten Ruhestätte zeigt eine neue Qualität moderner Politik an, die offenbar auch die allerletzte Grenze ihrer Allmacht überwinden zu dürfen glaubt.

Der bundesdeutsche Staatsfeind, der samt Sippschaft ausgetilgt wird, war ein 93-jähriger Greis, als er in Haft starb. Die Nachtruhe eines ganzen Friedhofs wurde gestern gebrochen und ein Grab geschändet. Die evangelische Kirche gab ihren Segen dazu, wie sie es nah am jeweiligen Zeitgeist schon so oft tat in Deutschland. Und die Medien schweigen. Denn es geht ja nur „gegen rechts“. Gnade uns Gott!


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