18. Juli 2011

Auszug aus der Print-Ausgabe Liebe, Heirat und Vertrag

ef-Beitrag von Gérard Bökenkamp aus ef 113

Es gibt Freiheiten, die man als solche gar nicht mehr wahrnimmt, weil sie so selbstverständlich erscheinen. Dazu gehört die Freiheit, seinen Partner selbst zu wählen. Die Vorstellung, vor dem Eingehen einer Beziehung erst einmal die Familien um Erlaubnis zu fragen oder gar einen Ehepartner zu akzeptieren, weil die Eltern ihn ausgesucht haben, erscheint heute ziemlich absurd. Selbst überzeugte Konservative kommen nicht mehr auf die Idee, in ihren privaten Angelegenheiten auf diese Weise zu verfahren. Dort, wo wir mit solchen Verhaltensweisen konfrontiert werden, etwa wenn Zwangsehen und Ehrenmorde wieder einmal durch den Blätterwald gehen, wirkt das als extremer Ausfluss von Barbarei. Betrachten wir das Phänomen global, so stellen wir jedoch fest, dass es sich bei arrangierten Ehen um alles andere als um eine Ausnahmeerscheinung handelt.

Und frei eingegangene Beziehungen sind alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Sie sind die Folge einer kulturellen Revolution, welche die westlichen Gesellschaften gegenüber der großen Mehrheit der existierenden und vergangenen Zivilisationen abhebt. Überspitzt kann man sogar sagen: Westen ist heute überall dort, wo sich die Menschen ihren Ehepartner ohne Rücksicht auf familiäre, kulturelle und religiöse Zwänge frei und unabhängig selbst aussuchen können. In den meisten historischen Gesellschaften lag Ehe, Vaterschaft und Mutterschaft keine freie Entscheidung zugrunde, sie waren gesellschaftlich obligatorisch. Man heiratete nicht, man wurde verheiratet. Man entschied sich auch nicht dazu, Kinder zu haben. Es war schlicht in der kulturellen Ordnung so vorgesehen. Nicht zu heiraten war keine Option, sondern wurde als Strafe empfunden und war oft die Folge von materieller Armut.

Zwei Familien einigen sich, dass es einen materiellen und politischen Nutzen bringt, ihre Kinder miteinander zu verheiraten. Die Modalitäten werden ausgehandelt, die Zeremonie findet statt und Kinder kommen dann neun Monate nach der Hochzeit. Aussteigen kann man aus der Ehe nur unter Inkaufnahme erheblicher persönlicher Nachteile, in vielen Kulturen bis hin zum Risiko, umgebracht zu werden. Die Liebesheirat hingegen ist die Entscheidung von zwei Individuen und orientiert sich an emotionaler Nähe. Ohne Zweifel ist das aus unserer heutigen Sicht die sympathischere Variante. Individualismus und Liebesheirat scheinen zusammenzugehören wie Zwangsehe und Kollektivismus.

Die persönliche Paarbindung ist allerdings im Vergleich mit kollektivistischen Formen komplizierter und zeitintensiver. Die Liebesheirat setzt einen Suchprozess voraus. Die Suche nach der oder dem „Richtigen“ ist eine Lebensaufgabe. Artikel, Bücher, Filme, Serien, Ratgeber, Kontaktbörsen – ein enormer kultureller und kommerzieller Komplex – befassen sich ausschließlich mit diesem Suchprozess. Denn nicht in jeden Menschen kann und will man sich verlieben. Man muss aktiv werden, um den Partner zu finden, mit dem man eine Familie gründen kann und will. Nehmen wir an, jemand ist zwei Jahre auf der Suche nach dem richtigen Partner. Dann dauert es, sagen wir einmal, noch ein halbes Jahr, sich zusammenzufinden. Anschließend baut man eine Beziehung auf, um nach weiteren zwei oder drei Jahren festzustellen, dass die Gefühle nicht mehr dieselben sind und die Liebe so schnell wie sie kam auch wieder verschwunden war. Daraufhin findet eine Trennung statt, die für viele Menschen emotional aufreibend ist. Nach einer Phase des Verarbeitens beginnt die neue Suche, und der Vorgang startet von vorn. So wird verständlich, warum Eheschließung und Geburten sich immer weiter nach hinten verschieben. Und es wird auch klar, wie wenig Krippenplätze oder Finanzspritzen daran grundsätzlich ändern können.

Eine Frau, die Mutter werden will, muss einen Mann suchen, in den sie sich verliebt, der sich in sie verliebt und der auch Kinder haben will. Und das alles möglichst zur selben Zeit.

Dabei können verschiedene Probleme auftreten. Sie verliebt sich, aber der Mann verliebt sich nicht in sie. Ein Mann verliebt sich in sie, aber sie verliebt sich nicht in ihn. Beide verlieben sich ineinander, aber er will keine Kinder oder sie will keine Kinder oder noch keine Kinder. Beide verlieben sich ineinander, wollen auch Kinder, stellen aber fest, dass sie sich im Alltag gegenseitig auf den Wecker gehen. Und da sie sich schon nicht auf den gemeinsamen Urlaub einigen können, lassen sie das mit den Kindern erst einmal sein.

Wenn solche Paarbindungen einige Male scheitern, stoßen umgerechnet in Lebenszeit viele Frauen bereits an die biologische Altersgrenze. Schon bevor sich die Frage nach Karrierechancen, Kinderkrippen oder Steuerbelastung überhaupt stellt, sind starke Einflussfaktoren erkennbar, die auf einen Rückgang der Geburtenrate im Vergleich zu kollektivistischen Gesellschaften hinwirken. 

Wie müsste denn im Idealfall eine Gesellschaft, in der sich die Liebesheirat durchgesetzt hat, aussehen, um zu annähernd ähnlichen Reproduktionsergebnissen zu kommen? Dabei geht es an dieser Stelle gar nicht um die Frage, welche Geburtenrate optimal ist – das ist eine andere Diskussion. Sondern allein darum, den Prozess des Geburtenrückgangs nachvollziehbar zu machen. Um in einer Gesellschaft mit Liebesheirat eine ähnlich hohe Geburtenrate zu erreichen wie in Gesellschaften ohne Liebesheiraten, müsste sich folgendes Modell durchsetzen: Das Paar müsste sich früh in ihrem Lebenslauf kennenlernen, schnell heiraten und die materielle Grundlage für Familie und Kinder schaffen, sie müssten beide Kinder haben wollen, beide zusammenbleiben. Dass sich ein solches Standardmodell durchsetzt, ist extrem unwahrscheinlich. Denn wenn man das System analysiert, wird deutlich, dass steigende Scheidungsraten keine Verfallserscheinung markieren, sondern durchaus als Konsequenz des Modells der Liebesheirat und seiner inneren Widersprüche angesehen werden müssen.

Es existiert eine Asymmetrie zwischen der Paarbindung und der Auflösung einer Partnerschaft. Sie liegt in dem offensichtlichen Umstand begründet, dass eine freiwillige Partnerschaft aus zwei Menschen besteht, die nur im Konsens zusammenkommen, aber sich sowohl im Konsens als auch im Dissens wieder trennen können. Damit eine Bindung zustandekommt, müssen beide einverstanden sein. Um die Bindung zu beenden, reicht es, wenn einer sie nicht mehr will. Selbst derjenige, der mit aller Entschlossenheit das Ziel verfolgt hat, die Aufforderung „bis dass der Tod euch scheidet“ ernstzunehmen, kann unter diesen Umständen als verlassener Single dastehen. Im kollektivistischen System konnten hingegen im Extremfall sogar beide Partner gegen die Ehe sein, sie wurde trotzdem geschlossen. Und selbst, wenn beide die Ehe nicht mehr wollten, gab es große Hürden, sie zu beenden. Viele Menschen sind auch dann zusammengeblieben, wenn sie sich eigentlich nicht mehr leiden konnten. Es liegt auf der Hand, warum die Familie, die dem Modell der Liebesheirat folgt, komplizierter zu bewerkstelligen und die Geburt von Kindern in ihr seltener ist als in der Kultur obligatorischer Heiraten und festgeschriebener Rollenmodelle oder im Extremfall in einer Kultur der Zwangsverheiratung.

Ehe und Liebe gehören in unserem Grundverständnis untrennbar zusammen. Historisch betrachtet ist das aber nicht so selbstverständlich, wie uns das als Kinder unserer Zeit erscheinen mag: „Liebe vergeht, Hektar besteht“, sagte der Volksmund. Und nach diesem Prinzip wurden seit Beginn der Menschheit an Ehen geschmiedet. Mit der Ehe waren schon immer materielle Funktionen verbunden: Biologische Reproduktion, Versorgungssicherheit, Arbeitsteilung und Erbschaft. Für ihre Funktion als Institution war wie bei jedem Vertrag die Vertragssicherheit ausschlaggebend. Die Patriarchen, denen die Zukunft ihrer Ländereien am Herz lag oder das Bündnis mit einer führenden Familie oder gar eine militärische Allianz,  sie waren nicht bereit, den Herzen ihrer Söhne und Töchter die Entscheidung darüber zu überlassen, ob ihre Pläne aufgingen. Anders als materielle Interessen sind Gefühle schwer berechenbar. Im Schlager heißt es: „Die Liebe ist ein seltsames Spiel. Sie kommt und geht von einem zum andern.“ Auf der Grundlage der Liebe lässt sich nur schwer eine verlässliche Vertragsbindung aufbauen. Man kann sich dazu verpflichten, treu zu sein. Man kann sich zur Zahlung einer Mitgift verpflichten, zu einem Brautpreis oder dazu, eine bestimmte Rollenerwartung zu erfüllen. Aber sich verpflichten, jemanden für alle Ewigkeit zu lieben, kann man realistischerweise nicht. Das Wort „Realismus“ ist entscheidend. In der Moderne spielt die Romantik in dieser Frage eine dermaßen große Rolle, dass eine nüchterne Betrachtung selbst fast zu einem Sakrileg geworden ist.

Wenn man es nüchtern betrachtet, beruht die Liebesheirat in der Tat auf einem tiefen Widerspruch.  Logische Widersprüche einer Institution führen zum häufigen praktischen Scheitern. Viele Probleme, die sich in den letzten Jahrzehnten zunehmend deutlicher abzeichneten – wie hohe Scheidungsraten, die wachsende Zahl von Alleinerziehenden und nicht realisierte Kinderwünsche – sind unter anderem darauf zurückzuführen, dass zwei unterschiedliche Prinzipien, nämlich Vertragssicherheit und Emotionalität, in der Liebesheirat miteinander verknüpft wurden. Die Ehe ist im Kern ein Vertrag, der Rechte und Pflichten definiert. Die Liebe ist das vielleicht stärkste und am wenigsten durch die reine Vernunft beeinflussbare Gefühl. Mit der Liebesheirat wird ein rationales Vertragswerk an die stürmischste aller Leidenschaften gekoppelt. Ein Vertrag, dessen Geltungsdauer von schwer steuerbaren emotionalen Prozessen abhängt, kann nur eine begrenzte Sicherheit bieten. Das Prinzip „pacta sunt servanda“ – Verträge müssen eingehalten werden – gilt für die moderne Ehe praktisch nicht. Damit ist sie ein Stück weit der zentralen Funktion eines Vertrages beraubt. Der Vertrag wird geschlossen, wenn die Gefühle stark sind. Sind die Gefühle nur noch schwach, kann der Vertrag aufgekündigt werden. In dem Vertrauen auf diese Vertragsgemeinschaft werden jedoch zentrale ökonomische Entscheidungen getroffen: Investition in die Kinder, Berufsentscheidungen, der gemeinsame Bau und Erwerb von Immobilien. So kann die Aufkündigung der Vertragsgemeinschaft erhebliche materielle Schäden mit sich bringen. Mit jeder Ehe, die scheitert, geht – auch wenn das wenig romantisch klingt – ein Geschäftsmodell in die Brüche. Viele Scheidungen haben zum persönlichen Ruin der Betroffenen geführt, bis hin zur Obdachlosigkeit.

Würde jemand mit derselben Unbedarftheit und grenzenlosem Vertrauen den Kauf- oder Mietvertrag einer Immobilie unterschreiben, mit der Menschen sich in der Regel auf eine Ehe einlassen, müsste man ihn für blauäugig halten. Ein Mietvertrag spiegelt nicht unbedingt die persönliche Sympathie zwischen Mieter und Vermieter wider, ein Fusionsvertrag nicht zwangsläufig die emotionale Bindung der Aktionäre oder des Vorstandes. Der Vorteil eines Vertrages besteht ja eben darin, dass Menschen ein Übereinkommen finden können, unabhängig von wechselnden Emotionen. Die Ehe in früheren Zeiten und in vielen Regionen auch heute war genau das: ein Fusionsvertrag zwischen zwei Familien. Sie hatte primär eine ökonomische, politische und soziale Funktion. Vielleicht würden wir zu weit gehen, wenn wir feststellten, dass […]

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Den vollständigen Artikel lesen Sie in eigentümlich frei Nr. 113.


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