30. Juni 2011

Der Hype um den Frauenfußball, Teil 2 Laufen, Erna!

Neues vom blauen Klaus

Es mehren sich die Anzeichen, dass auch der medialpolitkommerzielle Frauenfußball-Overkill ein Schuss ist, der nach hinten losgeht. Ein Eigentor so wie bei Sarrazin, nur eben – Achtung, jetzt kommt der Doppelboden: – andersrum. Thilo S. gelang mit dem ihm zugedachten Vernichtungsfeldzug fluchs das meistverkaufte Sachbuch Europas nach dem Kriege. Und der Hype um die weiblichen Waderlwunder, der vermutlich auch ein Einschaltquoten-Fake ist, vernichtet am Ende womöglich die Reputation dieser Randsportart.

Das haben die Fußballerinnen nicht verdient, sie können nichts für die genderpolitische Propaganda, die mit ihnen betrieben wird. Jede und jeder soll in seiner Freizeit das tun, was er oder sie will. Und mit wem sie es wollen. Männer dürfen auch mit Barbie-Puppen spielen und Frauen kicken. Nur wenn’s zum gesellschaftlichen Vorbild „ohne Alternative“ wird, läuft irgend etwas queer.

Was haben wir nicht alles erfahren in den letzten Tagen? Dass die Foppes-Mädels diesseits von Nigeria zuweilen anderes im Sinn haben als Männer oder Familie? Diese Besonderheit ist jetzt jedem Kind bekannt. Dennoch: Kaum eines von ihnen kauft die Panini-Bilder der Aktricen. Bei Rewe gibt es die Mädchenklebchen deshalb nun auch kostenlos. So wie kürzlich noch die Tierbilder des WWF, deren millionenfacher Tausch Deutschlands Kindergärtnerinnen zur schieren Verzweiflung brachte. Die Kleinen übten wochenlang Markt- und Geldwirtschaft: „Tausche zehn Papierne gegen ein Silbernes“. Verzweifelt aber sind jetzt die Rewe-Fachverkäuferinnen, die sich von denselben Knirpsen anhören müssen, dass sie sich die KickerInnenporträts sonst wohin stecken können und doch bitte die Tiere wieder rausrücken sollen. Meine Tochter zum Beispiel kann da grausam sein. Mehrere Kassendamen in unserer Filiale haben ihr dann auch, immer nach einem angsterfüllten Schulterblick rundum und sehr leise, bestätigt: „Die mag kein Kind!“ Aber pssst…

Die „Bunte“ schoss letzte Woche auch so ein Eigentor, als sie auf zwei Doppelseiten unsere Nationalfrauschaft abbildete. Einmal kunstvoll als Models in Szene gesetzt und einmal im Original am Ball. Gedacht war wohl daran, den geneigten „Bunte“-Leserinnen zu zeigen, wie „sexy“ unsere Fußballerinnen tatsächlich aussehen. Könnten. Die Unterschiede zwischen „Original“ und „Fälschung“ waren derart extrem, dass auch der letzten Leserin aufgefallen sein muss: „Die hätten auch ET oder Berti Vogts in Claudia Schiffer verwandelt.“ Nicht Schminke, sondern reichlich Perücken und Tiefspachtelmodellierung haben der Glaubwürdigkeit der „Bunten“, die davon lebt, Prominente zu zeigen „wie sie sind“, nicht sehr gut getan…

Und mit dieser Glaubwürdigkeitslücke haben nun fast alle Medien zu kämpfen. Nur im Internet findet man ein paar böse Freistöße. Die rechte Journalistin Ellen Kositza etwa zirkelte auf Sezession.de: „Ob die hier in der Dorfkneipe die Spiele überhaupt übertragen? – fragte ich einen, der es wissen muss, weil er gelegentlich zur dortigen Leinwand pilgert. Sie tun’s, gelegentlich; jedoch sei die Art der Zuschauerkommentars eine völlig andere, verglichen mit Männerfußball: ‚Guck an, da fliehn de Düden’ – Hochdeutsch: Schaut mal, wie die Brüste wackeln – beziehungsweise: ‚Zwischen den Schenkeln, da möchste nicht liechen.’“ Die ganz schön „linke“ Bluthilde – „das progressivste Blog im Netz“ – wirft ein: „Für manche ist es nur die Frauenfußball-Weltmeisterschaft, für andere der größte CSD-Umzug der Welt. Zigtausende genderbewusste Elemente der kritischen Intelligenz und noch viel mehr an der offensiven Infragestellung faschistoid-kapitalistischer Rollenklischees interessierte Zuseher_innen an den Fernsehgeräten feierten den ersten Tag des Renate-Künast-Look-a-Like-Wettbewerbs auf dem grünen Rasen und sorgten damit für einen gelungenen Wahlkampfauftakt.“ Und dann entdeckt ganz Deutschland einen wieder, den nur noch Walter Spahrbier auf dem Zettel hatte: Wim Thoelke lästerte 1970 nämlich noch stellvertretend für Wum, Wendelin und ganze Generationen vor der Genderung. Zuerst machte das Beweisvideo ganz tief im Web die runde, schließlich – wie perfide – grub es ausgerechnet dieselbe „Bild“-Zeitung aus, die seit Tagen den Fußballfake ausgerechnet dem leicht skeptischen deutschen Arbeiter verkaufen muss: „So lästerte Wim Thoelke über Frauenfußball“, informiert ihn da die „Bild“…

Und das ist es, was am Ende von unserem „neuen Fußballmärchen“ im kollektiven Gedächtnis der Nation haften bleiben könnte: „Laufen, Erna!“

Internet

VIDEO: So lästerte Wim Thoelke über Frauenfußball

Der Hype um den Frauenfußball, Teil 1: Schuld daran ist Thilo Sarrazin

Naomi Braun-Ferenczi in eigentümlich frei Nr. 114 über Frauenfußball


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