30. Juni 2011

ef 114 Editorial

Verbotene Heimschule und das Ideal der Eintopflehranstalt

Alle Parteien sind inzwischen sozialdemokratisch. Nirgendwo ist das so deutlich wie in der Schul- und Bildungspolitik, die es jahrhundertelang gar nicht gab und auch heute nicht geben dürfte. „Mehr Kohle in die Bildung“, überbieten sich steuergeldschaufelnd die Politiker von Gelb bis Rot als Bildungsgrubenvorarbeiter. Das kaum mehr verhohlene bildungspolitische Endziel von Schwarz bis Grün heißt mit Orwell inzwischen nur noch „Gemeinschaftsschule“. Wer könnte da noch dagegen sein? Propaganda jedenfalls haben sie fein gelernt, die unter den vergleichsweise weniger attraktiven Namen Koop-Schule und Gesamtschule zuweilen noch scheiterten und die Einheitslehranstalt nach dem Vorbild Margot Honeckers im Sinn haben. Das Bild passt dann wieder zu unseren proletarischen Blockparteien: Mehr Kohle zum Einheizen.

Wenn einige Familien dankend die Annahme des mit Slogans aus der Montanindustrie frankierten Paukenpäckchens ablehnen und doch lieber ihre Kinder selbst und auf eigene Rechnung großziehen, so ist sich der deutsche Politiker über Farbschattierungen hinweg wieder einig: Ab in den Knast mit den Eltern, rein in die Anstalt mit den Kindern!

Inzwischen hat man die Köpfe junger wie alter Bundesbürger auch mit Hilfe der hier ebenso einseitig „berichtenden“ Medien dermaßen verdreht, dass sich kaum mehr jemand Bildung als das vorstellen kann, was sie im Kern nur sein kann – ein Angebot, um das der Lehrling sich bemüht und für das man selbstverständlich spart, zahlt, haftet und hart arbeitet. Die deutsche Politik hat im Laufe des letzten Jahrhunderts aus angesehenen Lehrmeistern verbeamtete Lehrkörper gemacht und aus freien lernhungrigen Kindern und Gesellen zwangszugeführte „SchülerInnen“, die das alles satt haben. Die stetig an Niveau verlierenden „Produkte“ der Staatsschule sind in jedem Klassenzimmer eindrucksvoll zu studieren. Man frage ältere Lehrer nur nach einem Vergleich der Abschlussarbeiten von heute mit denen von vor zwanzig oder dreißig Jahren. Statt dass sich der Lernende um die Gunst des Lehrenden bemühen muss, sind Schüler und ihre Eltern auf Verderb dem staatsangestellten Unterrichter ausgeliefert, der sich oft mehr wie ein „Oldschool“-Postbeamter dem Briefantragsteller gegenüber benimmt denn wie ein vollumfängliches Vorbild für seine Schüler. Bewundernswerte Ausnahmen an unseren Schulen, die wenigen trotz aller bürokratischen Hemmnisse und falschen Anreize noch hervorragenden Lehrer, bestätigen hier nur eine Regel, in der die pure Angst voreinander den Respekt zwischen allen Beteiligten längst verdrängt hat. Diese Verwerfung im menschlichen Miteinander – eine kalt und zentral geplante gegenseitige Verantwortungslosigkeit, die sich in zunehmenden Entzugsversuchen durch Weglaufen, chronische Krankheiten und auch Selbstmorden unter Schülern und Lehrern entlädt – ist die schlimmere Folge einer im übrigen auch ökonomisch in jeder Beziehung verschwenderischen Lehranstaltspolitik. Warum soll der zwangszugeführte Schüler dem von seinen Eltern weder beauftragten noch bezahlten noch abberufbaren Lehrer mit Ehrerbietung begegnen? Warum sollte derselbe Lehrer umgekehrt diese Eltern oder ihre Kinder respektvoll behandeln, wenn sie ihm schlicht vom System zugewiesen wurden und persönlich gar nicht seine Kunden sind? Warum sollten Sklave, Aufsichtspersonal und Sklavenhalter einander mit Anstand gegenübertreten? Ist gelehrte und gelernte Knechtschaft ein zukunftsweisendes Bildungsmodell?

In diesem Heft schaut unser Autor Jörg Janssen schwerpunktmäßig auf zwei oft übersehene Teilaspekte der deutschen Bildungskatastrophe: die verbotene Heimschule hier und das Ideal der sich in Salamitaktik scheibchenweise durchsetzenden Eintopflehranstalt dort. Bei der Lektüre dieses Themas wie mit der gesamten Ausgabe wünsche ich wie immer viel Lesefreude und Erkenntnisgewinn!

eigentümlich frei erscheint zehn Mal im Jahr. Im August pausieren wir, um pünktlich vor den Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin mit dem September-Heft einen vor allem auch ökonomisch heißen Herbst einzuläuten. Denn der nächste Bailout kommt bestimmt, und er wird nicht der letzte sein. Kommen Sie zuvor gut durch den Sommer, und denken Sie bitte auch in Schule und Beruf immer daran: Kein Fußbreit den neosozialistischen Ausbeutern in allen Aufsichtsbehörden! Mehr netto!

Information

Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der am 1. Juli erscheinenden Juli-August-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 114


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