04. März 2011

Schwarzmalen mit Zahlen Wie verbiegt man die Armutsstatistik?

Auswandernde Reiche und ausbleibende Überstunden als Mittel gegen „Armut“

Was verstehen Sie, lieber Leser, persönlich unter dem Begriff "Armut"? Sind Ihrer Meinung nach manche Schulkollegen Ihrer Kinder arm, weil sie Kleidung eines Textildiscounters tragen "müssen" oder keine Urlaube in Übersee verbringen dürfen? Üblicherweise wird Armut so definiert: "Armut bezeichnet den Mangel an lebenswichtigen Gütern (beispielsweise Nahrung, Kleidung, Obdach)."

Primär aus den Medien, vielleicht aber auch von der einen oder anderen Fernreise kennen viele Menschen, wie tatsächliche Armut aussieht. Fast jeder von uns hat schon mal Slums an den Rändern großer Weltstädte gesehen und hat ein Bild im Kopf, was Hunger und wirklich schlechte hygienische Zustände sind. "Ich kann mich ja nicht um alles kümmern, und außerdem ist das alles ganz weit weg", könnte man sich denken. Das funktioniert aber leider nur bei Weicheiern.

Blöderweise gibt es auch Armut direkt vor unserer Haustür und innerhalb der Europäischen Union. Auch viele Menschen in Albanien, Moldawien, Rumänien oder dem Kosovo leben unter Bedingungen, die nicht viel besser sind, nur dass sie zusätzlich noch mit Kälte im Winter zu kämpfen haben. Und auch in Österreich und Deutschland gibt es extrem arme Menschen, die nur deshalb in den reichsten Ländern der Welt nicht verhungern, weil NGOs wie beispielsweise die "Wiener Tafel" oder "Gruft" in Städten wie Wien sie täglich mit warmen Mahlzeiten versorgen.

Unscharf: Medianeinkommen als Maßstab

Wie kann es überhaupt noch Arme in Hypersozialstaaten wie Deutschland oder Österreich mit jährlich Milliarden an Sozialausgaben geben? Ein Ansatzpunkt könnte unsere politisch motivierte komplett widersinnige Definition des Begriffes "Armut" sein. Die EU hat via einer speziellen Verordnung (EU-SILC) festgelegt, dass dann jemand armutsgefährdet ist, wenn sein gewichtetes Pro-Kopf-Haushaltseinkommen geringer als 60 Prozent des Medianeinkommens ist. Das aktuelle Medianeinkommen (2010) liegt in Österreich bei 1.584 Euro pro Monat und die Armutsgrenze demnach derzeit bei 951 Euro pro Monat. Offiziell sind statistisch aktuell zirka 13 Prozent der Bevölkerung und damit mehr als eine Million Österreicher armutsgefährdet. Die Zahlen für Deutschland sind zu jenen in Österreich größenordnungsmäßig sehr ähnlich: Hier liegt das Medianeinkommen aktuell bei 1.426 Euro, und mit weniger als 856 Euro waren 2010 zirka 10 Millionen Deutsche armutsgefährdet – zumindest statistisch.

So weit zu den nackten Zahlen der Statistiker. Aber was sagt uns diese Statistik eigentlich, wenn man sie mit Hausverstand betrachtet? Sagen uns diese Zahlen, dass Millionen Menschen bei uns hungern, frieren und kein Dach über dem Kopf haben? Natürlich nicht!

Mein Tipp: Vergessen Sie einfach solche Statistiken. Sie müssen zukünftig auch keine besorgte Miene aufsetzen, wenn sie alle paar Wochen den Medien entnehmen, dass die Anzahl der Armutsgefährdeten schon wieder gestiegen ist. Sie glauben mir noch nicht? Nein? Dann darf ich mit Ihnen gemeinsamen einen kurzen Ausflug in die skurrilen Weiten der Armutsstatistik unternehmen: Was, glauben Sie, passiert mit der Zahl der Armutsgefährdeten, wenn einige fleißige Arbeitnehmer mehr Überstunden leisten als im Vorjahr? Sie werden mir zustimmen, dass dadurch das Medianeinkommen durch ausbezahlte Überstunden steigen würde. Aber: Es sorgt auch automatisch für mehr armutsgefährdete Menschen, da mehr Menschen unter die nun in absoluten Zahlen gestiegene 60-Prozent-Marke fallen würden. Kein einziger Armer würde davon etwas bemerken oder gar eine Verschlechterung seiner Situation wahrnehmen. Im Gegenteil: Der Staat hätte durch höhere Steuereinnahmen sogar mehr Geld, das er (zumindest theoretisch) an die Armen umverteilen könnte.

Kennzahlen verschieben sich, ohne dass es die "Armen" merken

Ein anderes Beispiel: Was passiert mit unserer Kennzahl, wenn die Bevölkerung (beispielsweise durch Zuwanderung) steigt, wie es seit Jahren in unserem schönen Land auch tatsächlich der Fall ist? Die absolute Zahl der Armen steigt natürlich automatisch mit und führt zu regelmäßig aufgeregten Medienberichten, wonach die Zahl der Armen schon wieder gestiegen sei! Noch ein Beispiel gefällig? Wie würde sich die Anzahl armutsgefährdeter Personen ändern, wenn einige Reiche aus unserem schönen Land wegziehen? Das Medianeinkommen würde logischerweise sinken und das jeweilige Land könnte feiern, denn die Anzahl armutsgefährdeter Menschen würde drastisch sinken. Pervers oder?

Um es noch anschaulicher zu machen: Sollten die reichsten 17 Menschen in Niedersachsen das Land verlassen, könnte das beneidenswerte deutsche Bundesland stolz sein. Sofort und ganz ohne teure Sozialpolitik gäbe es 100.000 weniger arme Niedersachen. Das ist kein Scherz! Toll oder? "Eat the rich" und schon gibt es weniger Arme – so einfach stellen sich Weicheier die Welt vor.

Zum Lachen ist das ganze aber leider nicht. Im Gegenteil. Unsere Sozialpolitik ist schlicht und einfach eine planwirtschaftliche Sozialbürokratie, die an die UdSSR erinnert: Wenig überraschend ist sie nicht in der Lage, den wenigen tatsächlich Armen unsere gesellschaftliche Solidarität menschenwürdig zukommen zu lassen. DAS ist armselig.

 

Informationen und Literatur:

Werner Becher ist Unternehmer und Manager in Österreich sowie Ex-Bundesparteivorsitzender des Liberalen Forums (LIF).

Werner Becher: Weicheier machen nicht satt. Eine Abrechnung mit Feiglingen, Mitläufern und Ja-Sagern. Wien 2011.


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