01. März 2011

Kurzkommentar zum Rücktritt Karl-Theodor zu Guttenbergs Wir sehen uns wieder, KTG!

Freut Euch nicht zu früh...

Zwei Wochen lang der ganz große tagtägliche Anschiss: Seit 13 Tagen keine einzige Nachrichtensendung ohne Meldung mit Bezug auf eine fünf Jahre alte, fehlerhafte Doktorarbeit. Hätte es da nichts Wichtigeres gegeben?

Die Neider und Zukurzgekommenen, sie waren lange heiser und kläfften dennoch immer lauter. Hat Karl-Theodor zu Guttenberg das nötig? Muss er sich und seiner Familie das antun?

Er hat nicht und er muss nicht. Genau das hat er heute allen mit seinem Rückritt bewiesen. Er wird in Kürze weit mehr verdienen und hätte nicht einmal dies wirklich nötig. Man sagt, er sei der einzige Mann in Berlin, der wirtschaftlich nicht auf Politik angewiesen ist.

Ob aber die politische Klasse im Allgemeinen und seine Partei im Besonderen umgekehrt auch ohne Guttenberg auskommt, wird sich erst herausstellen. Wo Angela Merkel noch nicht genug konservative Substanz zerstört hat, halfen Norbert Lammert, Annette Schavan und Wolfgang Böhmer jetzt nach. Da waren sie wieder, die lieben Parteifreunde, die immer dann final zur Stelle sind, wenn einer strauchelt. Die drei Namen darf man sich merken. Sie werden als Fußnoten auftauchen in den beizeiten zu schreibenden Nachrufarbeiten auf eine endgültig untergegangene CDU.

Der politmediale Komplex in Deutschland duldet keine Unabhängigkeit und erst recht keine Ausnahmeerscheinung. Ein Christoph Blocher, der die Schweiz vor den größten Irrtümern (EU-Beitritt) bewahrte, hat auch in seinem Land viel Gegenwind erfahren. In Deutschland wäre Blocher unvorstellbar.

KTW ist dennoch kein Blocher. Er stimmte alleine gegen die Opel-Subventionen, gut. Er packte eine riskante Bundeswehr-Reform an, bei der man sich zwangsläufig Feinde macht und die sich deshalb kaum ein anderer zugetraut hätte, auch richtig. Aber in prinzipiellen Fragen stand Karl-Theodor zu Guttenberg treu zu der Kaste, die ihn jetzt fallenließ. Er bezeichnete den Einsatz in Afghanistan zwar ehrlich als Krieg, aber er hätte die Truppen niemals gegen den Willen der USA zurückgezogen. Die Euro- und EU-Ermächtigungsgesetze fanden auch seine Zustimmung. Insidern in Berlin gilt er deshalb auch nur als der Einäugige unter Blinden. Aber selbst das kann man ja positiv sehen. Mit einem Auge lässt sich gut zwinkern.

Unser Land steht derweil immer noch am Beginn einer großen und langen Wirtschaftskrise, die durch immer mehr Schulden und immer billigeres Geld verursacht wurde, und deren schmerzhafte Auswirkungen sich durch immer noch mehr Geld und Schulden zwar ein wenig aufschieben lassen, aber eben auch zum Preis noch weiterer Aufzehrung der Gundlagen unseres Wohlstands.

Womöglich wird es gar nicht lange dauern, da Partei und Politik sehr schmerzhaft erkennen, dass ein so ungewöhnlich begabter und beliebter Politiker, der auch noch Rückgrat bewiesen hat, tatsächlich ihre letzte Chance war. Deutschland kann ohne Karl-Theodor zu Guttenberg. Die von ihm nun nicht mehr mit repräsentierte, vor dem langsamen Untergang stehende Kaste aber eher nicht.

Merkel und Co. sollten sich die Bilder aus Nordafrika genauer ansehen. Wenn die Unruhen auf Europa überschwappen – sei es durch einen Tsunami millionenhaft einfallender junger Männer oder durch den stärkeren Ausbruch der ökonomischen Krise – wird man sich an Karl-Theodor zu Guttenberg erinnern.


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