23. Februar 2011

Make love not law Intellektueller Abgrund in der Quotendiskussion

Haben wir wieder nichts aus der Geschichte gelernt?

Wieviel politische Dummheit muss ein Staatsbürger ertragen? Wieviel Unsinn und Widersprüchlichkeit können ihm zugemutet werden? Wann ist der Schwellenwert erreicht, jenseits dessen er legitim erklären kann: Es reicht, ich bin nicht länger bereit, dem zu folgen, ich versage diesem Treiben meine Gefolgschaft und meine Akzeptanz?

Ohne Zweifel existieren weltweit vielerlei Staatswesen, die ihren Untertanen mehr Leid zufügen als diejenigen, in denen unsereins weilt. Welcher Mensch wachen Geistes im Westen wollte sein Leben tauschen mit einem in Simbabwe, in Nordkorea oder Kuba? Die Tatsache aber, dass andernorts oftmals der totale Wahnsinn waltet, rechtfertigt für sich gesehen nicht, den hierzulande täglich diskutierten Irrsinn schweigend und klaglos hinzunehmen. Denn unser westliches Weltbild basiert doch auf der Idee von Modernität, von Rationalität und also Wissenschaftlichkeit, mithin auf dem Selbstverständnis, mindestens das grob Paradoxe und Absurde, das augenscheinlich Groteske benennen und vermeiden zu sollen. Allzu oft haben wir jedoch beobachten müssen, wie intelligenzarme öffentliche Debatten schier unaufhaltsam in gesetzgeberische Aktivitäten mündeten. Und an allzu vielen Stellen sind wirre Gedanken inzwischen formgerecht Norm und somit anwendbares Recht geworden. Doch die bloße Tatsache der Verkündung einer schlechten Idee in einem Gesetzblatt adelt sie naturgemäß nicht zu einer richtigen, mögen auch noch so viele Minister und Kanzler und Präsidenten sie zeremoniell unterzeichnen.

Die jüngst wieder aufgeflammte Diskussion um eine sogenannte Frauenquote gibt ein anschauliches Beispiel für die Verbreitung von rechtspolitischer Liederlichkeit, systematischer Unkenntnis und, ganz besonders bitter, geradezu exzessiver Kurzsichtigkeit. Waren diese deutsche und europäische Gesellschaft nicht gerade noch prallstolz, die hierzulande seit jeher kulturgeschichtlich verankerte und als Kernbestand abendländischer Tradition verstandene fünfzigprozentige Frauenquote für alle Ehen beseitigt zu haben? Galt nicht die Öffnung hin zur gesetzeskonform frauenlosen Lebenspartnerschaft als besonderer Ausweis eines progressiven Lebensgefühls? Wenn aber die Beseitigung dieser Art von Quote für das private Leben ein rechtshistorischer Meilenstein hin zur Gesellschaft der Zukunft war: Wie könnte dann die Wiedereinführung einer Frauenquote für das wirtschaftliche Leben seinerseits ebenso ein Fortschritt sein?

Die Minderintelligenz, die aus dieser Forderung einer Frauenquote für das wirtschaftliche Zusammenleben spricht, erschöpft sich indes mitnichten in jener greifbaren Widersprüchlichkeit. Denn jede Art von „Gleichstellung“ ist – in welchem konkreten Quotenverhältnis auch immer – stets das genaue Gegenteil der über Jahrhunderte so opferreich erstrittenen tatsächlichen Gleichberechtigung. Jede Form von Gleichstellung nämlich setzt eine vorgängige Diskriminierung unter allen Beteiligten zunächst denknotwendig voraus. Erst wenn ein Beobachter in eine Gesamtgesellschaft unterschiedliche Gruppen hineinphilosophiert hat, kann er beginnen, sie – nach den zuvor trendgerecht definierten Unterscheidungsmerkmalen – wieder „gleichzustellen“. Den Protagonisten einer Frauenquote fehlt demnach ersichtlich jedes Gefühl dafür, dass sie ebenso politisch unkorrekt einem Geschlechterrassismus huldigen, wie dem Steuerrecht der Fiskalrassismus hinter seinen progressiven Steuertarifen verborgen bleibt. Und all dies vor dem Hintergrund einer Gesellschaft, die sich den Kampf gegen Rassismen aller Art auf ihre ohnehin schon kleinen Konsensfahnen geschrieben hat.

Die von manch einem offenbar als Idealbild erstrebte Zusammensetzung einer jeden menschlichen Gemeinschaft in multikulturell gegenderte Gruppen zu – beispielsweise – je 50 Prozent Männern und Frauen, je 25 Prozent Schwarzen, Weißen, Roten und Braunen, je 33 Prozent Großgewachsenen, Kleinwüchsigen und Durchschnittserwachsenen, Begabten und Behinderten, Zugezogenen und Weggezogenen, Geförderten und Beförderten etc. pp. führt jedoch nach allem schnurgerade in eine Gesellschaftsformation, die nicht nur uns Abendländern erstaunlich bekannt vorkommen dürfte: Die politisch selbstgerechten Quoten-Junkies dieser Couleur errichten in ihren Visionen schlechterdings nichts anderes als einen Ständestaat. Dessen Stände sind zuletzt wieder gegeneinander durch unüberwindliche Mauern abgegrenzt, der jeweilige Merkmal-Pool des Einzelnen entscheidet schließlich von Geburt an über seinen weiteren Lebensweg und seine Lebens-Chancen – so, wie es sich für ein Kastenwesen gehört.

Eine weitere Widersprüchlichkeit wird greifbar: Es reicht offenbar nicht, die eigenen Ideale einer frauen- oder männerlosen Ehe durch die Forderung nach einer Frauenquote für „die Wirtschaft“ ganz prinzipiell zu verraten. Vielmehr ist mit der Forderung nach einer allüberall totalgleichgestellten Gesellschaft auch noch der Traum von einer durchlässigen Gesellschaft ausgeträumt. Wie nahe dieses geschichtsvergessene diskursive Treiben sich gedanklich und terminologisch am Abgrund der totalen gesellschaftlichen Gleichschaltung bewegt, scheint bei allem noch niemand bemerkt zu haben.

Wer die Debatten um derartige Quoten mit einiger historischer Sensibilität verfolgt, den muss es schaudern. Denn nicht nur Mao legte bekanntlich Quoten für die Liquidierung gewisser Bevölkerungsteile, definiert nach bestimmten Merkmalen, fest. Das mörderische 20. Jahrhundert kann nur eine Lektion erteilen, die heißt: Das Quotieren von Menschen ist in jeder Hinsicht inakzeptabel. Verfassungsrechtlich gesprochen: Wenn die Unantastbarkeit der Menschenwürde bedeutet, dass jeder einzelne Mensch für sich und an sich als individueller und einzigartiger Zweck respektiert zu werden hat, dann kommt eine nur relative Definition seiner jeweiligen Rolle auf dem Umweg qua Quote nicht als legitim in Betracht. Denn als Repräsentant nur irgendeiner wie auch immer berücksichtigungsbedürftigen Gruppe wird er zu einer bloßen Funktion innerhalb eines übergeordneten Gesamtkontextes reduziert. Mit der personalen Würde des Individuums hat eine solche Sichtweise nichts mehr zu tun.

Die Konsequenz des Quotierens von Menschen erschöpft sich jedoch nicht allein in dieser Missachtung des jeweils ausgewählten Individuums. Das Fehlen des Respekts vor dem individuell Anderen und seinen jeweiligen Willensentschlüssen greift auch am gegenüberliegenden Ende des Entscheidungsspektrums. Denn auch dort werden durch das Quotieren die individuellen Wahlmöglichkeiten beschränkt. Ein Zusammenschluss von Menschen ist zuletzt nicht mehr nach Maßgabe ihrer freien Entscheidung möglich, sondern ihre Auswahl wird – abstrakt definitorisch nach diskriminierenden Merkmalen vorherbestimmt – eingegrenzt. Eine Personenmehrheit von Dachdeckern in Gesellschaft bürgerlichen Rechts beispielsweise kann zuletzt nicht mehr nur aus männlichen Schwindelfreien konstituiert werden, sondern wird genötigt, vor der Weiterarbeit zuerst auch quotengerecht nach schwindelfreien Frauen Ausschau zu halten. Nicht mehr nur die berufliche Qualifikation entscheidet über die Mitarbeit, sondern primär die Gruppenzugehörigkeit. Dass damit die Zweckerreichung aller denkbaren Arten von Arbeit in ihrer Qualität eingeschränkt werden muss, liegt auf der Hand. Zuletzt wird gefordert werden, dass auch alle Parlamente statt durch freie Wahlen quotenkonform zu besetzen sind. Dann erhebt sich der Gleichsteller mit seinem Definieren endgültig über den Willen aller. Also: Wieviel Quotendiskussion ist uns noch zuzumuten?

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Dieser Artikel erschien zuerst in eigentümlich frei Nr. 110


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