04. Februar 2011

Wahl-O-Mat Was ich in Hamburg (nicht) wählen würde

Für eine FDP, die es nicht verdient hat

Am 20. Februar wählen die Hamburger ein neues Landesparlament. Seit ein paar Tagen ist auch wieder der Wahl-O-Mat auf Sendung. Ich konnte nicht widerstehen, klickte mich durch und weiß es nun ganz genau: Würde ich in HH wählen, was ich in diesem Frühjahr selbst dann nicht täte, wenn ich es dürfte, dann, so sagt mir der Automat, sollte ich mein Kreuzchen bei der FDP machen. Drei Parteien scheinen mir demnach besonders nahezuliegen: FDP vor CDU vor NPD. Schockstarre.

Sollte ich wirklich die EU-Ermächtigungspartei für ihre Steuererhöhungen und all die gebrochenen Wahlversprechen noch belohnen? Eine Partei, die sich in Hamburg der SPD dadurch als Koalitionspartner andient, dass sie noch billiger als die Grünen zu haben wäre? Wenn eine Truppe wenigstens in diesem Jahr und mindestens bis zum Austausch der gesamten Führungsriege mein Stimmchen nicht erhält, dann die blaugelben Warmduscher. Nein, da hört der Spaß auf.

Bei den vorgeschlagenen Alternativen fängt er erst richtig an. CDU? Gut, Ole von Beust hat den Lesbokratinnen der Grünen den Laufpass und sich selbst dem 19-jährigen Lukas hingegeben. Das ist die Art von Fortschritt, der einer fortschrittlichen Partei gemäß ist, welche sich der Clara-Zetkin-Medaille würdig so prächtig für das Einheitsschulkonzept Margret Honeckers ins Zeug legte. Aber es reichte nicht, und wie Ole hat nun auch seine Partei nen neuen Feger: Walter Scheuerl heißt er. Ohne Orden steht er da. Nackig. Nein, nicht wirklich überzeugend, die vergrünten Schwarzen.

Und meine Bronzemedaille? Schimmert so, ist aber bei näherem Hinsehen doch nur braun. Obwohl, ja, tatsächlich tritt in Hamburg keine einzige halbwegs oder auch nur vermeintlich konservative Partei an, weder Republikaner noch Pro-Bewegung, weder Die Freiheit noch die Bürger in Wut. Das hat auch die NPD landvolkschlau erkannt, und so funkelt die Kacke an der Elbe nicht von ungefähr. Und wäre die größte braune Versuchung seit es Schokolade gibt nicht schon deshalb eine zarte Überlegung wert, weil ihre Wahl all die anderen Transpiranten doch am meisten ärgern würde? Dagegen spricht, dass in der bronzenbürgerlichen Matrjoschka nicht nur eine braunsozialistische Puppe steckt, sondern in dieser eine weitere Überraschung geborgen liegt: das Antlitz des freundlich grüßenden Amtsmanns vom Verfassungsschutz. Nein, auch der doppelt verhuschte Schlapphut ist am Ende nicht überzeugend. Der Wahl-O-Mat macht klar: Ein kleinstes Übel gibt es nicht mehr. Nur noch die Wahl zwischen Kotzbrocken und Arschgeigen. Letztgenannte, so sagt mir der weise Computer, sind die drei Parteien am unteren Ende meiner vermeintlichen Zuneigungstabelle: Drittletzter sind die Linken, vorletzter die Piraten und am stinkstiefeligsten von allen sei eine Partei mit dem attraktiven Kürzel ödp.

Die Rotfaschisten der Linken überraschen mich. Beim Bundes-Wahl-O-Mat stehen sie mir meist weniger fern als ihre grünen und sozialdemokratischen Bündnisgenossen. Doch linksaußenpolitische Originalität nützt im Hamburger Landes-O-Mat wenig, daher der wohlverdiente Abstiegsplatz.

Doch was folgt dann? Die Piratenpartei? ÖDP? Gleich zwei fesche Alternativen im modischen Orange? Jetzt also erfahre ich, dass diese zwei beiden eher noch langweiliger und staatsgeiler sind als die bekannten Muffel der linken Konkurrenz.

Dabei starteten die Piraten einst einigermaßen libertär, wenigstens doch politisch unkorrekt. Jetzt sind sie nichts als die letzten Fahnenschwenker für den unverdrossenen Ausbau des Sozialstaats. Und die ÖDP, einst eine liberal-konservative Abspaltung, hat die grüne Mutter inzwischen linksaußen überholt – bayrische Raucher wissen einen traurig-dunstfreien Schuhplattler davon zu klopfen. Ihr neuer Vorsitzender Sebastian Frankenberger brachte das Kunststück fertig, in den üblichen Talkshows der deutschen Staatssender noch vorlauter, selbstverliebter und nervtötender aufzutreten als Heiner Geißler, Michel Friedman und Claudia Roth.

Denn Gutmenschen können auch anders, wenn man sie reizt. Wer glaubt, dass es dümmer nicht mehr geht, kennt die langhaarigen Partyalternativen mit den orangenen Narrenkappen noch nicht. Alle Achtung: Ohne je oben gewesen zu sein noch steiler abstürzen als die FDP, das macht so schnell keiner nach.

Wir schauen nochmal genauer hin auf vier Thesen des Wahl-O-Mats. Nummero eins: „Wirte sollen selbst entscheiden dürfen, ob in ihren Gaststätten und Restaurants geraucht wird.“ Es stimmen zu: die FDP und die NPD. Selbst diese einst selbstverständliche Freiheit noch beschneiden wollen alle üblichen Verdächtigen inklusive CDU und ÖDP.

These zwo: „Die Gewerbesteuer soll gesenkt werden.“ Dafür ist abermals die neoliberale Koalition in Gelb und Bronze aus FDP und NPD. Dagegen die Freunde der Bürokratie von CDU bis ÖDP.

These drei: „Hamburg soll sich für den flächendeckenden Mindestlohn einsetzen.“ Hier stimmen löblich dagegen: CDU und FDP. Letzterer aber ist so viel liberale Prinzipientreue schon nicht geheuer, wie man hört: „FDP erwägt erstmals Einführung eines Mindestlohns“, meldet heute die „Welt“. Die vereinigten Linken von ÖDP über Piraten bis NPD „erwägen“ das schon länger. Die FDP reiht sich dort ein, wo sie hin gehört.

Eine These wollen wir verdientermaßen noch belächeln: „Programme gegen den Rechtsextremismus sollen weiterhin von der Stadt gefördert werden.“ Elf von zwölf teilnehmenden Parteien, groß und klein, stimmen zeitgeistkonform und mit Begeisterung der Parole Antifa unserer Nationalen Front zu. Mit einer überraschenden Ausnahme: Die NPD ist anderer Meinung. Die U-Boote des Verfassungsschutzes stimmen gegen den Ausbau ihrer Geschäftsgrundlage. Geschenkt, sie können sich den Spaß erlauben.

Was bleibt? Der Elbdampfer „Nanny-State“ hat die rot-grünen Docks längst verlassen und schillert in allen Regenbogenfarben. Gleich zwei dünne Streifen sind orange. Hup. Hup.

Internet

Wahl-O-Mat


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von André F. Lichtschlag

Über André F. Lichtschlag

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige