11. Januar 2011

Auszug aus der Print-Ausgabe Reportage aus Brandenburg: Bei der Kinder Hirngebein!

ef-Beitrag von Fritz Poppenberg aus dem aktuellen Heft

Für den von der Großstadt genervten West-Berliner mögen Ortsnamen wie Falkensee und Wustermark einen durchaus beruhigenden, vielleicht sogar verlockenden Klang besitzen. Denn dort, so weiß man, geht die Sonne noch hinter schwarzen Wäldern unter und Nebel steigt aus echten Wiesen empor. Vermutlich waren es Überlegungen dieser Art, welche die braven Eheleute Eckert (Name geändert) bewogen, von Berlin ins Grüne zu ziehen. Sie glaubten, ihren beiden heranwachsenden Kindern in der ländlichen Idylle etwas Gutes zu tun.

Um die folgenden Ereignisse einordnen zu können muss man wissen, dass die Eckerts christlich ausgerichtet sind. Genauer gesagt freichristlich und deshalb weitgehend unpolitisch. So scheint es für ihre auf christlicher Nächstenliebe beruhende Weltsicht allenfalls von geringer Bedeutung zu sein, in ein Bundesland zu wechseln, das von ehemaligen Stasispitzeln mitregiert wird und laut Einschätzung von Historikern wie Heinrich A. Winkler mit einer „hohen personellen Kontinuität in Verwaltung, Gerichten und Schulen“ belastet ist.

Die Aufmerksamkeit der Eckerts gilt indes ihren beiden Sonnenscheinkindern Benjamin und Sarah (Namen geändert), die beim Umzug ins Märkische vier und acht Jahre alt sind und nun dort in den Kindergarten und zur Schule gehen. Der vierjährige Benjamin, bis zu diesem Zeitpunkt ein heiterer aufgeweckter Junge, wird nachts jedoch zunehmend von Albträumen geplagt, was die Eltern in große Sorge versetzt. Als eine Mutter, ebenfalls eine „Zugezogene“, aufgeregt von ähnlichen Verhaltensänderungen ihres Kindes berichtet, liegt die Vermutung nahe, dass die Ursache im Kindergarten zu suchen ist. Es kommt ans Licht, dass die Kindergärtnerin A. eine Art Hexenobsession pflegt und die Kinder mit besonderen Märchen traktiert. Die Vorführung des Films „Schneewittchen“ beispielsweise löst bei den zu kleinen Kindern große Ängste aus und führt zu weiteren Albträumen. Benjamin berichtet seinen Eltern erregt, dass Frau A. ihn mit „der bösen Hexe“ bedroht habe, sollte er weiter den Nuckel benutzen. Schockiert über diesen rigiden Erziehungsstil befürchten die Eltern, dass ihr Sohn wohl mehr wegen ihres Glaubens als für das tatsächlich etwas späte Nuckeln benachteiligt wird. Diese Ahnung verdichtet sich, als aus den Lieblingsbüchern aller Kinder vorgelesen wird, nur aus Benjamins Kinderbibel nicht. Traurig und irritiert kommt er nach Hause und erklärt, nicht mehr in den Kindergarten gehen zu wollen.

Die Eckerts sind beunruhigt – aber vertrauen auf Gott.

Doch kurze Zeit später wird Herr Eckert unfreiwillig Zeuge eines Angriffs der erwähnten Kindergärtnerin auf eines der Kinder, über das sie, wieder als Hexe verkleidet, mit furchterregendem Geschrei herfällt. Erschüttert über die Gefühlskälte der Erzieherin wendet er sich an die Leiterin des Kindergartens, die jedoch subtil erkennen lässt, dass er selbst es sei, der ein Problem haben könnte. Im festen Glauben an Gerechtigkeit und daran, dass man Kinder nicht mit Hexen ängstigen darf, nimmt Herr Eckert nun Kontakt zur örtlichen Polizei und zur Gemeinde auf. Es kommt zu mehrfachen Treffen in den Räumen der Gemeinde, wobei das Jugendamt, von der Familie eingeschaltet, nun auch vertreten ist. Aber die Eckerts merken noch immer nicht, dass sie als „christliche Querulanten“ längst zum Fall geworden sind. In einem Land übrigens, das sich im Grundgesetz zu seiner „Verantwortung vor Gott“ bekennt.

Nachdem Frau A. bei einem Kindergartenfest Stimmung gegen die „Zugezogenen“ macht, wird die Atmosphäre im Dorf frostig. Es kommt sogar zu Zusammenrottungen vor dem Haus der Eckerts, die sich dermaßen bedroht fühlen, dass sie die Polizei rufen. Die erscheint aber erst, nachdem niemand mehr zu sehen ist.

Nun beginnt sich die „hohe personelle Kontinuität in Verwaltung, Gerichten und Schulen“ zu formieren. Der Schulleiter der Grundschule teilt dem zuständigen Jugendamt mit, dass Sarah „die Schule für einige Tage nicht besucht“ habe – im Lande der  Schulpflicht ein schweres Vergehen. Und in einem weiteren Schreiben, dass es „in der Familie Eckert zu körperlicher Gewalt gegenüber den Kindern gekommen“ sei. Eine starke Behauptung, die aber lediglich auf zweifelhaften Aussagen von Mitschülern gründet, die Sarah zuvor gemobbt haben. Doch mehr als diese Verdächtigung benötigen die Damen vom Jugendamt nicht, um beim Familiengericht Maßnahmen wie die „Abprüfung einer vorliegenden Kindeswohlgefährdung“ gegen die Eckerts zu erwirken.

Dabei galt Sarah als Klassensprecherin zuvor als gut integriert und ihr Fernbleiben vom Unterricht hatte nach eigener Aussage einen triftigen Grund – in den sich massiv häufenden Feindseligkeiten und Gewalttätigkeiten seitens einiger Mitschüler. Die aufgebrachten Eltern rufen nun das Verwaltungsgericht an – und damit das Schulamt Brandenburg auf den Plan, das in seinem Bemühen, die Eckerts zu belasten, auch vor krassen Unwahrheiten nicht zurückschreckt: So „muss davon ausgegangen werden, dass die Antragsteller unter Umständen den Zeugen Jehovas angehören“.

Die Dämonisierung der Zeugen Jehovas durch die Kommunisten gehörte zum Unterdrückungs-  und Entrechtungsarsenal der DDR. Presseberichten zufolge wurden Angehörigen der kleinen Religionsgemeinschaft Kinder weggenommen, Mitglieder eingesperrt, zu Tode gebracht oder mit chemischen Substanzen gefoltert. Zahlreiche Mahn- und Gedenkstätten wie in Bautzen, Dresden und Brandenburg haben in erschütternden Ausstellungen die Geschichte dieser verfolgten Religionsgemeinschaft erzählt. Dass sich der Schatten der Vergangenheit auf aktuelle Schriftsätze des Schulamts legen kann, bestätigt einmal mehr die „hohe personelle Kontinuität“ und lässt ahnen, dass es damals wie heute um die Diskriminierung aktiver Christen gehen könnte, deren vitales Familienleben Hass womöglich erregt.

In der Schule steht inzwischen „Der Freischütz“ von Carl Maria von Weber auf dem Lehrplan, den die Genossin Lehrerin gerne übererfüllen möchte: Für die Anrufung „Bei des Zauberers Hirngebein! Luzifer! Erschein!“ sollen sich die Schüler besonders vorbereiten und passende schwarze Umhänge mitbringen. Die christlich sensibilisierte Sarah verweigert jedoch den geforderten Spiritismus und verursacht so weitere Minuspunkte auf der Strichliste des Lehrkörpers. 

Wenig später ereignet sich ein Vorfall in der Schule, bei dem Sarah fast tödlich verletzt wird – eine etwa 20 Kilogramm schwere Lautsprecherbox fällt auf sie. Die Sache wird verharmlost und vertuscht. Die Eckerts protestieren erneut und fordern eine Untersuchung – ohne Erfolg.

Nun muss eine „anonyme Anruferin“ dafür herhalten, insbesondere Herrn Eckert als „völlig geistig verwirrt und religiös wahnhaft“ zu belasten und die Entmachtungsmaschinerie in Gang zu setzen. Vor dem Haus der Eckerts erscheint eine ganze Flotte von Fahrzeugen der Polizei, des Ordnungsamts, des Amtsarztes, des Schlüsseldienstes und des Jugendamts, um die Kinder „in Obhut zu nehmen“. Später wird das Jugendamt die Wegnahme der Kinder unter anderem damit begründen, dass „der Kindsvater“ – ein menschenverachtendes Wort – „verbal aggressiv reagierte und bedrohlich und körperlich angespannt wirkte“. Diese Kritik an der normalen Reaktion eines Vaters, dem gerade die geliebten Kinder, vor Angst zitternd, weggenommen werden sollen, macht erst einmal sprachlos. Bis man begreift, dass sie offenbar dem Selbstverständnis der Damen vom Amt entspringt. Derart eingenommen sind sie von ihrer Mission, dass sie glauben, ohne richterlichen Beschluss zum Ziel zu kommen – doch der „bedrohlich und körperlich angespannt wirkende“ Vater bewahrt einen kühlen Kopf und schickt die Armada durch die Einschaltung eines Notrichters wieder heim – ohne Kinder.

Am übernächsten Tag, die Kinder sind nun bei den Großeltern, erscheinen die staatlichen Häscher erneut. Zwar verwehrt die Großmutter „wie eine Bärin“, so Sarah später, den Uniformierten den Zugang, doch Haftandrohung, Gewaltandrohung und die Aussicht auf 25.000 Euro Strafe brechen schließlich den Widerstand der alten Frau, welche die Jahre des Nazistaates noch erlebt hatte. Sarah und Benjamin werden von gar nicht netten Polizisten hinter einem Sessel hervorgezerrt, hinter dem sie sich, vor Angst mit den Zähnen klappernd, versteckt haben. „Weinend wie noch nie in meinem Leben“ (Sarah) werden sie an der Landesgrenze „ordnungsgemäß“ an die Brandenburger Polizei übergeben und vom Jugendamt noch am gleichen Tag spätabends an einen unbekannten Ort verbracht. Ihre Eltern, die tagsüber mit gerichtlichen Angelegenheiten zu tun haben, erfahren erst spätabends von der Wegnahme der Kinder. Vater Eckert erleidet einen Nervenzusammenbruch.

An dieser Stelle sollte eigentlich ein Foto von der offenbar einst glücklichen Familie abgedruckt werden, das mehr als tausend Worte sagen könnte. Doch der Abdruck dieses Bildes  ist bei hoher Strafe verboten.

Laut Statistischem Bundesamt wurden im vergangenen Jahr mehr Kinder aus ihren Familien herausgenommen als je zuvor. Wer darüber berichtet, riskiert hohe Strafen.

Für die Unterbringung in Heimen oder Pflegefamilien entstehen hohe Kosten, die auf die leiblichen Eltern abgewälzt werden, sofern diese zahlungsfähig sind. Bedenklich ist, dass diese Gelder oftmals Einrichtungen der „freien Jugendhilfe“ zugutekommen, die ihrerseits über ihren Sitz im Jugendhilfeausschuss die Arbeit der Jugendämter steuern. Die Quadratur des Kreises?

Auch Sarah und Benjamin kommen in eine solche „Erziehungsfachstelle“ fernab in einem Dorf. Die Eltern werden nicht informiert und erfahren drei Wochen lang nicht einmal, wo ihre Kinder sich aufhalten. Die Eckerts sind so gut wie vollständig entrechtet worden. Ihre größte Sorge ist, jetzt keine unüberlegten Handlungen zu begehen, um dem kafkaesken System nicht unfreiwillig in die Hände zu spielen.

Inzwischen sind sieben Monate vergangen, und die Kinder sind immer noch in der „Obhut“ des Jugendamtes […]

Information

Den vollständigen Artikel lesen Sie in eigentümlich frei Nr. 109.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von Redaktion eigentümlich frei

Über Redaktion eigentümlich frei

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige