07. Januar 2011

Gesellschaft und Schulmobbing „Das Andere, Bessere, ist einer Hetzjagd ausgesetzt“

Gespräch mit der Autorin des Buches „Rückkehr ins Kinderseelen-KZ“

(ef-RG) Frieda Norka, eine in Westösterreich lebende Autorin, hat im soeben vergangenen Jahr ein aufsehenerregendes Buch über Schule und ihre Folgen veröffentlicht. „Rückkehr ins Kinderseelen-KZ“ ist ein Roman über den kausalen Zusammenhang von Schulmobbing und Schulamokläufen. Das Werk ist eine Anklageschrift gegen eine Gesellschaft, die bei Mobbing an Schulen wegschaut und bei Amokläufen versäumt, nach den Ursachen und Hintergründen zu fragen. ef-online sprach mit der Autorin Frieda Norka. Ein weiterer Teil des Interviews befindet sich in der eigentümlich frei Ausgabe Nr. 109 vom Januar 2011 – ebenso wie eine Besprechung des Buches. Während sich das Interview im Heft hauptsächlich mit den Beweggründen für und den Reaktionen auf den Roman beschäftigt, beleuchtet das hier folgende Interview die gesellschaftlichen Hintergründe der Gewaltstruktur an Schulen. Die Fragen stellte Robert Grözinger.

ef-online: Frau Norka, Sie äußern sich im Buch grundsätzlich gegen die Schulpflicht, die, nach Ihren Worten, während der industriellen Revolution eingeführt wurde, „um Heranwachsende von den Straßen zu bekommen und um einen Prozess einer beständig individualisiert und freier werdenden Gesellschaft, die nicht mehr von Ackerbau und Viehzucht lebte, einzubremsen und staatsgemäß zu indoktrinieren.“ Von Befürwortern der Schulpflicht wird entgegnet, dass ihre Aufhebung zur Entwicklung von Parallelgesellschaften führen würde.

Norka: In Deutschland ist der Schulbesuch gesetzlich vorgeschrieben. Wenn die in Berlin-Neukölln, Kreuzberg und anderswo herrschenden Zustände nicht Manifestationen faschistischer Parallelgesellschaften sind, was bitte dann? Untersteht die zu trauriger Berühmtheit gekommene Rütli-Schule etwa nicht staatlicher Obhut? Mit bestimmten Bevölkerungsgruppen gibt es gigantische Probleme, deren Lösung nur auf politischer Ebene erfolgen kann. Den Schulen diese Kompetenzen zuzuweisen, bewirkt, dass die staatlichen Zwangseinrichtungen dadurch ein politisches Gewicht erhalten, welches an die dunkelsten, weil erziehungsdiktatorischen Kapitel der Geschichte erinnert. Es ist die Aufgabe der Familien, ihren Kindern Humanität und eigenständiges Denken beizubringen. Besteht diese Aussicht nicht, gehören Väter und Mütter in die Pflicht genommen. Man kann dem Problem natürlich auch aus dem Weg gehen und zwar nach dem altbewährten Schema „Wasser predigen und Wein trinken“. Es ist immer wieder amüsant zu beobachten, wie pseudolinke Erscheinungsformen jahrelang den Multikulti-Irrtum predigen, aber den Kiez in Windeseile verlassen, sobald die eigenen Kinder ins schulpflichtige Alter kommen.     

ef-online: Nochmal das Stichwort Parallelgesellschaft: In Ihrem Buch sprechen Sie das „Problem bestimmter Einwanderungsgruppen“ an, wenngleich Sie davor warnen, dies als das alleinige oder entscheidende Problem im Bereich Mobbing zu betrachten. Dennoch betonen Sie, dass es gegenüber anderen Emigrantengruppen, die Ja sagen zu unseren europäischen Werten und Gesetzen, „rassistisch“ wäre, zu verschweigen, dass gerade von Schülern aus dem „islamischen Aberglaubensmilieu“ ein „besonders aggressives, gewalttätiges, sexistisch-homophobes und auch antisemitisches Klima“ ausgehe. Was sagen Sie Leuten, die dieses Problem in Ihren Augen verharmlosen, und welche Lösungsvorschläge haben Sie für dieses Teilproblem abgesehen vom langfristigen Ziel einer Aufhebung der Schulpflicht?

Norka: Ich denke dieses Problem, welches nur auf schulischer Ebene ein Teilproblem ist, auf politischer hingegen noch ein größeres als die Weltwirtschaftskrise, brodelt inzwischen derartig stark unter der Oberfläche, dass es keine Rolle mehr spielt, was Frieda Norka darüber denkt und sagt. Es ist auch meine Überzeugung, dass kein rational denkender Mensch dieses Problem noch länger wegdiskutieren kann. Zumindest in persönlichen Gesprächen orte ich zuweilen radikale Kurskorrekturen. Auch bei Leuten, wo ich das nie für möglich gehalten hätte. In Europa stehen uns bewegte Zeiten bevor. Und nichts wünschte ich mehr, als dass ich in meiner Prognose irre. Leider liege ich oft genug richtig. Ich fürchte, dass sich entweder die demographische oder die politische Landschaft verändern wird. Für freiheitsliebende Menschen wird die Luft so oder anders dünner werden.

Gesellschaft und Individuum im dialektischen Spannungsfeld

ef-online: Im Buch machen Sie die Aussage, dass es „kein Widerspruch“ sei, wenn man gleichzeitig mit Max Stirners „Mir geht nichts über mich“ und Günter Eichs „Alles, was geschieht, geht dich an“ hält. Sie geben an, ein „strikter Verfechter der Maxime ‚Verantwortung für die Verantwortlichen’“ zu sein. Wer sind Ihrer Meinung die „Verantwortlichen“ in einer Gesellschaft und und auf welche Weise, mit welchen Mitteln, sollten sie zur „Verantwortung“ gezogen werden?

Norka: Stirner und Eich werden im dritten Kapitel von „Kinderseelen-KZ“ deshalb in einem Atemzug genannt, weil sich die Prägung durch das gesellschaftliche Kollektiv und der Faktor individuelle Eigenverantwortlichkeit meiner Ansicht nach immer in einem dialektischen Spannungsfeld bewegen. Derzeit wird meines Erachtens seitens der politischen, juristischen und medialen Eliten der Konditionierung durch das gesellschaftliche Umfeld zu viel an Bedeutung beigemessen. Es herrscht das Toleranzdiktat bei gleichzeitiger Verteufelung von Handlungs- und Entscheidungsfreiheit, die im Normalfall jeder Mensch besitzt. Ausgenommen bei Geisteskrankheit, Befehlsnotstand oder Notwehr. Die fatalen Auswirkungen des zeitgeistig allerorten grassierenden Vulgärmarxismus der Post-68er zeigt sich beispielsweise darin, wenn Vergewaltiger und Ehrenmörder aufgrund ihres kulturellen Hintergrundes einen Kuscheljustiz-Bonus erhalten, anstatt sie auf jene Weise zur Verantwortung zu ziehen, die der demokratische Rechtsstaat für schwerste Verbrechen dieser Art vorsieht. Mit Verantwortung für die Verantwortlichen ist also gemeint, dass die tatsächlich Verantwortlichen einer Tat zur Rechenschaft gezogen werden sollten. 

ef-online: Sie schreiben: „Ein enthemmter Turbokapitalismus, eine zuvor nicht gekannte ‚Haste was, biste was‘-Konsumzombie-Oberflächlichkeit, ist ursächlich für einen massiven Werteverfall und eine sukzessive nach unten geschraubte Gewalthemmschwelle verantwortlich.“ Diese Aussage würden viele unserer Leser kritisch sehen, oder würden sie zumindest differenzieren wollen. Viele sehen zwar auch eine „Konsumzombie-Oberflächlichkeit“, doch wo ist ein „enthemmter Turbokapitalismus“, wo es doch unzählige Staatseingriffe, Regularien, bürokratische Hemmnisse, hohe Steuern und eine staatlich induzierte Inflation gibt. Stichwort Inflation: Wenn das Geld immer weniger Wert ist, dann sind die Leute eher geneigt, es für irgendetwas auszugeben, als es zu behalten. Ständige Änderungen in der Gesetzgebung erhöhen zudem das Investitionsrisiko, woraufhin das Kapital dann doch lieber verfrühstückt wird. Kurzfristiges Denken wird so zur Norm, Oberflächlichkeit nimmt zu. So gesehen ist es eben nicht der „Kapitalismus“, schon gar nicht ein enthemmter, der für zunehmende Gewalt sorgt, sondern der umfassend behütende, alles regelnde, gewaltmonopolisierende Staat. Des weiteren haben wir eine alles durchdringende, staatlich geförderte Gleichheitsideologie, die in der Gesellschaft eine Hetzjagd auf alles auslöst, was ein wenig anders oder gar besser als die Norm ist. Sehen Sie das anders?

Norka: Nein, ich sehe das auch so, fürchte aber mit Blick auf die Beschaffenheit der menschlichen Natur, dass das Andere, Bessere, nicht nur in dieser Gesellschaft einer Hetzjagd ausgesetzt wäre, sondern in ausnahmslos jeder; auch einer meritokratischen. Das Andere, Bessere, löst nun mal gerne Neid und Unbehagen aus, unabhängig von gesellschaftlichem Stand und dem politischen System. Unabhängig auch vom Grund, was jemanden zum Gejagten macht. Hier kann es ein offensichtliches Genie ebenso treffen wie ein verborgenes. Beispiel: Joseph „John“ Merrick, der geistig hellwache, musisch hochbegabte Deformierte, der aber aufgrund seines monströsen Aussehens für Jack the Ripper gehalten wurde. Mit Turbokapitalismus meine ich jene casinospielgleiche Abart, deren Profitvermehrung nicht mehr auf materiell erbrachten Leistungen basiert, sondern auf dem Weg der Spekulationsseifenblase erzielt wird und für den staatliche Regularien noch nie ein Hindernis gewesen sind. Er ist für mich gewissermaßen das Gegenstück zum produktiven, Güter und sowohl materielle als auch ideelle Werte schaffenden Kapitalismus, der – und das sollten selbst emsigste Kapitalismuskritiker nie vergessen – auch immer einen ungeheuer wichtigen Beitrag in Sachen emanzipatorischer Weiterentwicklung einer Gesellschaft leistet. Sehr deutlich sehen kann man das in jenem Land, in dem das „Kinderseelen-KZ“ spielt. Im traditionell erzkatholischen österreichischen Bundesland Tirol hat in den letzten Jahren aufgrund des durch Massentourismus erzielten Vermögens ein Modernisierungsschub stattgefunden, den in dieser Schnelligkeit keine noch so teure, philanthropisch ausgefinkelte Ideologie nur annähernd hätte leisten können. Natürlich steht diese Entwicklung erst am Beginn und wird noch lange andauern. Und ebenso klar ist, dass Gegner dieser Entwicklung von Ausverkauf und Kommerzialisierung sprechen. Aber es ist erstaunlich, in welch immer kürzer werdenden Abständen das sogenannte „Heilige Land“ aus dem Dornröschenschlaf der Bigotterie und der provinziellen Einkesselung aufwacht. Früher dominierten in Tirol kollektivistische Brauchtumsveranstaltungen wie Schützenaufmärsche, sonntägliche Familienkirchgänge und bäuerlich-patriarchale Borniertheiten das Alltagsleben. Heute zeichnen – besonders unter den Jugendlichen – individualistische Lebens- und Freizeitentwürfe das Gesicht des Landes, statt dröger Vereinstreffen sind hedonistische Partys angesagt, und im Tiroler Landtag gibt es, trotz vereinzelter Anfeindungen durch Spießbürger, inzwischen den ersten bekennenden schwulen Abgeordneten. Diese schrittweise Liberalität ist kein Zufall. Es gibt auch ein schönes Zitat dafür: „… Reichtum zivilisiert. Das ist nur die Regel, Ausnahmen heißen Bin Laden oder Flick.“ Ich denke, Hermann Ludwig Gremliza steht nicht in Verdacht, Kapitalisten nach dem Mund zu reden. Noch weniger der Klassiker, auf den er sich im Zitat bezieht.  

„Kinder sollen selbst über ihre Bildung bestimmen“

ef-online: Sie schreiben außerdem, dass Sie „für eine Zuspitzung der UN-Deklaration aus dem Jahre 1948“ sind. Nach Ihrer Vorstellung sollen nicht die Eltern das Recht haben, die Erziehung ihrer Kinder zu bestimmen, sondern die „Kinder selbst“ sollen bestimmen, „was in Bildungsfragen richtig und wichtig für sie ist.“ Schaut man sich jedoch die Gründe an, die Eltern von Homeschoolern für ihre Entscheidung angeben, ihre Kinder aus den Schulen zu holen, so steht meist an erster Stelle, dass die Schulen sich zu oft über die Wünsche der Eltern hinwegsetzen. Wenn die UN nun erklären sollte, dass die Kinder allein, also ohne die Eltern, über ihre Bildung bestimmen können, meinen Sie nicht, dass die Gefahr besteht, dass staatliche oder quasistaatliche Einrichtungen entstehen, die darüber wachen, dass dieses „Menschenrecht“ eingehalten wird und die Eltern keinen „falschen“ Einfluss auf ihre Kinder ausüben? Würde damit nicht eine Situation entstehen, die sogar schlimmer wäre als heute, wo zumindest in den ersten Jahren der Staat – noch – nicht versucht, die Kinder von den Eltern zu entfremden?

Norka: Ich bin dafür, dass den Kindern die Option „Schule ja oder nein“ grundgesetzlich offensteht. Wenn ein Kind bemerkt, Schule ist nichts für mich, weil es nicht per Verordnung lernen will oder in der dort herrschenden Atmosphäre kann, sollte es sich jederzeit abmelden dürfen, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen. Es sollte ihm überdies auch die Option offenstehen, wieder zurückkehren zu dürfen. In Ländern, wo keine Schulbesuchspflicht besteht, sehe ich keine staatlichen oder quasistaatlichen Einrichtungen herumfuhrwerken, welche die Kinder von den Eltern entfremdeten. Länder wie Frankreich oder Österreich zeigen ja, dass hier bei weitem nicht so heiß gegessen wird wie es zuweilen von Schulverfechtern vorgekocht wird. Das betrifft auch den Punkt der Entstehung von Parallelgesellschaften, die bedauerlicherweise sowohl in Ländern mit als auch ohne Schulbesuchspflicht „gedeihen“. Wenn manche Homeschooling-Eltern angeben, ihre Wünsche würden seitens der Schulen nicht ausreichend berücksichtigt, sehe ich die Entfremdung in der Beziehung zwischen Eltern und ihren Kindern gegeben. Die Wortwahl verrät ja bereits die Intention jener Väter und Mütter, die ihre Wünsche offensichtlich denen des Kindes überordnen. Anderenfalls hätten sie vom Wunsch der Tochter, des Sohnes gesprochen.

ef-online: Dann lassen Sie mich präzisieren: Im Begriff „Wunsch der Eltern“ hatte ich das „Glück des Kindes“ implizit mit eingeschlossen. Ich meine damit Eltern, die dann aktiv werden im Kampf gegen Schulen, wenn sie bemerken, wie unglücklich ihre Kinder dort sind. Meine Sorge betrifft einen anderen Punkt, nämlich, dass die Etablierung eines unbedingten Vorrechts des – naturgemäß noch unreifen – Kindes einen Keil zwischen Eltern und Kindern institutionalisiert, der zwangsläufig irgendwann von irgendwelchen Rattenfängern ausgenutzt werden könnte. Wann Kinder reif für welche Entscheidung sind, können Eltern in der Regel besser entscheiden als irgendeine außenstehende Institution. Sie mögen darin nicht perfekt sein, aber ihnen eine Institution überzuordnen wäre eine offene Einladung an diktatorische Elemente.

Norka: Diese Gefahr existiert durchaus. Da gebe ich Ihnen vorbehaltlos recht. Allerdings besteht das Risiko, dass diktatorische Elemente handlungswirksam werden könnten, in praktisch allen Interaktionen zwischen Individuen und staatlicher Macht. Nur ein Eremit könnte sich dem Gewaltmonopol des Staates am ehesten entziehen. Sobald aber Kinder im Spiel sind, geht das natürlich per Gesetz nicht mehr. In der von ihnen beschriebenen, sozialpsychologisch und rechtlich komplexen Situation, bin ich dafür, das kleinere Übel zu wählen. Gegenwärtig werden Eltern von Homeschooling-Kindern in Deutschland kriminalisiert. Mit einer Zuspitzung der UN-Deklaration würde zumindest diese existentiell bedrohliche Situation endlich wegfallen. Der Kampf gegen staatlichen Zwang wäre für die Eltern unter dieser veränderten Gesetzeslage leichter zu schlagen als das momentan der Fall ist, wo viele gezwungen sind, das Land, in dem sie leben und wo Schulbesuchspflicht besteht, verlassen zu müssen. Natürlich bürge eine Gesetzesnovelle dieser Art, gleich allen anderen, wiederum Gefahren in sich und enthielte antidemokratische Schlupflöcher. Wie das halt immer so ist bei staatlichen Verordnungen. Die Tage, wo ich persönlich an ein perfektes System, gleich welcher ideologischen Abkunft, glaubte, sind vorbei. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass freie Homeschooling-Eltern besser, weil unbelasteter, für die Rechte ihrer Kinder kämpfen könnten, als wenn sie unter Kriminalitätsverdacht stehen.

Für universelle Menschenrechte

ef-online: Sie kritisieren in Ihrem Buch, dass viele Eltern in Amerika das Buch „King & King“ von den Schulen verbannen wollten und schreiben „Tja, was sind schon bluttriefende, grimmsche Grausamkeiten im Vergleich zur Monstrosität einer zarten, rosaroten Fabel, die damit endet, dass – dezent versteckt hinter einem großen Herz – ein sich liebendes, gleichgeschlechtliches Prinzenpaar schmust???“ Ist das Ihr Ernst? Sie betonen an anderer Stelle ganz richtig, dass gewaltverherrlichende Videospiele eben nicht die Ursache von Amokläufen sind. Warum bringen Sie dann plötzlich „bluttriefende“ Märchen der Brüder Grimm als negatives Gegenbeispiel zu einer „zarten, rosaroten Fabel“? Sehen Sie denn nicht, dass das Grundproblem hier nicht Homophobie ist, sondern dass der Staat mit seinem Gewaltmonopol gegen den Willen der Eltern den Kindern eine bestimmte Sexualmoral aufzwingen will?

Norka: Hm. Ich fürchte, da haben Sie mich missverstanden. Gleichzeitig scheint es mir so, als würden Sie die „Causa King & King“ zu ideologisch betrachten, weshalb sich mir automatisch die Gegenfrage aufdrängt, ob diese Interpretation des Sachverhalts wirklich Ihr Ernst sein kann oder nur die logische Folge einer Fehlinterpretation ist? Doch der Reihe nach: Natürlich ist der Seitenhieb auf die grimmsche Märchenwelt keineswegs im Kontext eines verderblichen Einflusses auf Kinder und Jugendliche zu verorten. Das wäre auch völliger Humbug. Kein Minderjähriger mutiert wegen beispielsweise „Hänsel & Gretel“ zu einem nach Menschenfleisch dürstenden Armin Meiwes. Dennoch sollte nicht übersehen werden, dass eine beträchtliche Menge sogenannter Märchenklassiker inhaltlich eine nicht zu unterschätzende Brutalität aufweist und durchaus in den Bereich der schwarzen Straf-Pädagogik einzuordnen ist. Ich denke, da sind wir uns einig. Höchst seltsam wird es dann, wenn Eltern und Verbände ausgerechnet bei einer wirklich harmlosen Fabel auf die Barrikaden springen, welche ihrem Nachwuchs die Vielfalt sexueller und beziehungsbezogener Möglichkeiten aufzeigt – mit anderen Worten: den Horizont der Kinder erweitert und sie sensibilisiert für das vermeintlich Andere. Letztlich geht es in „King & King“ nur um Liebe, und ob sich diese zwischen Frau und Mann oder in einer anderen Geschlechtskonstellation manifestiert, sollte in der heutigen Zeit eigentlich keine Rolle mehr spielen. Was macht Sie eigentlich so sicher, dass das Grundproblem da nicht Homophobie sei? Dass der Staat hier gegen den Willen der Eltern den Kindern eine bestimmte Sexualmoral aufzwingt, ist Ihre persönliche Interpretation. Fakt ist, dass schwule und lesbische Schüler in den Klassen und auf dem Pausenhof aufgrund ihrer Neigungen immer noch einem unmenschlichen Druck ausgesetzt sind, der jeder sich zivilisiert und aufgeklärt schimpfenden Gesellschaft eigentlich die pure Schamesröte ins Gesicht treiben sollte. Homosexuellenorganisationen beklagen seit Jahren, dass die Suizidrate bei gleichgeschlechtlich orientierten Schülern aus genau diesen Gründen höher ist als unter den zahlenmäßig dominierenden heterosexuellen. Dass darüber nur selten etwas in die Mainstreammedien dringt, hat mitunter durchaus politisch korrekte Gründe. So betätigen sich bekanntlich überaus oft Schüler mit Migrationshintergrund als die schlimmsten homophoben Mobbingtäter. Wenn Vater Staat hier versucht mittels Aufklärungsarbeit gegenzusteuern, habe zumindest ich nichts dagegen einzuwenden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es den Initiatoren hier um die Durchsetzung einer – was immer damit auch gemeint sein mag - bestimmten Sexualmoral geht, sondern um die Durchsetzung zivilisierter Verhältnisse, die diese Bezeichnung auch verdienen. Viel entscheidender erscheint mir übrigens die Frage, welche Kräfte und Personen es sind, die gegen die Verbreitung von „King & King“ zu Felde ziehen. Oder will irgendjemand, dass das Weltbild von Erzkonservativen und Fundamentalisten Einzug hält in den staatsmonopolistischen Kanon? Realistischerweise ist zum Beispiel bei Kirchengruppierungen und ihnen nahestehenden Personen wohl anzunehmen, dass es diesen Kräften selbst um Deutungshoheit geht und nicht um ein Aufbegehren gegen das Gewaltmonopol des Staates an sich. Der Feind meines Feindes ist noch lange nicht mein Freund. Staatskritik hin, Individualvorrecht her.

ef-online: Wir sind uns einig darüber, dass Mobbing aufgrund sexueller Orientierung genauso verachtenswürdig ist wie jedes andere Mobbing auch. Um jedoch auch hier zu präzisieren: Das Grundproblem dieser Episode liegt meines Erachtens weder in den unterschiedlichen Moralvorstellungen, noch in der unterschiedlichen „Zivilisationsreife“. Diese wären kein, oder ein weit geringeres, Problem, wenn die Schulen, um die es geht, nicht aus Steuergeldern zwangsfinanziert wären. Nur aufgrund dessen meinen viele Steuerzahler – zu Recht – dass ihre oft miteinander nicht zu vereinbarenden Moralvorstellungen zu berücksichtigen seien. Menschen per Zwang zivilisieren zu wollen ist ein – vielleicht gut gemeintes – Vorhaben, das aber gerade aufgrund des unterliegenden Zwangs oft genug nach hinten losgeht.

Norka: Ich bin für die universellen Menschenrechte. Diese legen fest, dass Menschen aufgrund ihrer geschlechtlichen Orientierung, abgesehen von schädigenden natürlich, nicht diskriminiert werden dürfen. Steuerzahler, die hierin einen Angriff auf ihre persönlichen Moralvorstellungen erkennen wollen, stellen sich bewusst außerhalb des Menschenrechtskontextes, weil sie ihre eigenen Vorstellungen für richtiger erachten. Das ist einer jener Sonderfälle, wo ich mit dem Recht auf Individualität nicht konform gehe und deshalb für entsprechendes Handeln seitens des Staates bin. Wegen „King & King“ erleidet kein Kind dieser Welt einen Schaden, sehr wohl aber homosexuelle Schüler für Dauermobbing. 

ef-online: Auf Seite 381 Ihres Buches steht: „Ich hoffe, dass Gender Mainstreaming es auch eines Tages den Jungs leichter machen wird, offen über ihre Probleme zu reden. Jedenfalls sind Jungs aufgrund des nach wie vor beherrschenden Geschlechterrollenbildes ein Stück weit zum permanenten Siegen verurteilt.“ Gender Mainstreaming wird von Männerrechtlern als Generalangriff auf die Natur des Mannes verstanden. Es kann doch gerade auch zu Gewaltakten kommen, wenn Jungen gegen ihre Natur verweichlicht werden. Was ist denn falsch daran, siegen zu wollen? Das Problem ist doch nicht das Siegenwollen oder –müssen, sondern dass Jungen heutzutage viel zu wenige Gelegenheiten geboten bekommen, jenen individuellen Bereich zu entdecken, wo sie hervorragende Leistungen erbringen könnten. Typisch männliche Beschäftigungen von Jungen, Spiele, bei denen es auch mal zu Verletzungen kommen kann, das Lesen und Diskutieren von Abenteuerromanen oder wahren Heldengeschichten, das Beschäftigen mit Maschinen oder gar mit Waffen und vieles andere mehr, was Jungen von Natur aus fasziniert, wird in den Schulen heutzutage kleingehalten oder sogar als politisch unkorrekt verbannt.

Norka: Abgesehen von der Empfehlung, lächerliche orwellsche Sprachregelegungen wie das unsägliche Wort „Elter“ für Vater und Mutter einzuführen, halte ich Gender Mainstreaming für keine schlechte Sache. Was ist die wahre Natur des Mannes? Was die der Frau? Dass Erstere sich als Kinder für Tiefseetaucher und Spider-Man-Comics interessieren, während Letztere den Barbie-Puppen und dem Blümchenmalen ins Poesie-Album den Vorzug geben? Natürlich, das kann sein, muss es aber nicht. Ihre Ausführungen verleiten mich in diesem Augenblick zur Frage nach der eigenen Positionierung. Stellen Sie sich vor, seit meiner Kindheit begeistere ich mich für Formel1- und MotoGP-Rennen. Tja, ich geb’s zu, das ist sozusagen mein kommerzielles Steckenpferd. Noch nie hat mich beim Auto- und Motorradsport die Technik interessiert. Nix da also mit computergesteuerter Radaufhängung, Traktionskontrolle und vollautomatischer Gearbox. Ist dieses technische Desinteresse jetzt typisch feminin? Anderseits hege ich aber seit jeher eine große Faszination für offensive Ausbremsmanöver und Schaltwechsel, lupfende Gaspedale, Drifts, Powerslides und natürlich perfekt getimte Boxenstopps. Weniger den Protagonisten, die an den Lenkrädern drehen, wegen, als dem gekonnten Zusammenspiel aus Mensch plus Maschine plus Team, Fahrkunst und Aggressivität. Ist das jetzt wiederum typisch männlich? … Schwamm drüber, es ist wie ist. Ich habe bei solchen Themen weniger den biologischen Determinismus im Auge, dafür den unendlichen Kosmos ungeahnter Möglichkeiten, der sich, ganz dialektisch, immer aus dem Zusammenspiel von genetischer Vererbung und gesellschaftlichem Aufwuchs ergibt. Und diese Synthese kennt keine Klischees. Ich gestehe, dass ich mich noch nicht intensiv mit den Argumenten von Männerrechtlern beschäftigt habe, weswegen ich keinen Kommentar über die von Ihnen genannten „Gefahren“ für Jungs, die sich durch eine mutmaßlich „entmännlichte“ Schulsozialisation ergeben sollen, abgeben kann. Ob das Zwangskollektiv Schule aber in der gestrigen oder heutigen Form jemals Schülern – und Schülerinnen – Gelegenheiten bot, jenen individuellen Bereich zu entdecken, wo dann großartige Leistungen möglich sind, bezweifle ich aufs Heftigste. Die Kritik an einer entmännlichten Schule wird ja oft im Zusammenhang mit überproportional weiblich unterrichtendem Lehrpersonal genannt. Im Umkehrschluss könnte dann aber auch behauptet werden, dass in früheren Generationen, als männliches Lehrpersonal zahlenmäßig noch stärker im Kollegium vertreten war bzw. dieses dominiert hat, es Mädchen nicht vergönnt war, ihre Stärken zu entdecken und zu kultivieren. Was uns in weiterer Folge was beweisen täte? Dass die staatliche Regelschule sogar in der Frage der geschlechtsspezifischen Zusammensetzung des Lehrpersonals seit jeher versagt. Hören wir also auf den dahinsiechenden Elefantenkadaver namens staatliche Regelschule noch post mortem zu sezieren. Konzentrieren wir uns lieber auf Schulformen, in denen von Haus aus die Förderung der Stärken der Kinder im Mittelpunkt steht, nicht die Konservierung ihrer Schwächen. Egal welchen Geschlechts. Im Übrigen bin ich ein strikter Verfechter des Siegenwollens. Siegenmüssen dagegen hört sich für mich nach einem inneren Zwang an und zwanghaften Individuen beziehungsweise Situationen kann ich, wie schon Stirner und dessen Wiederentdecker Mackay, nichts, was irgendwie sexy für mich wäre, abgewinnen. Ich glaube auch, dass permanentes Siegenmüssen durchaus für den Betroffenen zum Problem werden kann. Egal, ob dieses Siegenmüssen nun aus einem inneren Zwang heraus entsteht oder durch inhumane gesellschaftliche Verhältnisse dem Individuum ständig aufoktroyiert wird.

ef-online: Frau Norka, vielen Dank für dieses Gespräch.

Internet:

Frieda Norka: Rückkehr ins Kinderseelen-KZ


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