31. Dezember 2010

In eigener Sache Über die Schließung des Kommentarbereichs

Gute Küche statt öffentlicher Toilette

Manchmal muss man einen Schnitt machen: Zum Jahreswechsel hat eigentümlich frei den Kommentarbereich unter den Online-Artikeln bis auf weiteres geschlossen. Ausschlaggebend sind ebenso grundsätzliche Überlegungen wie konkret gemachte Erfahrungen.

In den letzten Wochen haben wir einige Zuschriften von langjährigen Lesern und Freunden erhalten, die uns zu diesem Schritt ermutigten. Denn, so die einhellige, immer wieder geäußerte Auffassung: „Der Kommentarbereich hat insgesamt stark an Niveau verloren.“

Dass löbliche Ausnahmen mit einigen sehr klugen Kommentaren dagegenstanden, wurde allerdings auch immer wieder betont.

Tatsächlich müsste man, gerade im Interesse dieser klugen Kommentatoren mit ihren dankenswerterweise interessanten Kommentaren, die Spreu ständig vom Weizen trennen, den Kommentarbereich intensiv moderieren und gegebenenfalls auch stark aussieben. Wir haben beschlossen, die dafür nötigen erheblichen personellen und finanziellen Mittel lieber direkt in den Ausbau dieser Seiten und vor allem unseres Monatsmagazins zu stecken.

ef-online soll für unsere Ideen werben. Und für unser Produkt; das Monatsmagazin eigentümlich frei. Das war zuletzt im Kommentarbereich nicht immer der Fall, deshalb nun diese Bereinigung und das Versprechen, diese Seite und vor allem unser exklusives Magazin weiter kontinuierlich zu verbessern. Der Erfolg der letzten Jahre mit stets wachsenden Abonnentenzahlen bestärkt uns in diesem Vorgehen.

Einige frühere der erwähnten klugen Kommentatoren zählen inzwischen zu unseren Autoren. Andere jüngste, die gerne mit Substanz etwas beitragen möchten, sind herzlich eingeladen, sich bei der Redaktion zu melden. Gute Autoren heißen wir immer gerne in unserem Kreis willkommen. Kritische Leserbriefe sind darüber hinaus auch immer erwünscht.

Eine grundsätzliche Überlegung sei noch angedeutet: Das Internet wandelt sich und wird in einigen Jahren anders aussehen als heute. Unmoderierte Kommentarbereiche, in denen hinter Pseudonymen versteckte Querulanten die Diskussion übernehmen und automatisch immer mehr nach unten ziehen, werden nach unserer Auffassung keine Zukunft haben. Solche Experimente, so unsere Beobachtung, scheitern so regelmäßig wie zwangsläufig. Es hat vielleicht etwas mit den Auswüchsen oder gar dem Wesen der Demokratie zu tun, aber niemals mit den Prinzipien Freiheit und Verantwortung (schon gar nicht mit Meinungsfreiheit), wenn unflätige Gäste sich danebenbenehmen und auch noch beleidigt sind, wenn man sie und ihren Unrat anschließend von seinem Eigentum dezent entfernt.

Dazu kommt, dass eine breite Kommentar-Diskussion im Rücken der größten Mainstream-Medien einen gewissen Sinn macht, da hier die öffentliche Meinung recht ungefiltert und ungesteuert auf die veröffentliche Meinung stößt. Das geht solange gut, wie erstens aufgrund der großen Zahl eine Milieubildung innerhalb der Kommentatorenszene ausbleiben muss und zweitens professionell gesteuerte Politkampagnen sich aus diesem Bereich heraushalten. Sollte sich Letzteres ändern – jüngste Entwicklungen in den USA sprechen dafür – entfällt auch die Kommentar-Funktion im Mainstream-Bereich. eigentümlich frei aber hat den Anspruch, selbst die Fehlentwicklungen des politischen und medialen Mainstreams zu kontrollieren beziehungsweise zu kommentieren. Deshalb und aufgrund der geringeren Besucherzahlen endeten hier Diskussionen im kleineren Kommentarbereich oft in allzu persönlichen Beleidigungen und zunehmender Themenferne. 

Wir wollen nun entspannt Versuche verfolgen, das Dilemma des „Prinzips der öffentlichen Toiletten“ im World Wide Web zu beheben. Eine klarere Achtung des Eigentumsgedankens könnte hier zu nötigen Bereinigungen führen. Anlass genug für eine kleine digitale Kulturrevolution?

Neben der fragwürdigen „Umsonst-Kultur“ hat sich im noch jungen Internet eine Rüpel-Kultur anonymer Tunichtgute breitgemacht, die meinen, ein Recht darauf zu haben, das Eigentum anderer zu beschmutzen. Statt etwa selbst ein alternatives Internet-Angebot einzurichten und dabei auch Gesicht (und etwas Mut) zu zeigen, schreien Sie hinter der Hecke versteckt „Zensur“, wenn man den von ihnen hinterlassenen Dreck in den eigenen vier Wänden wegwischt. Das ist natürlich beleidigend für wirkliche Opfer von Zensur und lächerlich, aber leider eine weit verbreitete Schrulle, die sich noch auswaschen muss.

Im Interesse der schweigenden Gäste und der talentierten Küchendragoner, die herzlich eingeladen sind, zukünftig hier mitzukochen, haben wir nun die Konsequenz gezogen. Wohl bekomms!

Ihnen allen alles Liebe und Gute für das Jahr 2011! Bleiben Sie uns gewogen und gesund. Einmal mehr gilt auch hier: Mehr netto!


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