20. Dezember 2010

Die Bibel Mandat für Kapitalismus und freie Marktwirtschaft

„Christen müssen Sozialisten sein“ ist ein Irrtum

Ein hartnäckiges Gerücht unserer Zeit ist, dass „Christen Sozialisten sein müssen“, wie der Politiker Adolf Grimme einst postulierte. Dies ist ein Irrtum, gespeist von einer nur sehr oberflächlichen Kenntnis der Inhalte des Evangeliums und dem Rest der Bibel. So auch in einem Kommentar zu meinem letzten Artikel, „Arsen und Spitzenforschung“. Darin hatte ich unter anderem geschrieben, dass ein Glaube an einen Schöpfergott zwar keine Garantie gegen Krieg und Totalitarismus ist, dass er jedoch langfristig individuelle Verantwortung und somit Privateigentum und Freiheit begünstigt, weil er Verantwortung vor dem Schöpfer beinhaltet.

„Hier wird der christliche Glaube verzerrt und instrumentalisiert“, meinte daraufhin Kommentator „Robert K.“ und fuhr fort: „In der Bibel steht geschrieben:

"Wenn du in deines Nachbarn Weinberg gehest, so magst du Trauben essen bis du satt bist, aber du sollst nichts in dein Gefäß tun."“ K. interpretierte das so: „Wenn ich hungrig bin, darf ich mich vom Privatbesitz eines anderen bedienen.“ Des weiteren zitierte K. zwei weitere Bibelstellen, ohne sie weiter zu kommentieren, womit er wohl meinte, sie sprächen für sich: "Da sah Jesus seine Jünger an und sagte zu ihnen: Wie schwer ist es für Menschen, die viel besitzen, in das Reich Gottes zu kommen! Die Jünger waren über seine Worte bestürzt. Jesus aber sagte noch einmal zu ihnen: Meine Kinder, wie schwer ist es, in das Reich Gottes zu kommen! Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt." – Mk 10,23-27

"Niemand kann zwei Herren dienen; er wird entweder den einen hassen und den andern lieben oder er wird zu dem einen halten und den andern verachten. Ihr könnt nicht beiden dienen, Gott und dem Mammon."– Mt 6,24 EU“

Das Folgende ist meine Replik darauf. Allgemein: Kontext ist alles. Diese Grundregel der Exegese missachtet Robert K. hier.

Im Einzelnen:

Der erste zitierte Vers steht im Alten Testament, genauer im 5. Buch Mose, Kapitel 23. Es handelt sich um Vers 23. Dort steht nicht „Wenn du hunger hast, darfst du dich vom Privatbesitz anderer bedienen“, sondern „Wenn du in deines Nachbarn Weinberg gehest“, darfst du dich satt essen. Das heißt, es wäre nicht recht, vor dem Weinberg herumzulungern, bis einem der Hunger packt, um dann zuzugreifen. Es heißt lediglich, dass, wer von A nach B geht, zur Wegzehrung sich von den Trauben auf dem Privatbesitz anderer bedienen darf. Aber: Ist das nicht auf die heutige Zeit übertragbar, auf andere Nahrungsmittel oder gar andere Bedarfsgüter? Wohl kaum, denn gleich im nächsten Vers heißt es: „Wenn du in die Saat deines Nächsten gehst, so magst du mit der Hand Ähren abrupfen; aber mit der Sichel sollst du nicht darin hin und her fahren.“ Damit endet das Kapitel, das nächste Kapitel behandelt mit Scheidung ein ganz anderes Thema. Das bedeutet: Diese Regelung der Wegzehrung galt ausschließlich für Trauben und Saat – eine Sonderstellung, die im Übrigen als Vorahnung des Abendmahls gedeutet werden kann.

Zurück zum alttestamentarischen Kontext. Mosaisches Recht galt nur für Hebräer, nicht für „Fremde“. Diese beiden Regeln speziell dienten nicht der sozialen Umverteilung, sondern dem Zusammenhalt unter den verschiedenen hebräischen Stämmen. Hebräer genossen untereinander Sonderrechte, diese Wegzehrung gehört dazu.

Gilt dieses Recht noch heute? Nicht für Christen. Es ist durch das Gebot der universellen Nächstenliebe ersetzt worden, womit die zuvor erwähnte individuelle Verantwortung angesprochen ist. Denn aus dem Recht der Angehörigen eines Volkes, im Bedarfsfall bestimmte Produkte im Privatbesitz anderer Angehöriger zu konsumieren, ist eine Pflicht für alle geworden, anderen in jedem Bedarfsfall zu helfen. Daraus kann man in keinem Fall ableiten: „Wenn ich hungrig bin, darf ich mich vom Privatbesitz eines anderen bedienen“, sondern umgekehrt: „Wenn du jemanden hungern siehst, sollst du ihm zu essen geben.“

Die Frage, die sich daraufhin stellt, ist: Wer setzt das durch? Was passiert demjenigen, der sich diesem Gebot widersetzt? Glaubt man dem Evangelisten Lukas und seiner Erzählung vom reichen Mann und dem armen Lazarus, wird ein reicher Geizkragen in der Hölle schmoren. Ob dieser Abschnitt wortwörtlich zu verstehen ist oder nicht, ist nebensächlich. Zentral ist hier die Botschaft, dass Sanktionen für die Nichtbeachtung von Geboten, die von Gott kommen, allein Gott zustehen.

Robert K. dagegen steht stellvertretend für viele, die meinen, das zugehörige Sanktionsrecht stehe heute dem Staat, also auserwählten Menschen zu. Und er steht offenbar für die Hoffnung, dass aus der individuellen Verantwortung eine kollektive Pflicht wird – dauerhaft, denn wir sind ja schon fast so weit. Die konkreten Folgen einer konsequenten Realisierung dieser Auffassungen lassen sich in Geschichtsbüchern über das zwanzigste Jahrhundert nachlesen: Materielle und spirituelle Verwüstung über ganze Kontinente hinweg. 

Auch beim Spruch über das Nadelöhr wird von Sozialisten gern der Kontext vergessen. Dieser Satz fällt unmittelbar, nachdem ein „junger Herrscher“ Jesus gefragt hatte, was er, neben Beachtung aller Gebote, noch tun muss, um ins Himmelreich zu kommen. Das Wort „Herrscher“ fällt in der Lukas’schen Version dieser Geschichte, das Wort „jung“ bei Matthäus. Mit anderen Worten, hier hat jemand Raubgut geerbt. Um Unrecht wieder gut zu machen, soll er alles verkaufen und unter die Armen verteilen. Wieder haben wir hier den Faktor individuelle Verantwortung: Der Reiche soll selbst und eigenverantwortlich an die Armen verteilen, nicht der Staat.

Anzumerken ist hier, dass sich aus dieser Geschichte keinesfalls eine allgemeine Regel über Umverteilung ableiten lässt. Kurz nach der Szene mit dem jungen Herrscher trifft Jesus, Lukas zufolge, auf einen reichen Oberzöllner, der ihm sagt, er habe die Hälfte seines Vermögens an Arme verteilt und jene, die er übervorteilt hatte, die vierfache Summe zurückgezahlt. Dafür erhält er von Jesus Anerkennung. Er nennt ihn einen „Sohn Abrahams“, der bekanntlich ebenfalls sehr reich war. Es fällt kein Wort darüber, dass der Zöllner auch noch den Rest seiner Habe verkaufen und verteilen muss.

Wenn es Reichen schwer fällt, freigiebig zu sein, heißt das keinesfalls, dass sie zur Armenhilfe gezwungen werden dürfen. Zwang würde zweierlei bewirken: Erstens würde die Bereitschaft zur Arbeit sowohl beim Reichen wie beim Armen deutlich sinken. Beim Reichen, weil er keines Menschen Sklave sein will, beim Armen, weil ihm ein müheloses Einkommen garantiert wird. Zweitens würde sowohl dem Reichen wie dem Armen die Chance zur spirituellen Reifung verwehrt. Dem einen, weil ihm die Chance, seinen Geiz freiwillig zu überwinden, verwehrt wird, dem anderen, weil er zu einer unverdienten Anspruchshaltung erzogen wird. Wer nämlich regelmäßig zu Abgaben gezwungen wird, neigt eher zum Geiz. Und wer regelmäßig Steuergelder, einschließlich Subventionen, ausgezahlt bekommt, neigt eher zur Gier. Biblisch gesprochen werden beide dadurch zu Dienern Mammons – wenn sie es nicht schon vorher waren, als sie die Parteien wählten, die Umverteilungsgesetze versprachen. Noch gar nicht angesprochen ist dabei die Wirkung der stetigen Inflationierung durch institutionelle Geldfälschung aufgrund eines staatlich garantierten Geldmonopols. 

Womit wir beim letzten von Robert K. vorgebrachten Bibelvers wären: Keiner kann zwei Herrn gleichzeitig dienen: Gott und Mammon. „Dienen“ heißt hier „als oberste Instanz anerkennen“. Mit anderen Worten: Wer Gott dient, kann dennoch reich werden. Wer reich ist, kann dennoch Gott dienen. Aber: Wer Mammon, dem falschen Gott des Geldes dient, dem ist es im Grunde unmöglich, die zehn Gebote einzuhalten, Nächstenliebe zu empfinden oder gar danach zu handeln.

Trotz vieler diesbezüglicher Behauptungen hat keiner jemals nachweisen können, dass die Bibel sozialistische Politik fordert, sagt Ökonom und Bibelexperte Gary North. Im Gegenteil, meint North, der fast alle Bücher der Bibel aus ökonomischer Sicht interpretiert hat: „Die Bibel gebietet eine moralische und rechtliche Sozialordnung, die unweigerlich zu einem kapitalistischen freien Markt führt.“

Nicht wenige Unterstützer des Kapitalismus meinen, ohne Religion auskommen zu können. Das soll hier nicht Thema der Debatte sein. Aber auch sie können die von Feinden der Freiheit vorgenommene, gefährliche Instrumentalisierung der Religion bekämpfen, wenn sie sich hinreichendes Wissen über die Bibel aneignen.  

Internet:

Gary North: The Bible mandates free market capitalism


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