16. Dezember 2010

Gender-Belletristik Tolstaja statt Tolstoj

Der Boom der unterdrückten Frauen

2010 ist ein Tolstoj-Jahr – vor 100 Jahren ist der russische Dichter gestorben. Aber weniger er selbst wird gefeiert als vielmehr seine Frau. Dies wurde von langer Hand vorbereitet. Bereits 2008 war Sofja Tolstajas Buch „Eine Frage der Schuld“ auf deutsch veröffentlicht und sogleich als eine Offenbarung gepriesen worden. Es ist als eine Antwort auf die berühmt-berüchtigte „Kreutzersonate“ ihres Mannes Leo Tolstoj entstanden. Felicitas von Lovenberg zum Beispiel lobte die Geschichte des Buches in der „FAZ“ als „packend geradlinig und mit solch psychologischem Gespür erzählt, dass man ihr gebannt folgt.“

In der Summe folgerten die meisten Rezensentinnen und Rezensenten, dass Frau Tolstaja nun endlich auch einen verdienten Platz in der Weltliteratur einnehmen könne. Konsequent erschien im Jahr darauf, von einer der Übersetzerinnen des Tolstaja-Buches, Ursula Keller, zusammen mit Natalja Sharandak verfasst, eine Biografie von Sofja Tolstaja, die die definitive Heiligsprechung Frau Tolstajas betreibt. Das Faktum der offensichtlichen Diskrepanz zum Werk Leo Tolstojs wird ohne Wimpernzucken in Kauf genommen. Zeitgerecht im Jubiläumsjahr des Ehemannes wurde schließlich noch ein weiterer kleiner Roman der Ehefrau nachgeschoben.

Der Klappentext des Tolstaja-Buches „Eine Frage der Schuld“ verweist auf die tieferen Intentionen des Verlags und der Übersetzerinnen. „Dass hochbegabte Frauen im Schatten hochbegabter Männer stehen, ist nichts Außergewöhnliches. Dem Angebeteten zuliebe leisten sie Verzicht, werden im besten Fall zu Musen, im schlechtesten zu Haushälterinnen.“ Diese begabten, aber von ihren Männern unterdrückten Frauen sollen nun aus deren Schatten hervorgeholt werden. Es wundert nicht, dass Frau Keller nach einem Studium der Slavistik und Germanistik zahlreiche Aufsätze zur Genderforschung in der Slavistik verfasst hat.

Bereits in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde mit dem erwachenden Feminismus neuer Prägung versucht, eine Autorin gegen einen Autor, mit dem sie verbunden war, nämlich Bert Brecht, aufzuwerten: Marieluise Fleißer. Bekannt wurde sie mit ihren Stücken „Das Fegefeuer in Ingolstadt“ und „Pioniere in Ingolstadt“. Es ist vorhersehbar, dass heute etwa Elfriede Jelinek die Fleißer als die "bedeutendste deutschsprachige Schriftstellerin" des vergangenen Jahrhunderts bezeichnet, von der sie viel gelernt habe und die ihr wichtiger sei als beispielsweise Brecht – selbstredend. Nur Reich-Ranicki hat es in einem Interview mit der „Weltwoche“ gewagt, in der Sache zu differenzieren: „ Man kommt mir mit Marieluise Fleißer, der aber Bertolt Brecht mehr als nur über die Schultern geguckt hat. Sie hat nach der Beziehung mit Brecht noch vierzig Jahre gelebt, doch kein Stück mehr zustande gebracht.“ Aber dieser Kritiker ist schon lange von den Medien als frauenfeindlich abgestempelt, was angesichts seines öffentlichen Wirkens – es sei nur die Förderung Frau Hahns erwähnt – und seiner Publikationen – beispielsweise „Frauen dichten anders“ – natürlich nicht stimmt, aber zur Strategie des Genderismus gehört.

Das Stereotyp der „übersehenen“ hochbegabten Frau an der Seite berühmter Männer wird heute in der Geschichtsschreibung aller Kunstsparten gepflegt: Angefangen von Clara Wieck, der Frau Robert Schumanns, geht der Hype um kreative, aber von ihren grobianischen Männern und einer patriarchalischen Nachwelt um den verdienten Ruhm gebrachten Frauen über Camille Claudel, der Geliebten Rodins, bis hin zu Irmgard Keun, der Freundin Joseph Roths, die ebenfalls Ende der 1970er Jahre nach angeblich langen Jahren des Vergessens wiederentdeckt wurde – insbesondere von der feministischen Literaturkritik, die damals entstand. Die notorische Hildegard von Bingen hatte zwar keinen Mann, der sie unterdrücken konnte, aber in den Augen der GenderforscherInnen werden das die Mönche besorgt haben.

Nun ist „Entdecken“ einfach das falsche Wort. All diese Frauen und ihre Leistungen waren ja nie unbekannt. Diese Behauptung stimmt einfach so nicht und ist leicht zu entkräften. Auch Sofja Tolstaja war längst als hervorragende Tagebuchautorin bekannt, ebenso alle anderen hier genannten Frauen in ihren jeweiligen Disziplinen. Doch das soll nicht genügen. Es geht vielmehr um eine Aufwertung dieser Frauen und ihres Werkes um fast jeden Preis. Mag das Œuvre der Frauen objektiv auch noch so winzig sein – woran ja nur der Verzicht zugunsten der Männer oder deren Unterdrückung schuld waren und nicht mangelnde Kreativität –, es muss aufgrund seiner angeblich überragenden Qualität kanonisiert werden, was die GenderforscherInnen zu bezwecken zwar leugnen, was aber immanent der Sinn ihrer Veröffentlichungen ist. Mag die zeitgenössische Rezeption der Werke dieser Frauen auch noch so positiv gewesen sein, der zwischenzeitliche Verlust an öffentlichem Interesse und Prestige darf nicht auf einer nachlassenden Vorliebe des Publikums zu möglicherweise zweitrangigen Werken beruhen – er muss ungerecht sein, weil vom „männlichen Blick“ geleitet.

Die eigentliche Ursache des aktuellen Hypes um die „Frauen im Schatten“ hat aber eine ganz banale Erklärung. Die vielen für Frauen und die Genderforschung geschaffenen Lehrstühle und Forschungsstellen müssen ja auch gerechtfertigt werden. Es muss produziert werden – publish or perish. Deshalb wird jetzt die gesamte Kunst- und Wissenschaftsgeschichte nach Frauen durchforstet, die angeblich oder tatsächlich (die Möglichkeit an sich bestreitet ja niemand) benachteiligt wurden, um sie in den Himmel zu heben. Es bleibt also noch viel zu tun; auf mittlere Sicht wird den GenderforscherInnen (meist sind es Frauen) der Stoff nicht ausgehen. Ihr einziges Thema sind ihre Geschlechtsgenossinnen. Exemplarisch in dieser Hinsicht ist ein vor kurzem bei Reclam erschienenes Komponistenlexikon. Unter dem generell sicher bedenkenswerten Aspekt der Aufdeckung von Mechanismen kultureller Selektion wird ein spezieller Aspekt einseitig herausgegriffen: Gender. Die „Meisterwerk“- und „Kanon“-Begriffe werden unter dem Vorwand eines angeblich „demokratischen“ Musikbegriffs diskreditiert, der in Wahrheit relativistisch ist; es wird daher viel von Netzwerken geredet, innerhalb derer alle Beteiligten, insbesondere jedoch die „vergessenen“ Frauen eben doch von größter Wichtigkeit seien. Von kompositorischer Qualität ist nirgendwo mehr die Rede.

Um einen Vergleich zu wagen: Ein solches Verfahren erinnert an die Erfindung eines neuen diagnostischen Gerätes in der Medizin, sagen wir den Ultraschall. Die eigentliche geistige Leistung ist die technische Entwicklung. Für die anwendenden Mediziner bietet sich nun eine fast endlose Möglichkeit zu relativ geistlosen Untersuchungen und daraus entstehenden Publikationen. Ultraschall des Kopfes, Ultraschall der Brust, Ultraschall des Magens, Ultraschall der Gelenke und so weiter – Fließbandforschung. Damit werden neue Sonderforschungsbereiche genehmigt, damit lassen sich wieder für einige Jahre Gelder locker machen, damit lässt es sich hervorragend promovieren und habilitieren. Der Ertrag für die Patienten ist ohne Zweifel da, hätte sich aber auch ohne den Aufwand erzielen lassen. Ähnlich bei Gender. Die kreative Leistung war die Formulierung der Gendertheorie, jetzt geht es um ihre Ausschlachtung im Rahmen der Kulturforschung. Es sind darum, um auf die „hochbegabten Frauen im Schatten hochbegabter Männer“ zurückzukommen, eigentlich nicht diese Künstlerinnen, die primär von der neopositivistischen Sammelwut profitieren, sondern die GenderforscherInnen selbst. Wir können noch eine Unzahl an Publikationen zum Thema erwarten.


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