03. Dezember 2010

Wendezeit Analogien von Thermodynamik und Revolutionen

Die kritische Masse bringt das System ins Wanken

Westdeutschland bewegt sich mit zunehmender Dynamik auf den größten Kulturbruch seiner Nachkriegsgeschichte zu. Ostdeutschland wird es ein zweites Mal treffen, nur kennen die in ihm Sozialisierten den Geruch des Umbruchs und sind besser vorbereitet. Auch die Fronten sind noch diffus, es wird jedoch auf ein Ringen zwischen Wertschöpfenden und Wertabschöpfenden, sowie um die gesellschaftlichen Ressourcen, die in der Folgegeneration verkörpert sind, hinauslaufen. Hier geht es nicht nur um die Zukunft, sondern im wahrsten Sinne des Wortes ums Leben.

Revolutionen kündigen sich durch den Verlust der Autorität der Etablierten an und den Unwillen, ihnen noch Gehör zu schenken, sowie deren Versuche, durch gezielte Manipulation die Öffentlichkeit zu täuschen.

Die Revolution – also eine Drehung der gesellschaftlichen Stimmung bis zum Bruch mit dem alten Dogma und seinen Tabus, bedarf zwar der Bevölkerungsmehrheit als Akteure, diese Bevölkerungsmehrheit kommt jedoch bereits sehr kurze Zeit nach dem Erreichen einer kritischen Masse zusammen. Dabei kündigen sich gesellschaftliche Brüche lange vor der Wahrnehmung durch die Öffentlichkeit an. Ist diese erst auf der Straße, ist die Zeit der Vorbereiter abgelaufen, dann neigt die Revolution meistens dazu ihre Protagonisten zu fressen. Daher bevorzugt der kluge Vorbereiter den schonenden Übergang unter Vermeidung des Läutens zum Aufruhr, welchem zuerst stets die Kultur zum Opfer gefallen ist.

Entscheidend für die Abschätzung des Zeitpunktes des Kippens der Stimmung ist die Ermittlung der kritischen Masse von Persönlichkeiten, die diesen Bruch vorantreibt. Diese liegt recht zuverlässig bei 30 Prozent, wie ich 1989 gelernt habe. Sind 30 Prozent der Erkenntnisfähigsten eines Kollektivs nicht mehr willens, die sie ausplündernde und unterdrückende Machtkonstellation hinzunehmen, kommt es zum Paradigmenwechsel in der Gesellschaft, gegebenfalls zum gewaltsamen Aufstand.

Mein bester Freund und ich haben 1987 das launige Experiment der Vorausbestimmung der Revolution in der "Zone" gemacht – wir haben über die Interpolation der am Beispiel unseres Potsdamer Betriebes beobachteten wachsenden kritischen Masse auf die 30-Prozent-Linie, das Ende der Kommunistenherrschaft für den Herbst des Jahres 1989 errechnet. Anschließend haben wir uns aufs Köstlichste über das Ergebnis amüsiert, da wir das zu dieser Zeit für völlig unmöglich hielten. Anfang 89 war's gelaufen, es war absehbar, dass das Regime das Jahr nicht übersteht.

Um den Prozess verstehen und nutzen zu können, ist es hilfreich, sich einer physikalischen Analogie zur Erklärung solch eines gesellschaftlichen Prozesses zu bedienen, um sich mit Geduld sowie der Freude am Prozess zu wappnen.

Versuchsaufbau

Nehmen Sie sich einen Topf mit kaltem Wasser und füllen Sie diesen bis zur Erstarrung mit Eis. Das ist die gesellschaftliche Ausgangslage – nichts geht mehr. Uns durchdringt ein Gefühl der Gegenwärtigkeit. Stellen Sie den Topf auf den Herd, stecken Sie ein Thermometer hinein und stellen Sie den Regler auf Stufe 5. Die wichtigste Phase der Revolution beginnt.

Phase 1

Die Energiezufuhr beginnt das Eis zu schmelzen – die Temperatur stagniert jedoch bei 0°C. Nehmen Sie dieses als alleiniges Kriterium, meinen Sie es geschähe nichts und schalten daher zur Beschleunigung auf Stufe 10. Diese Ungeduld ist kontraproduktiv – es kommt zur Verpuffung von Wasser durch überschüssige Energie, die stärker einströmt als das Eis zu tauen vermag, was einige für den Beginn der Revolution halten und dann enttäuscht sind, weil die Temperatur danach wieder auf 0°C fällt. So erreicht man also keine Beschleunigung, sondern man verbraucht unnötig Energie, die man besser zur Optimierung eingesetzt hätte. Also zurück auf Stufe 5. Bis das Eis geschmolzen ist, muss man nur das Feuer geduldig in Gang halten, wissend, dass bis zum Abschmelzen des Eises die Temperatur bei 0°C verharren wird. Die Hoffnung ergibt sich daraus, dass sich der Anteil der dynamischen Masse gegenüber denen der Erstarrung ständig vergrößert – es bleibt jedoch kalt.

Phase 2

Der letzte Krümel Eis ist geschmolzen. Plötzlich steigt die Temperatur mit überraschender Geschwindigkeit. Die Kunst besteht nun darin, den Prozess anzuhalten, bevor das Wasser das wir beleben wollen, alles abtötet, verdampft und in Luft auflöst.

Phase 3

Waren wir unaufmerksam, verkocht alles Lebende und der Topf brennt durch. Das ist nicht das was wir erstreben. Denn mit dem Topf verschwindet auch die Kochkultur.


Der gleiche Prozess nun noch einmal erläutert anhand des letzten deutschen Aufstandes:

Phase 1: Die zäh sich hinziehende Erkenntnisphase

Die Anzahl der Gescheiten, die sich öffentlich artikulierend gegen das System stellen – weil sie aus innerer Überzeugung den Bruch vollzogen und die Angst abgelegt haben, da es für sie nur noch wenig zu verlieren gibt – erarbeitet sich hart die kritische Masse von 30 Prozent. Erkennbar ist diese Phase am langsamen Autoritätsverlust der etablierten Eliten, wie wir es heute deutlich wahrnehmen können. Diese Phase erscheint als eine des Stillstandes, in welcher sich trotz des offensichtlichen Irrsinns der Tagespolitik die Vernunft keine Bahn zu brechen vermag. Intellektuelle neigen hier oft zur Verzweiflung und zum Rückzug, sie können das sie anfechtende Klima der Dummheit und Ignoranz nur noch schwer ertragen. Sie ziehen oft die Konsequenzen und verlassen das Land, oder ziehen sich aus dem Diskurs zurück, weil alles erschöpfend ausdiskutiert ist, Erkenntnisse nur noch bestätigt aber nicht hinzugewonnen werden können, was aber den Prozess weiter verzögert, jedoch die Malaise zuspitzt. In der Kommentarspalte dieses Magazins war in letzter Zeit häufiger davon die Rede, ob dem ef-magazin die Themen ausgegangen wären, oder ob „Sauregurkenzeit“ sei. Mit der Ausbreitung der Trolls in den Foren scheint sich auch der Wahnsinn auszubreiten. Dieser Text erscheint übrigens nun 4 Jahre nach seiner Niederschrift auf www.familienwehr.de im ef-magazin, weil wir genau am kritischsten Punkt des Prozesses angekommen sind.

Die Situation scheint aussichtslos, dabei ist es nur ein typisches Symptom des nahenden Endes der Phase 1. Doch noch zuvor werden frustrierte Hitzköpfe beginnen, der Bewegung durch ungeduldigen Eifer zu schaden. Ihre Aktionen verpuffen wie das Wasser in der thermodynamischen Analogie. Gebremst und gekühlt wird Phase 1 vor allem durch die Opportunisten, die ihre Positionen gefährdet sehen.

Phase 2: Die kurze Opportunistenphase

Opportunisten orientieren sich stets an denen, deren Haltung sie als maßgeblich erachten, wovon sie sich Vorteile erhoffen. Der Opportunist ist der typische Bildungsbürger der nicht abstrahieren, aber lernen kann. Lässt sich die Position der auf 30 Prozent angewachsenen Phase-1-Protagonisten nicht mehr ohne eigenen Ansehensverlust leugnen, kippen die Opportunisten plötzlich massenweise um und behaupten das Gegenteil. Man kennt plötzlich seinen Nachbarn und Kollegen nicht wieder – eben noch systembeflissener Denunziant, plötzlich schulterklopfender Freund und Mitstreiter, widerlich aber brauchbar. Dieser Prozess generiert und dynamisiert sich selbst in kürzester Zeit. So kommt plötzlich und unerwartet eine Bevölkerungsmehrheit für den Paradigmenwechsel zusammen und keiner hat's geahnt, wie zum Beispiel 1989 das westdeutsche Establishment.

Phase 3: Die "Wir sind das Volk"-Phase

Eigentlich ist das Thema durch, die Revolution am Ziel, die Zeit der beherzten klugen Gestaltung gekommen, doch der Strom der Ereignisse spült nun auch das Treibholz der Gesellschaft aus seinen Verstecken, da öffentliche Hinrichtungen erwartet werden oder die Chance zum Plündern und Vergewaltigen, vorausgesetzt es läuft kein Straßenfeger im Unterschichtfernsehen oder ein Bundesligaspiel. Durch so etwas entscheidet sich der Ausgang von Revolutionen.

Es geht also darum, Bier und Spiele zu servieren, solange die Revolution läuft, um den Paradigmenwechsel ohne Kulturverlust über die Bühne zu bekommen. Zur „Ehrenrettung“ vieler Politiker muss gesagt werden, dass sie den Konkurs nur deshalb verschleppen, weil sie genau das befürchten – die Barbarei der von ihnen herangezüchteten sozialistischen Unterschicht.

Warum ist es in der "DDR" nicht zu Ausschreitungen gekommen? Außer Stasizentralen gab es nichts Begehrliches zu plündern, die Beschaffung von Guillotinen scheiterte am Materialmangel, und die ostdeutschen Frauen haben die ostdeutschen Männer nicht vergewaltigt, weil sie ihren Blick bereits auf westdeutsche Bananen gerichtet hatten, weswegen man diese Revolution auch Bananenrevolution genannt hat. Die ostdeutsche Revolution kam aus den Kirchen und war christlich geprägt. Nur relativ wenige hatten zu verlieren.

Außerdem war es eine Revolution unter Aufsicht der Siegermächte, welche nicht das geringste Interesse an der Konkurrenz durch befreite Denker hatten, denn nach dem 89er-Aufstand war Ostdeutschland vom Eise befreit und beweglich. Deshalb versuchte das besatzerkonforme westdeutsche Establishment unverzüglich und erfolgreich, in einer konzertierten Abwehrmaßnahme das Gebiet so schnell wie möglich auf westdeutsches Niveau zu vereisen. Hierzu wurde die Spitze des westdeutschen Eisberges – die Beamtenschaft – nach Osten verfrachtet, um dem Gefahrenpotential der Bewegung so schnell als möglich den Garaus zu machen.

Das führte dazu, dass die Aufgetauten der Ostseite schnell nach Westen verdrängt wurden, da Eis die Eigenschaft hat sich auszudehnen. An der Westseite läuft der Topf nun über, und die Beweglichen und Dynamischen füllen skandinavische und Schweizer Töpfe oder die der Anglowelt. Auf der Ostseite trocknet bereits der Bodensatz aus, auf der Westseite scheint er aufgrund des kontinuierlich sinkenden Niveaus bereits durchs Eis. Die Elemente der Dynamik können sich nicht halten, Frischwasser fließt ab, Schmutzwasser strömt von unten nach.

Werden nun noch im Rahmen einer parlamentarischen Demokratie Wahlen abgehalten, setzt sich aufgrund seiner schieren Masse – und manipuliert von Parteidemagogen – das denkfaule, obrigkeitsgläubige Gesindel wieder durch, und der Kreislauf beginnt von vorn, wie nach 1990. Die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands ist heute wieder die stärkste Kraft. Frau Merkel steht ihren Blockparteien vor.

Aussicht

Die sozialistischen Blockparteien des Parlamentarismus stellen nur noch die Barrikaden der Offline-Generation gegen die Zukunft dar. Es ist heute das Internet, welches die Entwicklung antreibt, da es die Menschen aus der Vormundschaft des staatlichen Informations- und Bildungsmonopols befreit. Da es erst seit sehr kurzer Zeit von der breiten Masse genutzt wird – keine 10 Jahre – und schon wieder in seiner Freiheit gefährdet ist, war auch nicht zu erwarten, dass die Gesellschaftsstrukturen dem Erkenntnisschub so schnell folgen. Geschichte ist ein Prozess, der Geduld erfordert. Phase 1 nimmt die meiste Zeit in Anspruch und wir sind noch mittendrin. Die neue Sozialordnung wird sich den Netzwerkstrukturen des Internets anpassen und damit genau das Gegenteil dessen darstellen, was das gegenwärtige Establishment mit seiner Flucht in die zentralistisch verrammelte Trutzburg Brüssel anstrebt.

Entsprechend der thermodynamischen Analogie ist das Eis im Eurotopf so gut wie geschmolzen, wir sollten uns also mit der Vergangenheits- und Gegenwartsanalyse nicht länger aufhalten, sondern darangehen zu überlegen, welche Gerichte wir nun darin kochen. Je umfangreicher das Menü, desto mehr Geschmäcker mag es zu befriedigen. Von der rustikalen Kneipe bis zum stilvollen Restaurant soll sich alles am europäischen Markt bewähren dürfen Das Menü steht deshalb unter dem Motto „Sezession und Marktgeld“. Aus Gründen der Hygiene sind sozialistische Nahrungsersatzstoffe strikt verboten. Verfälschungen der freiheitlichen Küche ziehen den Entzug der Krankenversicherung nach sich und die Sozialstaatsjunkies werden ihrem Schicksal überlassen.


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