14. November 2010

Der „Stern“ zur Integrationsdebatte Dümmer geht’s immer

Der Schweinehund und der Rassismus des Hans-Ulrich Jörges

In diesem Lande wird nun wahrlich niemand gezwungen, Thilo Sarrazins Thesen zur Integration bzw. dem Ausbleiben derselben kritiklos zu akzeptieren oder ihnen gar aktiv zuzustimmen. Im Gegenteil: Angeführt von der ehemaligen FDJ-Sekretärin im Bundeskanzleramt über den Brötchenfernbesteller im Schloss Bellevue bis hin zu den allzeit kampagnenbereiten Dreigroschenjungen in den Redaktionsstuben unserer freien Medien wurde zunächst ein politisch-mediales Kesseltreiben gegen den Autor inszeniert, das fatal an gleichgeartete Kampagnen der jüngeren Vergangenheit (die Namen Eva Herman, Philipp Jenninger oder Martin Walser seien hier nur stellvertretend genannt) erinnerte. Obwohl es den Protagonisten der Kampagne gelang, Herrn Sarrazin als Bundesbankvorstand abzusetzen, blieb der gewünschte Erfolg, die dauerhafte gesellschaftliche Ächtung des Delinquenten, diesmal aus.

Es artikulierte sich im Gegenteil, wie schon im Fall der medialen Hinrichtung von Eva Herman, der geballte Unmut der Bevölkerung über den Versuch, einen Kritiker offenkundiger gesellschaftlicher Entwicklungen mundtot zu machen. Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ avancierte binnen kürzester Frist zum Bestseller des Jahres, während gleichzeitig Politiker, Printmedien und Fernsehanstalten mit einer Flut von Leserbriefen und Emails konfrontiert wurden, in denen sich der Unmut der Bürger über die ideologisch motivierte Realitätsverweigerung der politisch-medialen Kaste überdeutlich artikulierte.

Ehemals konservative Blätter wie die „Welt“ oder die „FAZ“ reagierten daraufhin mit einer vorsichtigen Korrektur ihrer Berichterstattung über den „Fall Sarrazin“, und selbst seitens der Politik war fortan das eine oder andere Zugeständnis an den Volkszorn zu vernehmen, wie eine Handvoll diesbezüglicher Äußerungen aus der Union zum Thema Integration und Multikulturalismus belegt. Natürlich war nichts davon ernstgemeint, aber allein die Tatsache, dass plötzlich offen über die für jedermann sichtbaren Folgen einer fehlgesteuerten bzw. ideologisch motivierten Einwanderungspolitik diskutiert wurde, trieb den medialen Wortführern der 68er-Kaste den Schaum vor den Mund.

Ein symptomatisches Beispiel für die hysterische Reaktion dieser Klientel findet sich unter der martialischen Überschrift „Wo der Schweinehund knurrt“ in einer der jüngsten Ausgaben des „Stern“. Der Schweinehund ist natürlich die eigene unbotmäßige Bevölkerung und das Knurren desselben die unerwünschte öffentliche Diskussion über das bisherige Tabu-Thema Integration.

Nun ist der Autor, Hans-Ulrich Jörges, wie sein bajuwarisches Pendant Heribert Prantl ohnehin eher für Holzhammer-Rhetorik als für feingeschliffene oder gar ausgewogene Kommentare zum politischen Zeitgeschehen bekannt, dennoch überrascht das Maß an Feindseligkeit, Unwissenheit und Realitätsverlust, das dieses Traktat offenbart, selbst den gutwilligsten Leser.

Bereits eingangs behauptet Jörges kühn: „Die Integrationsdebatte wurde darüber, in ihren hysterischen Entgleisungen, zur kaum noch kaschierten, primitiven Ausländerraus-Kampagne.“ Einen Beleg für diese Unterstellung bleibt der Autor – wie bei Demagogen nicht unüblich – natürlich schuldig. Aber es kommt noch besser.

„Wissen wir nicht, dass Muslime hierzulande ähnlich säkularisiert leben, kaum häufiger in die Moschee gehen als Christen sonntags in ihre Kirche?“, fragt Herr Jörges gleich ein paar Zeilen weiter und hofft wohl darauf, dass seine Leser ähnlich ahnungslos sind wie er selbst. Dabei hätte ein Blick auf die Webseiten (Integrationsportal) des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge genügt, um das Gegenteil festzustellen: „Die Mehrzahl der Muslime ist gläubig. Aus der Studie „Muslimisches Leben in Deutschland“ geht hervor, dass sich 36 Prozent selbst als stark gläubig einschätzen, weitere 50 Prozent der Muslime bezeichnen sich als eher gläubig.“ Das sind zusammen schon einmal 86 Prozent, eine Zahl, die belegt, dass Herr Jörges die Leserschaft entweder bewusst oder fahrlässig irrezuführen sucht.

Aber mit der Realität hat der Autor ohnehin seine Probleme: „Was würden Christen dazu sagen, wenn sie in arabischen Ländern an Wort und Tat des Papstes gemessen, nach dem Dogma der Jungfrauengeburt und dem himmelschreienden Skandal des sexuellen Missbrauchs von Kindern in katholischen Einrichtungen beurteilt würden?“ Spätestens an dieser Stelle reibt sich der Leser verdutzt die Augen und fragt sich: „Meint der Mann das wirklich ernst oder hat er etwas eingenommen?“ Dass Christen in arabischen Ländern ganz andere Probleme haben als die Konfrontation mit den Worten des Papstes oder gar katholischen Kindesmissbrauch (dies in diesem Zusammenhang als Argument anzuführen, hat schon eine tragikkomische Komponente), scheint sich offenbar noch nicht bis zu Herrn Jörges herumgesprochen zu haben. Selbst in der vergleichsweise laizistischen Türkei müssen Christen damit rechnen, von Fanatikern ermordet zu werden, ganz zu schweigen von Ländern wie dem Jemen, Ägypten oder gar dem so glorreich befreiten Irak, wo sie gleich zu Dutzenden massakriert werden. Woher Herr Jörges die erstaunliche Unverfrorenheit nimmt, die Verhältnisse dort mit den hiesigen zu vergleichen, gehört wohl zu den Mysterien seines Berufstandes.

Man könnte die Reihe polemischer, realitätsferner und inhaltlich falscher Einlassungen des „Stern“-Redakteurs endlos fortsetzen, von denen sein „Beitrag zur Debatte“ nur so strotzt, aber ich will es mit einem weiteren Beispiel bewenden lassen. Dieses Mal ist die – sicherlich gelegentlich zu Recht kritisierte – CDU-Familienministerin Kristina Schröder das Ziel seiner Tiraden: „Kristina Schröder etwa, die Familienministerin, die ‚Deutschenfeindlichkeit’ muslimischer Schüler ‚Rassismus’ nannte. Das törichte Mädchen ist nur deshalb im Amt, weil es der hessischen CDU angehört. Durch derlei Geschwätz wird auch noch dem Ansehen der Politiker geschadet – weil die Aufgestachelten genau beobachten, dass die nur reden, aber nichts tun. Gottlob hat Wulff dem guten Deutschland eine Stimme gegeben.“(!)

Deutschenfeindlichkeit setzt der brave Herr Jörges dabei in Anführungszeichen, weil es derartiges hierzulande natürlich nicht geben kann, zumindest nicht in der Parallelwelt, in die sich die politisch-mediale Kaste dieses Landes eingemauert hat. Seltsamerweise findet sich exakt dieser Begriff sogar in der Mitgliederzeitschrift der GEW – einer Gewerkschaft, die eher im linken und 68er-Spektrum angesiedelt ist. Aber mit der Wirklichkeit wollen die Jörges und Prantls dieser Gesellschaft ohnehin nichts zu schaffen haben.

Bleibt der Rassismus-Begriff, dessen fälschliche Verwendung der weltgewandte Herr Jörges dem „törichten Mädchen“ unterstellt. Vielleicht hätte sich der Autor vorher mit dem UNESCO-Dokument zum Thema Rassismus auseinandersetzen sollen, in dem klar postuliert ist, dass „jede Theorie, welche die Behauptung enthält, dass bestimmte ‚Rassen’ oder Volksgruppen von Natur aus anderen überlegen oder unterlegen sind” den Tatbestand des Rassismus erfüllt und zurückzuweisen ist. Aber offenbar spielen derlei Thesen von der Überlegenheit der eigenen Volksgruppe im Sprachgebrauch und Umgang türkisch-arabischer Jugendlicher mit Deutschen hierzulande ja keinerlei Rolle.

Ein Glück, dass da wenigstens Herr Wulff bleibt, um dem „guten Deutschland“ (und ich fürchte beinahe, dass der arme Herr Jörges das völlig ernst meint) eine Stimme zu geben. Allein dieser Satz offenbart ein Maß an Realitätsverlust und Selbstüberhöhung, das man je nach Mentalität als dummdreist, wahnhaft (Kapitel V der ICD 10 bietet hierzu ein reiches Spektrum an Diagnosen) oder einfach nur lächerlich abtun könnte, wenn es sich bei dem Autor nicht um einen der führenden Journalisten dieses Landes handeln würde. So bleibt am Ende doch nur tiefes Bedauern für ein Land, das mit solchen „Vordenkern“ geschlagen ist.

Quellen:

„Der Stern“ (12.11.2010): Wo der Schweinehund knurrt

„Die Zeit“ (04.11.2010): Die Angst der Christen im Nahen Osten

GEW 11/2009: Deutschenfeindlichkeit an Schulen

BaMF: Islam und muslimisches Leben in Deutschland


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