Andreas Tögel

Jg. 1957, Kaufmann in Wien.

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Buchbesprechung: Erfreuliches Signal im Zeichen der Krise

von Andreas Tögel

„Die Wiener Schule der Nationalökonomie“ – Zweitauflage

Wenn ein hochspezialisiertes Buch aus dem Bereich der Wirtschaftswissenschaften bereits neun Monate nach seinem Erscheinen vergriffen ist, dann wurde damit offenbar ein Nerv getroffen. Zwei Jahre nach der ersten, ist nun die zweite Auflage des vom Autorenduo Eugen Maria Schulak und Herbert Unterköfler verfassten Werkes „Die Wiener Schule der Nationalökonomie“ erschienen.

Zweifellos hat die globale Wirtschaftskrise, die zugleich auch eine Krise der neoklassischen Mainstreamökonomie bedeutet, die Nachfrage danach beflügelt. Ein an wirtschaftlichen Fragestellungen interessiertes Publikum sucht nach Antworten, die ihnen die Middle-of-the-Road-Volkswirtschaftslehre nicht zu geben imstande ist. Keiner der hochbezahlten, medial omnipräsenten Vertreter des Keynesianismus, des Monetarismus oder heterodoxer Richtungen der Volkswirtschaftslehre, hatte die Krise kommen sehen. Ja mehr noch – auch nach dem spektakulären Platzen der „Subprime-Blase“ in den USA und allen sich daran anschließenden dramatischen Verwerfungen waren und sind die in Forschung und Lehre führenden Ökonomen völlig ratlos und verfügen über keine konsistente Erklärung des Geschehens. Wie die beiden Autoren in ihrem Vorwort zur zweiten Auflage anmerken, ist die Antwort auf die Frage nach dem Grund für dieses beispiellose Versagen wohl auch im Mangel an erkenntnistheoretischen Grundlagen der „modernen“ Ökonomie zu suchen.

Einzig und allein die Protagonisten der „Österreichischen Schule“, die – zumindest in Kontinentaleuropa – weder von der veröffentlichten Meinung, noch von der Politik wahrgenommen werden, warnten immer wieder vor dräuenden Finanzkatastrophen. Sie taten das am Vorabend des Börsendesasters im Jahre 1929, vor dem Platzen der Blase der „New Economy“ im Jahr 2000 und sie kritisierten stets scharf die hemmungslose Ausdehnung der Kreditmenge, der Schaffung von „Krediten aus dem Nichts“, die letztlich zu den derzeit aktuellen Problemen führte. Die erstaunliche Prognosefähigkeit dieser zu Unrecht im Schatten stehenden Lehre bildet einen guten Grund, mehr darüber erfahren zu wollen.

Die Lektüre der vom Philosophen Schulak zusammen mit dem Juristen Unterköfler vorgenommenen Bestandsaufnahme der von Carl Menger begründeten „Austrian School of Economics“, lohnt in jedem Fall – auch losgelöst von der Betrachtung aktueller Ereignisse. Es handelt sich dabei um ein inhaltlich, sprachlich und handwerklich hervorragend gelungenes Werk. Beide Autoren verstehen sich auf die Quellenarbeit, und sie verfügen über jenes profunde Verständnis für wirtschaftliche Zusammenhänge, das für ein derartiges Vorhaben notwendig ist.

In 24 Kapiteln und mit einer Fülle von Literaturhinweisen wird die turbulente Entwicklungsgeschichte dieser stets in Opposition zum Zeitgeist stehenden Schule von den Anfängen bis zur Gegenwart nachgezeichnet. Kurze Biographien deren miteinander keineswegs stets einigen Vertreter bieten zugleich erhellende Einblicke in die Zeitgeschichte. Sehr interessant ist etwa das Kapitel zu Josef Schumpeter, einen der auch heute noch häufig zitierten Exponenten der Wiener Schule: Jüngster Universitätsprofessor in der Monarchie, 1919 Finanzminister einer roten Regierung und wenige Jahre später Präsident der Wiener „Biedermann-Bank“, die er in den Ruin führte.

Ein von ihm seinem Tagebuch anvertrauter Gedanke verdeutlicht seine schillernde Persönlichkeit: „Relativismus liegt mir im Blut.“ Eine Charakterisierung, die auf die übrigen „Austrians“ eher nicht zutrifft…

Die „Österreicher“, die ihr Brot mehrheitlich als Beamte verdien(t)en, standen und stehen im Spannungsfeld zwischen ihren theoretischen Überzeugungen und praktischen Sachzwängen. Dass mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs ein großer Teil von ihnen sich direkt in die staatliche Wirtschaftslenkung involvierte, ist zweifellos als Sündenfall zu werten. Immerhin zog wenigstens Ludwig Mises – als einziger der Gruppe – einen Dienst an der Front der Arbeit im Auftrag der Lenkungsbürokratie vor, was ihn moralisch adelt – von seiner überragenden Bedeutung für die Theorie ganz abgesehen.

Die Erläuterung der „Praxeologie“, also der Theorie des menschlichen Handelns, die Ludwig Mises seinen wirtschaftlichen Gedanken zugrunde legte, findet in dem Buch ebenso ihren Platz, wie die Beschreibung der Auseinandersetzung mit John Maynard Keynes in der Zwischenkriegszeit, aus denen dieser als klarer Triumphator hervorging. Die von den „Österreichern“ entwickelte Theorie war für Gesellschaftsingenieure aller Art, ganz besonders aber für die politische Klasse, absolut unattraktiv. Von Lord Keynes indessen bekam diese zu hören, was sie hören wollte: Die absolute Unverzichtbarkeit staatlicher Lenkungseingriffe in die Wirtschaft, die Notwenigkeit zur Schaffung einer künstlichen Staatsnachfrage in Krisenzeiten und die unverhohlene Aufforderung, sämtliche Wirtschaftsabläufe am Ende unter Kuratel der politischen Eliten zu stellen.

Es darf also nicht verwundern, in welch beklagenswerter Position die Wiener Schule sich vor und während des Zweiten Weltkrieges, der Zeit ihres völligen Niedergangs, befand. Danach kam es, gegen den Widerstand des auch im Frieden beharrlich persistierenden Kriegssozialismus, zu einer keineswegs stürmischen Renaissance, die maßgeblich mit dem Namen Friedrich August von Hayek verbunden war. Er kam später, 1974, als einziger „Austrian“ zu Nobelpreisehren. Die Vorstellung der heute aktiven Generation von Ökonomen, die in der „österreichischen“ Tradition stehen, vervollständigt das in dem Werk gezeichnete Bild. Das Buch eignet sich sowohl als Einstiegslektüre, als auch für „Fortgeschrittene“, die darin viele Einzelheiten finden werden, die im Allgemeinen wenig bekannt sind.

 

Literatur:

Eugen Maria Schulak und
Herbert Unterköfler: Die Wiener Schule der Nationalökonomie

07. Oktober 2010

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