14. September 2010

Liberaler Aufbruch im Spiegel der Kritik Severin Weiland hat Sackratten

Die Körperzellen rocken und die Gegenwut steigt

„Unser Kollege Severin Weiland hat Sackratten“, raunte mir neulich ein Redakteur eines Deutschen Nachrichtenmagazins zu. Ob es stimmt, weiß ich nicht, man kann es ja mal so stehen lassen. Ob es den Informanten gibt, wird ja auch nie irgendwer erfahren.

Severin Weiland jedenfalls arbeitet mit diesen Methoden. „FDP-Rebellen nerven Westerwelle“, beschreibt der Qualitätsjournalist heute auf einer vielbesuchten Internetseite den „liberalen Flügelkampf“. Ein „Bündnis von Unzufriedenen“ sorge bei Westerwelle und seinen Gespielen „für helle Aufregung“. Soweit, so gut.

Doch dann wird Weiland richtig konkret: „Empörung im Bundesvorstand“ – lautet das Kapitel, in dem der Leser erfahren möchte, wer von den Blaugelben denn da die rote Rübe bekommt. Weiland benennt seinen ersten „Informanten“ klar und deutlich: „Ein Mitglied des Bundesvorstands“, taufen wir ihn Embu, den Sackratteninformanten, sagte nämlich zu Herrn Weiland, bezogen auf die Gründung des Liberalen Aufbruchs: „Das ist bislang der größte Beitrag zur Schwächung des Liberalismus in Deutschland.“ Oha!

Der zweite Filzlauszuträger ist vielköpfig an der Zahl und spricht genau drei Worte. Sein Name ist „Andere in der Bundestagsfraktion“. Adbu also tuschelt nur: „Kollektiv der Frustrierten“. Nana!

Doch Kollege Weiland outet noch einen dritten Gewährsmann der Phthirus pubis. Es ist Ewbu, „ein weiteres Bundesvorstandsmitglied“, das da murmelt: „Das ist ein Zusammenschluss von Euroskeptikern und Klimawandel-Leugnern. Ob das die Triebfeder für Liberale ist, wage ich zu bezweifeln.“ Potzdonner.

Der vierte Zeuge schreibt unter Pseudonym im Onlinelexikon. Unser Redakteur hat sich nämlich bei Wikipedia über einen Ökonomen informiert und herausgefunden, das Positionspapier des Aufbruchs „atmet die Ideenwelt Friedrich August von Hayeks, der einer der großeren [groß, größer, großerere Qualitätsjournalisten schreiben sö] Vertreter des Ultra-Liberalismus war. Staatliche Eingriffe lehnte der spätere Nobelpreisträger ab, sah in ihnen gar einen Weg zur Diktatur.“

Euroskepsis, Klimawandelargwohn, Hayek, Demokratiekritik – so lautet das Arbeitsprogramm für den Liberalen Aufbruch. Schönen Dank für die Hinweise, möchte man mit Frank Schäffler und Carlos A. Gebauer meinen. 

Sofern es Severin Weiland tatsächlich gibt und er sich seine Existenz wie die seiner „Informanten“ nicht nur ausgedacht hat, bleibt die Frage: Wer schreit denn da so laut vor Angst? Kommt die maskierte Nacktschnecke aus der Partei oder aus dem Medium, das sich ärgert, die Exklusivmeldung über die Gründung des Aufbruchs bei der Konkurrenz gelesen haben zu müssen?

Alexander Kissler meinte neulich an dieser Stelle: „Politik heißt das Reich, in dem das Misstrauen universal ist, der Vertrauensbruch ubiquitär und in jedem Parteifreund ein Schwestermörder steckt.“

Körperzellenrocker Volker Zastrow beschrieb die soufflierende Classe politique und ihre medialen Helfershelfer mit den großen Ohren, „die auf der eigenen Schleimspur Karriere machen nach oben, ganz oben“ in einem anbetungswürdigen „FAZ“-Beitrag kürzlich so: „Es ist nur noch widerlich, würdelos, pflichtvergessen.“

Nur hatten die Embus, Adbus, Ewbus und Severins nicht mit der „Gegenwut“ gerechnet, die sich allzu lange aufgestaut hatte und nun plötzlich entfaltet. Die Dissidenten werden mit jedem Tag zahlreicher und lauter: Broder und Matussek im „Spiegel“, Jäger und Zastrow in der „FAZ“, Helmut und Harald mit Nachnamen Schmidt. Die Mauer muss weg! Auch das Parteiensystem steht vor einem Orkan. Der Liberale Aufbruch ist ein Element dieser Urgewalt, und man wird sie nach den katastrophalen Wahlniederlagen mangels bürgerlicher Beteiligung im kommenden Frühjahr erst richtig spüren. Dann wird sich zeigen, dass die herrschende Charakter-Negativauslese es selbst in der einzigen Disziplin, die sie in Ansätzen beherrscht, nicht kann. Sonst hätte ihr grenzenloser Opportunismus ihnen beizeiten heimgeleuchtet, dass sich der Wind längst gedreht hat.

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