03. September 2010

Gestern bei Maybrit Illner Die Henryk-M.-Broder-XXL-Show

Pro: Mit dem Zweiten sieht man etwas besser

Thilo Sarrazin legte gestern Abend bei „Maybrit Illner“ noch einmal nach: Eine „Hexenjagd“ werde gegen ihn veranstaltet, „die erste in Deutschland seit dem 17. Jahrhundert“. Er selbst verspüre aber Genugtuung, in seinen Worten einen „inneren Reichsparteitag“. Kanzlerin Angela Merkel habe sich als Literaturkritikerin verdingt und stehe damit „in der Tradition der Reichsschrifttumskammer“. Deutschland setzt zur Schnappatmung an.

Hätte Thilo Sarrazin dies alles wirklich gesagt, man wäre wohl übergegangen von der Hexenjagd zur endgültigen Lösung der Hexenfrage. Tatsächlich ließ ZDF-Illner anders als ihre ARD-Vorgänger Beckmann und Plasberg gestern nicht Sarrazin, sondern seinen wortmächtigsten Verteidiger in den Ring steigen: Der Journalist Henryk M. Broder, ohnehin ein Gewinn jeder Talkrunde, erschien bekleidet mit rotem Polohemd und roten Schuhen. Er war auch sonst in Topform.

Broder sprach all das aus, was Sarrazin selbst hätte sagen müssen, aber keinesfalls dürfen – und noch viel mehr. Der Farb- und Launeklecks inmitten des politisch korrekten deutschen Talkgraus erinnert im forschen Auftritt ein wenig an den Journalisten-Kollegen Michael Friedman, der zwei Tage zuvor noch gegen Sarrazin bei Plasberg vom Leder zog. Allerdings: Broder kämpft mit Vorliebe gegen die Großen und Mächtigen, während Friedman auf am Boden Liegende noch draufschlägt. Broder ficht mit Humor, Leichtigkeit und Selbstironie, wo der Kollege so peinlich egozentrisch daherschwadroniert, dass es den Zuschauer würgt. Selbst die leisen Nebenbemerkungen unterscheiden sich: Hier Henryk M. süffisant über wissenschaftliche Ergebnisse: „Hoffnungslos überschätzt und nach fünf Jahren ohnehin nicht mehr gültig“. Über Statistik: „Ich glaube nur Statistiken, die ich selbst gefälscht habe“, das stamme im übrigen von Joseph Goebbels. Und über das TV-Talk-Format: „Ja, wir haben über alles schon diskutiert“. Dort Michel F., der „Wanderers Nachtlied“ von Goethe nicht kennt, aber gewichtig und sehr erwachsen einwirft: „Dafür kenne ich andere Lieder, die Herr Sarrazin nicht kennt.“ Friedman stellt sein Gegenüber bloß, Broder entlarvt lediglich die Diskussion. Friedman haut auf persönlich Anwesende im Stakkato mit dem Holzhammer – „Sie sind Men! Schen! Ver! Ach! Tend!“ – und verwandelt sich bei Gegenwehr in die beleidigte Leberwurst. Broder wirft gegen jene, die er nicht so sehr mag, gezielt Galanterien ein wie: „Ich finde, wir brauchen mehr Deutsche, die so gut aussehen wie Sie!“. So, dass sich das Gegenüber noch artig bedankt. Lediglich bezogen auf Friedman selbst wurde Broder kürzlich auch einmal direkter; Kollege Koks sei schlicht ein „selbstverliebtes Riesenarschloch“.

Aber auch andere Gäste in Illners großer Henryk-M.-Broder-Show unterschieden sich wohltuend von der Tribunalrunde bei Beckmann und der überkorrekten Langweiler-Show Plasbergs. Das mag auch daran gelegen haben, dass Illner nur einen einzigen Politiker eingeladen hatte, einen Grünen: Cem Özdemir zeigte, falls es nicht an den Genen liegt, dass er ein besseres Elternhaus genossen haben muss als seine Kolleginnen Roth oder Künast. Dass wir das noch erleben dürfen: Dieser Grüne konnte zuhören!

Der Journalist Bernd Ulrich wurde wie Özdemir als Kritiker Sarrazins aufgeboten. Er hatte zusammen mit einem Kollegen für die „Zeit“ das erste große Interview mit Sarrazin geführt. Wir erinnern uns: Sein Vater war Gärtner. Auch dieser hatte ihm jene Manieren beigebracht, an denen es so vielen Anklägern in den beiden Sendungen zuvor mangelte. Eine, die besonders ausfällig wurde, war die bei Beckmann noch zugeschaltete Integrationsforscherin Naika Foroutan, die nun bei Illner nicht mehr den älteren Herrn Sarrazin unter aufhetzend-wohlwollendem Gelächel von sieben Mitanklägern in einem fort beleidigen durfte, sondern Henryk M. Broder zum Fraß vorgeworfen wurde. Das Publikum stöhnte laut auf, als sie sich die erhöhte Hartz-IV-Quote bestimmter Einwanderergruppen damit schönrechnte, dass es unter den autochthonen Deutschen schließlich mehr Rentner gäbe. Die halbiranische Politologin ist, Macho Broders Blicken war es nicht entgangen, hübscher als die deutsche Durchschnittfrau. Günstig also, wenn sie kein Kopftuch trägt. Dass die kesse Schöne allerdings ständig von „wir“ sprach und damit auf ihrer vermeintlichen Sonderstellung als muslimische Frau in Deutschland bestand, könnte neben ihrem vermeintlichen Glauben und mancherlei Unansehnlichkeit überemanzipierter deutscher Weibsbilder ganz andere Gründe haben. Das Sein bestimmt das Bewusstsein: Frau Foroutan verdingt sich auf Steuerzahlerkosten als Leiterin eines Projekts „Heymat“, das bewusst mit Y geschrieben wird. Dessen erklärtes Ziel beschreibt der Schriftsteller Richard Wagner mit der „Selbstaufgabe der Einheimischen“. Sie lebt also schlicht von dem, was sie spricht.

Doch selbst das hübsche Hühnchen Foroutan fand bei Illner ihr Körnchen: Sarrazin, warf sie ein, mache die Probleme an der Religion des Islam fest. Dabei sei doch nach allen gängigen Erhebungen auffällig, dass zwar Türken und Araber Kriminalitäts- und Sozialhilfestatistiken anführen und bei der Bildung am Schluss liegen, dass aber Afghanen und Iraner in diesen Punkten am jeweils anderen Ende der Skala selbst jenseits der autochthonen Deutschen platziert seien. Mit anderen Worten: Perser gewinnen Mathematikwettbewerbe, Araber eher nicht. Sollte es am Ende doch mehr an den Genen liegen als an der Religion? Autsch!

Hinzugeholt wurde dann von Illner noch ein Berliner Ex-Polizist mit Migrationsselbstverständnis. Womöglich hätte ein urdeutscher Hauptschullehrer oder echter Pott-Polizist aus Duisburg-Marxloh mehr Aufklärung versprochen. Rechnet man Murat Topal mit ein, besserte als letzter Gast der Schweizer Journalist Roger Köppel das Verhältnis zwischen Sarrazin-Freunden und -Gegnern auf öffentlich-rechtlich gerade noch tolerierbare Zwei gegen Vier auf. Doch am gestrigen Abend hätte es Broder mit Leichtigkeit auch alleine gegen die Mafia aufgenommen.

Köppel wies am Tag der beantragten Entlassung Sarrazins aufgrund unerwünschter privater Meinung darauf hin, dass in Deutschland Meinungsfreiheit kaum mehr bestehe, nicht zuletzt deshalb, weil so etwas wie seine „Weltwoche“ als Korrektiv fehle. Nun ist man beim Grevenbroicher Monatsblatt gewohnt, übersehen zu werden. Im Münchner Hause Burda aber werden sie laut aufgeschrieen haben. Vorbild Köppel jedenfalls hätte es sich nicht entgehen lassen, in der vorhersehbaren großen Sarrazin-Woche in Deutschland mit dessen Konterfei zu titeln und die Diskussion politisch unkorrekt bereits im Ansatz zu kontern.

Bei Illner durfte sich Köppel dank Spiderman Broder zurückhalten und auf den Kern der Debatte verweisen, an dem auch gestern weitgehend vorbeigetalkt wurde: Sarrazin, so Köppel, wollte doch vor allem auf die systematischen Fehlanreize des deutschen Sozial- und Wohlfahrtsstaats hinweisen. Es war erneut Henryk M. Broder, der auch hier sinngemäß präzisierte: Je mehr Geld wir in die Bekämpfung von Armut stecken, desto mehr vermehrt sie sich. Dasselbe gilt für die „Kohle in die Bildung“ und die immer schlechteren Ergüsse aus dem Menschen-Trichter der steuergeldgemästeten staatlichen Bildungsanstalten.

Auch Sarrazins ebenso tabuisiertes Nebenthema wurde von Köppel immerhin angedeutet – die Kriminalität. Seltsam, wenn auch in der dritten großen Talkshow zum Thema der Name „Kirsten Heisig“ nicht einmal fällt.

Dass ausgerechnet Thilo Sarrazin sich gerade im sozialstaatlichen Kern der Diskussion selbst widerspricht, auch das machte dann Köppel deutlich. Sarrazin fordert nämlich eine staatliche Gebärprämie von 50.000 Euro für Studentinnen. Politiker Özdemir und Politologin Foroutan – beide zahlen als öffentlich Besoldete netto gar keine Steuern – hielten dagegen und wollten mit dem entsprechenden Steuergeld der anderen lieber direkt die eigene Sozialindustrie subventionieren. Beides, so Köppel, sei doch irgendwie „typisch deutsch“. Besser sollte man in diesem Lande endlich Steuern und Abgaben senken und die Leute für sich selbst sorgen lassen.

Das – und dies sei hinzugefügt – sollte auch und vor allem für die Sozialhilfe gelten, die Menschen lethargisch und unmündig macht. Sie gehört schlicht abgeschafft. Und bestehende Gebärprämien für das Prekariat sind eine ebensolche kinderschänderische Perversion wie sie es nach dem Modell Sarrazin auch für Akademiker noch werden könnten. Kinder, die nicht aus Liebe in die Welt gesetzt werden, sondern als Einnahmequelle, auf solche – und hier sei das Diktum Michel Friedmans an die richtige Stelle geschoben – menschenverachtende Gedanken können wohl tatsächlich nur Politiker und Bürokraten kommen. Gleich, ob sie von der Leyen, Özdemir, Foroutan oder Sarrazin heißen.


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