31. August 2010

Sozialdemokrat Sarrazin vor Beckmanns Tribunal Genosse Abweichler gemeldet

Bericht von Radio Eriwan

Gibt es ein Gutmenschen-Gen? Reinhold Beckmann bewegt sich wie Johannes B. Kerner, er lächelt so, er spricht wie dieser, auch Gestik und Mimik stimmen seltsam überein, selbst das Äußere lässt mehr als nur eine Geistesverwandtschaft vermuten.

Knapp drei Jahre nach Kerners legendärem Tribunal gegen Eva Herman war gestern wieder Präsentation angesagt im deutschen Staatsfernsehen wie einst vor dem Pranger am Marktplatz. Der Schauprozess wurde diesmal von Zwillingsbruder Beckmann geleitet. Doch an den Genen liegt nicht alles – höchstens 50 bis 80 Prozent – das machten spätestens die Gäste klar.

Kam Kerner noch mit drei Sekundanten und einem zugezogenen Ankläger aus, so bemühte Beckmann vier Zeugen der Anklage plus drei „embedded“. Inklusive Scharfrichter lautete das Spiel Acht gegen Einen.

Nein, an den Genen liegt es gar nicht. Vieles war diesmal anders. Man hatte sich vorbereitet und das am Ende doch irgendwie doch misslungene Beispiel Kerner gut studiert.

Renate Künast war besser gewappnet als Senta Berger – sie hatte das Buch, um das es ging, gelesen. Aygül Özkan war netter als Margarete Schreinemakers – und duldsamer gegen den verirrten Geist vor ihr. Hauptankläger Ranga Yogeshwar schließlich wollte kompetenter und hintergründiger wirken als Wolfgang Wippermann, der Wissenschaftler.

Ranga Yogeshwar entpuppte sich gestern Abend ein wenig als jener Typ Folterknecht, der während der Verrichtung seines Handwerks noch nett lächelt. Man spürte, dass der von Beckmann immer wieder vertrauensvoll ins Spiel gebrachte „der Ranga“ einer dieser verdammt seltenen Typen sein könnte, die als Kind bei Lehrern und Schülern gleichermaßen unbeliebt waren und mit denen sich dennoch nie jemand angelegt hat. So etwas prägt. Auch bei der Berufswahl. Ganz unabhängig von den Genen.

Der Schriftsteller Richard Wagner erlebte den Fernsehabend bei Beckmann, „dem souveränen Sprecher von Buckeldeutschland“ gestern wie folgt: „So verschieden die Menschen, die um den Tisch saßen, auch waren, eines hatten sie gemeinsam, den Abstand zur Unperson, die dem Gastgeber gegenüber saß, und als wäre das nicht schon der Ehre genug, auch noch mitreden wollte. Dabei war er in die Runde gar nicht aus dem Grund eingeladen worden, sondern um ihm die Leviten zu lesen, und zwar vor den Augen der gesamten Nation. Früher nannte man es einen Schauprozess. Aber wir wollen nicht übertreiben. Der Rest der Runde bestand aus Empörten und Anklägern, aus Claqueuren. Sie übertrafen sich geradezu in der Verurteilung von Statistik und Genetik, und allem anderen aus dem Nähkästchen des Übeltäters, das er zwecks unglaubwürdiger Schilderung von Realität in Deutschland bei sich trug.“

Realität? Die wurde konsequent ausgeblendet, und „davon hatten die Anwesenden anscheinend bis dato nur wenig gehört. Jedenfalls hatten sie recht wenig mit der Realität im Sinn. Frau Künast schilderte, sie habe das Buch im Zug nach Hamburg gelesen, 464 Seiten sind es, eine echte Leistung, muss man ehrlich zugeben. Neben ihr saß das Beispiel einer vorbildlichen Integration, Halb-Inder und allen kindlich gebliebenen bekannt durch seinen Wissenschaftszauber im Gebührenguckkasten. Aufgrund seiner immensen Kenntnisse aus den Naturwissenschaften versetzte er den Autor kurzerhand um 200 Jahre zurück. Das hätten wir auch gerne gehabt. Darwin statt Ranga Yogeshwar. Das Buch sagte er, tauge gar nichts, es sei vollkommen überflüssig, oder so ähnlich, warum aber stört es dann so?“

Ranga Yogeshwar war bis gestern Abend – und das womöglich erstmals in seinem Leben – beim staunenden deutschen Fernsehpublikum, dem er galant „Quarks und Co.“ sowie „W wie Wissen“ näherbrachte, äußerst beliebt. Hier im Kika für die Älteren redete er fein in Szene gesetzt nie über oder gar gegen andere Menschen, sondern stets über amüsante Experimente und spannende Erkenntnisse. Gestern Abend aber könnte die Karriere Ranga Yogeshwars ihren Zenit überschritten haben. Verrat erfährt Liebe, der Verräter nie. Der Ranga darf sich bei Johannes K. im Unterschichtenfernsehen erkundigen, wie schnell es mit den einst netten Jungen von nebenan auch abwärts gehen kann, wenn sie ihr wahres Gesicht gezeigt haben.

Auf „der anderen Seite des Tisches“ sah Richard Wagner „unsere erste muslimische Ministerin aus Hannover, die unlängst aufgefallen war, weil sie unsere Kultur durch eine Verpflichtung der Medien zur kultursensiblen Berichterstattung bereichern wollte. Sie dachte damit wohl unsere Demokratie etwas origineller zu gestalten und sie mit etwas weniger Pressefreiheit zu belasten. Kultursensibel ist übrigens ein Begriff aus der Altenpflege. Die Ministerin wurde an diesem würdevollen Abend nicht darauf angesprochen. Es war ja auch nicht der Grund ihrer Anwesenheit.“

Neben ihr, so Wagner, „saß ein gewisser Olaf Scholz, der schon länger nicht mehr zu sehen war, er sitzt ja auch bloß im Vorstand der SPD, und es gab keinen Grund von dieser Partei zu reden, ihr bekanntestes Mitglied zurzeit ist der bereits erwähnte Sarrazin, aber auch das soll sich, wie Scholz uns versicherte, ändern. Sarrazin fliegt raus. Dann sind alle Menschen wieder gleich, zumindest in der SPD.“

Scholz war es auch, der darauf hinwies, dass „alle hier“, sogar der Angeklagte, sich am Ende in den Forderungen einig seien: Immer noch mehr „Geld in die Bildung“ und als Endziel die lückenlose staatliche Kinderverwahranstalt für die Kleinsten von Geburt an bis zur Volljährigkeit, vorerst. Scholz war es schließlich auch, der die anzustrebende Lufthoheit über den Kinderbetten einst ausrief und der mit Ursula von der Leyen nun stolz verkünden darf: Gegenstimmen gibt es nicht mehr, nicht einmal die von Thilo Sarrazin.

„Aber zurück zur Sache“, meint auch Richard Wagner: „Ab und zu durfte sogar Sarrazin etwas sagen, doch im Grunde hätte die Pokerfacerunde, die um den Tisch saß, die Gespräche auch ohne ihn führen können, sozusagen ungestört.“ Ja, die Pokermiene war neu, waren doch mimische wie sprachliche Ausfälle einst bei Kerner allzu verräterisch. Also lächelte jeder – bis auf die Zugeschalteten – den Angeklagten nett an und kein einer schrie hysterisch „Autobahn“. Wobei, Renate Künast, das war spürbar, fiel diese Contenance schwer. Kollegin Roth wäre an einer solchen Aufgabe gescheitert. Und so entfuhr dann Künast doch wenigstens ein leiser, lange unterdrückter, nicht vollends geruchsneutraler Geistesfurz: „Schäbig“ sei Sarrazin. Der Grund: Thilo, der Noch-Bundesbanker, wollte auch nach zweimaliger investigativer Nachfrage Beckmanns partout nicht verraten, welchen Anteil seiner Tantiemen er für die gute Sache, also natürlich in die Bildung der Migranten, spenden wollte. Schäbig? Schäbig. Furchtbar schäbig.

Der denkwürdige gestrige Tag hatte mit der Pressekonferenz zur Vorstellung des Sarrazin-Buches begonnen. Und alle waren sie gekommen, sogar Michel Friedman. „Wer immer schon mal die Chefredakteure aus der öffentlich-rechtlichen Parallelgesellschaft, und ihre Stellvertreter dazu, zu Gesicht bekommen wollte, hatte seine große Gelegenheit“, beschreibt Richard Wagner die skurrile Veranstaltung: „Darüber hinaus konnte man sich von ihren jeweiligen rhetorischen Fähigkeiten überzeugen, denn die Redekunst war mächtig gefordert. Es galt nicht mehr und nicht weniger, als die Demokratie zu verteidigen, zumindest das, was noch von ihr übrig ist, den eigenen Realitätsverlust, und die Migranten dazu. Wer genau hinsah, erkannte es auf den ersten Blick: Fast jeder dieser bedeutenden Männer von der obersten Etage hielt beim Reden jeweils einen Migranten im Arm oder hatte ihn wenigstens auf der Schulter sitzen, und zwar mit einer Leichtigkeit, die schon dem oberflächlichen Betrachter verriet, dass die betreffenden Migranten auch sonst auf der Schulter herumgetragen werden, und zwar mit einer Empathie, wie sie nur in Deutschland möglich ist.“

Kollege Marko Martin hatte den Mittag in Berlin ähnlich erlebt und seine Gedanken dazu ebenfalls bei der „Achse des Guten“ im Internet publiziert: „Zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung war es wieder da, jenes aus totalitärer Geisteshaltung geborene Ritual des wohligen Abstrafens.“ Dabei genügte auch Martin „ein Blick in die pflichteifrig empörten Journalisten-Gesichter, um sich die gleichen Physiognomien auch zeitversetzt vorstellen zu können, nämlich bei SED-Parteiversammlungen unserer Medienschaffenden: Da gab es die subjektiv aufgebrachte Volontärin, den ‚Alten Hasen’ alias müden Funktionär, dazu die wie automatisch Kopf schüttelnden und zischenden Nebenfiguren – nicht einmal der Typus ‚besorgter Genosse’ durfte fehlen, welcher manchen Analyse-Aspekten des Delinquenten zwar unter Vorbehalt durchaus zuzustimmen geneigt gewesen wäre, allerdings den ‚objektiv angerichteten Schaden’ dann für zu hoch hielt.“

Kaum „hatten wir uns gefragt, wie wohl zu jenen Zeiten die heutige Journalistenschar agiert hatte, sahen wir auch schon den Generalsekretär einer kleinen Partei, die sich als liberal bezeichnet. Hier allerdings wurde nicht nur Sarrazin gescholten, sondern die SPD – ‚die dies hätte wissen müssen’ – gleich mit in Haftung genommen. Fehlende Wachsamkeit, Genossen! Spätestens in diesem Moment aber beschließen wir, alles für eine gelungene Satire zu halten. Doch wie täuschend perfekt unsere eloquenten Demokraten da gerade ein kleines Orwellsches Schauspiel aufgeführt hatten…“

Vor der Pressekonferenz demonstrierten ein paar Widergänger der Sturmabteilung dagegen, dass „der Umstrittene“ dort seine Meinung überhaupt noch kundtun durfte. Ihre Argumentation: „Halts Maul!“. Und: „Sarrazin gehört im Keim erstickt!“. In der Tagesschau hörte sich das so an: „Etwa 70 Menschen aus Gewerkschaften, SPD, Grünen und Linken forderten bei einer Gegendemonstration: Stopp den Rechtspopulismus." Die rund zweiundsiebzigtausendfünfhundertsiebenunddreißig anderen Ansammlungen von „70 Menschen“ und mehr an jenem Tag in Deutschland waren aber auch – gut. Nur, und das vergaßen die Staatsfunker dann doch zu erwähnen, sie riefen nicht unbedingt gleich zu schweren Straftaten auf. Die Veranstalter im „Bündnis gegen rechts“ zeigten Sarrazin nämlich aufgehübscht in einer Fotomontage in der Lage des von der Bewegung 2. Juni 1975 entführten CDU-Politikers Peter Lorenz. Ein Schild, das Sarrazin vorerst nur virtuell im „Volksgefängnis“ umgehängt wurde, trug die Aufschrift: „Endlich mal das Richtige tun“.  

Und was schreibt die Qualitätspresse heute zu all dem? Interessiert es noch irgendwen? Es sind kaum zufällig hoch sensible Schriftsteller mit persönlicher Diktaturerfahrung wie Martin und Wagner – oder zuweilen auch Thorsten Hinz und Michael Klonovsky –, die Einspruch noch erheben auf abgelegenen Internetseiten. Richard Wagner lebte in Rumänien unter der sozialistischen Diktatur Nicolae Ceausescus. Er wurde bespitzelt, verfolgt, mit Arbeits- und Publikationsverbot belegt. Er schließt: „Als ich vorsichtig den Fernseher ausmachte, dachte ich bei mir: Jetzt ziehen die alle heimwärts in die Quartiere, in denen sie Tür an Tür mit diesen netten Arabern wohnen, die ihnen wortreich für die Verteidigung der Deutschen Demokratischen Republik gegen Sarrazin und sein Machwerk gratulieren. Ich aber griff ins Bücherregal, nach Gryphius und Heine, nach Eichendorff und Georg Heym, legte mich schlaflos ins Bett und begann zu meinem Trost zu lesen.“


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