29. August 2010

Sarrazin, Thema der zweiten Jahreshälfte Provokateure an den Bundespranger

Über eine Auseinandersetzung auf der Metaebene

Aus der Ferne sieht alles anders aus, durch ein Fernrohr betrachtet, wachsen die Details und das große Ganze schrumpft zum kleinlichen Streit. Weit weg, am anderen Ende der Welt, wurde nach WM-Euphorie, Kachelmann-Krimi und Loveparade-Drama mitgebangt, was wohl als nächstes großes Ding am Medienhimmel irrlichtern würde. Nun ist es raus und die Erleichterung gebenso groß wie das Kopfschütteln hochfrequent: Thilo Sarrazin, die Integrationsdebatte. Intelligenzforschung. Der sowjetische Anti-Genetiker Lyssenko. Die Augen zu, die Reihen fest geschlossen und Gegenstimmen störrisch überhört. Daraus macht Deutschland im Sommer 2010 eine leidenschaftlich geführte bizarre Debatte um des Muezzins Bart.

Eine Wortmeldung dazu aus Amerika: Auch am Beginn des 21. Jahrhunderts scheint die Meinungsfreiheit nicht gerade unabdingbar zu sein für ein Funktionieren der deutschen Öffentlichkeit. Legislative, Exekutive und die mittlerweile anscheinend schon verstaatlichten Medienkombinate tragen das Entsetzen über ein Buch in schönster Geschlossenheit vom Sommerloch in einen Herbst, dessen kompletter Talkshow-Besetzungsplan jetzt schon fest stehen dürfte.

Ebenso steht der Sachbuch-Bestseller der zweiten Jahreshälfte fest, nämlich der gesetzte, gedruckte und gebundene ausgestreckte Mittelfinger eines Politprofis, der keiner mehr sein muss. „Deutschland schafft sich ab“ dürfte nach Lage der Dinge das am heißesten, hysterischsten und dümmlichsten diskutierte noch nicht erschienene Druckwerk sein – vielleicht zusammen mit Teil 2 der Mohammed-Karikaturen von „Jyllands Posten“ und einer neuen Luxus-Ausgabe von „Mein Kampf“ mit Führer-Starschnitt im Samteinband.

Nach fünf provokativen Vorabdrucken in der „Bild“-Zeitung und einem Feature im „Spiegel“ ist Sarrazin als „bekennender Rassist“ enttarnt, als Menschen verachtender Makroökonom mit einem Araber-Problem, als zynischer Wiedergänger von Hitler-Flüsterer Ernst Haeckel. Was soll da erst noch rauskommen, wenn das knapp 500 Seiten starke Buch denn erst gelesen wurde?

Sarrazin wird es promoten und dabei, auch das ist so sicher wie der Muezzinruf vom Minarett, über Monate lang auf Diskutanten treffen, die die Linie der Staatsräson vertreten und sich dieses sowie jenes „verbitten“, wahlweise mit Verweisen auf „die Würde des Menschen“, „das Grundgesetz“ oder auch „unser Miteinander“. Um sich warmzulaufen, schaute der 65-jährige Bundesbank-Vorstand, der als solcher längst ausgesorgt hat, in der Redaktion der stolzen Hansestädter „Zeit“ vorbei.

Das dabei entstandene „Interview“ ist ein so herausragendes Dokument dessen, was in diesem Land völlig aus dem Ruder gelaufen ist, dass es überraschen würde, könnte Sarrazin dies in seinem Buch selbst besser auf dem Punkt bringen. Hier treffen zwei vorgebliche Journalisten als Profikiller mit Totschlagargumenten an, um dem bösen Uhu Sarrazin mit der Moralkeule den Gnadenschlag zu verpassen. Jeder halbwegs mitfühlende Mensch muss dabei sehr schnell unverfälschtes Mitleid empfinden – nicht für Sarrazin oder die Muselmänner und -frauen: Sondern für die Vertreter einer medialen und politischen Gesinnung, die völlig ohne Zweifel auch im Dritten Reich oder in der DDR Karriere hätte machen können.

Aber es ist mehr als ein Disput zwischen Personen, es ist eine Auseinandersetzung auf der Metaebene: Verwaltungsstatistik gegen Milchmädchenrechnung, argumentative Präzision gegen diffuse Empörung, Wissenschaftlichkeit gegen Ideologie. Und nicht zuletzt: das Recht auf eine Meinung, wünschenswerterweise auf rationale Argumente gestützt und innerhalb geltender Gesetze publiziert versus öffentliche Diskreditierung durch medienübergreifende Emotionalisierung nebst der kompletten Negierung von Meinungsvielfalt als demokratisches Grundprinzip. Sarrazin ist in diesem Kontext schlicht nur der Nächste, der sich selbst auf die Warteliste für den Bundespranger gesetzt hat. Was, einen Bundespranger gibt es noch nicht? Dann wird es aber „Zeit“.

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Der vorstehende Artikel erschien zuerst auf Politplatschquatsch. Wir danken für die Genehmigung zur Zweitveröffentlichung.


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