26. August 2010

Werbekampagne von Kanzlerin bis Zentralrat, von SPD bis Grünen Alle lieben Thilo Sarrazin

Man sieht sich in der Kerner-Show auf Arte

Politiker aller etablierten Parteien sind sich einig: Thilo Sarrazins neues Buch ist in höchstem Maße bemerkenswert. Die grüne Partei der Besserverdienenden ist besonders angetan vom Bundesbanker. Moskau-Experte Volker Beck spricht von „Hasstiraden“ Sarrazins und ergänzt: „Lieber Herr Sarrazin, nicht ihre scheinbar so geliebte deutsche Volksgemeinschaft ist in Gefahr, sondern Anstand, Vernunft und Menschlichkeit. Wem auf gesellschaftliche Herausforderungen in einer multikulturellen Demokratie nur Beschimpfungen der ohnehin schon Benachteiligten einfallen, hat nicht verstanden, dass Integration ein wechselseitiger Prozess ist.“

Der deutschstämmige Parteivorsitzende Cem Özdemir nennt Sarrazin einen „Stammeskrieger, wie ihn sich ein Bin Laden nur wünschen kann“. Seine Beifahrerin im Parteivorsitz, die grüne Bildungsexpertin Claudia Roth, fordert Sarrazins Entlassung aus dem Vorstand der Bundesbank.

Auch die SPD äußert sich zu ihrem heimlichen neuen Vorsitzenden. Noch-Parteichef Sigmar Gabriel versucht mit einem alten Grundschülertrick so abzulenken: „Wenn Sie mich fragen, warum der noch bei uns Parteimitglied sein will – das weiß ich auch nicht.“ Seine Generalsekretärin Andrea Nahles, wie Siggi Pop ein Kind aus einfachen Verhältnissen, das sich durch den zweiten Bildungsweg in nächtlichen SPD-Ortsvereinssitzungen nach ganz oben gearbeitet hat, ergänzt: „Sarrazin missbrauch den Namen der SPD.“ Er sei im Übrigen, und dies wirklich nur nebenbei, ein „unterbeschäftigter Bundesbanker mit ausgeprägter Profilneurose“.

Auch Angela Merkel, ehemalige FDJ-Sekretärin und heute Nachlassverwalterin einer alten Volkspartei sowie Abwicklungsbeauftragte einer untergehenden Republik, sei, so wird verlautbart, wirklich – „not amused“.

Überraschend äußert sich diesmal auch der Zentralrat der Juden in Deutschland. Generalsekretär Stephan Kramer verteilt ausnahmsweise Noten. Eine Eins-Plus für Gabriel – es sei ausdrücklich zu „begrüßen“, dass sich der SPD-Chef „unverzüglich“ von Sarrazin und seinen „Rassentheorien“ distanziert habe. Eine Sechs-Minus, versteht sich, für Thilo S.

Doch nicht nur das. Den gefühlten 95 Prozent im Volk, die Sarrazin und dessen unsagbaren Thesen zustimmen, wie jeder Blick in beliebige Leserspalten des Internets verrät, gibt Kramer auch gleich eine unkonventionelle Wahlempfehlung: „Ich würde Herrn Sarrazin den Eintritt in die NPD empfehlen, das macht die Gefechtslage wenigstens klarer.“

Mehr noch als die NPD darf sich Thilo Sarrazin und sein Buchverlag über die kostenlose Mega-Werbekampagne freuen. An der beteiligt sich schließlich auch die „Bild“. Das im Gegensatz zu den genannten Politikern auch am Markt tätige Arbeiterblatt aber hat seine Lektion im Fall Eva Herman gelernt: Rufmord zahlt sich seit Beginn des Internetzeitalters allenfalls für die Opfer aus. Die Täter können nur verlieren. Johannes B. Kerner weiß ein trauriges Schicksalslied davon zu singen, während Eva Herman in den Bestsellerlisten ihre Bücher bestens verkauft. Beck, Özdemir, Gabriel, Nahles, Merkel, Kramer und Co. könnten bald mit einstimmen, in den Chor der gefallenen Denunzianten gegen das eigene Volk. Und so druckt die „Bild“ statt Empörung – „ist er braun oder nur doof“ – lieber gleich seitenlang Thilo Sarrazins Originalaussagen aus dessen Buch. Es heißt „Deutschland schafft sich ab“ – und liegt noch vor dem offiziellen Verkaufsstart auf Platz Eins der deutschen Charts.


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