16. August 2010

Einheitsschule Teil 3 Ausweg aus der staatlichen Mangelverwaltung

Nicht welches Schulsystem ist die Frage, sondern wer darüber entscheidet

Mit Macht versucht die Politik seit kurzem wieder, das dreigliedrige Schulsystem durch die Einheitsschule abzulösen. Im ersten Artikel dieser dreiteiligen Serie wurde den tatsächlichen Erfolgen der Einheitsschule nachgegangen. Wie Studie auf Studie zeigt, können diese Schulen selbst bei bevorzugter Ausstattung bestenfalls mit dem Mittelmaß der Schulen des dreigliedrigen Systems mithalten. Im vorangehenden Beitrag wurden die jüngsten Bestrebungen der Politik analysiert, das – wenigstens für die Kinder – erfolgreichere dreigliedrige System durch die Einheitsschule zu ersetzen. In diesem letzten Artikel sollen eine Bewertung und ein Ausblick angeboten werden.

Warum überhaupt ein Schul-Monopol für die Politik?

Was hilft gegen die zentralplanerische Wirtschaft der Bildungsbürokraten der einzelnen Bundesländer? Die Lösung der Mainstream-Presse lautet: zentralplanerische Wirtschaft der Bildungsbürokraten des Bundes. „Die Konsequenz der deutschen Schulmisere wäre eine Kompetenzverlagerung von den Ländern zum Bund,“ so etwa der „Spiegel“. „Berufspolitiker mit einem großen Apparat, mit der Rückendeckung der Kanzlerin und dem Zugriff auf die Bundesfinanzen müssen sich dranmachen. (…) Die Grundfragen der deutschen Schulbildung können zentral als Ergebnis einer nationalen demokratischen Debatte verbindlich für alle Länder geregelt werden,“ hofft der Autor (Darnstädt 2010). Der „Spiegel“-Autor bleibt leider die Antwort schuldig, wie eine solche nationale demokratische Debatte aussehen sollte – vielleicht wie jene zur Abschaffung der D-Mark, oder zur Ablösung des Grundgesetzes durch den Lissabon-„Vertrag“, oder zur Umwandlung des Euro-Raums in eine Schuldnergemeinschaft mit dem deutschen Steuerzahler als Bürgen der letzten Instanz? Doch bevor man selbst danach fragt, könnte man sich wundern, seit wann Entscheidungen besser wurden, wenn die Politik sie noch weiter von den Betroffenen entfernt traf? Und wieso sollten die Verschwendung und die Schäden staatlicher Zentralplanung besser sein, wenn die Politik bundesweit einheitlich befiehlt?

Reformen, Petitionen und Demonstrationen der Eltern und wieder neue Reformen haben die Misere des staatlichen Schulmonopols nicht geheilt. Es an Bundesbürokraten zu übertragen – die im übrigen durch Volksabstimmungen überhaupt nicht mehr zurückzuhalten wären – wird eine Lösung nur noch mehr erschweren. Wo derart feine Methoden versagen, hilft nur noch der grobe Klotz: Erst wenn der Strom unseres Geldes in das Monopol der Politik versiegt, wird sich das Problem lösen.

Die Misere der deutschen Schulen ist allein ein Problem der staatlichen Schulen. Von Lehrermangel, Fehlstunden, Reformchaos, verunsicherten Lehrern, zornigen Eltern und unglücklichen Kindern hört man nicht, wenn man in Privatschulen blickt. Warum den Steuerzahler ohne Mitsprache für Schulsysteme zahlen zu lassen, die außer der Politik niemand will? Warum nicht die Politik und ihre Klienten aus den Schulzimmern entfernen und das gleiche Geld – oder sogar weniger, die Bildung eines Kind auf einer Privatschule erzeugt weniger Kosten als auf einer staatlichen – durch selber entscheidende Eltern an Anbieter zahlen lassen, die ihr Brot nur mit zufriedenen Kunden verdienen können? Das ist weniger ungewöhnlich, als es klingt. Man stelle sich vor, es gäbe Essen nur in Staatskantinen, deren Speiseplan genauso festgesetzt würde von zentralplanerisch wirtschaftenden Bürokraten. Vegetarier, Italien-Fans und Asien-Liebhaber würden sich um den Inhalt der Speisekarte bekriegen; gut-bürgerlich ginge gar nicht, da hätte man offenbar aus der deutschen Geschichte nichts gelernt. Die sich prügelnden Plebejer betrachtete die Politik mit einem Lächeln, und die Presse dürfte Schiedsrichter spielen. Die Idee, dass jeder für das Essen selber zahlen könne, das er bevorzuge, würde entrüstete Vorwürfe provozieren: Gesundes Essen könnten sich dann nur noch die Reichen leisten!

Doch der Wunsch nach freier Wahl der Familien muss keine Minderheiten-Meinung bleiben. Indem das Schulmonopol der politischen Klassen versagt, fragen sich immer mehr, aus genau welchen Gründen sie dem Zwang nachgeben, ihre Kinder weiter diesem Monopol zu opfern. Man lese sich die Online-Kommentare unter den Artikeln der Mainstream-Presse durch; sie schützt die Bürokraten nicht mehr vor dem Zorn der Eltern, die sich inzwischen selbst informieren.

Auch kann es nicht im Sinne eines seine Freiheit schätzenden Volkes sein, die Erziehung der Kinder in die Hände staatlicher Bürokraten zu legen. Wir würden es schließlich auch kaum schätzen, wenn der Staat die gesamte Presse und das Internet übernähme und damit die Kontrolle über unsere Information. Warum lassen wir dann zu, dass sie die Kontrolle über die Information und Erziehung unserer Kinder an sich reißt? Was ist ein zwangsfinanziertes Schulsystem, in dem die Kinder unter Zwang von Vertretern des Staates erzogen werden, anders als totalitär?

Stattdessen gehört die Entscheidung über die Bildung und ihre Finanzierung in die Hände der Familien. Der Einwand, dann würden nur die Reichen sich gute Bildung leisten können, ist nicht stichhaltig: Bereits heute staffeln Privatschulen ihre Gebühren nach dem Einkommen der Eltern und verteilen Stipendien. Es gibt auch keinen Grund anzunehmen, dass nach einem Ende des Staatsmonopols die Qualität nicht ebenso anstiege wie auch nach dem Sturz anderer Staatsmonopole. Was geschah denn, als der Staat seinen Griff um das Fernmeldemonopol und über einen Teil der Funkfrequenzen löste? So wie zuvor die Staatspost neuere, billigere und effizientere Alternativen und Vielfalt verhinderte, so verhindern heute die staatlichen Schulmonopolisten die Entdeckung besserer Alternativen. Und wer die „soziale Gerechtigkeit“ des staatlichen Zwangssystems vermisst, hat immer noch die Gelegenheit, solche Schulen freiwillig zu bezahlen und seine Mitmenschen gegebenenfalls durch sein erfolgreiches Beispiel zu überzeugen.

Worin würde hingegen die von der Politik angestrebte Gleichschaltung enden? Die Nivellierung der staatlich kontrollierten Bildung nach unten würde erst recht einen Boom der Privatschulen auslösen. Diese wird die politische Klasse nie abschaffen; schließlich brauchen die Ypsilantis und Schwabedissens für die eigenen Kinder etwas besseres als ihre staatlichen Einheitsschulen. Die auch heute schon bildungsnahen Familien würden die Einschränkung annehmen, neben den Steuern für die Staatsschulen auch noch die Gebühren für Privatschulen zu zahlen. Für die Kinder aller anderen blieben nur das Mittelmaß der Einheitsschulen.

Der Ausweg aus der Falle der Bildungspolitik

Was kann man als Eltern gegen die Gleichschaltung seiner Kinder tatsächlich machen? Bevor wir auf Erfolg auch nur hoffen können, müssen wir erkennen, dass es nicht Arm und Reich sind, die sich gegenüberstehen. Auch wenn die Systempresse es uns anders glauben machen will: Es gibt keinen Interessenskonflikt zwischen der Akademikerfamilie, die ihr Kind gerne im VWL-Seminar sehen würde, und dem Schlosser und der Apothekenhelferin, die von einer Zukunft ihres Kindes als Maschinenbauingenieur träumen. Es gibt einen Interessenskonflikt zwischen allen Eltern und dem Bildungsbürokraten, der erstere zwingt, ihm für seine willkürlichen Entscheidungen über deren Kinder auch noch eine Karriere zu bezahlen. Es gibt einen Interessenskonflikt zwischen produktiver und politischer Klasse.

Diese Erkenntnis ist alles andere als neu; sie stammt aus dem klassischen Liberalismus und wurde bereits 1837 durch Jérôme-Adolphe Blanqui zusammengefasst, lange bevor sich ein Karl Marx die Idee des Klassengegensatzes ausborgte: „In allen Revolutionen gab es immer nur zwei Klassen: jene Menschen, die von ihrer Arbeit leben wollen, und jene Menschen, die von jemand anderes Arbeit leben wollen“. Calhoun formulierte es später folgendermaßen: „Die notwendige Folge der ungleichen fiskalischen Maßnahmen des Staates ist, die Gesellschaft in zwei große Klassen zu teilen; eine besteht aus jenen, die tatsächlich die Steuern zahlen und natürlich ausschließlich die Last des Staates schultern; und die andere aus jenen, die durch Auszahlungen die Empfänger von deren Erträgen sind und die tatsächlich vom Staat ernährt werden; oder in weniger Worten, (die Gesellschaft) in Steuerzahler und Steuerverbraucher zu teilen.“

Volksabstimmungen sorgen nur kurzfristig für Ruhe, Wahlen gebieten den Absurditäten zentraler Bildungsplanung bestenfalls kurzfristigen Einhalt. Nichts davon hilft, weil es nach den Spielregeln der politischen Klasse abläuft: Diese lässt sich von uns ihren langen Atem bezahlen. Innerhalb der Maschinerie politischer Parteien zu arbeiten ist ebenso zwecklos wie in einer Panzerfabrik eine Arbeit anzunehmen, weil man so gerne Blumengestecke herstellt. Um mit Howard Zinn zu sprechen: „Unser Problem ist nicht öffentlicher Ungehorsam; unser Problem ist ziviler Gehorsam. Unser Problem ist, dass die Menschen auf der ganzen Welt den Diktaten der Anführer ihrer Regierungen gehorchen (…). Unser Problem ist, dass die Leute angesichts der Armut, des Hungers und der Dummheit und des Krieges und der Grausamkeit Gehorsam üben.“

„Ich fordere nicht, dass du Hand an den Tyrannen legst um ihn zu stürzen, sondern nur, dass du ihn nicht länger stützt; dann wirst du ihn sehen, wie er, wie ein riesiger Koloss, dessen Sockel fortgezogen wurde, unter seinem eigenen Gewicht stürzt und in Stücke zerbricht,“ schrieb Etienne de la Boétie schon in seinem „Diskurs von der freiwilligen Knechtschaft“. Die politische Klasse braucht uns nötiger als wir sie: um ihre Gehälter und Pensionen zu bezahlen und ihren Befehlen zu folgen. Den einzelnen, der sich verweigert, können sie vernichten, Hunderte noch mit Mühe. Aber Tausende? Hunderttausende? Nach dem Ausweg auch aus der Bildungsmisere müssen wir nicht in der Politik suchen. Der Ausweg, das sind wir.

 

Internet:
Einheitsschule Teil 1: Festhalten am Scheitern
Einheitsschule Teil 2: Der Wiedergänger der Politik schlurft wieder um die Schulen
eigentümlich frei (30.07.2010): Privat geht vor Staat

Literatur:

Jérôme-Adolphe Blanqui (1837): Histoire de l'Economie Politique en Europe depuis les anciens jusqu'à nos jours. Paris: Guillaumin, 1837

John C. Calhoun (1851): A Disquisition on Government. Columbia S.C.: A.S. Johnston, 1851

Thomas Darnstädt (2010): Ein Abgrund von Föderalismus. In: „Der Spiegel“ (05.07.2010): 56-67


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