Gerd Habermann

Jg. 1945, Hochschuldozent, Direktor des Unternehmerinstituts der Familienunternehmer (ASU) und liberaler Publizist. ef-Redaktionsbeirat.

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FDP: Wie liberal sind unsere „Liberalen“?

von Gerd Habermann

Das Risiko einer Konkurrenzgründung wächst…

Der organisierte deutsche Liberalismus hat programmatisch, verglichen mit seinem freiheitlichen Ausgangspunkt und dem liberalen Standard der großen Klassiker, weitgehende Zugeständnisse an andere Denkrichtungen gemacht. Man kann sagen, dass er die Niederlage unter Bismarck bis heute nicht überwunden hat. Stellte er doch einmal die stärkste Partei in Deutschland! In der Zeit der Weimarer Republik fiel er auf fast Null. In der Nachkriegszeit bildete er anfangs ein eindrucksvolles bürgerliches Korrektiv gegen die großen Parteien des Wohlfahrtsstaates: CDU/CSU und SPD, zu denen sich inzwischen geistig auch die Grünen und die Linken sowieso gesellt haben. Den relativen Wahlerfolg von September 2009 konnte der organisierte Liberalismus bisher nicht ausnutzen: Gegen den Widerstand einer großteils überraschend weit sozialdemokratisierten und visionslosen CDU ließ sich bisher nicht viel durchsetzen. Es enttäuschte hier vor allem die angeblich bürgerliche CDU, von der CSU zu schweigen. Aber auch das Charisma des politischen Personals der FDP reichte nicht aus, und bei der Aufteilung der Kabinettsposten hatte man offenbar keine glückliche Hand. Man kaprizierte sich zu Recht auf „mehr Netto“, aber dahinter stand keine wirtschaftsphilosophische oder ordnungstheoretische Gesamtkonzeption – trotz anerkennenswerter vereinzelter Vorstöße des Wirtschaftsministers Brüderle (z.B. aktuell gegen die gesetzliche Rentengarantie!).

Die derzeitige Programmatik der FDP ist nur noch relativ liberal. Sie hat ideell enorme Zugeständnisse an Kollektivismus und Gleichheitsdenken gemacht. Ludwig Bamberger, einer der großen Persönlichkeiten des deutschen Liberalismus, sprach einmal von zwei Arten von Kompromissen: die Kompromisse, die im Ergebnis aufwärts führen (im Sinne von „mehr Freiheit“) und die Kompromisse, die abwärts führen (im Ergebnis von „weniger Freiheit“). Ein Kompromiss abwärts war z.B. in den neunziger Jahren die Zustimmung zur umlagefinanzierten Pflegeversicherung des Norbert Blüm. Ihr familienpolitisches Programm ist weitestgehend kollektivistisch, von der Programmatik und Praxis sozialkollektivistischer Parteien kaum zu unterscheiden. Auch setzt die FDP bisher der egalitären Antidiskriminierungsideologie, welche Vertrags- und Meinungsfreiheit einschränkt, keinen Widerstand entgegen, ja fördert sie. In der Europapolitik ist sie seit langem zentralistisch abgeirrt. Sie hätte sonst dem Vertrag von Maastricht oder gar von Lissabon kaum zustimmen können. In der Finanzkrise schwimmt sie argumentativ im dünnen Mainstream, der nur Vordergrundsymptome zur Sprache bringt. Dass nur wenige innerhalb der FDP (um den MdB Frank Schäffler) gegen die vertragsbrüchige Griechenlandhilfe und den Putsch der EU-Kommission vom 9. Mai (mit dem „Euroschutzschirm“) aufbegehrten, ist besonders bedrückend. Auch was die Klimaproblematik angeht, zeichnet sie sich durch Opportunismus im Anschluss an den hysterischen Mainstream aus.

Wer entschieden liberal wählen will, ist darum derzeit politisch heimatlos. Die FDP muss sich entweder von Grund auf im Sinne der klassischen Liberalen von Ludwig Bamberger bis Friedrich August von Hayek erneuern – oder sie wird den kollektivistischen Parteien weichen. Es wächst für die FDP das Risiko, dass enttäuschte Nichtwähler oder „Ehemalige“ eine Bewegung wirklicher Liberaler formieren und ihr Konkurrenz machen.

Man hätte glauben sollen, dass nach dem Zusammenbruch des Sowjetimperiums das liberale Argument weltweit und für immer triumphieren würde. Aber was zusammenbrach war nur der Sozialismus in seiner entschiedenen Variante. Der Leviathan in der wohlfahrtsstaatlichen Variante überlebte und breitet sich unter den Schlagworten der „sozialen Gerechtigkeit“, „Gleichstellung“ etc. weiter und weiter aus. Dies ist der „Weg zur Knechtschaft“. Aber kann es nicht auch eine attraktive „road to freedom“ geben?

27. Juli 2010

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Kommentare

Tanja_Klaeft, am 27. Juli 2010 um 16:44 ( Link )

Der F.D.P. geht es primär um die Wahrung von Monopolen und Privilegien für Freiberufler.

In ihrem Kern ist die F.D.P. daher zutiefst antiliberal.

Tanja_Klaeft, am 27. Juli 2010 um 16:47 ( Link )

Nebenbei:

Gewählt wurde die F.D.P. bei der BTW von Menschen, die nicht länger die Melkkühe der Nation sein wollen, zumindest in meinem Betrieb (produktive Industrie) war sie unter den Arbeitern auf Platz 1!

Dass die korrupten Karrieristen ihre Versprechungen nach der Wahl einen feuchten Kehricht interessieren würden, war indes absehbar und wenig überraschend. Die einzige positive Überraschung war, dass das Ermächtigungsgesetz fürs BKA zur totalen willkürlichen Kontrolle des Internets auf Eis gelegt wurde. Deshalb bereue ich auch nicht, meine Stimme aus taktischen Gründen den durchgeknallten Piraten gegeben zu haben.

Friedrich Dominicus, am 27. Juli 2010 um 16:55 ( Link )

"Wer entschieden liberal wählen will, ist darum derzeit politisch heimatlos. Die FDP muss sich"

Es ist tatsächlich so. Und ich bin mir sicher die meisten abgegebenen Stimmen waren von denjenigen die es leid waren immer gegängelt und beraubt zu werden.

Warum diese Leute so vor den Kopf gestossen wurden ist nicht erklärbar.

Joshua Hruzik, am 27. Juli 2010 um 17:04 ( Link )

Wie immer ein sehr guter Artikel,

völlig heimatlos sind konsequente Liberale allerdings nicht. Die sehr junge Partei der Vernunft (www.parteiderVernunft.de) widmet sich vorallem dem Liberalismus ohne Kompromisse.

Der programmatische Schwerpunkt liegt eindeutig auf der Wahrung der persönlichen Freiheiten im gesellschaftlichen sowie wirtschaftlichen Leben.
Sie steht für eine Wirtschaftspolitik nach Hayek und die Wiedereinführung des Goldstandards.

Ein schneller Blick in das Parteiprogramm ist es alle mal wert.
http://www.parteidervernunft.de/parteiprogramm.html

TrebMelsa Fördermitglied, am 27. Juli 2010 um 17:14 ( Link )

@ Friedrich Dominicus

Warum diese Leute so vor den Kopf gestossen wurden ist nicht erklärbar

Ganz einfach, weil Guido Westerdelle unbedingt den grienenden Außendarsteller geben wollte.

@ Joshua Hruzik

Nichts für ungut, aber m. E. hält das Parteiprogramm genügend Einfallstore für Leviathan weit, sehr weit offen.

Ich denke, dass en Liberalen - wie Mises dies schrieb - ab 1866 (nach Königsgrätz) der Nachwuchs weggebrochen ist und die Ideen der Freiheit in Deutschland seit jener Zeit nie wieder richtig revitalisiert worden sind.

Hanserwin, am 27. Juli 2010 um 17:17 ( Link )

@Tanja_Klaeft
wie unrecht und wie recht Sie doch haben:
In Ihrem ersten Beitrag bezeichnen Sie die Partei als Monopolbewahrer - sie haben Unrecht. Die Parteispitze ist nicht die Parteibasis!

In Ihrem zweiten Beitrag reden Sie von den Karrieristen der Partei die

ihre Versprechungen nach der Wahl einen feuchten Kehricht interessieren

Hier haben Sie Recht.

Unsere Parteispitze repräsentiert nicht die Parteibasis. Wir haben uns im Kreisverband dumm ageguckt als plötzlich ein abzuschaffendes Ministerium durch einen "von uns" besetzt wurde.
Bei uns (und in anderen KVs wird es nicht anders sein) ist man verärgert dass unsere Prinzipien durch die Parteispitze ignoriert oder verraten wurden.
Sicher drängt sich die Frage auf: "Warum tut ihr dann nichts?" Antwort: Wir tun was wir können aber letzlich beschäftigen wir uns doch mehr mit Kommunalpolitik. Zudem haben meisten von uns Vollzeit-Arbeit oder sind selbstständig (Doppel-Vollzeit) - und wir kommen gegen die durchstudierten Netzwerker (ich kann diese Leute auf den Tod nicht ab!) einfach nicht an.

Nun ja, im kommenden Jahr ist Landtagswahl hier in MV. Da fliegen wir achtkantig aus dem Landtag. Das wird sich dann bei den folgenden Wahlen fortsetzen.
Ich hoffe wir werden dann Westerwelle & Niebel endlich los - dann kommt der nächste Netzwerker.
Die Wahlstände in den Füssgägerzonen werden wir wohl besser mit Helm und Schutzausrüstung betreiben. Ich befürchte dass viele die uns vor der Bundestagswahl nach sagten "braucht mir den Zettel nicht in die Hand zu drücken, ich wähl euch sowieso" ihre Enttäuschung ins Gesicht sagen werden wollen.

Es ist auch innerhalb der Partei ain Kampf gegen Windmühlen, aber nur weil er aussichtslos erscheint werde ich für mich persönlich ihn nicht aufgeben.

Agrippa, am 27. Juli 2010 um 17:24 ( Link )

Ich fürchte, die FDP kann auch von der Basis her nicht in Richtung konsequentem Liberalismus reformiert werden.

Ein Beispiel: vor der letzten Kommunalwahl fand sich im Entwurf des Wahlprogramms der FDP in meiner Heimatgemeinde die Forderung, die Kommune habe (sinngemäß) die Versorgung der (älteren) Bürger in den Randorten mit Nahrungsmitteln sicherzustellen. Zu bemerken ist, dass keiner der genannten Randorte mehr als knapp 10 Kilometer vom Kernort entfernt liegt, in dem sich u.a. 6 große Supermärkte und diverse kleinere Geschäfte befinden. Es existieren neben gut ausgebauten Strassen auch öffentliche Verkehrsmittel - zudem setzt der größte der genannten Supermärkte einen regelmässigen Shuttle-Bus ein, um Kunden aus den Randorten zu gewinnen. Von daher sind drohende Hungersnöte unter den Rentnern in den Randorten nicht zu befürchten. Ausserdem leben in einem funktionierenden ländlich-bürgerlichen Milieu die meisten älteren Mitbürger noch in intakten Familienverbänden.

Mit dieser Argumentation gelang es, die Forderung aus dem Wahlprogramm heraus zu bekommen. Aber allein schon das Auftauchen eines solchen Punktes im Entwurf eines angeblich liberalen Wahlprogramms zeigt, dass auch an der FDP-Basis zumindest die Funktionsträger nicht unbedingt zu den Bannerträgern wahrhaft liberaler Programmatik gehören.

MartinP, am 27. Juli 2010 um 17:59 ( Link )

Die ganze große linke Einheitspartei bestehend aus SPD, CDU, Linke, FDP, Grüne hat fertig. Wenn die jetzigen Politiker Angst haben, im Immigrantenstadel aufzuräumen: “Ich weiß, wo Du wohnst” und “Ich fick Deine Mutter” wird nichts dagegen sein, wenn wir einheimischen Deutsche auf die Straße gehen und sie aus ihren Ministerien herausprügeln! Und die Polizei wird sie nicht schützen, weil sie wissen, wir, der Mob, hat recht.
Denn genauso, wie die Immigranten sich an unseren hart erarbeiteten Steuern parasitär bedienen, tut das die derzeitige politische Klasse auch. Für das Pack sollen wir deutsche von morgens bis abends arbeiten?
Lieber ein Ende mit Schrecken, als Blutsaugen ohne Ende.

Michael Böwingloh, am 27. Juli 2010 um 18:14 ( Link )

Aus meiner Sicht eine sehr zutreffende Situationsbeschreibung. Als Kreisvorsitzender eines FDP-Kreisverbandes mit annähernd 400 Mitgliedern kann ich die Diskrepanz zwischen Basisdenken und -Willen und der aktuellen Bundespolitik nur unterstreichen. Was die wirtschaftsphilosophischen oder ordnungstheoretischen Gesamtkonzeptionen anbelangt, scheint mir dass ein Problem der gesamtdeutschen Politik zu sein, alles wird im föderalistischen Dickicht zwischen Koalitionären, Bundesländerinteressen und den allgegenwärtigen Lobbyisten klein und kleinst geredet. Die großen Themenfelder Steuer, Gesundheitswesen, Rente usw, werden nicht, da im Prinzip unreformierbar, mit einem überzeugenden Neuentwurf besetzt, sondern es wird immer wieder versucht durch das Einfügen weitere Stellschräubchen die bestehenden Systeme zu verbessern.
Inwieweit es in Deutschland Platz neben einer FDP als im besten Sinne des Wortes liberale Partei gibt, wage ich zu bezweifeln. Fehlt es doch deutlich an bundesweit bekannten und annerkannten Politikern, die einer derartigen neuen Partei ein Gesicht geben könnten. Ein Frank Schäffler, den ich im übrigen sehr schätze und respektiere, ist da leider zu wenig und wohl auch in Gesamtdeutschland zu unbekannt.

Zu Aggripa:
Das ist das Grundproblem der Politik, es macht Politikern unabhängig von der Couleur, ob nun Kommunal oder höher angesiedelt deutlich mehr Spass zu "gestalten". Gestalten im Sinne der Politiker bedeutet leider fast immer Geld ausgeben.

Jan-Matthis Weng, am 27. Juli 2010 um 19:59 ( Link )

TrebMelsa schrieb am 27. Juli 2010 um 17:14

@ Joshua Hruzik
Nichts für ungut, aber m. E. hält das Parteiprogramm genügend Einfallstore für Leviathan weit, sehr weit offen.

Gerne erführe ich, wo Sie diese Einfallstore sehen!
Vielleicht kann man sie dann zumauern oder zumindest zu Einfallstüren verkleinern. :-)

Crisis Maven, am 27. Juli 2010 um 20:00 ( Link )

Die Antwort ist einfach: die FDP ist so liberal wie die CDU christlich und die SED sozialistisch (war). Die Linke ist wenigstens ehrlich. Warum also nicht umbenenen in die "Gelben"? Dann waere das klar und kein Liberaler kaeme unnoetig auf die Idee, seine Stimme einer Partei zu geben, die fuer Enteignung, Entflechtung, Subventionitis, Handwerksordnung, Rechtsberatungsmissbrauchsgesetz (beschlossen 1935 gegen juedische Anwaelte) und fuer Sozial"versicherungen" eintritt.

Schnippy, am 27. Juli 2010 um 21:03 ( Link )

Also, was ist die Konsequenz daraus? Gründung einer neuen Partei? Grassroot Aktionen aka eigene tea party Aktionen?

Wo bleibt die Lehre, die man daraus zieht. Wo bleibt der Schlachtruf und der Initiator?

Winfried Klemm, am 27. Juli 2010 um 22:03 ( Link )

Die Piraten - mit einer inneren direkten Demokratie!

Fraggel, am 27. Juli 2010 um 22:45 ( Link )

Die Piraten - mit einer inneren direkten Demokratie!

Ich will Freiheit, nicht dass mir die Mehrheit sagt was ich zu tun habe, ein kleiner, aber feiner Unterschied.

Ich habe nur zwei Ansprüche an den idealen Staat, und somit an die Politik:
Lass die Nase aus meinem Leben
und die Hände aus meinen Taschen

thats all.

Crisis Maven, am 27. Juli 2010 um 23:09 ( Link )

Fraggel - da hatten PolPot und andere die ideale Loesung: kein Leben und das letzte Hemd hat keine Taschen. Ein Staat, der's nicht von den Lebenden nimmt, ist wohl ein Widerspruch in sich, deucht mir.

Fraggel, am 27. Juli 2010 um 23:13 ( Link )

Crisis Maven, mir würde ja schon reichen wenn der Staat beim Klauen wenigstens ein schlechtes Gewissen hätte.

dickbrettbohrer, am 28. Juli 2010 um 7:23 ( Link )

@ Böwingloh
„... alles wird im föderalistischen Dickicht zwischen Koalitionären, Bundesländerinteressen und den allgegenwärtigen Lobbyisten klein und kleinst geredet.“

Was sollen einzelne Politiker auch anderes tun als reden? Etwas verändern durch Handeln kann er nicht. Handeln mit der Absicht, die Bundespolitik grundsätzlich zu verändern, gliche dem Versuch eines einzelnen Knotens im Fischernetz, die Richtung des Ausgeworfenwerdens zu verändern.

Arbeitsteilung besteht nicht nur in der Wirtschaft, sondern in ausnahmslos allen gesellschaftlichen Bereichen. Auf Gedeih und Verderben sind alle voneinander abhängig, ob privat, wirtschaftlich oder kulturell – und die Ausbeutungs- und Verteilungsfirma, die sich Staat nennt, finanziert sich ausnahmslos über die Arbeits- und Schaffenskraft einer kleinen Mittelschicht. Rund um diese herum haben sich seit dem 2. WK parasitäre Netzwerke entwickelt, deren Macht und Einfluß beeindruckend groß geworden sind. Das im Kern falsch konstruierte Gefüge hat durch stetiges organisches Wachstum eine beeindruckende Stabilität erreicht. Daher ihre Unreformierbarkeit. Jeder Versuch, das zu ändern, würde das Leben eines jeden von uns gravierend verändern. Und weil sich jeder, der es unternimmt, wirklich etwas zu tun, Nachteile einhandelt, wird alles Handeln unterlassen. Das trifft für mich ebenso zu wie für alle, die hier mitlesen oder -schreiben. Die Weichen sind falsch gestellt (Kuehnelt-Leddihn).
Man darf annehmen, daß der Fehler im System von vielen einflußreichen Personen erkannt ist, und ihnen das auch Kopfzerbrechen bereitet. Politiker sind nicht so dumm, wie man uns glauben machen will. In diesem Gefüge ist die FDP nur eine Einrichtung unter vielen, und sie profitiert von der Maschine ebenso wie all die anderen Einrichtungen. Die Mitglieder der FDP können ebensowenig etwas am Zustand der Demokratie ändern wie die aller anderen Parteien auch. Was ist da schon zu erwarten? Dem nüchternen Betrachter war doch auch vor der Wahl längst klar, daß es für ihn da nichts zu „wählen“ gab.

Außerdem: Wer ist schon das Volk? Das Volk gibt es nicht. Es ist eine Fiktion Wer ist schon die Partei? Auch sie ist eine Fiktion. Es wäre Zeit, sich in allen Belangen auf den Menschen als Individuum zu besinnen und auch den Sprachmodus darauf abzustellen. Die Sprache bestimmt das Denken.

TrebMelsa Fördermitglied, am 28. Juli 2010 um 7:30 ( Link )

@ Jan-Matthis Weng

Sie fragen wo ich in Ihrem Programm offene Tore für den Einfall von Leviathan sehe?
Nun, hier nur zwei/drei plakative Punkte:

- 0 Sozialabgaben für Arbeitnehmer (die Gesamtbeiträge zahlt auch in Zukunft der Arbeitgeber).
Und die Höhe bestimmen dann irgendwann wieder die „guten Onkels und Tanten“ aus der Politik? Und es macht auch einen Unterschied, ob die Sozialabgaben des sog. Arbeitgeberanteils auf dem Lohnstreifen sichtbar sind oder - wie heute - unterschlagen werden.

- Rauchverbot: Der Wirt soll entscheiden, ob in Einraumlokalen geraucht werden darf. In Wirtshäusern kann es Raucherräume geben.
Und ansonsten entscheidet die Politik? Kann also die Eigentums- und Verfügungsrechte des Unternehmers Gastwirt nach Gutdünken einschränken?
Pardon, aber der Gastwirt-Unternehmer hat die Verfügungsrechte über die Räumlichkeiten seines Unternehmens, egal ob die Räume sein Eigentum oder gepachtet sind. Der Gastwirt hat das Hausrecht und seine Räume sind keine öffentlichen Räume, sondern privat. Dem Gastwirt obliegt zu bestimmen - ob Rauchen oder Nichtrauchen - ob Bartträger oder Bartlose - ob Stiefelträger oder Barfüßler; der Gastwirt hat das uneingeschränkte Recht zu bestimmen, welche Personen er in sein Gaststube hineinlässt oder welche Personen er bedienen will oder nicht: „Wir bedienen wen wir wollen.“

- Bürgergeld
Entschuldigen Sie, aber gerade dieses Instrument stellt geradezu eine exzellente Einladung dar für alle die guten Tanten und Onkels, die sich Sozialpolitiker schimpfen. M. E. naiv, wenn man glaubt mit diesem Instrument ein Ausufern der Spielereien der Sozialideologen begrenzen zu können.

Es gäbe noch weit mehr zu fragen (z. B. beim Punkt Bildung), aber das o. g. soll zunächst einmal genügen. Dabei bestreite ich keineswegs, dass das Programm der „Partei der Vernunft“, was den Freiheitsgedanken angeht, allen anderen Programmen und sonstigem Politikgesabbel weit überlegen ist. Nichtsdestotrotz, wie 'dickbrettbohrer' treffend erinnerte: „Die Weichen sind falsch gestellt (Kuehnelt-Leddihn)“, auch in Programmpunkten der Partei der Vernunft.

@ dickbrettbohrer

100% Zustimmung.

Jochen Trebmann, am 28. Juli 2010 um 8:11 ( Link )

Habermann erklärt genau das, was die enttäuschten FDP-Wähler empfinden.

Für das Dienstwagenprivileg werfen sogenannte Liberale ihre Überzeugungen schnell über Bord. Sieht man sich an, wer da in der FDP Täter ist, dann erkannt man Schlimmes. Nicht nur ex-Abeitsamtsvermittler Niebel ist da ein durch und durch kollektivistisch konditionierter Bürokrat, sondern die Mehrheit der Mandatsträger und Funktionäre sind ebensolche. Juristen sind diesen gleichgestellt, sonst wären solche Leute ja keine Juristen.

Der Rest der Mitgliedschaft ist hoffnungslos überaltert. So wie Brüderle und Leutheusser-Schnarrenberger. Leute also, deren Weltanschauung noch in den 70ern geformt wurde, als man es nicht besser wußte und den Wohlfahrtsstaat als das Maß der Dinge anbetete. Heute weiß man es besser, aber die Alten verstehen das nicht mehr.

Die FDP ist nicht reformierbar, weil sie als stromlinienförmige Systempartei alle Symptome des politischen Krebsbefalls aufweist, wie er für Parteien des Wohlfahrtsstaates so ganz typisch ist.

FDP: unwählbar, unnütz, verzichtbar.

Friedrich Dominicus, am 28. Juli 2010 um 8:15 ( Link )

Das 0-Steuern Modell in der Form ist sehr zweifelhaft und hat nicht mit liberal zu tun. Es heißt nämlich immer noch: Den "dummen" Angestellten wird Ihr Gehalt nicht komplett ausgezahlt. Also wird es Ihnen abgesprochen für sich selber sorgen zu können. Die Transferzahlungen per Bürgegeld kann ich so auch nicht mehr einsehen. Ich dachte mal es sei eine gute Idee inzwischen bin ich der Meinung, die Leute sind für sich selbst zuständig.
Dann sollen sie eben nur solange arbeiten, bis Sie genug Geld haben und meinen "Danke, mehr muß nicht sein". Es gibt wirklich nur ganz wenig die nicht für sich selbst sorgen könnten, so zu tun (per Bürgergeld), als ob es jeder *nicht* kann ist reichlich "vermessen" und hat auch mit liberal nichts zu tun.

Sirko, am 28. Juli 2010 um 8:46 ( Link )

Die FDP ist nicht reformierbar, weil sie vom Kern her eine sozialliberale Partei und ist. Es mag einzelne Lichtblicke geben, aber die Masse der Mitglieder weiß gar nicht was liberal bedeutet.
Die FDP sollte jedem Mitglied mal "Liberalismus" von Mises zu lesen geben, da werden einige sich ganz schön wundern.

Die ParteiderVernunft hat sicher gute Ansätze.
Allerdings gibt es auch viele problematische Punkte:
- staatliche Finanzierung der Kindereinrichtungen und Schulen bleibt bestehen, damit auch die Hoheit darüber
- Stärkung des Datenschutzes. Was soll das sein?
- Zitat: "Das EU-Parlament muss entweder mehr Rechte bekommen oder abgeschafft werden"
Als Liberaler komme ich gar nicht auf die Idee deren Rechte auszuweiten
- Bürgergeld
- freiwillige Arbeitslosenversicherung - da hat man wohl Mises nicht gelesen...
- der Staat soll in die Bildungsinfrastruktur investieren
- Beibehaltung des Staatsrundfunks
- Rauchverbot
- Nein zu Patentierung von Pflanzen

Alles in Allem haben sie nicht verstanden was die Basis einer freien Gesellschaft ist. Eigentum.
Es ist daher zu erwarten, das man recht schnell nach links rutscht.

bernd_lessing, am 28. Juli 2010 um 9:00 ( Link )

Auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen:

Das Problem liegt nicht bei einzelnen Parteien. Weder eine "wahrhaft liberale" noch eine "wahrhaft konservative" Partei hätten in Deutschland Aussicht auf Mehrheiten. Zu groß ist mittlerweile die Zahl der tatsächlichen oder vermeintlichen Sozialstaatsprofiteure, zu tief verankert im Bewusstsein der Bevölkerung der Glaube an den Wohlfahrtsstaat.

Demokratie mag in bestimmten Situationen funktionieren. Sie funktioniert NICHT, wenn Politik und Staat auf Bereiche ausgedehnt werden, in denen sie nichts zu suchen haben, wenn sie zum Instrument ökonomischer Umverteilung werden. In der bestehenden Form ist dieses System nicht reformierbar, und eine Änderung des Systems (z.B. des Wahlrechts) ist aus dem System heraus nicht möglich.

Es ist geradezu aberwitzig, von der Demokratie die Rückkehr zur Freiheit zu erwarten.

Horst E. Böttcher, am 28. Juli 2010 um 10:17 ( Link )

Der Autor beklagt die Krise des deutschen Liberalismus und schlägt als Therapie vor:

"Wer entschieden liberal wählen will, ist darum derzeit politisch heimatlos. Die FDP muss sich entweder von Grund auf im Sinne der klassischen Liberalen von Ludwig Bamberger bis Friedrich August von Hayek erneuern – oder sie wird den kollektivistischen Parteien weichen. "

Ist das wirklich die Lösung? Der Liberalismus war die politische Richtung des (Besitz-)Bürgertums des 19. Jahrhunderts, das sich mit der Industrialisierung entwickelt hatte, und sich zunächst vom Adel, der vielfach noch feudalistisch geprägt war, abgrenzen wollte. Das einfache Volk ("Proletariat") spielte damals politisch wie wirtschaftlich noch keine Rolle.
150 Jahre später hat sich die Welt sehr verändert; können da wirklich noch die Lehren eines Ludwig Bambergers richtungweisend sein? Bei allem Respekt vor Ludwig von Mises und Friedrich August von Hayek, sind das die richtigen Wirtschaftsrezepte in einer globalen Welt? Ich habe meine Zweifel! Der Liberalismus muss sich, bei Wahrung einiger Grundprinzipien im 21. Jahrhundert neu erfinden und den gesellschaftlichen Veränderungen Rechnung tragen. Das fängt bei der Sozialversicherungspflicht an, die immer noch von einigen Liberalen infrage gestellt wird, ebenso die Kindertagesbetreuung.

Ohne ein neues Denken muss man leider bernd_lessings Kommentar zustimmen:

" In der bestehenden Form ist dieses System nicht reformierbar, und eine Änderung des Systems (z.B. des Wahlrechts) ist aus dem System heraus nicht möglich."

Jan-Matthis Weng, am 28. Juli 2010 um 10:27 ( Link )

Fraggel schrieb am 27. Juli 2010 um 22:45

Ich will Freiheit, nicht dass mir die Mehrheit sagt was ich zu tun habe, ein kleiner, aber feiner Unterschied.

Sie scherzen ja schon wieder, werter Fraggel!

Jan-Matthis Weng, am 28. Juli 2010 um 10:32 ( Link )

Nachtrag zum Beitrag hier drüber: Man verzeihe mir diese sich eigentlich nicht gehörende Wortwahl, doch finde ich, will man die Grundsätzlichkeiten feststellen, passt folgender Satz schon, die liberal-libertäre Position zu dem angesprochenen Thema zu umreissen:

Der Unterschied zwischen Masturbation und Gruppenvergewaltigung ist nicht klein.

bernd_lessing, am 28. Juli 2010 um 10:44 ( Link )

@Horst E. Böttcher:

"Der Liberalismus muss sich, bei Wahrung einiger Grundprinzipien im 21. Jahrhundert neu erfinden und den gesellschaftlichen Veränderungen Rechnung tragen. Das fängt bei der Sozialversicherungspflicht an, die immer noch von einigen Liberalen infrage gestellt wird, ebenso die Kindertagesbetreuung."

Dass der Liberalismus heute in konkreten Details andere Positionen vertreten kann oder muss als die spezifische Ausprägung des Liberalismus im 19. Jahrhundert, wird wohl niemand ernsthaft bestreiten.

Aber der Versuch, liberales Denken so "umzudefinieren", dass damit die Akzeptanz oder gar Unterstützung staatlicher Zwangssysteme (ich wage es nicht, von Versicherungen zu sprechen) und staatlicher Bevormundung bei der Erziehung von Kindern gerechtfertigt wird, ist geradezu grotesk. Was Sie, lieber Herr Böttcher, hier herbeizureden versuchen, ist keine Modernisierung des Liberalismus sondern seine Resignation vor dem kollektivistischen Zeitgeist.

Fraggel, am 28. Juli 2010 um 11:15 ( Link )

Werter Herr Weng,
ich scherze selten.

Jan-Matthis Weng, am 28. Juli 2010 um 11:31 ( Link )

TrebMelsa, Friedrich Dominicus, Sirko: Danke für Ihre Anmerkungen!

Um Dopplungen usw. zu vermeiden und nicht allzuviel schreiben zu müssen :D, werd ich sie in einem Beitrage abhandeln.

Vorweg: Ich bin weder Gründungs- noch bisher überhaupt Mitglied der PdV. Die Beweggründe für manche Programmpunkte kann ich deshalb nur aus den Diskussionen im Parteiforum erschliessen.

Wohlan!

1. Sozialabgaben

Teilweise Zustimmung. Es ist sicher vorteilhaft, die Abgaben auszuweisen beim Lohn. Besser noch fänd ich eine Abschaffung des Arbeitgeberanteils, so dass dem Arbeitnehmer klar wird, was alles abgeht von seinem Lohn.
Solange man Wohlfahrt, Renten-, Gesundheitsvorsorge usw. staatlich organisiert, muss notgedrungen auch die Politik oder politknahe Organisationen entscheiden, wieviel da hineingeleitet werden soll beitragsmässig.
Das zu vermeiden, müsste man das System umstellen.
Bis dahin bleibt es bei der Zuständigkeit der Politik.

Möglicherweise handelt es sich lediglich um einen "populistischen" Programmpunkt zum Wählerfang.

2. Rauchverbot

Dazu gab es einige Diskussionen in der Partei.

Die Einraumregelung scheint mir eine Art Kompromiss zu sein sowohl innerhalb der Partei als auch zwischen den Parteizielen und der realpolitischen Wirklichkeit.

Mehrfach angemerkt wurde der Punkt des Arbeitnehmerschutzes: Gaststättenmitarbeiter hätten sich sowenig giftigem Rauch aussetzen zu müssen wie Mitarbeiter bspw. eines Betriebes der chemischen Industrie.

Zwar halte ich grundsätzlich dafür, dass Vergiftungen am Arbeitsplatz Vertragssache sind;
aber das doch bitte erst dann, wenn wir eine vernünftige Wirtschafts- und Gesundheitspolitik haben, mithin also garkeine - und andere weder zur Kasse gebeten werden noch wir Arbeitsplatzverknappung haben.

Zumal, das als letzten Punkt dazu, die allerwenigsten Gastwirte was gegen Eigentumsbeschränkungen haben: Diese Spezies ist, soweit mir bekannt, nicht erheblich liberaler als der Rest.

3. Bürgergeld

Irgendwie muss man dem Sozialstaatsgebot der Verfassung Genüge leisten.
Und selbst dann, gäbe es diese Vorschrift nicht, wäre die Entwohlfahrtisierung des Gemeinwesen schrittweise zu gestalten und ein Bürgergeld eine mögliche Zwischenlösung.

Dass hier enormes Missbrauchspotential vorliegt oder, besser: ein eigentlich recht geringes Gebrauchspotential, das steht ausser Frage.

Man kann es sich aber nicht immer aussuchen.

Im Übrigen ist die PdV ja keine liberal-libertäre Partei, sondern eine liberale;
und da kann man dann auf bspw. Friedman sr. verweisen und auch von Hayek, die beide sich dafür aussprachen, dass der Staat ein Existenzminimum garantiert.

Insofern ist die PdV mit dieser Forderung auch noch im liberalen Rahmen durchaus drinne.

An Friedrich Dominicus die Frage, was Sie meinen damit, es würde so getan, als ob jeder nicht für sich selber sorgen könne.
Ich bin mir unsicher, was sie meinen.
Spielen Sie an auf die Idee eines Grundeinkommens, wie sie bspw. von der Partei Die Linke vertreten wird?
Die PdV will wohl eher etwas in Richtung der FDP-Bürgergeldes, der Friedmanschen Negativen Einkommensteuer udgl.

5. Staatliche Finanzierung von Bildung

Die Verfassungslogik lässt uns da wenig Spielraum.
Eine Umstellung von einem staatlichen Angebot hin zu einer Subvention der Nachfrage (Bildungsgutscheine) ist grundgesetzlich möglich;
ein Ende des staatlichen Involvierung in das Bildungswesen ist es nicht.

Zum Sozialstaat im Sinne der Verfassung gehört nicht nur Wohlfahrt, also Sicherung der Existenz, sondern es obliegt ihm auch, allgemein soziale Sicherheit, soziale Gerechtigkeit und Chancengerechtigkeit herzustellen.

Diesem Anspruch muss man als Partei gerechtwerden.
Die PdV tut dies und fordert drum ausdrücklich diese Verantwortung zum Staat ein.

6. Beibehaltung des Staatsrundfunks

Solange der Auftrag zur Grundversorgung besteht, muss man ihm auch nachkommen.

Statt eines Staatsfunks könnte man dies erreichen durch Auflagen an die Privaten zur Sendung bestimmter Inhalte o.ä.
Ob das liberaler wär, sei mal dahingestellt.

7. Nein zu Patentierung von Pflanzen

Ich gehe mal davon aus, dass damit gemeint ist die Patentierung von Pflanzen, die bereits existieren.
Kann mir nicht vorstellen, dass damit Laborzüchtungen gemeint sind.

Alles in Allem haben sie nicht verstanden was die Basis einer freien Gesellschaft ist. Eigentum.
Es ist daher zu erwarten, das man recht schnell nach links rutscht.

Nun, ich weiss ja nicht genau, was Sie verstehen unter einer "freien Gesellschaft".
Nach meinem Dafürhalten ist es eine solche, die mit dem Grundgesetz garnicht vereinbar ist.
Die Basis der Bundesrepublik ist aber nunmal das Grundgesetz.
Selbst dann, wenn die PdV eine liberal-libertäre Partei wäre, was sie nicht ist und nicht sein will, bräuchte sie keine "freie Gesellschaft" im Sinne sagen wir von Rothbard oder von Mises fordern - man sollte schon innerhalb des Verfassungsrahmens bleiben.

Den zu ändern durch Nutzung des 146 sieht die PdV übrigens auch vor. :)

Jan-Matthis Weng, am 28. Juli 2010 um 11:43 ( Link )

Um es auch für die herauszustellen, die meinen Wust oben nicht lesen möchten:

Die PdV ist nicht und will nicht sein die deutsche Version der Libertarian Party; erst recht nicht der Boston Tea Party.

Fraggel, am 28. Juli 2010 um 11:57 ( Link )

2. Rauchverbot

Herr Weng,
das Gesundheitsargument wäre ernst zu nehmen wenn schlicht verbindliche Grenzwerte für die Belastung mit Tabakrauchbestandteilen festgelegt würden. Und zwar für jede Art von Räumlichkeit in der Menschen arbeiten.
Es gibt wunderbare Filtertechnik die die dreckigste Luft zum Rosenduft machen kann.
Wieso Einraum?
Auch in der chemischen Industrie gibt es keine "Einraumregelung" für die Belastung mit Salzsäuredämpfen u.ä.
Wie die Grenzwerte erreicht werden, ob durch ein komplettes Rauchverbot, durch Filter, durch schlichte Belüftung sollte Sache des Wirtes sein.
Mir fehlt die unidiologische Abgeklärtheit bei dem Umgang mit dem Thema.

Solange der Auftrag zur Grundversorgung besteht, muss man ihm auch nachkommen.

Solange nicht klar und eindeutig umrissen ist wie dieser Grundauftrag aussieht, und vor allem wieviele Sender diesen Grundauftrag zu erfüllen haben ist der Staatsrundfunk schlicht abzulehnen.
Der Staatsrundfunk ist, ganz ohne Polemik, der Vermittler des Weltbildes des jeweiligen Senders. Ich bin mir nicht sicher ob Social engineering Staatsauftrag sein sollte. Ich selbst habe mir den Konsum des Mediums abgewöhnt weil ich es schlicht nicht mehr ertragen habe.
Natürlich haben meine Frau und meine Kinder einen Fernseher. Wir haben Bezahlfernsehen weil das angebotene Programm der freien Sender Link Text sachlich nicht dem entspricht was ich von einer "Grundversorgung" erwarten würde. Vor allem die ÖR-Sender mit so Kleinoden wie
15:10 Sturm der Liebe
18:00 Verbotene Liebe
18:25 Marienhof
18:50 Das Duell im Ersten
kommen mir nicht ins Haus.
Seicht kann ich von den Privaten in besserer Qualität bekommen.

Abschließend

Zum Sozialstaat im Sinne der Verfassung gehört nicht nur Wohlfahrt, also Sicherung der Existenz, sondern es obliegt ihm auch, allgemein soziale Sicherheit, soziale Gerechtigkeit und Chancengerechtigkeit herzustellen.

Unter Umständen haben Sie vieleicht sogar recht!
Aber Parteien die sich diese Wischiwaschi-Wörter auf die Fahnen geschrieben haben gibt es mehr als genug, dafür braucht es keine PdV.
Sicherung der Existenz ist weit mehr als genug vorhanden, es gilt diese Existenzssicherung in einen realistischen Rahmen, anreizlos, zurückzuführen.

Der Staat sollte sein wie ein guter Bruder. Er sollte da sein wenn man ihn braucht, aber er will nicht gebraucht werden.
(hab ich hier mal gelesen, wunderbarer Spruch)
Arbeit ist für jeden da. Da kann mir einer erzählen was er will. Wenn man natürlich in seinem Kaff bleiben möchte wo es schlicht nichts mehr zu tun gibt, dann sollte man auch mit den Konsequenzen leben können.
Wer sich nicht bewegt wird bewegt.

Im Übrigen ist die PdV ja keine liberal-libertäre Partei, sondern eine liberale;

Eben.

Frigga, am 28. Juli 2010 um 12:27 ( Link )

Die Äußerungen Brüderles zur Rentengarantie erscheinen mir erst diskussionswürdig, wenn Politiker samt und sonders auf ihre Pensionen verzichten und selbst für ihr Alter vorsorgen. Wenn Politiker für das Wohl eines ganzen Volkes verantwortlich sind (angeblich), müßten sie doch wohl Manns genug sein, zu wissen, wo und wie man Geld anlegt, um im Alter nicht hungern zu müssen.

Jan-Matthis Weng, am 28. Juli 2010 um 13:08 ( Link )

Fraggel schrieb am 28. Juli 2010 um 11:57

-> Rauchverbot

Sehen Sie?
Deswegen frag ich ja nach. :-)
Ist doch ein guter Vorschlag!
Könnte die PdV ja übernehmen.

-> Grundversorgung

Wär auch eine Möglichkeit.
Weiss nicht, warum die PdV das nicht so handhabt.
Immerhin aber haben wir eine klare Aussage zu einer erheblichen Verchlankung.
Das ist nicht perfekt, aber es reicht mir.

Unter Umständen haben Sie vieleicht sogar recht!

Davon dürfen Sie durchaus hin und wieder ausgehen. ;-)

Das ist m.E. überhaupt ein ganz grosses Problem für die Liberalen und viele Liberal-Libertäre: Man denkt zu schnell "weg damit" hinsichtlich der Sozialstaatlichkeit in der Bundesrepublik.
Stattdessen sollte man sich vor Augen halten, dass das so einfach nicht geht.
Wir sind ja auch nicht in den Vereinigten Staaten, die dieses Problem so garnicht haben.

Man muss sich da halt an kreativen Wegen ausrichten.
Die MLL- bzw. CSS-Leute scheinen da ja einige Fortschritte gemacht zu haben.

Zumal sich ja auch noch die Frage stellt, wo eigentlich der Punkt liegt, an dem einem so viele Erwerbsmöglichkeiten grundsätzlich untersagt sind, dass man an die Untersager einen Anspruch auf Lebenserhalt bekommt.

Der Staat sollte sein wie ein guter Bruder. Er sollte da sein wenn man ihn braucht, aber er will nicht gebraucht werden.

Wenn der Staat mein Bruder ist, bin ich auch seiner.
Inklusive der Ansprüche, die Brüder an einen stellen.

Jan-Matthis Weng, am 28. Juli 2010 um 13:09 ( Link )

Solange Politiker Diäten usw. bekommen, sorgen sie eh nicht "selbst" für ihr Alter.

Friedrich Dominicus, am 28. Juli 2010 um 13:45 ( Link )

Uf schlecht mein langer Komentar ist weg.
Kurzfassung zu:
"An Friedrich Dominicus die Frage, was Sie meinen damit, es würde so getan, als ob jeder nicht für sich selber sorgen könne.
Ich bin mir unsicher, was sie meinen."

Nun das Geld für Sozialleistungen soll ja vom AG getragen werden nun das wird sich mit Sicherheit im Lohn niederschlagen. Und somit bezahlen die AN im Ende doch (korrekterweise alles). Dann sollte man auch so ehrlich sein und Ihnen das Geld komplette auszahlen. Dabei unberücksichtigt bleibt das Bürgergeld was ja wohl Sozialleistungen hinfällig macht.

Es ist mit Sicherheit aber nicht liberal, Leuten dieses bürgergeld zu bezahlen. Denn irgend jemand muß das Geld erwirtschaften. Und somit fängt die Umverteilerei schon an.

Der Bildungsauftrag muß mit Sicherheit nicht durch staatliche Stellen "überwacht" und mit Gewalt durchgeboxt werden.

Auch hat hier ja jemand schon geschrieben "liberal ist sozial" und dem ist nicht hinzuzufügen. Liberal meint unter anderem auch, daß jemand sozial tätig werden kann. Wenn er denn möchte und auch ein Liberaler weiß, irgendwann kann ich auch mal Hilfe gebrauchen und gut wenn man dann selber schon mal jemandem "geholfen" hat.

Es gibt weitere sehr zweifelhafte Punkte:
- wieso braucht es öffentlich rechtliches Fernsehen?

Wenn wie sowieso eine Verfassung bekommen sollen (die uns ja zusteht) dann käme das hoffentlich ganz weit oben in die Streichliste)

Es bleibt immer noch der Punkt, daß die Mehrheit entscheiden darf und sich offensichtlich die Minderheiten dann fügen müssen. Nun ja wennn die Mehrheit meinen sollte eine bestimmte Gruppe soll diskriminiert werden dann kann ich da eine ziemliches Problem erkennen.

So gibt es weitere zweifelhafte Punkte. Irgendwie passen die nicht in's bild einer liberalen partei es sieht ehere nach neosozialiberal oder so aus ;-)

vivian vivian, am 28. Juli 2010 um 13:49 ( Link )

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Fraggel, am 28. Juli 2010 um 13:50 ( Link )

Herr Weng


Wenn der Staat mein Bruder ist, bin ich auch seiner.
Inklusive der Ansprüche, die Brüder an einen stellen.

Er nimmt meine Kinder und stellt sie gegebenenfalls bewaffnet an seine Grenzen, nicht weil sie das wollen, sondern weil er sie grade braucht und ihnen eine entsprechenden Ruf schickt, quasi eine Einberufung. Wenn sie dabei umkommen bekomme ich ein Kärtchen und wenn ich Glück habe zahlt er die Beerdigung.
Er nimmt mir Geld weg und gibt es zum Teil denen von seinen anderen Brüdern die es bevorzugen sich, während der Arbeitszeit auf der Wartebank, vollaufen zu lassen (keine Polemik, heute Morgen HBF Mannheim, 8 Brüder gezählt).
Ansonsten finanziert er noch gefühlte 10 politische Hierachiestufen durch die Produktivität seiner dümmeren Brüder (mich eingeschlossen).

Ich denk mal brüderlicher kann ich ja nun nicht sein, oder? :)

Jan-Matthis Weng, am 28. Juli 2010 um 13:53 ( Link )

Vorweg: "vivian vivian"?
Oh man, bei so einem Namen ist wohl klar: das Kind war unerwünscht.

Ansonten @ Friedrich Dominicus

Muss gleich weg, daher an dieser Stelle erstmal nur ein Verweis auf meinen Beitrag von 13:08 hinsichtlich des Sozialstaates.

Horst E. Böttcher, am 28. Juli 2010 um 14:23 ( Link )

@ bernd_lessing

"Aber der Versuch, liberales Denken so "umzudefinieren", dass damit die Akzeptanz oder gar Unterstützung staatlicher Zwangssysteme (ich wage es nicht, von Versicherungen zu sprechen) und staatlicher Bevormundung bei der Erziehung von Kindern gerechtfertigt wird, ist geradezu grotesk. Was Sie, lieber Herr Böttcher, hier herbeizureden versuchen, ist keine Modernisierung des Liberalismus sondern seine Resignation vor dem kollektivistischen Zeitgeist."

Wir haben hier einen klaren Dissens! Für Sie ist die Sozialversicherung ein Zwangssystem und Kindergärten eine Bevormundung in der Erziehung.
Ob das nun Zeitgeist oder eine zeitgemässe Entwicklung ist, darüber kann man ebenfalls streiten,

Ich denke aber in erster Linie pragmatisch. Keine Partei könnte die Abschaffung der Sozialversicherung im Wahlprogramm fordern, es sei denn sie will nur die Grössenordnung der Partei Bibeltreuer Christen oder anderer Sektierer erreichen.

Durch die Verbissenheit mit welcher sich Liberale gegen bestimmte, allseits akzeptierte, Entwicklungen sträuben, wird nur der Liberalismus diskreditiert und Schritte in Richtung mehr persönliche Freiheit verhindert. Haben Sie schon mal bemerkt, dass liberale Themen schon lange von den GRÜNEN erfolgreich verfochten wurden? z.B. Partnerschaft für Homosexuelle, Anerkennung der Prostitution, faktische Gleichberechtigung der Frauen, Zurückdrängung des Einflusses der Kirchen. Das haben die GRÜNEN erreicht! Wo war da die FDP? In der ideologischen Gefangenschaft als Partner der CDU unter Kanzler Kohl! Diese Themen sind es, die als Gradmesser für Liberalität gesehen werden, nicht was v. Hayek oder v.Mises irgendwann in irgendwelchen Büchern geschrieben haben!

Die FDP sollte die Lebenswirklichkeit zur Kenntnis nehmen, sonst landet sie unter Splitterparteien, eine liberale Konkurrenzpartei, die noch rigider Wirtschaftsliberalismus predigt genauso!

bernd_lessing, am 28. Juli 2010 um 15:05 ( Link )

@Horst E. Böttcher:

"Für Sie ist die Sozialversicherung ein Zwangssystem und Kindergärten eine Bevormundung in der Erziehung."

Was denn sonst? Ich habe nichts gegen die Existenz einer Sozialversicherung und auch nichts gegen die Existenz von Kindergärten - im Gegenteil! Ich habe aber sehr wohl etwas dagegen, wenn der Staat die Mittel zur Finanzierung dieser Institutionen mit Zwang eintreibt und die Bürger zur Nutzung dieser Einrichtungen mehr oder minder direkt zwingt.

"Keine Partei könnte die Abschaffung der Sozialversicherung im Wahlprogramm fordern, es sei denn sie will nur die Grössenordnung der Partei Bibeltreuer Christen oder anderer Sektierer erreichen."

Diese Einschätzung teile ich. Leider gibt es jedoch keinerlei Korrelation zwischen der Richtigkeit und der Mehrheitsfähigkeit einer Maßnahme.

"Durch die Verbissenheit mit welcher sich Liberale gegen bestimmte, allseits akzeptierte, Entwicklungen sträuben, wird nur der Liberalismus diskreditiert und Schritte in Richtung mehr persönliche Freiheit verhindert."

Wie ich oben bereits sagte: Die allgemeine Akzeptanz sagt NICHTS über die Richtigkeit aus. Wenn das Verspeisen kleiner Kinder "allgemein akzeptiert" wäre, würde ich mich trotzdem dagegen wehren.

"Haben Sie schon mal bemerkt, dass liberale Themen schon lange von den GRÜNEN erfolgreich verfochten wurden? z.B. Partnerschaft für Homosexuelle, Anerkennung der Prostitution, faktische Gleichberechtigung der Frauen, Zurückdrängung des Einflusses der Kirchen."

Zum einen halte ich die Grünen bestenfalls für pseudo-liberal: Da, wo es ins grüne Weltbild passt, ist man liberal - ansonsten beliebig totalitär (siehe z.B. hier). Zum anderen sind die von Ihnen genannten Beispiele zum Teil nun wahrhaftig keine liberalen Themen - aber das würde hier zu weit führen.

"Diese Themen sind es, die als Gradmesser für Liberalität gesehen werden, nicht was v. Hayek oder v.Mises irgendwann in irgendwelchen Büchern geschrieben haben!"

Wenn Sie damit sagen wollen, dass WIRTSCHAFTLICHE Freiheit heute von vielen als nicht mehr essentieller Bestandteil der Freiheit gesehen wird, muss ich Ihnen leider beipflichten. Aber auch hier bleibt es bei der obigen Einschränkung: Was die Mehrheit denkt, kann wohl kaum der endgültige Maßstab sein.

"Die FDP sollte die Lebenswirklichkeit zur Kenntnis nehmen, sonst landet sie unter Splitterparteien, eine liberale Konkurrenzpartei, die noch rigider Wirtschaftsliberalismus predigt genauso!"

Da haben Sie wohl Recht. Wie ich bereits schrieb: Für liberale Positionen gibt es keine Mehrheit, daher ist für den Liberalen die Betätigung in diesem politischen System eher müßig.

Sirko, am 28. Juli 2010 um 15:16 ( Link )

Warum soll es für liberale Positionen keine Mehrheit geben? Die letzte BTW hat aufgezeigt was bereits ohne echtes Programm möglich ist.

Eine liberale Partei muss nur die Menschen über die Realitäten aufklären und den Menschen vor Auge führen was der Staat wirklich ist.

Die meisten Menschen wählen links, weil sie sich nicht vorstellen können wie eine (liberale) Alternative aussehen kann.

df, am 28. Juli 2010 um 15:48 ( Link )

Ein Beispiel: vor der letzten Kommunalwahl fand sich im Entwurf des Wahlprogramms der FDP in meiner Heimatgemeinde die Forderung, die Kommune habe (sinngemäß) die Versorgung der (älteren) Bürger in den Randorten mit Nahrungsmitteln sicherzustellen.

Es gibt Gemeinden ohne FDP-Ortsverein, in denen ein findiger Unternehmer einen "rollenden Supermarkt" betreibt...

Fraggel, am 28. Juli 2010 um 15:56 ( Link )

Es gibt Gemeinden ohne FDP-Ortsverein, in denen ein findiger Unternehmer einen "rollenden Supermarkt" betreibt...

Es gibt FDP Ortsvereine in denen kein Mitglied Unternehmer ist.
Mehr netto ist zwar ein frommer Wunsch, taugt aber nur bedingt zur Projektion eines umfassenden liberalen Weltbildes.
Auf kommunaler Ebene sind die Parteigrenzen ohnehin teilweise verwischt. Da ist die Mitgliedschaft bei der freiwilligen Feuerwehr wahlentscheidender als die Parteimitgliedschaft. Und das ist auch ganz gut so.

Jan-Matthis Weng, am 28. Juli 2010 um 16:33 ( Link )

Fraggel schrieb am 28. Juli 2010 um 13:50

Ich denk mal brüderlicher kann ich ja nun nicht sein, oder? :)

Also mein kleiner Bruder ist da ganz anders! ;-)

Jan-Matthis Weng, am 28. Juli 2010 um 16:42 ( Link )

Horst E. Böttcher schrieb am 28. Juli 2010 um 14:23

Wir haben hier einen klaren Dissens!

Was im Forum ja kein Problem darstellt.
Ausserhalb in der Politik aber schon!
Denn was machen wir, wenn der eine A möchte, der andere B?
Abstimmen?
Okay - aber über alles?
Worüber denn? Und worüber nicht?
Und wer entscheidet das wieder?

Sollte man nicht politisch nur entscheiden über das, was öffentlich entschieden werden MUSS?

Gehören Kindergärten und Sozialversicherungen dazu?
M.E. nicht!

Daraus folgt nicht, dass der Liberale hier und heute einen Kreuzzug führen muss gegen den örtlichen städtischen Kindergarten!
Sowieso haben wir ja noch ein paar drängendere Probleme.

Allerdings muss der Liberale betonen, dass er grundsätzlich und langfristig dagegen ist.

Und er muss Alternativen vorzeigen können!

Jan-Matthis Weng, am 28. Juli 2010 um 16:48 ( Link )

Sirko schrieb am 28. Juli 2010 um 15:16

Warum soll es für liberale Positionen keine Mehrheit geben? Die letzte BTW hat aufgezeigt was bereits ohne echtes Programm möglich ist.

Sie meinen damit tatsächlich die Gelbsozialisten, was?

Die werden in der Tat von der Mehrheit der Bevölkerung nicht als Alternative, sondern als Klientelpartei wahrgenommen.

Jan-Matthis Weng, am 28. Juli 2010 um 16:49 ( Link )

Nachtrag zu Friedrich Dominicus vom 28. Juli 2010, 13:45

Es bleibt immer noch der Punkt, daß die Mehrheit entscheiden darf und sich offensichtlich die Minderheiten dann fügen müssen.

Was, wenn nicht genau das, macht denn einen demokratischen Staat aus?
Erstens: Mehrheitsentscheid in öffentlichen Fragen.
Zwotens: Zwanghaftigkeit der so getroffenen Entscheidung.

Wenn wir das Mehrheit-Minderheit-Spiel weg und den Zwang belassen, haben wir eine Autokratie.
Wenn wir auch den Zwang lassen, haben wir eine Anarchie.

Das mag man gut finden oder schlecht, ist aber jenseits sinnvoller Forderungen für eine bundesrepublikanische Partei.

A. Lehmann, am 28. Juli 2010 um 16:55 ( Link )

Bis auf die - selbst für BRD-Verhältnisse - bescheiden kurze Anfangszeit war doch die FDP nie wirklich liberal. Nicht im Sinne einer für Liberale stets notwendigen Kampfbereitschaft und einem dezidierten Bekenntnis zum Dogmatismus.

Viel bezeichnender für unsere Situation ist die Tatsache das sogar noch im Jahre 2010, nach zig Jahrzehnten Erfahrung, weiterhin intelligente Menschen ihre Zeit und ihre Hoffnung in Parteien, demokratische Wahlen und sonstige Machtinstrumente der Mittelmäßigen verschwenden.

"Partei der Vernunft"?

Link Text

Goya mahnt "El sueńo de la razón produce monstruos". Er erinnert uns an die zwei Bedeutungen seines Werks:

1. "Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer."
2. "Der Traum der Vernunft gebiert Ungeheuer."

Das eigentliche Problem im rechten und liberalen Lager ist die, durch keinen schamlosen Betrug, durch keine Niedertracht des vermeintlich eigenen Lagers zu stillende Sucht nach Ruhe, Konsens und Gewaltlosigkeit. Alles ist zu tolerieren, solange nicht der Ausgleich dem Konflikt zu weichen hat.
Die BRD symbolisiert damit die absolute Herrschaft des Bürgerlichen. Kleinbürgerlicher Stolz und großbürgerliche Gier, "befreit" von allen reaktionären Bremsklötzen.

Alle Initiativen, alle Vereine, alle Parteineugründungen und sonstigen Versuche diesen, VOLLKOMMEN OFFENSICHTLICH unheilbaren Staat aus dem inneren heraus zu reformieren, atmen den gleichen Geist: den Geist der Lauheit.
Den Geist der bereits in der Offenbarung verflucht wird, den Geist, der aus Feigheit und Unbeweglichkeit
lieber die Schlange nährt als ihr den Kopf abzuschlagen. Der Geist der bereits die Seelen der eigenen Kinder schal und matt werden lässt.

13 Wer Ohren hat höre,
was der Geist seinen Gemeinden sagt.

14 Schreib an die Gemeinde in Laodicea,
schreib ihrem Engel:
Es spricht zu Euch der MENSCH,
der AMEN genannt wird,
der verlässliche und wahrhaftige Zeuge,
der Anfang von Gottes Schöpfung.

15 Ich kenne Dein Leben und Tun,
ich weiß, dass du nicht kalt bist,
doch auch nicht heiß.
Ach, wärst Du nur kalt oder heiß!

16 Doch Du bist lau,
nicht heiß und nicht kalt,
und darum will ich Dich ausspeien
aus meinem Mund.

17 Du sagst: Ich bin reich und habe genug!
Ich brauche nichts mehr! -
und weißt dabei nicht,
dass du unglücklich, bejammernswert, bettelhaft,
blind und nackend bist

18 und darum rate ich Dir,
Kauf (wenn Du denn kaufen musst) von mir Gold
das innen durchglüht ist,
damit Du reich wirst.
Kauf weiße Gewänder,
damit die Schande Deiner Nacktheit
nicht offenbar wird.
Kauf Salbe,
reib die Augen ein,
damit Du siehst!

19 Ich habe Dich lieb,
und deshalb bin ich streng zu Dir
wie ein Vater zu seinem Kind.
Kehr um!

20 Bedenke, ich steh vor der Tür
und klopfe an.
Wer meine Stimme hört,
das Rufen und Pochen,
und die Tür aufmacht,
bei dem trete ich ein
und halte Mahl mit ihm,
so wie auch er mein Tischgenosse ist.

21 Wer überwindet,
den will ich wohnen lassen
bei mir, auf meinem Thron:
so wie auch ich überwunden habe
und mich niedersetze an der Seite des Vaters
auf seinem Thron.

22 Wer Ohren hat höre,
was der Geist den Gemeinden sagt.

Und gegen diese Lauheit kann auch nichts unternommen werden, nichts solange wir nicht ganz, ganz unten sind. Nicht solange nicht noch mehr Vermögen geraubt, noch mehr Freiheiten eingestampft, noch mehr Seelen verdorben wurden. Das ist nunmal das Wesen einer jeden mediokren Ordnung, die Strafe Gottes, die Strafe der Natur für Halbherzigkeit, für halbe Herzen.

Das zu erkennen ist die Voraussetzung für neue Lebenskraft. Lebenskraft basiert auf alledem das wir vergessen haben.

Wir loben nicht mehr die Unvernunft, den Glauben, die Inbrunst, die heiße Liebe oder die blanke Wut. Wir sündigen nicht mehr, wir kennen nicht mehr die reuige Abbitte. Wir "erleben" und "genießen". Wir sind Blinzler geworden, falsche Fünfziger, Mischpoke, Gesindel das sich über tödliche Unfälle im Colosseum mehr erregt als über die tägliche Schändung der Götter.

Wir sind nicht mehr die, die Edwin Dwinger so eindrücklich in "Zwischen weiss und rot" beschrieben hat (wir sind nicht einmal mehr wie die Bolschewisten).
Deswegen ist alles verdient was uns jetzt ereilt, als Freiheitsfreunde, Christen, Deutsche, Europäer.

Was bleibt ist nur die Hoffnung das die durch den Zerfall hervorgerufenen Leiden neue Kräfte freisetzen.

Es wäre immerhin nicht das erste Mal. Unsere Gegner beweisen es.

Fraggel, am 28. Juli 2010 um 16:59 ( Link )

Und er muss Alternativen vorzeigen können!

Und diese Alternativen müssen ehrlich sein und auch für Leute nachvollziehbar die eben NICHT zwei Masterabschlüsse in der Tasche haben.
Und den Leuten muss das Gefühl genommen werden dass, egal was nun liberalisiert wird, über den Tisch gezogen zu werden (hatte erst heute eine nette Diskussion im Büro diesbezüglich).
Es muss ausgesprochen werden dass Liberalismus nicht das Ende der Solidarität bedeutet sondern ganz im Gegenteil - den Anfang!
Ich suche mir aus wessen Bruder ich sein möchte, dieser wird mir nicht zwangsanadoptiert (um beim Bild zu bleiben)
Und wir müssen endlich die Leute, die eben keinen graden Lebenslauf haben, entstigmatisieren. Es kann nicht nur Überflieger geben, und wer gefallen ist versucht es eben erneut woanders.
Es gibt wunderbare freiheitliche Gedanken.
Die müssen nur endlich ordentlich formuliert werden.

Jan-Matthis Weng, am 28. Juli 2010 um 17:28 ( Link )

Kann ich nur Ja und Amen zu sagen!

Jan-Matthis Weng, am 28. Juli 2010 um 17:33 ( Link )

Vgl. dazu Karl Hess: Letter From Washington: Where Are The Specifics?, in: The Libertarian Forum, 15.06.69, S. 2.

"Der Libertarismus ist eine Volksbewegung und eine Befreiungsbewegung. Er sucht jene Art der offenen, herrschaftslosen Gesellschaft, in der die Menschen, diese lebenden, freien, sich voneinander unterscheidenden Menschen sich aus freien Stücken verbinden können, trennen können und sich an den Entscheidungen beteiligen können, die ihre Lebensumstände beeinflussenden – so, wie sie es für richtig halten. Dies beinhaltet einen freien Wettbewerb von allem, von Ideen bis hin zu persönlichen Eigenarten. Es beinhaltet die Freiheit der Menschen, sich die Ressourcen ihrer unmittelbaren Umgebung kollektiv anzueignen oder sich individuell zu organisieren; es beinhaltet die Freiheit, ein gemeindebezogenes Rechtswesen zu haben, wenn erwünscht, oder auch keines, wenn nicht, oder private Rechtsfindung, wenn dies als angemessen gesehen wird. Das gleiche gilt für die Polizei. Das gleiche gilt für Schulen, Krankenhäuser, Fabriken, Farmen, Laboratorien, Parks, Rentenversicherungen. Freiheit meint das Recht, sich seine eigenen Institutionen zu schaffen."

TrebMelsa Fördermitglied, am 28. Juli 2010 um 18:35 ( Link )

@ bernd_lessing

Zu groß ist mittlerweile die Zahl der tatsächlichen oder vermeintlichen Sozialstaatsprofiteure, zu tief verankert im Bewusstsein der Bevölkerung der Glaube an den Wohlfahrtsstaat.

Völlig richtig, wenn z. B. die Zählung von Herrn Bachmann stimmt, dann haben wir in der BRD inzwischen einen Anteil von staatlichen Subsidienempfängern, der weit über 60% der Bevölkerung ausmacht. Und leider bilden diese Subsidienempfängern sich auch noch ein, dass dies ihr Recht sei und dass sie diese Subsidien „umsonst“ erhalten. Dieser Glaube ist, dies sehe ich genau wie Sie, tief verwurzelt, wird den Deutschen ja seit den Zeiten eines Herrn Bismarck eingebleut.

TrebMelsa Fördermitglied, am 28. Juli 2010 um 18:48 ( Link )

@ Jan-Matthis Weng

Noch einmal zurück zum Bürgergeld.

Sie meinen zum Bürgergeld:

Missbrauchspotential vorliegt oder, besser: ein eigentlich recht geringes Gebrauchspotential, das steht ausser Frage.

M. E. ist dies nicht so, Ihr Gedankengang mit einem geringen Gebrauchspotential greift viel zu kurz.
Der Grundgedanke des Bürgergeldes war, dass jeder Mensch monatlich über einen Mindestbetrag zum Leben verfügen sollte. Nennen wird diesen Betrag einmal „N“. Kann irgendeine Person ihre Arbeitskraft nun nur zum Satz „N minus 20%“ anbieten, so war der Gedanke (z. B. in den 1980er und 1990er bei Wolfram Engels und seinem Kreis), dass diese „20% weniger als N“ nichtsdestotrotz als negative Einkommensteuer dieser Arbeitskraft vom Finanzamt gezahlt werden sollen.
Mit Verlaub und bei allem Respekt vor Wolfram Engels und seinem Kreis, aber dies wird nicht funktionieren, es wird wie alle „gut gemeinten“ Sozialpolitik-Spielchen das Gegenteil von gut sein.
So bestechend einfach der Gedanke der Ausgleichssteuer auch scheint, auch Engels weist auf einige Probleme hin, die eine solche Art von „Besteuerung“ aufwirft. Im Grunde würde auch das „Bürgergeld“ wie eine Subvention billiger Arbeitskräfte wirken, also eine Art zweiten Arbeitsmarkt schaffen. Die Gefahr des „moral hazard“ von Seiten der Wirtschaftsbosse ist doch klar gegeben: deshalb ist dies für mich kein freiheitskonformes Konzept, weil dadurch auch riesige Finanzierungsprobleme beim dem sozialpolitischern Instrument „Bürgergeld“ entstehen würden, spätestens dann, wenn immer mehr Branchen die Löhne senken und niedrige Arbeiten über das „Bürgergeld“ durch das Finanzamt subventionieren lassen wollen. Mit dem Ergebnis, dass die fiskalischen Lasten der Negativsteuer (tarnend als Bürgergeld daherkommend) unkalkulierbar werden.

Weiter. Sie haben den gleichen Demokratiebegriff wie Auguste Comte, nur mit einem Unterschied, dass selbst ein Comte sagt, dass dieser Demokratiebegriff (die Mehrheit hat immer Recht und kann tun was sie gerade will) die schlimmste Art von Despotie und Tyrannei ist, die es geben kann (Quelle bei EKL in „Demokratie oder Freiheit“).
Mit Verlaub, mit Ihrem „Mehrheitsverständnis“ lassen sich alle materiellen Rechtstitel aushöhlen und mit liberal hat dies sehr wenig zu tun. Ich schätze, dass Sie Mitglied der Partei der Vernunft sind, weil Sie hie so stark dafür eintreten, deshalb danke dafür, dass Sie mir durch Ihr Demokratieverständnis gezeigt haben wie wenig freiheitlich diese Partei ist, falls Sie repräsentativ sind.

Fraggel, am 28. Juli 2010 um 19:23 ( Link )

wenn immer mehr Branchen die Löhne senken und niedrige Arbeiten über das „Bürgergeld“ durch das Finanzamt subventionieren lassen wollen. Mit dem Ergebnis, dass die fiskalischen Lasten der Negativsteuer (tarnend als Bürgergeld daherkommend) unkalkulierbar werden.

Herr TB, könnten Sie das einmal näher erläutern?
Ich habe mal eine kleine Liste mit einem Grenzsatz von 1000 Euro und einem Steuersatz von 50% angefertigt und ein paar Löhne drüber laufen lassen:
a=Arbeitslohn
b=Steuer (-)/ Auszahlung (+)
c=Einkommen

a b c
0 500 500
100 450 550
200 400 600
300 350 650
400 300 700
500 250 750
600 200 800
700 150 850
800 100 900
900 50 950
1000 0 1000
1100 -50 1050
1200 -100 1100
1300 -150 1150
1400 -200 1200
1500 -250 1250
1600 -300 1300
1700 -350 1350
1800 -400 1400
1900 -450 1450
2000 -500 1500
2100 -550 1550
2200 -600 1600

für mich sieht das Sehr plausibel aus, und ich sehe auch keinen Anreiz für Arbeitnehmer einen geringeren Lohn anzustreben.

Erläutern Sie mir bitte meinen Denkfehler.

TrebMelsa Fördermitglied, am 28. Juli 2010 um 21:23 ( Link )

@ Fraggel

für mich sieht das Sehr plausibel aus, und ich sehe auch keinen Anreiz für Arbeitnehmer einen geringeren Lohn anzustreben.

Ich habe nicht von Arbeitnehmern (falls Sie hier den umgangsprachlichen nicht korrekten Begriff für Arbeiter und Angestellte meinen) geschrieben. Mir ging es darum anzumerken, dass das Bürgergeld den Wirtschaftsbossen den Anreiz bieten kann (und m. E. wird), die Lohnkosten durch das Finanzamt bezahlen zu lassen - eben durch die Negativsteuer "Bürgergeld". D. h., die Löhne nach Möglichkeit real unter den Satz von "N" zu drücken und die Differenz von "Papa Staat" bezahlen zu lassen. Und je mehr Betriebe und Unternehmer dies versuchen, umso unkalkulierbarer wird das Bürgergeld.
Außerdem bin ich der Meinung, wenn es dieses Spielzeug "Bürgergeld" gibt, dann werden sich die guten Tanten und Onkels, welche sich Sozialpolitiker schimpfen, überfreffen in den Versuchen den Satz von "N" (wie ich dies weiter oben genannt hatte) zu übertreffen, um ihrer Klientel scheinbar etwas gutes zu tun.

Fraggel, am 28. Juli 2010 um 23:00 ( Link )

eben durch die Negativsteuer "Bürgergeld". D. h., die Löhne nach Möglichkeit real unter den Satz von "N" zu drücken und die Differenz von "Papa Staat" bezahlen zu lassen.

Zu einem Beschäftigungsverhältnis gehören immer zwei. Einer der drückt und einer der sich drücken lässt. Jedes Drücken ist, auch mit Negativsteuer, mit realen Einkommenverlusten für den Arbeitnehmer verbunden. Ich verstehe nicht wieso die "Drückerei" der Arbeitgeber aufgehen sollte.

Friedrich Dominicus, am 29. Juli 2010 um 7:12 ( Link )

An Herrn Weng. Es gibt selbst in unserem Grundgesetz das Recht auf Wiederstand wenn gegen das Grundgesetzt selber verstoßen wird. Somit gibt es ganz klar Dinge die Mehrheiten beschliessen können, die man aber schlichtweg mit allen Mitteln bekämpfen darf. Somit wissen die Demokraten zumindest eins. Mehrheiten haben gewisse Grundrechte zu respektieren. Und wenn es eben heißt Menschenjagd auf blauäugige 10 Jahre alte Kinder dann habe ich alles Recht der Welt jeden der diesem Kind schaden will umzubringen.

Also kommen Sie mir bitte nicht "so arbeitet" Demokratie eben. Die Väter des Grundgesetzes kannten die "Probleme" mit Mehrheiten die uns im 2. Weltkrieg Millionen von Toten bescherrten. Also lassen Sie dieses Argument weg, sonst muß man nicht mehr ernsthaft mit Ihnen diskutieren.

TrebMelsa Fördermitglied, am 29. Juli 2010 um 7:49 ( Link )

@ Fraggel

Ob die Drückerei aufgeht oder nicht, wer will dies im Vorfeld definitiv genau quantifizieren können? Aber die qualitative Möglichkeit dazu ist gegeben!

Aber vielleicht macht ein Gedankenspiel klar, weshalb ich meine, dass diejenigen, die in der Literatur vor dem Spielzeug Bürgergeld warnen, nicht unbedingt falsch liegen oder Phantasten sind.
Wer könnte die Höhe des Satzes „N“ festlegen, z. B. ein Forschungsinstitut wie das DIW und sagen, dass „N“ 1.500€ mindestens je Monat pro Person (ich verzichte hier auf Differenzierungen zwischen jung und alt, Kindern und Erwachsenen) sein soll.
Dies hieße, dass beim Spielzeug Bürgergeld alle sog. ausschließlichen Mini-Jobs mit 400 € Monatsbasis einen Anspruch auf 1.100 € ans Finanzamt als monatliche Negativsteuer haben würden.
Einmal auf die Daten aus 2009 mit im Durchschnitt regelmäßig knapp 5 Millionen ausschließlichen Mini-Jobbern angewandt und Sie können sich die Subventionen durch Negativ-Steuern selber ausrechnen.
Weiten Sie diese Rechnung auf den Niedriglohn-Bereich aus, dann wird noch etliches an Negativsteuer hinzukommen.
Und nun gehe ich noch einen Schritt weiter. Eine vierköpfige Familie mit einem monatlichen Arbeitseinkommen von 1.500 € würde in diesem Beispiel noch 4.500 € Negativsteuer erhalten dürfen.

Also meine Frage an Sie, sind die Bedenken, die ich aus der Literatur zum Thema Bürgergeld (Negativsteuer) abgeleitet habe, wirklich so unsinnig und grundsätzlich von der Hand zu weisen?
Außerdem, würde ich beim Spielzeug Bürgergeld keinem Unternehmen einen Vorwurf machen, wenn dort Arbeitsabläufe, die sich neu organisieren lassen, dann auf Mini-Jobs aufgeteilt würden. Die Mini-Jobber erhalten den Ausgleich doch durch das Bürgergeld, also Arbeitskosten damit verringern. Hier würde ein Unternehmen ein sozialpolitisches Spielzeug nur rational nutzen, einen Gesetzesrahmen ganz rational zum Unternehmensvorteil ausschöpfen – oder nicht? Die Kosten auf den Staat - also auf die anderen Trottel, die diesen finanzieren - abwälzen wollen.
Liegen hier nicht unkalkulierbare fiskalische Risiken? Und dann alles über ein Instrument, welches in der Verantwortung und Regie der Finanzbehörden liegt, steuern? Überlegen Sie doch einmal wie viele Daten von jeder einzelnen Person den Finanzbehörden dann mindestens vorzuliegen und zu Verfügung stehen müssten, damit das Spielzeug ohne Missbrauch einsetzbar wird?
Nochmals, alles Spinnereien? Vielleicht paranoid? Oder doch Befürchtungen, die durch das Agieren von Leviathan in der Vergangenheit, nicht von der Hand zu weisen sind?

@ Friedrich Dominicus

Sehe ich auch so, wenn Herr Weng mit dieser Demokratieansicht repräsentativ für die Partei der Vernunft ist, dann braucht man ihn und diese Partei nicht weiter zu beachten, nur eine weitere freiheitsfeindliche und freiheitsvernichtende Gruppierung.

Rado, am 29. Juli 2010 um 8:44 ( Link )

Bei der FDP gibt es etliche Mandatsträger, die von ihrer Gesinnung eins zu eins sofort zu den Grünen wechseln könnten, wie zB. Alexander Alvaro, der im Europäischen Parlament sitzt. Diese Leute denken sich aber offenbar nichts, wenn sie ihre Wähler düpieren. So eine Partei wählt man nicht, das ist Etikettenschwindel und Bauernfängerei.

Ilja, am 29. Juli 2010 um 9:05 ( Link )

Ein schneller Blick in das Parteiprogramm ist es alle mal wert.
http://www.parteidervernunft.de/parteiprogramm.html

Die wollen doch tatsächlich die Nazi-Erfindung Sicherungsverwahrung noch weiter ausbauen:

Sicherungsverwahrung bei Sexualstraftaten, insbesondere bei Delikten gegen Kinder; Drei unabhängige Gutachter müssen einer Freilassung zustimmen. Gutachter, die sich mehrfach irren, werden nicht mehr bestellt.

Und dies insbesondere auch bei gewaltfreien, einvernehmlichen Sexualkontakten mit Kindern?

Aber selbst wenn hier nur Vergewaltiger gemeint wären:

Offensichtlich gibt es nicht genug Sexualmorde an Kindern - wenn jeder Vergewaltiger sowieso lebenslängliche SV zu erwarten hat, egal ob er es danach am Leben lässt oder nicht, ist dies geradezu eine Aufforderung an die Vergewaltiger zum Verdeckungsmord.

Horst E. Böttcher, am 29. Juli 2010 um 9:51 ( Link )

@ bernd_lessing

"Was denn sonst? Ich habe nichts gegen die Existenz einer Sozialversicherung und auch nichts gegen die Existenz von Kindergärten - im Gegenteil! Ich habe aber sehr wohl etwas dagegen, wenn der Staat die Mittel zur Finanzierung dieser Institutionen mit Zwang eintreibt und die Bürger zur Nutzung dieser Einrichtungen mehr oder minder direkt zwingt."

Für mich sind das reine Notwendigkeiten. Gewisse Zwänge lassen sich nicht vermeiden; wenn Sie eine Eigentumswohnung besitzen müssen Sie auch gewisse Regeln und Beschlüsse der Eigentümergemeinschaft akzeptieren.

"Diese Einschätzung teile ich. Leider gibt es jedoch keinerlei Korrelation zwischen der Richtigkeit und der Mehrheitsfähigkeit einer Maßnahme."

"Richtigkeit" ist immer abhängig von dem angestrebten Ziel, und da gibt es eben verschiedene Ansichten.

"Zum einen halte ich die Grünen bestenfalls für pseudo-liberal: Da, wo es ins grüne Weltbild passt, ist man liberal - ansonsten beliebig totalitär (siehe z.B. hier)."

Was die Pseudo-Liberalität der GRÜNEN anbetrifft, gebe ich Ihnen weitgehend recht. Für mich bedeuted Freiheit jedoch in erster Linie, dass ich frei von staatlichen und kirchlichen Regeln leben kann. Zusammenwohnen egal ob verheiratet oder unverheiratet, gleichgeschlechtlich oder heterosexuell, Gleichberechtigung der Geschlechter.
Ob das nun auch liberal ist oder nicht, ist zweitrangig, mir geht es um Freiheit! Sicher war das kein Thema für Ludwig Bamberger, den der Autor zitiert, und der im 19. Jahrhundert lebte!

Mein Fazit ist, der deutsche Liberalismus ist immer noch geprägt vom Besitzbürgerdenken des 19. Jahrhunderts und ist noch nicht im 21. Jahrhundert angekommen! Der Autor ist leider ebenfalls rückwärts gewandt. Was wirtschaftliche Freiheit anbelangt, so sollte ein neues Verhältnis zwischen Staat und Privatwirtschaft entwickelt werden, aber bitte nicht mit den Thesen v.Mises und v.Hayeks! Auch wirtschaftlich hat sich die Welt verändert, nicht nur gesellschaftlich!

TrebMelsa Fördermitglied, am 29. Juli 2010 um 10:07 ( Link )

@ Horst E. Böttcher

Das Kernstück bei Hayek ist: Freiheit ist die Abwesenheit von Zwang.

Da Sie Hayek ablehnen folgt daraus, dass Sie für Zwang sind.

bernd_lessing, am 29. Juli 2010 um 10:50 ( Link )

@Horst E. Böttcher:

"Gewisse Zwänge lassen sich nicht vermeiden; wenn Sie eine Eigentumswohnung besitzen müssen Sie auch gewisse Regeln und Beschlüsse der Eigentümergemeinschaft akzeptieren."

Der Vergleich hinkt auf beiden Beinen: Zum einen steht es mir frei, zwischen zahllosen Wohnungen und Häuser, zwischen Miete und Kauf etc. pp. zu wählen. Zum anderen regeln private Verträge im Regelfall nur das, was alle Beteiligten aus eigener Überzeugung für regelungsbedürftig halten.

"'Richtigkeit' ist immer abhängig von dem angestrebten Ziel, und da gibt es eben verschiedene Ansichten."

Durchaus. Und genau deswegen gilt das einfache Prinzip: Je größer der Kreis der Beteiligten ist, desto kleiner muss der Konsens sein, desto geringer die Regelungsdichte und -tiefe.

"Für mich bedeuted Freiheit jedoch in erster Linie, dass ich frei von staatlichen und kirchlichen Regeln leben kann. Zusammenwohnen egal ob verheiratet oder unverheiratet, gleichgeschlechtlich oder heterosexuell, Gleichberechtigung der Geschlechter.
Ob das nun auch liberal ist oder nicht, ist zweitrangig, mir geht es um Freiheit!"

DIESE Freiheit gibt es ja nun wirklich schon eine ganze Weile, dafür hätten wir die GRÜNEN nun wirklich nicht gebraucht. Im Übrigen möchte ich klarstellen, dass ich überzeugt für die Freiheit der Lebensgestaltung eintrete, aber explizit NICHT für staatlichen Zwang (Diskriminierungsverbot, Frauenquote ...) - mit Freiheit hat letzteres nämlich herzlich wenig zu tun.

"Mein Fazit ist, der deutsche Liberalismus ist immer noch geprägt vom Besitzbürgerdenken des 19. Jahrhunderts und ist noch nicht im 21. Jahrhundert angekommen!"

Na, dann definieren Sie doch mal Ihre Vorstellungen von einem "zeitgemäßen" Liberalismus.

"Was wirtschaftliche Freiheit anbelangt, so sollte ein neues Verhältnis zwischen Staat und Privatwirtschaft entwickelt werden, aber bitte nicht mit den Thesen v.Mises und v.Hayeks! Auch wirtschaftlich hat sich die Welt verändert, nicht nur gesellschaftlich!"

Das klingt nach bestem Orwell'schen Newspeak. Freiheit heißt Abwesenheit von Zwang, wie TrebMelsa bereits treffend angemerkt hat. Was Sie als "neues Verhältnis" bezeichnen, bedeutet - wie auch immer Sie es drehen und wenden - eine Einschränkung von Freiheit und damit eine Legitimation staatlichen Zwangs. Und das nach Ihrer Diktion ja offenbar nicht nur in Bereichen der Sicherheit (wo wir uns durchaus auf eine Existenzberechtigung für staalichen Zwang verständigen könnten), sondern auch im Bereich der Sozialversicherung, der Kindererziehung etc.

Mit Liberalismus hat das wenig zu tun. Mir scheint, dass Sie - ähnlich wie die Grünen - einem Kollektivismus huldigen, der lediglich in gewissen privaten Aspekten zur Beliebigkeit neigt und dort weniger Freiheit sucht als vielmehr der Gesellschaft seine Wertvorstellungen als "gleichberechtigt" aufzwingen möchte.

wrise09 wrise09, am 29. Juli 2010 um 11:08 ( Link )

Many people have been choose a pair of shoes, suit oneself to let his own feet comfortable, but now this pair of shoes, that is, it is a pair of mbt shoesboth healthy and good wear shoes, you want to ask where I can buy? Doesn’t worry about it, now in many mbt shoes sale think you can buy, with good shoes, this is to find a good Chanel bag, and that is, I'm sure you'll like this bag, because this is the best?

Horst E. Böttcher, am 29. Juli 2010 um 12:26 ( Link )

@ bernd_lessing

"DIESE Freiheit gibt es ja nun wirklich schon eine ganze Weile, dafür hätten wir die GRÜNEN nun wirklich nicht gebraucht."

Doch, diese Freiheit verdanken wir den 68'ern und den GRÜNEN, die manche Forderungen der 68'er dann umgesetzt haben.

"Na, dann definieren Sie doch mal Ihre Vorstellungen von einem "zeitgemäßen" Liberalismus."

Der Besitzbürger-Liberalismus des 19. Jahrhunderts nahm kaum Rücksicht auf das "einfache Volk" der Lohnempfänger. Die Pflicht-Sozialversicherung gibt nun den angestellten Bürgern ein grosses Stück Freiheit (Minimierung der Folgen der Lebensrisiken wie Krankheit, Alter, Pflege, Arbeitslosigkeit) Die liberalen Besitzbürger des 19. Jahrhunderts hatten diese Freiheit kraft ihres Vermögens oder Einkommens.
Die ständige Opposition gegen diese Versicherung passt
nicht in das 21. Jahrhundert.

Die von mir angeführte persönliche Freiheit im Lebensstil sollte für Liberale selbstverständlich sein.
Es gibt noch vieles zu diskutieren um den Liberalismus
zu modernisieren, aber offenbar denken viele, wie der Autor dieses Artikels noch wie im 19. Jahrhundert, und wenn ich die Verherrlichung von Eva Hermann in diesem Forum lese, graust es mir!

"Mit Liberalismus hat das wenig zu tun. Mir scheint, dass Sie - ähnlich wie die Grünen - einem Kollektivismus huldigen, der lediglich in gewissen privaten Aspekten zur Beliebigkeit neigt und dort weniger Freiheit sucht als vielmehr der Gesellschaft seine Wertvorstellungen als "gleichberechtigt" aufzwingen möchte."

Mir liegt jede Ideologie fern. Liberalismus ist meines Wissens kein geschützter Begriff für eine ganz bestimmte politische Richtung. Daher nehme ich auch für mich das Label liberal in Anspruch. Dabei denke ich jedoch in erster Linie was ist pragmatisch und was dient dem Massenwohlstand. Ich möchte übrigens niemand Wertvorstellungen aufzwingen, es genügt, wenn sie voll respektiert werden. Da es hier offenbar immer noch Defizite gegeben hat, war das AGG vermutlich erforderlich!

Jan-Matthis Weng, am 29. Juli 2010 um 13:07 ( Link )

@ TrebMelsa zum Bürgergeld/NEkSt

Im Grunde würde auch das „Bürgergeld“ wie eine Subvention billiger Arbeitskräfte wirken, also eine Art zweiten Arbeitsmarkt schaffen. Die Gefahr des „moral hazard“ von Seiten der Wirtschaftsbosse ist doch klar gegeben [...]

Hmm...
Ja, in der Tat, da ist was dran.
Ich werde das mal im PdV-Forum zur Diskussion stellen!

@ TrebMelsa zur PdV

Ich bin (noch) nicht Mitglied der PdV und soweit ich das sehen kann, auch nicht repräsentativ für die mehrheitlich dort vertretenen Positionen, soweit es um, sagen wir: die Ausformungen des freiheitlichen Denkens geht.
Das Gros der Mitglieder scheint mir aus einem bürgerlich-konservativ-liberaldemokratischen Spektrum zu kommen.
Als alter (naja...) Libertarian steh ich da schon abseits des Mainstreams.
Trotzdem alles sehr nette Leute da! :)

Was uns gleich zum nächsten Punkt bringt, zur

Demokratie @ TrebMelsa und Friedrich Dominicus

Mir scheint, Sie beide fehldeuten meine Antwort weiter oben an Friedrich Dominicus.
Die Aussage war oder sollte sein, dass mit "Staat" und "Demokratie" nunmal einhergeht, dass Mehrheiten (oder starke Minderheitenkoalitionen) über Minderheiten entscheiden.
Und dass das so verfassungsgemässig auch geregelt ist.
Und dass man von einer Partei in der Bundesrepublik nicht erwarten braucht, dass Sie offensiv sich gegen diesen Grundsatz wendet.
Dies zumal dann nicht, wenn es sich garnicht um eine liberal-libertäre (odgl. mehr) Partei handelt.

Was man überhaupt dabei für öffentlich zu entscheiden hält und was nicht, ist nochmal 'ne andere Frage.
Die PdV meint "eher weniger", ich meine "eher garnix", andere wollen noch was anderes.

Jan-Matthis Weng, am 29. Juli 2010 um 13:23 ( Link )

@ Ilja

Ihr Argument ist sicher nicht falsch: Die Androhung lebenslanger Inhaftierung, auch die Androhung der Tötung führen bei einem Gesetzesbrecher sicher zu der Überlegung, den sicheren Weg zu wählen und das Opfer und die Spuren des Verbrechens zu beseitigen - schlimmer wird die Strafe dadurch ja nicht.

Stellt sich die Frage, wie man verhinderte Erstvergewaltigungen, verhinderte Wiederholungsvergewaltigungen und Tote in ein Verhältnis setzt.

Was die "gewaltfreien, einvernehmlichen Sexualkontakten mit Kindern" angeht, so sehe ich nicht ein, warum man politischen Selbstmord begehen sollte, indem man das thematisiert.
Ausserdem: Wieviele Leute glauben daran?
Steht man nicht da wie die Karmahüpfer von der Naturgesetzpartei, nur halt nicht in der albernen, sondern in der Perversenecke?

bernd_lessing, am 29. Juli 2010 um 13:29 ( Link )

@Horst E. Böttcher:

"Die Pflicht-Sozialversicherung gibt nun den angestellten Bürgern ein grosses Stück Freiheit (Minimierung der Folgen der Lebensrisiken wie Krankheit, Alter, Pflege, Arbeitslosigkeit)."

Dass Versicherungen ein Stück weit Sicherheit geben, ist unbestritten. Doch warum muss der Staat diese organisieren und die Bürger zur Inanspruchnahme der staatlichen Versicherungen zwingen? Was, wenn ich es vorziehe, zur Alterssicherung ein Haus zu bauen? Was, wenn ich gesund lebe und mit einer minimalen Krankenversicherung besser bedient wäre? Was, wenn ich mich nicht gegen Arbeitslosigkeit versichern, sondern statt dessen selbst Geld auf die Seite legen möchte? Entspricht es Ihrem Verständnis von Freiheit, wenn der Staat mir dies VERBIETET und mich in staatliche Systeme ZWINGT?

"Die ständige Opposition gegen diese Versicherung passt nicht in das 21. Jahrhundert."

... das ebenso wie das 20. Jahrhundert von der allgemeinen Akzeptanz des Wohlfahrtsstaats geprägt ist - insofern haben Sie da vielleicht durchaus Recht.

"Die von mir angeführte persönliche Freiheit im Lebensstil sollte für Liberale selbstverständlich sein."

Nochmal: Selbstverständlich ist für Liberale in der Tat, dass Sie - solange Sie keinem Dritten schaden - tun und lassen können, was Sie wollen. NICHT akzeptabel sind jedoch Eingriffe in die (Vertrags-)Freiheit unter dem Deckmäntelchen der "Gleichberechtigung". Solche Perversionen wie das Antidiskriminierungsgesetz sind NICHT liberal.

"Liberalismus ist meines Wissens kein geschützter Begriff für eine ganz bestimmte politische Richtung. Daher nehme ich auch für mich das Label liberal in Anspruch."

Das steht Ihnen frei - genauso, wie Sie damit leben müssen, dass andere Ihre Auffassungen so gar nicht als liberal betrachten.

"Dabei denke ich jedoch in erster Linie was ist pragmatisch und was dient dem Massenwohlstand."

Die Politik der chinesischen Regierung dient auch dem Massenwohlstand, oder?

"Ich möchte übrigens niemand Wertvorstellungen aufzwingen, es genügt, wenn sie voll respektiert werden. Da es hier offenbar immer noch Defizite gegeben hat, war das AGG vermutlich erforderlich!"

Sie fordern also "Respekt" z.B. vor der homosexuellen Orientierung von A, verweigern aber B die Freiheit, selbst zu entscheiden, ob er mit A einen (Arbeits-/Miet-)Vertrag schließt? Das ist ja ein ganz tolles Verständnis von Freiheit.

Jan-Matthis Weng, am 29. Juli 2010 um 13:43 ( Link )

Horst E. Böttcher schrieb am 29. Juli 2010 um 12:26

Die ständige Opposition gegen diese Versicherung passt nicht in das 21. Jahrhundert.

Das ist dann richtig, wenn diese Opposition sich speist und einem Gleichgültigkeitsdenken oder einem fehlverstandenen Leistungsbegriff odgl. und daher nur eine Abschaffung fordert, aber keine sinnvollen Alternativen präsentiert.

df, am 29. Juli 2010 um 14:32 ( Link )

Die Aussage war oder sollte sein, dass mit "Staat" und "Demokratie" nunmal einhergeht, dass Mehrheiten (oder starke Minderheitenkoalitionen) über Minderheiten entscheiden.
Und dass das so verfassungsgemässig auch geregelt ist.

Man braucht sich also nur zu einer ausreichend zahlreichen Horde zusammenzuschließen, um dann die kleinere Horde fronpflichtig zu machen. Der zivilisatorische Gewinn (Sie würden es vielleicht "Vernunft" nennen) besteht also darin, die Gewalt nicht sofort anzuwenden, sondern sie mit den Worten "demokratisch errungene Entscheidung", "Rechtstaat", "verfassungsmäßige Ordnung" und "Verfassungsfeind" erst anzudrohen. Na toll!

Liberalismus hingegen ist die Einführung von Verfassungen (im umfassenden Sinne), die den absolutistischen Zugriff der Staatstragenden (ob Könige, Sowjets oder Mehrheiten) auf die Freiheit der Einzelnen unterbinden.

Meistersinger, am 29. Juli 2010 um 16:33 ( Link )

Es ist für mich erstaunlich gewesen, wie der Liberalismus von den Medien bekämpft worden ist. Es scheint ein Merkelismus ausgebrochen zu sein. M. E. die 5. Kolonne der DDR hat es an die Spitze der Bürgerlichen geschafft. Prof. Bolz beschreibt in seinem Buch Diskurs über die Unfreiheit, wie Freiheit und Sozialismus sich gegenüberstehen. Sozialismus ist die Einschränkung der Freiheit. Er ist die Verweigerung die Verantwortung für sich selber zu übernehmen. Ein tiefer Instinkt im Menschen. "Ich will meine Ruhe haben". "Da ist es schön, da bleibe ich". "Dort wo man für mich sorgt, da fühle ich mich wohl". Wie die Kuh vor der Schlachtung, die auf der Weide gemästet wird. Das diese "Wohlfühlsituation" aus den Anstrengungen von Anderen erkauft wird, erhellt Wenigen. Eigentlich zwingt Freiheit zur Liberalität. Die Liberalität kann nur dort wachsen, wo das Volk auch Verantwortung für sich selber und zwar als Individuum zu übernehmen bereit ist und darin seine Chance sieht.

Horst E. Böttcher, am 29. Juli 2010 um 17:49 ( Link )

@ bernd_lessing

"Entspricht es Ihrem Verständnis von Freiheit, wenn der Staat mir dies VERBIETET und mich in staatliche Systeme ZWINGT?"

Ja, hier geht die Zweckmässigkeit vor! Gerade nicht-versicherungspflichtige Freiberufler sind von Altersarmut bedroht. Es gibt soviele Lebensrisiken, die man nicht mit "Bordmitteln" abdecken kann. Auch wer gesund lebt kann schwer krank werden!

"Das steht Ihnen frei - genauso, wie Sie damit leben müssen, dass andere Ihre Auffassungen so gar nicht als liberal betrachten."

Damit kann ich sehr gut leben! Wenn man bedenkt, dass kürzlich eine ef-Autorin gefordert hatte, die EU-Abgeordnete Koch-Mehrin auszubürgern und ausser mir niemand widersprach, dann bin ich wohl noch ziemlich liberal!

"Die Politik der chinesischen Regierung dient auch dem Massenwohlstand, oder?"

Wahrscheinlich, aber vielleicht können wir es besser!

"Sie fordern also "Respekt" z.B. vor der homosexuellen Orientierung von A, verweigern aber B die Freiheit, selbst zu entscheiden, ob er mit A einen (Arbeits-/Miet-)Vertrag schließt? Das ist ja ein ganz tolles Verständnis von Freiheit."

Für eine solche Diskriminierung sind keine sachlichen Gründe erkennbar, daher ist die Untersagung nicht zu beanstanden. Die Inder haben ja auch ihr Kastenwesen abgeschafft!

Freiheit wird eben von jedem anders gesehen!

Jan-Matthis Weng, am 29. Juli 2010 um 18:27 ( Link )

Freiheit wird eben von jedem anders gesehen!

Wie entscheiden wir dann aber, welche Freiheitseinschränkung gemacht werden soll und welche nicht?

Anders gesagt: Wenn wir alle unterschiedliche Ansichten haben zur Freiheit, gleichzeitig aber Freiheit wollen, ist es dann nicht sinnvoll, jedem soviel als gerade eben möglich von seiner Freiheit zu lassen, wie er sie sieht - und nur da einzuschränken, wo sich tatsächlich fast alle einig sind, dass diese Einschränkung okay ist (Mord & Totschlag bspw.)?

Jan-Matthis Weng, am 29. Juli 2010 um 18:27 ( Link )

df schrieb am 29. Juli 2010 um 14:32

Man braucht sich also nur zu einer ausreichend zahlreichen Horde zusammenzuschließen, um dann die kleinere Horde fronpflichtig zu machen.

Faktisch gesehen ist das so, ja.
Beispiel: Mitteleuropa, 29.07.2010. ;-)

Der zivilisatorische Gewinn (Sie würden es vielleicht "Vernunft" nennen) besteht also darin, die Gewalt nicht sofort anzuwenden, sondern sie mit den Worten "demokratisch errungene Entscheidung", "Rechtstaat", "verfassungsmäßige Ordnung" und "Verfassungsfeind" erst anzudrohen. Na toll!

Ich meine, man kann durchaus sich auf den Standpunkt stellen, dass dies einen, wie Sie es nennen: "zivilisatorischen Gewinn" darstellt.

Immerhin stellt es einen Versuch dar, die Gewalt zu regulieren, zu kanalisieren.

Nachteil ist im Falle der Demokratie die Verschleierung: In einer Autokratie mag irgendwer herrschen, aber mir wird als Bürger bzw. Untertan nicht unterstellt, eigentlich täte ich es irgendwie auf quasi-magische Art doch selber.
Das ist einfacher, ist nervlich angenehmer.
Ausserdem braucht man weniger Muni für einen Putsch! ;-) :-D

Liberalismus hingegen ist die Einführung von Verfassungen (im umfassenden Sinne), die den absolutistischen Zugriff der Staatstragenden (ob Könige, Sowjets oder Mehrheiten) auf die Freiheit der Einzelnen unterbinden.

Das ist ideengeschichtlich gesehen richtig, ja. (Weiss grad nicht, was ich sonst dazu schreiben soll.)

bernd_lessing, am 29. Juli 2010 um 21:04 ( Link )

@Horst E. Böttcher:

"Ja, hier geht die Zweckmässigkeit vor! Gerade nicht-versicherungspflichtige Freiberufler sind von Altersarmut bedroht. Es gibt soviele Lebensrisiken, die man nicht mit 'Bordmitteln' abdecken kann. Auch wer gesund lebt kann schwer krank werden!"

Um es also ganz deutlich zu sagen: Sie möchten dem Einzelnen NICHT die Freiheit lassen, ob und wie er für Lebensrisiken vorsorgt, sondern ihn stattdessen in staatlichen Monopolsystemen zwangsversichern. Sie gehen davon aus, dass Sie (oder vielmehr Politiker und Bürokraten) in jedem Fall besser wissen, was für jeden Einzelnen gut ist. Ein wirklich sehr eigentümliches Verständnis von Freiheit.

"Für eine solche Diskriminierung sind keine sachlichen Gründe erkennbar, daher ist die Untersagung nicht zu beanstanden."

Entschuldigen Sie: Wenn ich als Privatperson oder Unternehmen mit einer anderen Privatperson oder einem anderen Unternehmen keinen Vertrag schließen möchte, so geht das NIEMANDEN etwas an - schon gar nicht den Staat. Die Gründe dafür sind völlig unerheblich. Sie wollen doch nicht allen Ernstes verlangen, dass ich "sachliche Gründe" dafür vorbringen muss, wenn ich einen Bewerber nicht einstellen oder einem Mietinteressenten meine Wohnung nicht vermieten will?

Tut mir leid, aber ihr Verständnis von Freiheit ist wirklich eine komplette Perversion dieses Begriffs.

Horst E. Böttcher, am 30. Juli 2010 um 9:46 ( Link )

@ bernd_lessing

"Um es also ganz deutlich zu sagen: Sie möchten dem Einzelnen NICHT die Freiheit lassen, ob und wie er für Lebensrisiken vorsorgt, sondern ihn stattdessen in staatlichen Monopolsystemen zwangsversichern. Sie gehen davon aus, dass Sie (oder vielmehr Politiker und Bürokraten) in jedem Fall besser wissen, was für jeden Einzelnen gut ist. "

Denken Sie mal daran wie in diesem Forum die Mehrheit des Volkes oft für dumm dargestellt wird weil sie die "falschen" Parteien wählen, die "falsche" Politik unterstüzen, usw. und dann sollen die Leute plötzlich klug genug sein, Ihre Lebensrisiken abzusichern? Um dies professionell tun zu können, muss man ein Finanz- und Versicherungs-Fuchs sein, und auch die liegen oft daneben. Ab einer gewissen Gehaltsgrenze fällt ja die Sozialversicherungspflicht weg, das kann man sehen als eine Annahme, dass Leute, die soviel verdienen, entsprechende Kenntnisse haben sollten. Ich bezweifele das zwar, aber will daran nicht rütteln.

"Ein wirklich sehr eigentümliches Verständnis von Freiheit."

Aber pragmatisch!

"Sie wollen doch nicht allen Ernstes verlangen, dass ich "sachliche Gründe" dafür vorbringen muss, wenn ich einen Bewerber nicht einstellen oder einem Mietinteressenten meine Wohnung nicht vermieten will?"

Sie sollen einfach nicht diskriminieren! Das wäre auch ein Punkt für modernen Liberalismus. Dass man Gründe für eine persönliche Entscheidung vorbringen muss, lehne ich ebenfalls ab.

@ Jan Mathias Weng

"Wie entscheiden wir dann aber, welche Freiheitseinschränkung gemacht werden soll und welche nicht?"

"Anders gesagt: Wenn wir alle unterschiedliche Ansichten haben zur Freiheit, gleichzeitig aber Freiheit wollen, ist es dann nicht sinnvoll, jedem soviel als gerade eben möglich von seiner Freiheit zu lassen, wie er sie sieht "

Im Prinzip gebe ich Ihnen recht, aber Freiheit bzw. Unfreiheit wird sehr subjektiv gesehen!

Ein gläubiger Katholik wird in den Moralgeboten seiner Kirche überhaupt keine Einschränkung der Freiheit sehen. Ein Pragmatiker wie ich, wäre früher nie auf den Gedanken gekommen, Sozialversicherungspflicht könnte etwas mit Unfreiheit zu tun haben.

Ob jemand nach den Geboten der Kirche lebt oder nicht, ist seine Sache und sollte die Gesellschaft nicht stören. Ob aber Menschen durch fehlende Absicherung der Lebensrisiken in Not geraten, hat schon eine gesellschaftliche Dimension

barthel_berand, am 30. Juli 2010 um 11:16 ( Link )

Lieber Herr Böttcher,

entschuldigen Sie, wenn ich mich ungefragt einmische:

Sie sollen einfach nicht diskriminieren!

Es ist ein Wesensmerkmal der Wahl, dass man notwendigerweise diskriminieren MUSS. Jede nicht gewählte Alternative, jeder nicht genommene Mieter, jeder abgelehnte Arbeitnehmer wird notwendig diskriminiert. Die Gründe für diese Diskriminierung werden in der Realität derart vielschichtig sein, dass das Abstellen auf Merkmale wie Religion, Geschlecht, Rasse, etc. nur an der Oberfläche kratzen und nicht zielführend sein kann. Entscheidend dürften letzlich "chemische" Gründe sein.

Meine Frau ist Russin. Andere Rasse, andere Religion, andere Sprache. Ich habe alle deutsche Frauen mit meiner Wahl diskriminiert. Muss ich jetzt bestraft werden?

BB

Jan-Matthis Weng, am 30. Juli 2010 um 12:44 ( Link )

Horst E. Böttcher schrieb am 30. Juli 2010 um 9:46

Denken Sie mal daran wie in diesem Forum die Mehrheit des Volkes oft für dumm dargestellt wird

Es gibt drei Arten von Leuten:

1. Dummköpfe, die es nicht wissen;
2. Dummköpfe, die es wissen;
3. Kluge.

Gruppe 3 ist promillemässig in der Bevölkerung vertreten und darum brauchen wir uns um sie nicht kümmern.
(Nicht nur) Liberale und potentielle solche gehören zu Gruppe 2 oder sind Grenzfälle von 2 und 1: Sie halten auch sich selber für unwissend.
Zur Gruppe 3 gehört der Rest.

Also: Ja, das Volk ist dumm. Zum Volke gehören wir aber auch und also sind wir auch dumm. Nur anerkennen wir das und bilden drum die "Partei des Lebendigen", "eine Partei, die für freies Wachstum und spontane Entwicklung eintritt" (von Hayek).
Und verzichten auf Sozialingenieure, Mikromanager und Gosplaner und legen dem Restvolk nahe, das bitte auch zu tun. :-)

@ Jan Mathias Weng

Im Prinzip gebe ich Ihnen recht, aber Freiheit bzw. Unfreiheit wird sehr subjektiv gesehen!
Ein gläubiger Katholik wird in den Moralgeboten seiner Kirche überhaupt keine Einschränkung der Freiheit sehen. Ein Pragmatiker wie ich, wäre früher nie auf den Gedanken gekommen, Sozialversicherungspflicht könnte etwas mit Unfreiheit zu tun haben.
Ob jemand nach den Geboten der Kirche lebt oder nicht, ist seine Sache und sollte die Gesellschaft nicht stören. Ob aber Menschen durch fehlende Absicherung der Lebensrisiken in Not geraten, hat schon eine gesellschaftliche Dimension.


Sicher hat es das!
Drum muss der Liberale ja auch Alternativen anbieten, sei es, indem er glaubhaft macht, dass fehlende Absicherung bei einer vernünftigen Wirtschaftspolitik eine Randerscheinung sein würd, sei es, indem er nichtstaatliche, nichtöffentliche Modelle von Absicherung vorschlägt.

Wenn Sie mich fragen, besteht die beste Absicherung immernoch (1) im Eingebundensein in eine Gemeinschaft irgendeiner Art (Familie, Nachbarschaft, Verein für Gegenseitige Hilfe) und (2) im Eigentum, genauer: im Teileigentum an Produktionsmitteln (KMU, Genossenschaftlichkeit).

Mit anderen Worten: Dass der status quo minus Wohlfahrtsstaat nicht funktioniert, ist sicher richtig.
Aber Leute, die genau das fordern, sind ja auch nicht ernstzunehmen und insofern mehr Problem denn Lösung. :-D

dickbrettbohrer, am 30. Juli 2010 um 13:08 ( Link )

Gelegenheit macht Diebe ...

... so sagt der Volksmund. Eine Gesellschaftsordnung, die ihre Moralvorstellungen aus dem Kodex der Räuberethik bezieht, bietet Feinden des Eigentums reichlich Gelegenheit, ihre ganz und gar unbrüderlichen Gelüste ganz offen auszuleben – siehe F. Bastiats unübertroffene Definition des Staates: „Der Staat ist die große Fiktion, nach der sich jedermann bemüht, auf Kosten jedermanns zu leben.“ Das ist das Grundübel, und kein Reformversuch wird die Fehlentwicklungen beseitigen, die daraus erwachsen. Man kann einander diametral widersprechende Forderungen eben nun einmal nicht erfüllen: auf der einen Seite die Forderung, der Staat möge seine Wohltaten über die Bürger ausgießen, auf der anderen Seite der Wunsch, weniger direkte und indirekte (Inflation) Steuern zahlen zu müssen. Der Staat ist kein überirdisches Wesen, das Wohlstand aus dem Nichts schafft, um es dann wie Himmelsmanna zu verteilen. Was der Staat erschafft, ist Papiergeld – Papiergeld wiederum ist mitnichten ein Äquivalent für Wohlstand. Papiergeld ist ein teuflisch gut getarntes Enteignungsinstrument. Das wird sich inzwischen selbst unter einfachen Gemütern herumgesprochen haben.

Was also erwarten die Menschen vom Staat? Materielle Gleichheit? So lange dieses Ziel verfolgt wird, kann es weder Frieden noch Wohlstand geben.
Wenn wir unseren Teller mit dem duftenden Kalbsschnitzel auf den Fußboden stellen, obwohl unser stets hungriger Hund im Haus herumschnürt, müssen wir uns nicht wundern, wenn schon wenig später das Fleisch verschlungen ist. Was ist das? Eine tierische Frechheit? Animalische Gier? Diebstahl aus niedrigen Motiven? Wozu die Empörung? Was sollen all die Beschimpfungen und Belehrungen, die wir an das Tier richten? Was nützen die Schläge?

Hunde sind wir alle, wenn’s ums Fleisch geht, das dürfen wir nicht vergessen. Wenn wir nicht wünschen, daß der Hund das Schnitzel an unserer statt vertilgt, dann dürfen wir den Fleischteller eben nicht auf den Fußboden stellen. Das ist die einzige Schlußfolgerung, die man daraus zu ziehen hat. Aber wie ist das mit dem Staat? Verhalten wir uns nicht gerade in bezug auf diesen in genau der törichten Weise? Wir stellen an ihn materielle Forderungen und haben den sogenannten Volksvertretern die Blankovollmacht gegeben, unsere Forderungen zu verwirklichen. Wie Hunde sich in der Nähe von Fleischtellern verhalten, wissen wir. Was Volksvertreter angesichts gefüllter Schatzkammern tun, soll uns nicht klar sein? Wissen wir denn nicht, daß der Staat nur geben kann, was er vorher genommen hat? Und wissen wir denn wirklich nicht, wo er es nimmt?
Das Empörungsgeheul über die fiskalische Ausbeutung bekommt auf diese Weise einen schrägen Klang. Denn was sich vor unseren Augen und unter Einbeziehung unserer selbst vollzieht, sind Zwangsläufigkeiten, die sich aus dem Naturgesetz ergeben.

Es war Churchill, der eine kluge Erkenntnis in Worte kleidete. Er sagte sinngemäß, daß wir Menschen zwar unsere Räume formten, daß jedoch diese von uns geschaffenen Räume auch uns selbst formten. Mit anderen Worten: wir lassen uns – aus freier Entscheidung – auf gewisse Umstände ein und müssen dann – nicht mehr ganz freiwillig – mit den Zwängen dieser selbstgetroffenen Entscheidungen leben. Wir beeinflussen nicht nur die Institutionen, sondern sie beeinflussen maßgeblich auch unser Dasein. Sind die Institutionen gut, so tragen sie zum Gedeihen der Gesellschaft bei. Sind sie jedoch schlecht, dann richten sie Schaden an. Der Selbstbedienungsladen der Parteiendemokratie ist eine Einrichtung, die ihr Zerstörungspotential erst mit großer Zeitverzögerung entfaltet hat. Eine Reform desselben ist, wie wir heute zur Kenntnis nehmen müssen, nicht möglich. Wenn eine Jacke falsch zugeknöpft ist, nützt alles Experimentieren mit Knopf und Loch nicht. Man muß alle Knöpfe öffnen und von vorn beginnen. Es gibt keine andere Möglichkeit.

Ohne prinzipiellen staatlichen Schutz des Privateigentums wird es keine Freiheit geben. Ohne Freiheit keine echte „libertäre“ Partei. Das System ist nicht auf den Schutz des Eigentums ausgerichtet, sondern auf dessen Ausbeutung und Zersetzung. Daher kann IN DIESEM SYSTEM keine einzige Partei eine Verbesserung bringen. Das ist die Denkrichtung, in die wir vorstoßen müssen. Wir leben in einem Staat, in welchem die Machtelite die Bürger dazu zwingt, ihre „Fleischteller“ auf den Boden zu stellen. Jeder Reformversuch, wer auch immer diesen unternimmt, ist sozusagen für den Hund. Die Natur ist unerbittlich. Was wir an positiven Änderungen erreichen können, ist nur mit der Natur, nicht gegen sie möglich.

Was tun? Gibt es eine „attraktive road to freedom”, wie Habermann abschließend fragt?
Mit den obigen Betrachtungen habe ich ein eher düsteres Zukunftsbild entworfen – nimmt man das Große und Ganze. Es gibt aber auch noch die Mikrowelt, das ganz unspektakuläre Leben im Privatbereich. Da gilt es anzusetzen. Die Kathedermoral der staatlichen Erziehungsapostel können wir getrost vergessen. Niemand kann die Nation oder gleich die ganze Welt retten. Im privaten Rahmen aber kann jeder sich so verhalten, daß dem Leviathan, um mit dem geschätzten Roland Baader zu sprechen, zumindest ein Teil des Mastfutters entzogen wird. Man muß nicht vorauseilenden Gehorsam zeigen in allen Gender- und sonstigen Wahnvorstellungen. Man muß sich auch nicht totarbeiten. Man muß nicht das dickste Auto fahren und die schrillsten Designergüter besitzen. Man muß nicht glauben, als Frau nur dann jemand zu sein, wenn man eine Arbeitsstelle annimmt. Man sollte niemals einen Kredit aufnehmen. Man muß nicht auf Biegen und Brechen jede Modetorheit mitmachen und die Glotze zum Hausaltar erklären. Man kann sich in vielen Bereichen vornehm zurückziehen, und das OHNE obrigkeitlichen Ärger zu erregen. Den sollte man vermeiden. Man zieht den kürzeren.
Aber auch kleine Schritte sind Schritte in eine gewisse Richtung. Die kann jeder von uns tun.

Horst E. Böttcher, am 30. Juli 2010 um 14:21 ( Link )

@ barthel_berand

"Meine Frau ist Russin. Andere Rasse, andere Religion, andere Sprache. Ich habe alle deutsche Frauen mit meiner Wahl diskriminiert. Muss ich jetzt bestraft werden?"

Danke für Ihre Zuschrift! Sie zeigen auf, dass das Thema Diskriminierung weiter gefasst ist als im AGG behandelt!

Zunächst, das Gesetz behandelt persönliche Beziehungen überhaupt nicht; zweitens ist der Einwand mit: "...wenn ich mich für eine Frau entscheide, diskirimiere ich alle anderen...! schon mehrfach in diesem Forum vorgetragen. In meinen Augen ist das eine reine Spitzfindigkeit über den Begriff "Diskriminierung"!
Bei jeder Auswahl gibt es immer Nicht-Erwählte, das ist aber nicht gleichzusetzen mit Diskriminierung. Das AGG sieht eben vor, dass eine Auswahl oder Nicht-Wahl nach den aufgeführten Kriterien in den beschriebenen Fällen untersagt ist. Mir ist bewusst, dass das ein schwierig abzugrenzendes Gebiet ist und ich bin mit dem Gesetz auch nicht hundertprozent glücklich! Aber was war zuerst da: die Diskriminierung oder das Gesetz? Durch das AGG wird Bewusstsein dafür geweckt, dass Diskriminierung nicht mit einer freiheitlichen Ordnung vereinbar ist, und damit ist schon viel erreicht. Wie Sanktionen in der Praxis aussehen werden, wird sich zeigen!

barthel_berand, am 30. Juli 2010 um 15:21 ( Link )

@ Horst E. Böttcher,

Das AGG sieht eben vor, dass eine Auswahl oder Nicht-Wahl nach den aufgeführten Kriterien in den beschriebenen Fällen untersagt ist.

Schon klar. Das Problem ist doch die - auf einem kleinen Umweg - festgelegte Beweislastumkehr. Ein Ding der Unmöglichkeit.

Beweisen Sie mir mal, dass Sie mich gestern nicht angerufen haben.

Bei jeder Auswahl gibt es immer Nicht-Erwählte, das ist aber nicht gleichzusetzen mit Diskriminierung.

Sicher gibt es Menschen, die ein wenig verbohrter sind als andere; deren Vorurteile unverrückbar stehen. Nennen Sie diese Menschen von mir aus dumm oder beschränkt oder unverbesserlich oder gar fremdenfeindlich. Na und? Sollen sie doch. Es gibt bessere Menschen, mit den man sich umgeben kann. Würden sie bei jemandem arbeiten wollen oder zur Miete wohnen, von dem Sie wissen, dass er Sie auf den Tod nicht ausstehen kann? Und nun klagen sie diesen Menschen auch noch dafür an, dass er Sie - warum auch immer - nicht will? Und dann soll dieser Mensch auch noch beweisen, dass die von Ihnen angeführten Gründe, aus denen er Sie nicht will, nicht stimmig sind?

Mal ehrlich: dieses Gesetz ist mehr als ein schlechter Witz. Unsere Dressurelite übertreibt es langsam ein wenig mit ihren Menschen- und Weltverbesserungsbemühungen. Wieviel Langeweile muss man eigentlich haben, um sich soetwas auszudenken? Und wir bezahlen diese Geistesgrößen auch noch dafür. Ungeheuerlich.

@ dickbrettbohrer

Wie gewohnt auf den Punkt.

BB

Fraggel, am 30. Juli 2010 um 19:34 ( Link )

Durch das AGG wird Bewusstsein dafür geweckt, dass Diskriminierung nicht mit einer freiheitlichen Ordnung vereinbar ist, und damit ist schon viel erreicht. Wie Sanktionen in der Praxis aussehen werden, wird sich zeigen!

Vorzuschreiben WIE man sich gefälligst zu entscheiden hat ist mit einer freiheitlichen Ordnung nicht zu vereinbaren.
Ich werde demnächst auch einstellen. Wie soll ich mich denn entscheiden wenn vor mir zwei Personen im besten gebährfähigen Alter sitzen, gleiche Qualifikation, gleiche Lohnforderungen, nur einer von beiden mit der (größeren) Gefahr zwischenzeitlich aus einem Projekt auszusteigen und erst mal ein Jahr zuhause zu bleiben?
Und einen Grund kann ich mir immer aus den Fingern saugen, NOCH haben die Bewerber ja nicht das Recht die Bewerbung des jeweils anderen einzusehen.
Es ist ein totgeborenes Kind.

Friedrich Dominicus, am 30. Juli 2010 um 19:43 ( Link )

"Und wir bezahlen diese Geistesgrößen auch noch dafür. "

Bezahlen würd ich mal unter einem Geschäft verstehen (und da hört man zumindest noch ein bisschen Leistung/Gegenleistung), ich behaupte mal deren Gehalt wird uns abgepresst. Und die Experten für derartige Gangeleien, ja die wachsen anscheinend wirklic auf Bäumen. Oder ist es eine logische Schlußfolgerung aus unserem Uni system?

Und sind wir nicht willig, so gibt es ja immer noch die Pistole und den Knast. Und wenn man sich dem entziehen möchte, kann man ja immer noch "nette" CDs kaufen. Entschuldigung dies Land ist wirklich nahe dem Ende.

Horst E. Böttcher, am 30. Juli 2010 um 19:57 ( Link )

@ barthel_berand

"Schon klar. Das Problem ist doch die - auf einem kleinen Umweg - festgelegte Beweislastumkehr. Ein Ding der Unmöglichkeit."

Ich gebe Ihnen recht. Wie ich schon schrieb, bin ich mit dem Gesetz auch nicht zufrieden, wohl aber mit den Bemühungen willkürliche Diskriminierung zu bekämpfen!

Es mag sogar manchmal sachliche Gründe für Diskriminierung geben: ein Unternehmen, dass mit der arabischen Welt Handel treibt, kann kaum dafür einen
Israeli einstellen.

Vor 30 Jahren oder so. schrieb eine Hamburger Firma die Position eines Exportsachbearbeiters aus, eine junge Dame meldete sich, und man erklärte ihr unverblümt, man könne sie als Frau nicht einstellen, da dieser Job den Handel mit Arabern betraf, die Frauen nicht akzeptierten. Zum Unglück für die Firma hatte die Dame einen Freund, einen jungen Anwalt, der das als eine Chance zur Profilierung sah, eine Klage wegen Diskriminierung (die es juristisch wohl schon damals ohne AGG gab) anstrengte und für seine Freundin einige Tausend Mark Schadensersatz herausholte. Sachlich ist dazu zu sagen, dass es damals durchaus deutsche Unternehmerinnen gab, die mit der arabischen Welt gute Geschäfte machten.

Das Gesetz ist zu stringent, es erlaubt nicht, besondere Situationen zu berücksichtigen. Trotzdem sehe ich es als einen Schritt zum Abbau von Diskriminierungnen.

Um auf den Punkt Moderner Liberalismus zurückzukommen, es sollte darüber nachgedacht werden, was ist der höhere Wert: Vertragsfreiheit um jeden Preis oder Abbau der Diskriminierung. Gibt es ein Recht auf Diskriminierung oder verstösst Diskriminierung gegen das Recht? Das sind Fragen des 21. Jahrhunderts, auf die der vom Autor zitierte Ludwig Bamberger des 19. Jahrhunderts noch keine für unsere Zeit gültige Antwort wusste.

Jan-Matthis Weng, am 30. Juli 2010 um 20:05 ( Link )

dass Diskriminierung nicht mit einer freiheitlichen Ordnung vereinbar ist

Ich kann mir eine freheitliche Ordnung ohne Diskriminierung garnicht denken.
Irgendwo liegen wir da doch offensichtlich ganz erheblich auseinander...

Horst E. Böttcher, am 30. Juli 2010 um 21:22 ( Link )

@ Jan-Matthis Weng

"Ich kann mir eine freheitliche Ordnung ohne Diskriminierung garnicht denken.
Irgendwo liegen wir da doch offensichtlich ganz erheblich auseinander..."

Da haben sie völlig recht! Man sollte aber den Begriff "Diskriminierung" genau definieren. Meinen Sie die Ablehnung auf Grund bestimmter Merkmale wie Gender, Rasse, Nationalität, Sexueller Orientierung oder einfach die Bevorzugung bzw. Benachteilugung nach anderen Kriterien?

Jan-Matthis Weng, am 30. Juli 2010 um 21:29 ( Link )

Ich kann mir kein Gemeinwesen denken, das einerseits weitgehend freheitlich gestaltet ist, in dem andererseits Diskriminierungen aufgrund von Geschlecht, Alter, Ethnie, Herkunft, biologischem (Sub)-Typ, sexuellen und anderen Neigungen usw. nicht vorkommen.

Irgendwer wird irgendwen aus irgendeinem Grunde aufgrund eines dieses Merkmals sicher ablehnen.
War so, ist so, bleibt so.
Kann nicht Staatsaufgabe sein, was dagegen zu tun, solange es uns nicht erheblich Richtung Gesellschaftsverfall bringt.
Und soweit geht es ja nie.

Horst E. Böttcher, am 31. Juli 2010 um 0:05 ( Link )

@ Jan-Matthies Weng

Lassen Sie mich zur Diskriminierung folgendes sagen:

Natürlich gibt es in jedem Gemeinwesen immer gewisse Präfernen. Systematische Diskriminierung ist jedoch etwas anderes.

1953 wurde für das zweite Kabinett Adenauer noch ein Postminister gesucht. Der Posten stand der CSU zu, der Kandidat sollte aber wegen des religiösen Proporz ein Protestant sein, und vom linken Flügel stammen. Von beruflicher Qualifikation war nie die Rede. Die CSU fand schliesslich mit dem (zunächst parteilosen) Balcke einen entsprechenden Kandidaten.

1957 konnte Kurt-Georg Kiesinger nicht Aussenminister werden, da nach dem Proporz für diesen Posten ein Protestant gesucht wurde.

Viel Rivalität gibt es auch unter Regionen und Städten. Bayern gegen Preussen kennt jeder, ebenso Köln gegen Düsseldorf. Solange sich diese auf Karnevalssitzungen austobt, schadet es niemanden.

Zwischen Hamburg und Bremen gibt es ebenfalls eine alte Rivalität. Als im 19. Jahrhundert in Bremen der Norddeutsche Lloyd gegründet wurde, waren Hamburger als aktionäre ausgeschlossen, woraufhin jeder patriotische
Hamburger Kaufmann sich auf Umwegen eine Lloyd-Aktien besorgte. (Vielleicht war das ganze ein Marketing-Gag der Bremer um die Aktien breit zu streuen!)

Die Beispiele zeigen aber, wie negativ und beschränkt sich Diskriminierung auswirken kann.

Das heutige AGG ist sehr stringent und mag zu Heuchelei führen. Homosexuelle, die sich für einen guten Job verstellen und tarnen, was auch nicht gerade mit Freiheit zu tun hat. (Bei einem Umschlagen des Arbeitsmarktes könnte ein hochqualifizierter Homo vielleicht von seinem Arbeitgeber verlangen, dass am
CSD die Regenbogenfahne gehisst wird...)

Generel schadet Diskriminierung der Gesellschaft und der Wirtschaft. Um auf die Diskussion zurückzukommen; der Autor empfiehlt eine Rückkehr zu den Lehren eines Ludwig Bambergers, während ich meine, die Liberalen sollten sich mit Themen des 21. Jahrhunderts auseinandersetzen, wozu auch die Diskriminierung gehört.

Fraggel, am 31. Juli 2010 um 7:39 ( Link )

Generel schadet Diskriminierung der Gesellschaft und der Wirtschaft. Um auf die Diskussion zurückzukommen; der Autor empfiehlt eine Rückkehr zu den Lehren eines Ludwig Bambergers, während ich meine, die Liberalen sollten sich mit Themen des 21. Jahrhunderts auseinandersetzen, wozu auch die Diskriminierung gehört.

Wenn Diskriminierung wirklich der Wirtschaft schaden würde dann müsste ja nicht-diskriminierung ein erheblicher Wettbewerbsvorteil sein den sich Unternehmen sicher nicht entgehen ließen.
Warum also gesetzlicher Regelungsbedarf?

Ilja, am 31. Juli 2010 um 10:34 ( Link )

Generel schadet Diskriminierung der Gesellschaft und der Wirtschaft.

Nein. Es gibt natürlich eine Form der Diskriminierung, die schädlich ist: Diskriminierung durch staatliche Gesetze, durch die Menschen gezwungen werden, andere zu diskriminieren. Dies ist genauso schädlich wie staatliche Gesetze, die zwingen, nicht zu diskriminieren.

Es ist schädlich wie so ziemlich alle gesetzlichen Einschränkungen der Vertragsfreiheit.

Diskriminieren selbst ist manchmal nützlich, manchmal schädlich, wie jede menschliche Handlung. Die pauschalen Einschränkungen der menschlichen Freiheit durch Gesetze sind in der Regel schädlich, auch wenn es immer auch Fälle gibt, in denen ein solches Gesetz jemanden hindert, sich selbst zu schaden.

Horst E. Böttcher, am 31. Juli 2010 um 12:31 ( Link )

@ Fraggel

"Wenn Diskriminierung wirklich der Wirtschaft schaden würde dann müsste ja nicht-diskriminierung ein erheblicher Wettbewerbsvorteil sein den sich Unternehmen sicher nicht entgehen ließen.
Warum also gesetzlicher Regelungsbedarf?"

Denken Sie nicht, dass in Unternehmen immer rational entschieden wird! Wenn ein Unternehmer, es genügt schon ein Abteilungsleiter mit Personalverantwortung, Vorteile gegen bestimmte Gruppen (Homosexuelle, andere Konfession, andere Landsmannschaft, oder auch nur gegen Frauen) hat, wird er immer Gründe finden, diese nicht einzustellen. Dadurch wird Humankapital nicht entsprechend genutzt. Gesellschaftlich grenzt es Gruppen aus, was ebenfalls nicht vorteilhaft ist.

Crisis Maven, am 31. Juli 2010 um 15:55 ( Link )

Herr Böttcher: "Denken Sie nicht, dass in Unternehmen immer rational entschieden wird!" - Denken Sie nicht, dass in Staaten immer rational entschieden wird! Um wieviel bsser der Staat alles kann, sieht man schon am Wettlauf "Human Genome Project" gegen Craig Venter

bernd_lessing, am 02. August 2010 um 9:18 ( Link )

@Horst E. Böttcher:

"Denken Sie mal daran wie in diesem Forum die Mehrheit des Volkes oft für dumm dargestellt wird weil sie die 'falschen' Parteien wählen, die 'falsche' Politik unterstüzen, usw. und dann sollen die Leute plötzlich klug genug sein, Ihre Lebensrisiken abzusichern?"

Witzigerweise gehen wir von ziemlich genau den gleichen Annahmen aus: Auch ich halte die Menschen keineswegs für perfekt. Ja, es gehört geradezu zum Menschsein, NICHT perfekt zu sein. Der Volksmund hat überaus Recht, wenn er Irren als menschlich bezeichnet.

Was uns unterscheidet, ist die Schlussfolgerung daraus: Sie bevormunden, nehmen dem Einzelnen Freiheiten und hoffen, auf diese Weise zu einem besseren Ergebnis zu kommen. Ich sage Ihnen, dass Sie schlichtweg KEIN RECHT dazu haben - und dass Sie am Ende auch kein besseres Ergebnis erzielen werden.

"Sie sollen einfach nicht diskriminieren! Das wäre auch ein Punkt für modernen Liberalismus. Dass man Gründe für eine persönliche Entscheidung vorbringen muss, lehne ich ebenfalls ab."

Was meinen Sie mit "diskriminieren"? Wenn ich für eine Wohnung oder einen Arbeitplatz zwei Bewerber habe und mich für einen entscheide, habe ich den anderen dann diskriminiert? Oder ist es ok, wenn ich ihn ablehne, weil er eine lange Nase hat - wohingegen eine Ablehnung aufgrund seiner Hautfarbe Diskriminierung wäre? Was nun? Entweder bin ich in meiner Entscheidung frei - oder ich bin es nicht.

bernd_lessing, am 02. August 2010 um 9:30 ( Link )

@Horst E. Böttcher:

"Das AGG sieht eben vor, dass eine Auswahl oder Nicht-Wahl nach den aufgeführten Kriterien in den beschriebenen Fällen untersagt ist. Mir ist bewusst, dass das ein schwierig abzugrenzendes Gebiet ist und ich bin mit dem Gesetz auch nicht hundertprozent glücklich! Aber was war zuerst da: die Diskriminierung oder das Gesetz? Durch das AGG wird Bewusstsein dafür geweckt, dass Diskriminierung nicht mit einer freiheitlichen Ordnung vereinbar ist, und damit ist schon viel erreicht."

Lieber Herr Böttcher, mit Verlaub, das ist kompletter Schwachsinn.

Der STAAT als Hüter des RECHTS ist zur Gleichheit verpflichtet, er darf nicht diskriminieren - das sei zunächst einmal festgehalten. Nur so lässt sich das Argument der Allgemeinverbindlichkeit und Universalität des Rechts aufrechterhalten. Nur am Rande sei angemerkt, dass der Staat bei seinen Kernaufgaben (Recht, Sicherheit ...) auch gar nicht in "natürliche Diskriminierungssituationen" kommt - dies passiert nur dann, wenn er sich in eigentlich privaten Feldern (Wohnungsbau, unternehmerische Tätigkeit ...) betätigt.

Der Private jedoch MUSS laufend diskriminieren, denn in der Tat ist jede Entscheidung über die Vergabe einer Wohnung, eines Arbeitsplatzes etc. mit einer "Diskriminierung" zu Lasten des Nicht-Vertragspartners verbunden.

WARUM jemand für Wohnung/Arbeitsplatz/etc. den Zuschlag erhält oder nicht erhält, ist völlig unerheblich. Niemand hat ein RECHT darauf, eine bestimmte Wohnung, einen bestimmten Arbeitsplatz zu bekommen. Vom Schutz des Eigentums abgesehen, wäre dies auch praktisch schlicht unmöglich, da es im Markt ZWINGEND zu Diskriminierungen kommen muss, solange nicht genügend Angebot da ist, um die Nachfrage aller in der ihnen genehmen Form zu befriedigen.

Das AGG ist eines der schlimmsten juristischen Machwerke der letzten Jahrzehnte, weil es "Rechte" schafft, die keine sind, und dafür echte Rechte unterminiert.

bernd_lessing, am 02. August 2010 um 9:45 ( Link )

@Horst E. Böttcher:

"Um auf den Punkt Moderner Liberalismus zurückzukommen, es sollte darüber nachgedacht werden, was ist der höhere Wert: Vertragsfreiheit um jeden Preis oder Abbau der Diskriminierung. Gibt es ein Recht auf Diskriminierung oder verstösst Diskriminierung gegen das Recht? Das sind Fragen des 21. Jahrhunderts, auf die der vom Autor zitierte Ludwig Bamberger des 19. Jahrhunderts noch keine für unsere Zeit gültige Antwort wusste."

Zum wiederholten Mal: Privatleute und Unternehmen sind entweder in der Verfügung über ihr Eigentum frei - oder sie sind es nicht. Natürlich dürfen sie durch die Nutzung anderen nicht aktiv schaden, weitergehende Einschränkungen sind aber schlichtweg nicht möglich, ohne ständig in unauflösbare Widersprüche zu kommen.

Was Sie fordern, ist keine "Modernisierung" des Liberalismus, es ist eine nett verpackte Form des Kollektivismus, die auf die Verstaatlichung des Eigentums deswegen wunderbar verzichten kann, weil sie Verfügungsrechte immer weiter einschränkt.

bernd_lessing, am 02. August 2010 um 9:53 ( Link )

@Horst E. Böttcher:

"Denken Sie nicht, dass in Unternehmen immer rational entschieden wird!"

Auch das gehört zur Freiheit! Ja, Dummheit ist ein Menschenrecht! Ob ich mein Haus an ein Homo-Paar oder eine Familie mit zwei Kindern vermiete, ob ich selbst darin wohne, es leerstehen lasse oder es aus Lust und Laune abreiße - all das ist MEINE Entscheidung und nur MEINE Entscheidung.

"Wenn ein Unternehmer, es genügt schon ein Abteilungsleiter mit Personalverantwortung, Vorteile gegen bestimmte Gruppen (Homosexuelle, andere Konfession, andere Landsmannschaft, oder auch nur gegen Frauen) hat, wird er immer Gründe finden, diese nicht einzustellen."

Womit Sie übrigens selbst gerade ein gewichtiges Argument gegen das AGG liefern: Es ist schlicht nicht praktikabel, weil nicht die Entscheidung selbst sondern der GRUND für diese relevant ist - und in die Köpfe der Leute können Sie (Gott sei Dank) nicht gucken.

"Dadurch wird Humankapital nicht entsprechend genutzt."

Das passiert ständig und hat mit Diskriminierung nichts zu tun. Nach Ihrer Argumentation müsste dadurch übrigens vor allem derjenige geschädigt werden, der diskriminiert, indem er den talentierten, aber bedauerlicherweise schwarzen/schwulen/etc. Bewerber nicht einstellt. Ein cleverer Wettbewerber, der keine "Vorurteile" hat, schnappt sich dieses Talent und gewinnt dadurch. Wunderbar, wie der Markt das Problem der Diskriminierung löst!

Horst E. Böttcher, am 02. August 2010 um 10:29 ( Link )

@ bernd_lessing

"Was meinen Sie mit "diskriminieren"? Wenn ich für eine Wohnung oder einen Arbeitplatz zwei Bewerber habe und mich für einen entscheide, habe ich den anderen dann diskriminiert? "

"Der Private jedoch MUSS laufend diskriminieren, denn in der Tat ist jede Entscheidung über die Vergabe einer Wohnung, eines Arbeitsplatzes etc. mit einer "Diskriminierung" zu Lasten des Nicht-Vertragspartners verbunden."

Eine Auswahl unter Bewerbern, bei denen eingie leer ausgehen ist natürlich keine Diskriminierung, nur die bewusste Ablehnung von Bewerbern aufgrund bestimmter Eigenschaften fällt darunter. Darauf habe ich bereits mehrfach hingewiesen.

"Zum wiederholten Mal: Privatleute und Unternehmen sind entweder in der Verfügung über ihr Eigentum frei - oder sie sind es nicht. Natürlich dürfen sie durch die Nutzung anderen nicht aktiv schaden, weitergehende Einschränkungen sind aber schlichtweg nicht möglich, ohne ständig in unauflösbare Widersprüche zu kommen."

Freiheit habe eben ihre Grenzen. Nenen Sie das meinetwegen Zwangswirtschaft, Sozialismus, Kollektivismus oder was Ihnen dazu einfällt, in der realen Welt sind gewisse Einschränkungen nunmal nicht zu vermeiden. Übrigens kennt auch das GG die Sozialbindung des Eigentums.

"Was Sie fordern, ist keine "Modernisierung" des Liberalismus, es ist eine nett verpackte Form des Kollektivismus, die auf die Verstaatlichung des Eigentums deswegen wunderbar verzichten kann, weil sie Verfügungsrechte immer weiter einschränkt."

Das 21. Jahrhundert stellt andere Anforderungen als das 19. Jahrhundert. Wer glaubt, die Gedanken jender Zeit unverändert übernehmen zu können, fährt aufs Abstellgleich. Dies sind eben Sachverhalte, über welche Liberale voureteilsfrei diskutieren sollten, ohne gleich die Keule des Kollektivismus, Sozialismus, etc. hervorzuholen.

""Wenn ein Unternehmer, es genügt schon ein Abteilungsleiter mit Personalverantwortung, Vorteile gegen bestimmte Gruppen (Homosexuelle, andere Konfession, andere Landsmannschaft, oder auch nur gegen Frauen) hat, wird er immer Gründe finden, diese nicht einzustellen."
Womit Sie übrigens selbst gerade ein gewichtiges Argument gegen das AGG liefern:"

Im Gegenteil, das ist kein Argument gegen, sondern für das AGG. Durch das Gesetz wird zunächst mal ein Bewusstsein gegen Diskriminierung geschaffen. Das ist ein erster Schritt; die praktische Umsetzung des AGG wird noch einige Zeit brauchen.

"Ein cleverer Wettbewerber, der keine "Vorurteile" hat, schnappt sich dieses Talent und gewinnt dadurch. Wunderbar, wie der Markt das Problem der Diskriminierung löst!"

Das kann es durchaus geben, aber noch viel zu wenig!

Es gab übrigens Zeiten, da wurden ledige Mütter, auch geschiedene Männer und Frauen diskriminiert. Das ist zum Glück vorbei, das geschah zwar ohne Gesetz, war aber eine Folge der 68'er Revolution. Wollen wir wieder eine revolutionäre Umwälzung oder tut es vielleicht ein Gesetz, dass in den Köpfen der Betroffenen wirkt?

Fraggel, am 02. August 2010 um 11:45 ( Link )

Herr Böttcher, Sie schreiben, mit Verlaub, einen Schmarrn.
Wenn ich auswähle diskriminiere ich. Diskriminieren heißt unterscheiden. Nach welchen Attributen auch immer.
Sie unterstellen Ihr eigenes Wertesystem als das verbindliche. Das können Sie auch machen. Nur liberal sollten Sie das nicht nennen.

bernd_lessing, am 02. August 2010 um 11:45 ( Link )

@Horst E. Böttcher:

"Eine Auswahl unter Bewerbern, bei denen eingie leer ausgehen ist natürlich keine Diskriminierung, nur die bewusste Ablehnung von Bewerbern aufgrund bestimmter Eigenschaften fällt darunter. Darauf habe ich bereits mehrfach hingewiesen."

Wer definiert diese "bestimmten Eigenschaften"? Welche Eigenschaften sind "schützenswert"? Darf ich einen Mieter ablehnen, der einen Hund hat? Darf ich einen Bewerber ablehnen, der Schweissfüsse hat? Was ist mit dem homosexuellen Hundebesitzer mit Schweissfüssen? Die Liste könnte ich stundenlang fortsetzen.

"Freiheit habe eben ihre Grenzen. Nenen Sie das meinetwegen Zwangswirtschaft, Sozialismus, Kollektivismus oder was Ihnen dazu einfällt, in der realen Welt sind gewisse Einschränkungen nunmal nicht zu vermeiden."

Klar hat Freiheit Grenzen - und zwar genau da, wo es an die Freiheit des anderen geht. Alles andere sind keine Grenzen, sondern willkürliche und letztlich nur mit Gewalt durchzusetzende Einschränkungen der Freiheit.

"Übrigens kennt auch das GG die Sozialbindung des Eigentums."

Ja, und die entsprechende Klausel ist wachsweich. In Deutschland gibt es de facto keinen Schutz des Eigentums - zum "Wohl der Allgemeinheit" (wie immer und durch wen auch immer das definiert wird) kann der Gesetzgeber jederzeit in Eigentumsrechte eingreifen.

"Das 21. Jahrhundert stellt andere Anforderungen als das 19. Jahrhundert. Wer glaubt, die Gedanken jender Zeit unverändert übernehmen zu können, fährt aufs Abstellgleich. Dies sind eben Sachverhalte, über welche Liberale voureteilsfrei diskutieren sollten, ohne gleich die Keule des Kollektivismus, Sozialismus, etc. hervorzuholen."

Das ist keine "Keule", das sind Prinzipien. Nicht alles ist eben relativ. Natürlich stellen sich heute andere Probleme als im 19. Jahrhundert. Aber bitte erklären Sie mir mal, weshalb heute ein AGG gebraucht wird und im 19. Jahrhundert nicht. Gab es damals keine Diskriminierung?

"Es gab übrigens Zeiten, da wurden ledige Mütter, auch geschiedene Männer und Frauen diskriminiert. Das ist zum Glück vorbei, das geschah zwar ohne Gesetz, war aber eine Folge der 68'er Revolution. Wollen wir wieder eine revolutionäre Umwälzung oder tut es vielleicht ein Gesetz, dass in den Köpfen der Betroffenen wirkt?"

Sie bringen es - ungewollt - auf den Punkt: Es geht darum, was in den Köpfen der Leute passiert. "Diskriminierung" (in Ihrem Sinne) findet da statt, wo einzelne Mitglieder der Gesellschaft (ob es sich dabei um eine Mehrheit oder eine Minderheit handelt, spielt keine Rolle) aufgrund ihrer persönlichen Wertvorstellungen bestimmte Entscheidungen treffen. Sie möchten die Menschen per AGG gerne zwingen, Entscheidungen zu treffen, die ihrem eigenen Weltbild widersprechen. Haben Sie doch einfach ein bisschen mehr Verständnis für die respektive Geduld mit den Menschen.

Horst E. Böttcher, am 02. August 2010 um 12:47 ( Link )

@ bernd_lessing

"Wer definiert diese "bestimmten Eigenschaften"? Welche Eigenschaften sind "schützenswert"? Darf ich einen Mieter ablehnen, der einen Hund hat? Darf ich einen Bewerber ablehnen, der Schweissfüsse hat? Was ist mit dem homosexuellen Hundebesitzer mit Schweissfüssen? Die Liste könnte ich stundenlang fortsetzen. "

Wenn das für Sie so wichtig ist, sollten Sie einen Anwalt konsultieren. Mir geht es nicht um solche Spitzfindkeiten, sondern wie ein moderner Liberalismus sich überhaupt zur Diskriminierung stellen sollte.

"Das ist keine "Keule", das sind Prinzipien. Nicht alles ist eben relativ. Natürlich stellen sich heute andere Probleme als im 19. Jahrhundert. Aber bitte erklären Sie mir mal, weshalb heute ein AGG gebraucht wird und im 19. Jahrhundert nicht. Gab es damals keine Diskriminierung?"

Im 19. Jahrhundert gab es ein vielfaches an Diskirminierung, aber in der vom Adel und Bürgertum dominierten Gesellschaft war das akzeptiert. Heute haben wir andere gesellschaftliche Verhältnisse und Wertvorstellungen. Das Gesetz sensibilisiert zumindest gegen Diskriminierung; dass einzelne Anforderungen zu stringent sind, habe ich bereits dargelegt. Ohne ein Gesetz gegen Wilderei würden manche Menschen die unerlaubte Jagd nicht als illegal sehen.

"Sie bringen es - ungewollt - auf den Punkt: Es geht darum, was in den Köpfen der Leute passiert."

Ja, und da ist das AGG eine Orientierungshilfe!

@ Fraggel

"Wenn ich auswähle diskriminiere ich. Diskriminieren heißt unterscheiden. Nach welchen Attributen auch immer.
Sie unterstellen Ihr eigenes Wertesystem als das verbindliche. "

Lesen sie bitte einmal in einem Lexikon die Definition von Diskriminierung nach bevor Sie solche Behauptungen aufstellen.

bernd_lessing, am 02. August 2010 um 14:15 ( Link )

@Horst E. Böttcher:

"Mir geht es nicht um solche Spitzfindkeiten, sondern wie ein moderner Liberalismus sich überhaupt zur Diskriminierung stellen sollte."

Das sind keine "Spitzfindigkeiten". Wenn Sie keine klaren, verständlichen und verbindlichen Regeln aufstellen können, spricht allein das schon gegen den Versuch einer gesetzlichen Regelung.

"Im 19. Jahrhundert gab es ein vielfaches an Diskirminierung, aber in der vom Adel und Bürgertum dominierten Gesellschaft war das akzeptiert. Heute haben wir andere gesellschaftliche Verhältnisse und Wertvorstellungen."

Aha. "Diskriminierung" muss also deswegen per Gesetz unterbunden werden, weil eine Mehrheit (angeblich) der Auffassung ist, das sei "irgendwie nicht gut". Wenn die Mehrheit nun der Auffassung wäre, Homosexualität sei "irgendwie doof", dann brauchten wir also Gesetze, die die Vermietung von Wohnungen und die Vergabe von Arbeitsplätzen an Homosexuelle verbietet? Wäre doch nur konsequent, oder? (Gut, passt heute nicht mehr in die Zeit, aber im 19. Jahrhundert wäre das allgemein akzeptiert und damit ein "gutes" Gesetz gewesen, nicht wahr?)

"Ohne ein Gesetz gegen Wilderei würden manche Menschen die unerlaubte Jagd nicht als illegal sehen."

Der Vergleich ist unsinnig, da Wilderei überhaupt nur aufgrund unklarer bzw. abartiger Eigentumsverhältnisse zum Problem werden kann. Ist das Eigentum an Wald bzw. Wild klar geregelt, ergibt sich die Abgrenzung zwischen berechtigter und unberechtigter Nutzung durch allgemeine Gesetze zum Schutz des Eigentums.

"Ja, und da ist das AGG eine Orientierungshilfe!"

Oha, es geht also um die Erziehung der Menschen?

Horst E. Böttcher, am 02. August 2010 um 15:41 ( Link )

@ bernd_lessing

"Das sind keine "Spitzfindigkeiten". Wenn Sie keine klaren, verständlichen und verbindlichen Regeln aufstellen können, spricht allein das schon gegen den Versuch einer gesetzlichen Regelung."

Im anglo-amerikanischen Rechtskreis kennt man das "Case Law", wobei die Richter fallweise das Gesetz interpretieren. Vielleicht ist es in diesem sensiblen Bereich vorteilhaft, wenn auch die deutschen Richter etwas Spielraum haben. Im Arbeits- und Mietrecht kommt es auch stark auf die Auslegung durch die Gerichte an und man kann damit leben.

"Wenn die Mehrheit nun der Auffassung wäre, Homosexualität sei "irgendwie doof", dann brauchten wir also Gesetze, die die Vermietung von Wohnungen und die Vergabe von Arbeitsplätzen an Homosexuelle verbietet? Wäre doch nur konsequent, oder? (Gut, passt heute nicht mehr in die Zeit, aber im 19. Jahrhundert wäre das allgemein akzeptiert und damit ein "gutes" Gesetz gewesen, nicht wahr?)"

Im 19. Jahrhundert hat es ein solches Gesetzt vielleicht sogar gegeben, damals gab es allerhand obskure Vorschriften! Wir sprechen hier aber über den Liberalismus im 21. Jahrhundert!

"Der Vergleich ist unsinnig, da Wilderei überhaupt nur aufgrund unklarer bzw. abartiger Eigentumsverhältnisse zum Problem werden kann. Ist das Eigentum an Wald bzw. Wild klar geregelt, ergibt sich die Abgrenzung zwischen berechtigter und unberechtigter Nutzung durch allgemeine Gesetze zum Schutz des Eigentums."

Der typische Wilderer, der Bauernbursche aus der Nachbarschaft, ist kein Rechtsexperte, versteht aber ein Gesetz, das einen bestimmten Tatbestand sankitioniert.

""Ja, und da ist das AGG eine Orientierungshilfe!"
Oha, es geht also um die Erziehung der Menschen?"

Wenn Sie Gesetze und Regeln über "Good Governance" so einordnen, dann ja. Andere sehen das anders.

Jan-Matthis Weng, am 02. August 2010 um 19:33 ( Link )

Noja, zumindest sind wir uns wohl einig, dass wir uns nicht einig sind.
Zum Glück ist dies Forum hier keine Demokratie, Herr Böttcher, dann wären Sie nämlich überstimmt! :-D

Da die Diskussion ja schon ein bisschen fortgeschritten ist seit meinem letzten Besuch, möchte ich auf Ihren Beitrag vom 31. Juli 2010, 0:05 nur in einem Punkte eingehen:

Generel schadet Diskriminierung der Gesellschaft und der Wirtschaft

Das mag schon sein, jedoch: Wenn "die Wirtschaft" oder "die Gesellschaft" einen doch eher abstrakten Schaden oder "Schaden" davontragen, ist mir das eher egal.
Erst wenn ein nennenswerter individueller Schaden entsteht bei einer Person, ist es politisch / rechtlich bedeutsam.
Der Staat ist ja nicht da zur Wohlstandshebung oder Weltverbesserung odgl., sondern dazu, Frieden und Ordnung zu schaffen und zu sichern - auf mehr sollte man ihn wirklich nur sehr zögerlich festlegen!

bernd_lessing, am 02. August 2010 um 19:54 ( Link )

@Horst E. Böttcher:

"Im anglo-amerikanischen Rechtskreis kennt man das 'Case Law', wobei die Richter fallweise das Gesetz interpretieren. Vielleicht ist es in diesem sensiblen Bereich vorteilhaft, wenn auch die deutschen Richter etwas Spielraum haben."

Ich bitte Sie, mit Case Law hat das doch nun wirklich nichts zu tun. Das Problem des AGG ist, dass nicht die "Tat" an sich über die Strafwürdigkeit entscheidet, sondern das Motiv - das ist grotesk.

"Im 19. Jahrhundert hat es ein solches Gesetzt vielleicht sogar gegeben, damals gab es allerhand obskure Vorschriften! Wir sprechen hier aber über den Liberalismus im 21. Jahrhundert!"

Das ist nicht der Punkt. Das von mir erwähnte (hypothetische) Verbot, an Homosexuelle zu vermieten, ist in der Tat obskur - und zwar ebenso obskur wie das Verbot, an Homosexuelle nicht zu vermieten. Gutes und schlechtes Recht sind keine Frage des Zeitgeistes.

Horst E. Böttcher, am 02. August 2010 um 22:18 ( Link )

@ Jan-Mathis Weng

"Generel schadet Diskriminierung der Gesellschaft und der Wirtschaft."
"Das mag schon sein, jedoch: Wenn "die Wirtschaft" oder "die Gesellschaft" einen doch eher abstrakten Schaden oder "Schaden" davontragen, ist mir das eher egal.
Erst wenn ein nennenswerter individueller Schaden entsteht bei einer Person, ist es politisch / rechtlich bedeutsam."

Das sind sehr interessante Überlegungen! Sie rücken den Menschen in den Vordergrund, während die Marktfetischisten die Wirtschaft als Selbstzweck sehen und bei jeder noch so minimalen Beeiträchtigung der Wirtschaftsleistung zu Gunsten sozialer Aspekte gleich einen Zusammenbruch der Freiheit sehen! Von der Diskriminierung sind aber auch Menschen betroffen, die sich, wenn es um Arbeitsplätze und Wohnung geht nicht immer frei entfalten können.

Wenn Sie meine persönliche Meinung wissen wollen, dann hätte ich das AGG in gemilderter Form gewünscht. Am besten durch eine Verpflichtung zur Gleichbehandlung und gegen Diskriminierung der Unternehmen. Das würde dann gute Unternehmensführung auszeichnen und man würde sich um eine Anerkennung als "Equal Employer" genauso bemühen, wie um ISO 9000!

bernd_lessing, am 02. August 2010 um 22:58 ( Link )

@Horst E. Böttcher:

"Sie rücken den Menschen in den Vordergrund, während die Marktfetischisten die Wirtschaft als Selbstzweck sehen und bei jeder noch so minimalen Beeiträchtigung der Wirtschaftsleistung zu Gunsten sozialer Aspekte gleich einen Zusammenbruch der Freiheit sehen!"

Ich bitte um begriffliche Präzision. "Soziale Aspekte" klingt toll, aber das Gegenteil von Freiheit und Markt sind nun einmal staatliche Interventionen. Die Unterstellung, diese seien "sozial" und der Markt sei es nicht und bedürfe daher staatlicher Eingriffe, ist vor allem deswegen nervig, weil Leute wie Sie dies immer wieder implizit unterstellen und "sozial" gleich als Synonym für staatliche Eingriffe in die Freiheit verwenden.

"Von der Diskriminierung sind aber auch Menschen betroffen, die sich, wenn es um Arbeitsplätze und Wohnung geht nicht immer frei entfalten können."

Tough luck! So ist nun einmal das Leben. Und wer kümmert sich um die freie Entfaltung des Arbeitgebers oder Vermieters? Wenn dieser partout nun mal keine Schwulen mag (warum auch immer), dann wollen Sie ihn wirklich per Gesetz zwingen, gegen seinen Willen an diese Gruppe Wohnung oder Arbeitsplatz zu vergeben? Was ist denn mit der freien Entfaltung dieser Menschen? Nicht möglich, weil nicht "gesellschaftskonform"?

Horst E. Böttcher, am 02. August 2010 um 23:48 ( Link )

@ bernd_lessing

"Ich bitte um begriffliche Präzision. "Soziale Aspekte" klingt toll, aber das Gegenteil von Freiheit und Markt sind nun einmal staatliche Interventionen. Die Unterstellung, diese seien "sozial" und der Markt sei es nicht und bedürfe daher staatlicher Eingriffe, ist vor allem deswegen nervig, weil Leute wie Sie dies immer wieder implizit unterstellen und "sozial" gleich als Synonym für staatliche Eingriffe in die Freiheit verwenden."

Gern eine Präzisierung. Fangen wir an bei der Pflicht-Sozialversicherung über die wir schon lang und breit diskutiert haben. Das ist ein (notwendiger) staatlicher Eingriff in den Markt. Weiter der Mindestlohn. Es sollte akzeptiert werden, dass ein Arbeitseinkommen zur Bestreitung der Lebenshaltungskosten ausreichen muss. Inzwischen sind jedoch clevere Unternehmer auf den Trick gekommen, zu behaupten, wenn wir mehr als drei, vier oder fünf Euro pro Arbeitsstunde bezahlen müssen, können wir nicht mehr die Leute beschäftigen. So erpressen sie vom Staat eine Lohnsubvention, damit die Leute ihren Lebensunterhalt bestreiten können, weil der Staat zuviel Angst vor der Wirtschaft und deren Scharfmacher, Dr. Dieter Hundt, hat. Mindestlöhne, nicht zu niedrig, würden diese Milliarden-Subvention aus Steuergeldern verhindern, und ob wirklich Arbeitsplätze verloren gehen, das sollte man getrost abwarten.

"Wenn dieser partout nun mal keine Schwulen mag (warum auch immer), dann wollen Sie ihn wirklich per Gesetz zwingen, gegen seinen Willen an diese Gruppe Wohnung oder Arbeitsplatz zu vergeben? "

Ja, das will ich! Zwar halte ich eine im vorherigen Beitrag beschriebene Selbstverpflichtung zur Gleichbehandlung aller Gruppen für besser, aber ich habe keine Probleme mit dem AGG. Welche Nachteile hat denn ein Arbeitgeber/Vermieter durch schwule Angestellte/Mieter? Garkeine! Es geht doch nur darum, dass Leute, die am stärkeren Hebel sitzen, ihre persönliche Abneigung demonstrieren können!

"Ich bitte Sie, mit Case Law hat das doch nun wirklich nichts zu tun. Das Problem des AGG ist, dass nicht die "Tat" an sich über die Strafwürdigkeit entscheidet, sondern das Motiv - das ist grotesk."

In strikt juristischer Betrachtung mögen Sie recht haben, aber gerade das nicht-kodifizierte Arbeitsrecht und auch das Mietrecht wird von Gerichtsentscheidungen geprägt. So wird es vermutlich auch mit dem AGG verlaufen. Wir sprechen hier übrigens weniger vom "Strafrecht", sondern vom Zivilrecht, nämlich von Entschädigungen bei willkürlicher Diskriminierung. Einen ersten Fall gab es schon: "Ossis" sind keine eigene Ethnie; in dem Fall einer Ablehnung einer Bewerberin aus der Ex-DDR mit dem Vermerk "-Ossie"!

Ilja, am 03. August 2010 um 8:37 ( Link )

Ja, und da ist das AGG eine Orientierungshilfe!

Oje, ein staatliches Gesetz als Orientierungshilfe. Und das auf einer libertären Seite.

Sie rücken den Menschen in den Vordergrund, während die Marktfetischisten die Wirtschaft als Selbstzweck sehen und bei jeder noch so minimalen Beeiträchtigung der Wirtschaftsleistung zu Gunsten sozialer Aspekte gleich einen Zusammenbruch der Freiheit sehen!

Ich sehe immer dann eine Einschränkung der Freiheit, wenn sich der Staat anmaßt, Individuen Vorschriften zu machen in Angelegenheiten, die ihn nun wirklich nichts angehen, weil sie in den Bereich der Vertragsfreiheit fallen.

Dabei steht für mich weder die ideologische Konstruktion Mensch im Vordergrund noch die Wirtschaft.

Welche Nachteile hat denn ein Arbeitgeber/Vermieter durch schwule Angestellte/Mieter? Garkeine!

Das zu entscheiden ist Sache des Arbeitgebers oder Vermieters. Der eine empfindet subjektiv irgendwelche Nachteile, der andere nicht. Der erste mag sich vielleicht wirtschaftlich dadurch schädigen - ja und? Das wäre nur ein Argument für Wirtschaftsfeteschisten.

Es geht doch nur darum, dass Leute, die am stärkeren Hebel sitzen, ihre persönliche Abneigung demonstrieren können!

Quatsch. Der Arbeitnehmer kann doch genauso seine Abneigung gegen schwule Arbeitgeber demonstrieren, indem er sich dort gar nicht bewirbt.

Weiter der Mindestlohn. Es sollte akzeptiert werden, dass ein Arbeitseinkommen zur Bestreitung der Lebenshaltungskosten ausreichen muss.

Als man in den USA Mindestlöhne einführte, wusste man noch, was man damit bewirkt, und wollte das auch ganz bewusst: Nämlich die Nigger aus dem Arbeitsmarkt verdrängen. (Literaturempfehlung: Liberal Fascism: The Secret History of the American Left, From Mussolini to the Politics of Meaning, Jonah Goldberg)

Die Frage für mich ist eigentlich nur, ob die, die Mindestlohn fordern, wirklich so doof sind, dass sie nicht kapieren, dass sie damit gerade den Ärmsten schaden, indem sie sie arbeitslos machen.

bernd_lessing, am 03. August 2010 um 8:52 ( Link )

@Horst E. Böttcher:

"Fangen wir an bei der Pflicht-Sozialversicherung über die wir schon lang und breit diskutiert haben. Das ist ein (notwendiger) staatlicher Eingriff in den Markt."

Ich denke, die unterschiedlichen Positionen sind hier hinreichend erörtert. Nur am Rande sei noch angemerkt, dass der gute Herr Bismarck mit der Einführung der staatlichen Sozialversicherung nicht nur seine Macht gegenüber den Sozialdemokraten absichern wollte, sondern dass es zu diesem Zeitpunkt bereits längst privat organisierte Sozialversicherungen (betrieben von den Arbeitervereinen) gab. Das zentrale Motiv war also die Ausweitung staatlichen Einflusses und die Zementierung der Macht der herrschenden Poltiker.

"Es sollte akzeptiert werden, dass ein Arbeitseinkommen zur Bestreitung der Lebenshaltungskosten ausreichen muss."

Sagt wer? Lebenshaltungskosten auf welchem Niveau? Sie beschreiben einen wünschenswerten Zustand, den Sie dann - ohne Rücksicht auf die Realität - durch staatliche Interventionen herbeizuführen versuchen.

"Inzwischen sind jedoch clevere Unternehmer auf den Trick gekommen, zu behaupten, wenn wir mehr als drei, vier oder fünf Euro pro Arbeitsstunde bezahlen müssen, können wir nicht mehr die Leute beschäftigen."

Aha, alles "clevere Unternehmer" und böse "Tricks". Können Sie sich vielleicht vorstellen, dass es WIRKLICH Branchen und Regionen gibt, wo nur niedrige Löhne erwirtschaftet werden können? Ihre Argumentation klingt ein wenig nach "Es kann nicht sein, was nicht sein darf".

"So erpressen sie vom Staat eine Lohnsubvention, damit die Leute ihren Lebensunterhalt bestreiten können, ..."

Der Staat ist überhaupt NUR deswegen erpressbar, weil er sich für die Sicherung des Existenzminimus für zuständig erklärt hat. Dies ist die Wurzel allen Übels und ein Einfallstor sowohl für Missbrauch als auch stetige Ausweitung staatlicher Handlungsfelder!

"Mindestlöhne, nicht zu niedrig, würden diese Milliarden-Subvention aus Steuergeldern verhindern, und ob wirklich Arbeitsplätze verloren gehen, das sollte man getrost abwarten."

Das wird passieren - so sicher wie das Amen in der Kirche. Das Modell Deutschland funktioniert NUR deswegen (noch), weil wir mit vergleichsweise hoher Produktivität bei vergleichsweise moderaten Löhnen Waren produzieren, die zu vernünftigen Preisen im Ausland absetzbar sind. Schauen Sie sich das Gros der anderen europäischen Länder oder die USA an - deren Wirtschaft ist schon lange im Ar*** und wurde noch auf Pump am Leben gehalten.

"Welche Nachteile hat denn ein Arbeitgeber/Vermieter durch schwule Angestellte/Mieter? Gar keine!"

Aha. Solange jemand keine objektiven (= von Ihnen anerkannte) Nachteile hat, kann er also vom Staat gezwungen, einen bestimmten Bewerber/Mieter zu akzeptieren. Sie haben es noch immer nicht verstanden: Der Vertragsschluss zwischen zwei Privaten geht den Staat nichts an! (Im Übrigen stelle ich mir gerade ein Dorf im tiefsten Hinterbayern vor, wo ein Vermieter zur Akzeptanz eines stockschwulen Mieters gezwungen wird und anschließend an seinem Stammtisch zum Gespött wird. Aber das ist natürlich kein Nachteil für ihn, das Problem sind die ganzen intoleranten Hinterwäldler dort. Vielleicht müsste man das AGG so ausweiten, dass das Diskriminieren von Menschen aufgrund eines Vertragsschlusses mit einer schützenswerten Minderheit auch sanktioniert wird.)

"Es geht doch nur darum, dass Leute, die am stärkeren Hebel sitzen, ihre persönliche Abneigung demonstrieren können!"

Genau. Der Handwerker mit zwei Angestellten und die Oma, die eine Wohnung in ihrem Häuschen vermietet - das sind die bösen Arbeitgeber und Vermieter, die am längeren Hebel sitzen! Fiese Ausbeuter und Kapitalisten! Und da es keinen anderen Arbeitgeber und Vermieter gibt, muss unser homosexuelles Opfer nun unter der Brücke schlafen und jämmerlich verhungern.

"Einen ersten Fall gab es schon: 'Ossis' sind keine eigene Ethnie; in dem Fall einer Ablehnung einer Bewerberin aus der Ex-DDR mit dem Vermerk 'Ossie'!"

Wunderbar - und wie konsequent! Polen darf man nicht diskriminieren, Ossis schon. Und besonders toll: Wenn Sie einen schwulen Mietinteressenten "diskriminieren", haben Sie einen Prozess an der Backe. Wenn Sie als Vermieter eine Familie der Kinder wegen ablehnen - kein Problem laut AGG. Toll, zu was wir es im 21. Jahrhundert schon gebracht haben!

Horst E. Böttcher, am 03. August 2010 um 10:03 ( Link )

@ Ilja

"Ich sehe immer dann eine Einschränkung der Freiheit, wenn sich der Staat anmaßt, Individuen Vorschriften zu machen in Angelegenheiten, die ihn nun wirklich nichts angehen, weil sie in den Bereich der Vertragsfreiheit fallen. "

Das ist bürgerlicher Liberalismus des 19. Jahrhunderts!

"Die Frage für mich ist eigentlich nur, ob die, die Mindestlohn fordern, wirklich so doof sind, dass sie nicht kapieren, dass sie damit gerade den Ärmsten schaden, indem sie sie arbeitslos machen."

Wichtig ist, dass die Arbeit ein normales Leben erlaubt. Wenn zu einem Mindestlohn für die Arbeit keine Nachfrage besteht, dann kann sie eben nicht ausgeführt werden. Ein Unternehmer arbeitet auch nicht, wenn die Kapitalrendite nicht stimmt, und ein Arbeitnehmer sollte nicht gezwungen werden, unter dem Existenzminimum plus Aufwadn für Ausübung der Tätigkeit zu arbeiten!

"Es geht doch nur darum, dass Leute, die am stärkeren Hebel sitzen, ihre persönliche Abneigung demonstrieren können!

Quatsch. Der Arbeitnehmer kann doch genauso seine Abneigung gegen schwule Arbeitgeber demonstrieren, indem er sich dort gar nicht bewirbt.

Das ist natürlich bei hoher Arbeitslosenzahl sehr einfach!

@ bernd_lessing

"Aha, alles "clevere Unternehmer" und böse "Tricks". Können Sie sich vielleicht vorstellen, dass es WIRKLICH Branchen und Regionen gibt, wo nur niedrige Löhne erwirtschaftet werden können? Ihre Argumentation klingt ein wenig nach "Es kann nicht sein, was nicht sein darf"."

Siehe vorstehende Ausführungen. Um welche Branchen soll es sich denn handeln? Ich wüsste nicht, wo dieses zuträfe!

"Der Staat ist überhaupt NUR deswegen erpressbar, weil er sich für die Sicherung des Existenzminimus für zuständig erklärt hat. Dies ist die Wurzel allen Übels und ein Einfallstor sowohl für Missbrauch als auch stetige Ausweitung staatlicher Handlungsfelder!"

Die Sicherung des Existenzminimums ist eine Kernaufgabe des Staates!

"Aber das ist natürlich kein Nachteil für ihn, das Problem sind die ganzen intoleranten Hinterwäldler dort."

Genauso ist es!

Was mich am meisten verwundert, ist die Tatsache, dass Liberale mit solchem Eifer übeer dieses Thema reden. Unter Liberalen sollte es eigentlich überhaupt keine Vorurteile gegenüber Homosexuellen geben. Man sollte das so hinnehmen wie blaue oder braune Augen, Rechts- oder Linkshänder. Da käme auch niemand auf den Gedanken, Diskriminierung ins Spiel zu bringen.
"

bernd_lessing, am 03. August 2010 um 10:45 ( Link )

@Horst E. Böttcher:

"Wichtig ist, dass die Arbeit ein normales Leben erlaubt. Wenn zu einem Mindestlohn für die Arbeit keine Nachfrage besteht, dann kann sie eben nicht ausgeführt werden. (...) ein Arbeitnehmer sollte nicht gezwungen werden, unter dem Existenzminimum plus Aufwadn für Ausübung der Tätigkeit zu arbeiten!"

Die Konsequenz: Arbeitsplätze im Niedriglohnsektor entstehen gar nicht oder werden abgebaut. Schlecht qualifizierte Menschen haben dann eine wunderbare Ausrede, dass es für sie gar keine Arbeit gibt (aufgrund eines staatlichen Eingriffs!) und sie dementsprechend gar nicht anders können, als sich vom Staat durchfüttern zu lassen. Toll!

"Um welche Branchen soll es sich denn handeln? Ich wüsste nicht, wo dieses zuträfe!"

Die Friseure in Ostdeutschland wurden bereits hinreichend oft als Beispiel genannt.

"Die Sicherung des Existenzminimums ist eine Kernaufgabe des Staates!"

Unfug. Schauen Sie, der Staat KANN diese Aufgabe im Regelfall gar nicht wahrnehmen. ECHTE Kernaufgaben des Staates wie die Durchsetzung des Rechts erfordern vor allem einen abstrakten Vorgang, der von der konkreten (ökonomischen) Situation unabhängig ist - nämlich die "Delegation" dieser Aufgabe vom Bürger an den Staat. Die Sicherstellung des Existenzminimus durch den Staat erfordert dahingegen, dass die Bürger genug erwirtschaften, um die Nicht-Produktiven ebenfalls zu versorgen. Das mag in bestimmten Zeiten in bestimmten Regionen funktionieren, immer und überall jedoch nicht. Stellen Sie sich einfach eine Gesellschaft vor, die nicht mehr produziert (z.B. weil sie keine Kinder mehr bekommt) - wie soll der Staat da das Existenzminimum sichern? Ganz so dramatisch ist es natürlich in der Realität nicht, wir nähern uns aber immer mehr dieser Situation an.

"Unter Liberalen sollte es eigentlich überhaupt keine Vorurteile gegenüber Homosexuellen geben. Man sollte das so hinnehmen wie blaue oder braune Augen, Rechts- oder Linkshänder. Da käme auch niemand auf den Gedanken, Diskriminierung ins Spiel zu bringen."

Bedeutet Liberalismus, dass ich jedem die Gestaltung seines Privatlebens selbst überlasse? Aber natürlich! Bedeutet es, dass ich keine persönliche Meinung zu bestimmten Lebensweisen habe? Nein, natürlich nicht!

Das, was Liberalismus ausmacht, ist es, Leute ihr Ding machen zu lassen - ganz egal, ob einem das persönlich in den Kram passt oder nicht.

Sie sind schwul? Gut, kein Problem, das ist Ihre Privatsache - auch wenn ich persönlich diese sexuelle Orientierung eher abartig finde. Sie mögen keine Schwulen und wollen dementsprechend keinen schwulen Mieter? Gut, kein Problem, das ist Ihre Privatsache - auch wenn ich persönlich viele nette Schwule kenne, die mit Sicherheit ruhige und grundsolide Mieter sind.

Hören Sie doch endlich damit auf, ständig anderen Menschen ihre Wertvorstellungen aufdrücken zu wollen!

barthel_berand, am 03. August 2010 um 10:58 ( Link )

Lieber Herr Böttcher,

ein Arbeitnehmer sollte nicht gezwungen werden, unter dem Existenzminimum plus Aufwadn für Ausübung der Tätigkeit zu arbeiten!

Da bin ich bei Ihnen. Niemand sollte gezwungen werden, etwas zu tun, was er nicht will.

Problem: Ihre Argumentation verkennt, dass die Unterstützung für diese Leute nicht vom Himmel fällt (der Staat hat kein eigenes Geld), sondern von anderen - bspw. mir - erst erwirtschaftet werden muss. Folglich werde ich gezwungen, den anderen, der nicht gezwungen werden will, mit meiner Arbeitsleistung zu unterstützen.

Verrückt, oder?

Wenn sich jemand zu fein ist, für 5 EUR/Std. arbeiten zu gehen und statt dessen lieber die Hand aufhält und mich an seiner Statt für ihn mit arbeiten läßt, ist das für Sie OK?

BB

Fraggel, am 03. August 2010 um 11:28 ( Link )

Wenn sich jemand zu fein ist, für 5 EUR/Std. arbeiten zu gehen und statt dessen lieber die Hand aufhält und mich an seiner Statt für ihn mit arbeiten läßt, ist das für Sie OK?

Was ebenfalls ungerecht ist, dass derjenige der eben doch für 5 Euro arbeiten geht dadurch dass die anderen die die Hand aufhalten und die Preise hochhalten benachteiligt wird. Es gibt beispielsweise keine wirklich billigen Wohnungen weil der Staat die teuren finanziert und sich der billige Wohnungsbau sich somit nicht rentiert!

Ilja, am 03. August 2010 um 11:39 ( Link )

Das ist bürgerlicher Liberalismus des 19. Jahrhunderts!

Schlimm schlimm. Stimmt allerdings nicht ganz, ich bin Anarchokapitalist, lehne den Staat also wesentlich radikaler ab als der klassische bürgerliche Liberalismus.

Wichtig ist, dass die Arbeit ein normales Leben erlaubt. Wenn zu einem Mindestlohn für die Arbeit keine Nachfrage besteht, dann kann sie eben nicht ausgeführt werden.

Also du hast einen Traum von einer heilen Welt, und wenn in irgendeiner Situation dieser Traum nicht realisierbar ist, wird nicht etwa die rationalste Lösung, das kleinste Übel, nämlich Arbeit zu einem Preis unter dem Mindestlohn, gewählt, sondern es gibt Arbeitsverbot. Der künstlich erzeugte Arbeitslose braucht dann natürlich staatliche Unterstützung, und wird natürlich für die Stärkung dieser staatlichen Unterstützung und damit der Stärkung des Staates eintreten.

Der Arbeitnehmer kann doch genauso seine Abneigung gegen schwule Arbeitgeber demonstrieren, indem er sich dort gar nicht bewirbt.
Das ist natürlich bei hoher Arbeitslosenzahl sehr einfach!

Die hohe Arbeitslosenzahl ist doch das Produkt staatlicher Restriktionen.

Der Staat schafft ein Problem, das es ohne ihn kaum gäbe, und legitimiert damit die Vergrößerung seiner Macht, um es auf schlechtere Art zu lösen.

Was mich am meisten verwundert, ist die Tatsache, dass Liberale mit solchem Eifer übeer dieses Thema reden. Unter Liberalen sollte es eigentlich überhaupt keine Vorurteile gegenüber Homosexuellen geben. Man sollte das so hinnehmen wie blaue oder braune Augen, Rechts- oder Linkshänder. Da käme auch niemand auf den Gedanken, Diskriminierung ins Spiel zu bringen.

Meine Verteidigung des Rechtes auf Diskriminierung in allen privaten Verträgen ist prinzipieller Art und hat nichts mit irgendeinem Vorurteil gegen Schwule zu tun. Ich würde genauso gegen ein Gesetz auftreten, welches Diskriminierung von Linkshändern oder Rothaarigen in privaten Beziehungen verbietet.

Jan-Matthis Weng, am 03. August 2010 um 12:45 ( Link )

Horst E. Böttcher schrieb am 02. August 2010 um 22:18

Jan-Mathis Weng
Das sind sehr interessante Überlegungen! Sie rücken den Menschen in den Vordergrund, während die Marktfetischisten die Wirtschaft als Selbstzweck sehen und bei jeder noch so minimalen Beeiträchtigung der Wirtschaftsleistung zu Gunsten sozialer Aspekte gleich einen Zusammenbruch der Freiheit sehen!

"Ich bin nicht wirtschaftsfreundlich, ich bin für freie Marktwirtschaft, was etwas ganz anderes ist", so Milton Friedman einmal.
Sollte "Marktwirtschaft" dazu führen, dass der "Standport Deutschland" zurückfällt oder das Wachstum gemindert wird oder das BSP, dann ist das eben so.
Freiheit = Gerechtigkeit = Ordnung hat Vorrang!

Das gilt auch für, wie Sie es nennen, "Beeiträchtigung der Wirtschaftsleistung zu Gunsten sozialer Aspekte".
Soweit zwar nicht staatlich, aber gewohnheitsrechtlich Handels- und Eigentumsbeschränkungen wohlstandsmindernde, jedoch wohlfahrtssteigernde Folgen haben, ist auch das hinzunehmen.

Von der Diskriminierung sind aber auch Menschen betroffen, die sich, wenn es um Arbeitsplätze und Wohnung geht nicht immer frei entfalten können.

Zur freien Entfaltung gehört aber kein spezifischer Arbeitsplatz oder eine spezifische Wohnung.
Will mich jemand nicht einstellen, weil ich phänotypisch den Anforderungen für SS-Mitglieder entspreche, ist das erstmal mein Pech und sein gutes Recht.
Wer das nicht tun darf, ist der Staat: der hat aufgrund gewisser Merkmale nicht zu diskriminieren, sei es Geschlecht, Rasse, Religion usw.
Und: solange wir es mit einem nur semi- oder nicht-liberalen Gemeinwesen zu tun haben, mag man auch dulden staatliche Antidiskriminierungsmassnahmen, soweit sie eine flächendeckende massive Diskriminierung bestimmter Gruppen bekämpfen.
Wenn bspw. Eingeborene ihres Landes enteignet werden und sich dann jahrzehnte später in die Jobs und Häuser hineinklagen, die eigentlich eh ihnen gehören, wird man als Liberal-Libertärer sicher ein Auge zudrücken können, weil es sich quasi um eine Form der Notwehr handelt.

Für die BRD gilt das alles nicht: hier krepiert niemand, nur weil ihn A nicht einstellt und B nicht beobdacht.

Horst E. Böttcher, am 03. August 2010 um 12:53 ( Link )

@ barthel_berand

"Wenn sich jemand zu fein ist, für 5 EUR/Std. arbeiten zu gehen und statt dessen lieber die Hand aufhält und mich an seiner Statt für ihn mit arbeiten läßt, ist das für Sie OK?"

Ja. Da er mit 5 Euro/Stunde nicht normal leben kann, besser der Staat zahlt Arbeitslosengeld als Subvention für Niedriglöhne.

"Folglich werde ich gezwungen, den anderen, der nicht gezwungen werden will, mit meiner Arbeitsleistung zu unterstützen."

Da gibt es einen Präzedenzfall. Das Diamanten-Kartell, CSO, hält den Preis hoch und nimmt Diamanten aus dem Markt wenn sich ein Preisrücgang androht. Genauso macht man es eben mit Arbeitskräften damit nicht das Lohnniveau so absinkt, dass der Wohlstand sich verringert. Sind Menschen nicht ebensolche Fürsorge wert wie die Händler von komprimierten Kohlenstoff?

@ Fraggel

" Es gibt beispielsweise keine wirklich billigen Wohnungen weil der Staat die teuren finanziert und sich der billige Wohnungsbau sich somit nicht rentiert!"

Das liegt daran, dass Wohnungen noch wie im Mittelalter gebaut werden, statt aus Modulen, gefertigt in vollautomatischen Fabriken. Ursache ist eine kriminelle Vereinigung zwischen Bauwirtschaft (umfassend Bauhauptgewerbe, Bauhandwerk, Architekten) und Staat (umfassen Regierung, Parlament, Verwaltung)

@ Ilja

"Also du hast einen Traum von einer heilen Welt, und wenn in irgendeiner Situation dieser Traum nicht realisierbar ist, wird nicht etwa die rationalste Lösung, das kleinste Übel, nämlich Arbeit zu einem Preis unter dem Mindestlohn, gewählt, sondern es gibt Arbeitsverbot. "

Siehe meinen Hinweis auf das Diamanten-Kartell.

Jan-Matthis Weng, am 03. August 2010 um 13:13 ( Link )

Nebenbei: Man kann natürlich in der und für die BRD ein Gesetz fordern, dass man so sicher in und für Libertaria oder Ankapistan nicht fordern wird.

Nehmen wir den Mindestlohn: Folgt m.E. direkt aus der Logik des Sozialstaates in Verbindung mit der öknomischen Vernufnt: Wenn ich ein Existenzminimum gewähre als Staat, muss ich sichergehen, dass die Unternehmen dass nicht ausnutzen, ihre Löhne auf mich abzuwälzen.

Dass es in einem "libertären" (Nicht-)Staat keine Mindestlöhne geben wird, ist unabhängig davon ja selbstverständlich.

Man mag ähnliches für Variationen eines ADG vermuten.

Zum Zwang: Zumal ja ohnehin 95 Prozent der Betroffenen eigentlich der Ansicht sind, dass das ADG legitim ist.
Es stört sie nur, wenn es ihnen zum Nachteil gereicht.
Wenn ein Unternehmern jemanden einstellen muss, den er nicht mag, ist das unschön;
wenn dieser Unternehmer aber auch meint, ich solle keine drei Frauen heiraten ("pervers!") und mit ihnen einen Waldbauernhof aufmachen ("Naturschutzgebiet!") dürfen - tja, dann hat er gleich schlechtere Chancen, dass ich auf seiner Seite stehe.

Das gilt entsprechend auch für den von barthel_berand angesprochenen Punkt.

Was noch?
Ach ja, blaue und braune Augen, okay.
Vorurteile hab ich da keine, "so hinnehmen" hingegen tue ich es auch nicht, denn: 9 von 10 Menschen haben braune Augen.
Ich sehe nicht, warum ich als Liberaler/"Libertärer" da nicht jedwede Rücksicht auf die Minderheit, der ich mit angehöre, nehmen sollte, die mir geboten erscheint.

Fraggel, am 03. August 2010 um 13:36 ( Link )

Herr Böttcher,

'Ja. Da er mit 5 Euro/Stunde nicht normal leben kann, besser der Staat zahlt Arbeitslosengeld als Subvention für Niedriglöhne."

Der "Staat" zahlt nich das Arbeitslosengeld, sondern wir alle. Es heißt im Übrigen nicht FürgeringenLohnNichtArbeitenWollenUnterstützungsgeld.

Bis dahin fand ich Sie ja noch ganz amüsant, aber nach
"Das liegt daran, dass Wohnungen noch wie im Mittelalter gebaut werden, statt aus Modulen, gefertigt in vollautomatischen Fabriken. Ursache ist eine kriminelle Vereinigung zwischen Bauwirtschaft (umfassend Bauhauptgewerbe, Bauhandwerk, Architekten) und Staat (umfassen Regierung, Parlament, Verwaltung)"
finde ich Sie brandgefährlich.

Wenn es einen Markt dafür gibt und dieser ist nicht erschlossen, wieso engagieren Sie sich dort nicht? Traumhafte Gewinne warten!

Horst E. Böttcher, am 03. August 2010 um 13:41 ( Link )

@ bernd_lessing

"Die Friseure in Ostdeutschland wurden bereits hinreichend oft als Beispiel genannt."

Dann müssen die Friseure Ihre Preise erhöhen oder den Laden dicht machen. Ich bin sicher solche Leistungen werden immer nachgefragt, auch zu höheren Kosten.

"Die Sicherstellung des Existenzminimus durch den Staat erfordert dahingegen, dass die Bürger genug erwirtschaften, um die Nicht-Produktiven ebenfalls zu versorgen. Das mag in bestimmten Zeiten in bestimmten Regionen funktionieren, immer und überall jedoch nicht. Stellen Sie sich einfach eine Gesellschaft vor, die nicht mehr produziert (z.B. weil sie keine Kinder mehr bekommt) - wie soll der Staat da das Existenzminimum sichern? "

Es hat bisher immer funktioniert. Wenn es keine Kinder mehr gibt, steigt der Arbeitslohn, die Unternehmen werden endlich rationalisieren, die Produktivität steigt, der Wohlstand und das BIP auch! Die demografische Entwicklung ist für uns eine grosse Chance!

Fraggel, am 03. August 2010 um 14:17 ( Link )

Dann müssen die Friseure Ihre Preise erhöhen oder den Laden dicht machen. Ich bin sicher solche Leistungen werden immer nachgefragt, auch zu höheren Kosten.

Dann wird eben schwarz geschnitten, zu niedrigeren Preisen.

Paul Spiegel, am 03. August 2010 um 15:39 ( Link )

Ohne das Programm der genannten Partei zu kennen, fasse ich mal zusammen, was hier disskutiert wurde:

- Mindestlohn
- Sozialversicherungspflicht
- Antidiskriminierungsgesetz

Man kann zu diesen Themen stehen, wie man mag. Es bleibt aber die Frage, wo da der Unterschied zu Schwarz-Rot-Rot-Gelb-Grünen Koalition ist.

bernd_lessing, am 03. August 2010 um 15:54 ( Link )

@Horst E. Böttcher:

"Dann müssen die Friseure Ihre Preise erhöhen oder den Laden dicht machen. Ich bin sicher solche Leistungen werden immer nachgefragt, auch zu höheren Kosten."

Ohja, die Leistungen werden immer nachgefragt, da bin ich auch sicher. Zum Beispiel in Polen (gut, das geht nur in Grenznähe), auf dem Schwarzmarkt (floriert jetzt schon - und dann erst recht, wenn noch mehr arbeitslose Friseusen dazukommen) oder eben in Eigenarbeit (ist ja so schwer auch nicht, meine Mutter hat auch immer der ganzen Familie die Haare geschnitten). Sie können es drehen und wenden, wie Sie wollen: Im großen und ganzen wird die ostdeutsche Friseuse entweder zu einem vom Markt akzeptierten Preis arbeiten - oder gar nicht. Wenn Preiserhöhungen durchsetzbar wären, hätten die Friseursalons diese in eigenem Interesse längst versucht.

In Bezug auf die Sicherstellung des Existenzminimus durch den Staat schrieben Sie:

"Es hat bisher immer funktioniert."

Wie meinen? "Immer"? Die (Voll-)Versorgung durch den Staat gibt es seit maximal 100 Jahren - ein in historischem Maßstab lächerlich kurzer Zeitraum. Zuvor wäre die Gesellschaft gar nicht in der Lage gewesen, einen substanziellen Anteil Nicht-Produktiver mit zu versorgen.

"Wenn es keine Kinder mehr gibt, steigt der Arbeitslohn, die Unternehmen werden endlich rationalisieren, die Produktivität steigt, der Wohlstand und das BIP auch! Die demografische Entwicklung ist für uns eine grosse Chance!"

Wozu dann einen Mindestlohn? Die demographische Entwicklung sorgt doch schon dafür, dass weniger Arbeitskräfte auf dem Markt sind, die Löhne steigen also von selbst. Oder etwa nicht?

Ansonsten amüsiert mich Ihre volkswirtschaftliche Naivität langsam wirklich: Eine schrumpfende Bevölkerung könnte vielleicht in einem abgeschlossenen Wirtschaftsraum zu mehr Investitionen und damit einer gleichbleibenden oder sogar steigenden Produktivität einer geringeren Zahl von Arbeitskräften führen, die dafür mehr verdienen. Aber dummerweise müssen diese einen größer werdenden Teil nicht-produktiver Rentner mit versorgen (dank des von Ihnen so geschätzten umlagefinanzierten Rentensystems). Und noch viel schlimmer: Die Unternehmen werden - mit einem geringeren Angebot an Arbeitskräften und steigenden Löhnen konfrontiert - ihr Kapital dort investieren, wo es mehr Rendite bringt, also die Arbeitskosten niedriger sind. Nein, mein lieber Herr Böttcher, im Sinne von Wachstum und Wohlstand sollten wir uns über die demographische Entwicklung wirklich nicht freuen.

Zumal diese Betrachtung sämtliche QUALITATIVE Aspekte der Struktur der Arbeitsbevölkerung außen vor lässt. In Deutschland gibt es schon heute GLEICHZEITIG einen extremen Mangel an Fachkräften und ein Überangebot an gar nicht oder schlecht ausgebildeten Menschen. Letztere werden auch in Zukunft keine Jobs finden (schon gar nicht zu Mindestlöhnen), sondern sich vom Staat durchfüttern lassen.

Fraggel, am 03. August 2010 um 16:32 ( Link )

Danke für Ihre Ausführungen Herr Lessing,
was ebenfalls berücksichtigt werden muss:
Bei einem Schrumpfen der produktiven Bevölkerung wird auch der migrationsdruck von außen höher. Gleichzeitig werden Sicherheitskräfte teurer.
Ich vermute dass das keine wirklich erstrebenswerte Perspektive ist.
Geschichtlich als Vorbild bieten sich hier die Pestepedemien an welche teilweise zu einem kompletten Aussterben der Urbevölkerung geführt haben (Ostpreußen bspw)

Horst E. Böttcher, am 03. August 2010 um 16:54 ( Link )

@ bernd_lessing

"Wenn Preiserhöhungen durchsetzbar wären, hätten die Friseursalons diese in eigenem Interesse längst versucht."

Es wird eine Marktbereinigung geben und arbeitslose Friseusen müssen eben umgeschult werden.

"Wozu dann einen Mindestlohn? Die demographische Entwicklung sorgt doch schon dafür, dass weniger Arbeitskräfte auf dem Markt sind, die Löhne steigen also von selbst. Oder etwa nicht?"

Offenbar noch nicht, denn es werden ja immer noch Niedriglöhne gezahlt.

"Nein, mein lieber Herr Böttcher, im Sinne von Wachstum und Wohlstand sollten wir uns über die demographische Entwicklung wirklich nicht freuen."

Warten wir es ab! Wenn nicht mehr soviele Arbeitskräfte zur Verfügung stehen, wird endlich rationalisiert werden. Von pflegerischen Berufen, künstlerischer Tätigkeit und ähnlichem, wüsste ich eigentlich keinen Bereich, wo nicht durch Technik Arbeitskräfte gespart werden könnten.

barthel_berand, am 03. August 2010 um 19:03 ( Link )

Herr Böttcher,

langsam würde ich mit meiner Fassung ringen, wenn mir dieser Wesenszug gegeben wäre. Sie haben es immer noch nicht verstanden.

Ja. Da er mit 5 Euro/Stunde nicht normal leben kann, besser der Staat zahlt Arbeitslosengeld als Subvention für Niedriglöhne.

Mit 5 Euro Stundenlohn kann man leben. Sicher nicht auf hohem Niveau, aber man kommt über die Runden. Bei einer Arbeitsleistung von 167 Stunden/Monat sind das immerhin 835 EUR. Das finden Sie zu wenig? Von mir aus. Es ist wenig. Aber stattdessen setzen Sie ihn lieber auf Harzt IV? Da hat er auch nicht mehr (wenn wir mal unterstellen, dass er nicht schwarz nebenbei anschafft). Bei Harzt IV bekommt er eine Wohnung und seinen Regelsatz von 359 EUR. Das Geld dafür wird mir weggenommen. Mir wäre lieber, der Mann würde für 5 EUR arbeiten gehen und ich hätte ca. 700-750 EUR mehr. Pro Monat!!

Das wäre sowohl für seine Würde als auch für meinen Geldbeutel besser. Und man würde noch die ganzen Harzt-IV-Verwaltungskosten sparen. Besser für alle.

Ihr Diamantenbeispiel habe ich nicht verstanden; aber ich habe den Eindruck, das tut auch nichts zur Sache.

BB

Horst E. Böttcher, am 03. August 2010 um 22:04 ( Link )

@ Paul Spiegel

"- Mindestlohn
- Sozialversicherungspflicht
- Antidiskriminierungsgesetz
Man kann zu diesen Themen stehen, wie man mag. Es bleibt aber die Frage, wo da der Unterschied zu Schwarz-Rot-Rot-Gelb-Grünen Koalition ist."

Dann sollten die Liberalen überzeugene Gedanken zu diesen Themen vortragen und nicht immer nur auf den Markt verweisen, v. Hayek und v. Mises zitieren, und auf Rot-Rot-Grün-Schwarz rumhacken.

bernd_lessing, am 03. August 2010 um 22:17 ( Link )

@Horst E. Böttcher:

"Dann sollten die Liberalen überzeugene Gedanken zu diesen Themen vortragen und nicht immer nur auf den Markt verweisen, v. Hayek und v. Mises zitieren, und auf Rot-Rot-Grün-Schwarz rumhacken."

Lieber Herr Böttcher, aus dem, was Sie in letzter Zeit hier so geschrieben haben, kann ich eigentlich nur schlussfolgern, dass Ihnen bereits die FDP zu freiheitlich orientiert ist. Eigentlich müssten Sie doch mit Ihren Auffassungen bei den anderen Parteien (am ehesten bei den Grünen, würd ich mal sagen) gut aufgehoben sein. Ich frage mich zum wiederholten Male, was Sie eigentlich bei "eigentümlich frei" zu finden hoffen.

Paul Spiegel, am 04. August 2010 um 2:54 ( Link )

Dann sollten die Liberalen überzeugene Gedanken zu diesen Themen vortragen und nicht immer nur auf den Markt verweisen, v. Hayek und v. Mises zitieren, und auf Rot-Rot-Grün-Schwarz rumhacken.

Herr Böttcher,

es gibt aus meiner Sicht genügend überzeugende Meinungen zu diesen Themen. Wenn Sie etwas persönlich nicht überzeugt, ist es deswegen noch lange nicht falsch.

Eine Idee, die aus dem 19. Jahrhundert stammt, wird nicht durch ihr Alter widerlegt. Sie springen ja sicher auch nicht vom Dach, weil die Newtonische Mechanik im 19. Jahrhundert definiert wurde, und die Gravitation somit nicht mehr dem Zeitgeist entspricht. Früher war nicht alles besser, aber auch nicht alles schlechter. Auch im 21. Jahrhundert bedarf es Argumente um eine Theorie zu widerlegen oder eine zu begründen.

"Liberalismus" verstehe ich so: "So viel Sicherheit wie nötig, so viel Freiheit wie möglich". Dies bedeutet unter anderem, dass im Zweifelsfall für die Freiheit entschieden wird. Demnach wären die Befürworter einer Vorschrift in der Pflicht, die Notwendigkeit dieser zu Belegen. Wenn aber nicht ein mal die Wirksamkeit plausibel ist, braucht man über die Notwendigkeit gar nicht nachzudenken.

Beispiele für die Kontraproduktivität der Mindestlöhne, Sinn- und Rechtlosigkeit vom Antidiskriminierungsgesetz sowie für Verzichtbarkeit von Sozialversicherungspflicht habe ich genug auf Lager. Nur weil man etwas nicht für diskussionswürdig hällt, bedeutet nicht, dass man nicht darüber nachgedacht hat. Ich kann nicht so schnell tippen, dass ich alle meine Genanken dazu im Rahmen eines Kommentars ausformulieren könnte. Genaugenommen habe ich bereits einiges dazu getippt und gelöscht, weil es einfach kein Ende mehr nahm. Deswegen nur kurzgefasst:

- Ich will das Recht haben, zu einem Niedriglohn eine neue Tätigkeit auszuprobieren.
- Ich will eine günstige Versicherung mit relativ hoher Selbstbeteilugung abschließen können.
- Ich will meine Vorurteile selbst auf die Probe stellen und aus meinen Fehlern lernen.

Sie, Herr Böttcher, scheinen mir das alles verbieten zu wollen. Ob dabei eine Mehrheit oder der "Zeitgeist" hinter ihnen steht, ist dabei irelevant - Sie sind damit ein Feind der Freiheit und beanspruchen den Begrif "liberal" zu unrecht.

Ilja, am 04. August 2010 um 9:20 ( Link )

@Horst E. Böttcher:

Der Staat oder die Gewerkschaft als Analogon der Diamantenhändler, und der Arbeiter als Analogon des Diamanten, der halt vom Markt genommen wird, wenn es zuviel Angebot gibt?

Der Vergleich hat was. Nur möchte ich eben nicht Eigentum des Staates oder der Gewerkschaft sein, sondern meinen Preis selbst aushandeln.

Vielleicht möchte ich auch freiwillig einem Kartell (einer Gewerkschaft) beitreten - aber bitte schön freiwillig, und wieder austreten dürfen, wenn ich damit meinen eigenen Profit erhöhen kann.

Sind Menschen nicht ebensolche Fürsorge wert wie die Händler von komprimierten Kohlenstoff?

Nur sind die Menschen im Vergleich eben nicht die Händler. Oder, wenn man den Vergleich anders sieht und den Menschen mit dem Händler vergleicht, dann ist ein freiwilliges Kartell ok, ein Zwangskartell aber nicht.

Ilja, am 04. August 2010 um 10:25 ( Link )

Stellt sich die Frage, wie man verhinderte Erstvergewaltigungen, verhinderte Wiederholungsvergewaltigungen und Tote in ein Verhältnis setzt.

Dazu gibt es eine sehr alte, weit bekannte ethische Regel - die Verhältnismäßigkeit der Strafandrohung. Also je schlimmer die Tat, desto höher die Strafandrohung.

Höhere Strafen für Wiederholungstäter sind nur im Bereich extremer Straftaten sinnvoll, und auch dort natürlich von der Strafandrohung für schlimmere Taten begrenzt. Bei geringfügigen Vergehen (wie bei Kleptomanie) ist es hingegen bei Wiederholungshandlungen eher sinnvoll, die Strafe zu verringern oder ganz darauf zu verzichten, weil sie die abschreckende Wirkung sowieso verfehlt.

Was die "gewaltfreien, einvernehmlichen Sexualkontakten mit Kindern" angeht, so sehe ich nicht ein, warum man politischen Selbstmord begehen sollte, indem man das thematisiert.

Das ist ja eben das Problem. Keiner in der Politiker- und Journalistenklasse kann und will das riskieren. Also wird in Medien und Politik völlig einseitig argumentiert und gehandelt.

Ausserdem: Wieviele Leute glauben daran?

Schwer zu sagen. Hat allerdings auch nichts zu sagen, da die Mehrheit ja völlig einseitig informiert ist und die Argumente der Gegenseite gar nicht kennt. Mehrheitsmeinungen sind ja schon generell nicht viel wert, in diesem speziellen Fall extremer Hetze schon gar nicht.

Ansonsten werden auch Meinungsumfragen die reale Meinung der Leute gar nicht wiedergeben - selbst wer daran glaubt, wird das kaum jemand auf die Nase binden.

Es spricht einiges dafür, dass Wissenschaftler daran glauben. Sie trauen sich aber nicht, das offen zu sagen, erst recht nicht nachdem eine Studie, in der das doch mal offen gesagt wurde, zu einer Verdammung dieser Studie durch den amerikanischen Kongress geführt hat. (siehe RBT)

Horst E. Böttcher, am 04. August 2010 um 11:56 ( Link )

@ bernd_lessing

" Eigentlich müssten Sie doch mit Ihren Auffassungen bei den anderen Parteien (am ehesten bei den Grünen, würd ich mal sagen) gut aufgehoben sein. Ich frage mich zum wiederholten Male, was Sie eigentlich bei "eigentümlich frei" zu finden hoffen."

Sie haben teilweise Recht! Die "GRÜNEN" waren auf manchen Gebieten Vorreiter der persönlichen Freiheit, leider haben sie ihren Umweltfimmel, der die persönliche Freiheit wieder einschränkt.

Ich bin kritisch dem Staat gegenüber als Gesetzgeber, der die persönliche Freiheit einschränkt. (Wie schon lang diskutiert, das AGG sehe ich eben nicht als eine Einschränkung, sondern als eine leider notwendige Liste von Selbstverständlichkeiten) Andererseits begrüsse ich den Staat als "Dienstleister" z.B. Pflicht-Sozialversicherung und als Wahrer Sozialer Gerechtigkeit. Ich habe hier meine Meinung gesagt, da der Autor sehr rückwärts gewandt scheint. Ich bin sicher, liberale Positionen müssen im 21. Jahrhundert neu überdacht werden. Dabei behaupte ich keineswegs den Stein der Weisen gefunden zu haben, aber die Entwicklung lebt von vielen Gedanken. Auch v. Mises und v.Hayek haben dazu beigetragen, vertreten aber ein anderes Zeitalter.

bernd_lessing, am 04. August 2010 um 14:03 ( Link )

@Horst E. Böttcher:

"Die GRÜNEN waren auf manchen Gebieten Vorreiter der persönlichen Freiheit, leider haben sie ihren Umweltfimmel, der die persönliche Freiheit wieder einschränkt."

Es ist keineswegs nur der "Umweltfimmel", der die Grünen zu Einschränkungen persönlicher Freiheit treibt. Auch auf sozialem Gebiet neigen die Grünen zu kollektivistischen Zwangslösungen. Und ihre Haltung bei Themen wie dem Waffenrecht zeigen sehr schön, dass die Grünen persönliche Freiheit nur solange befürworten, wie diese ihrem eigenen Weltbild entspricht.

"Ich bin kritisch dem Staat gegenüber als Gesetzgeber, der die persönliche Freiheit einschränkt."

Gut.

"Wie schon lang diskutiert, das AGG sehe ich eben nicht als eine Einschränkung, sondern als eine leider notwendige Liste von Selbstverständlichkeiten."

Fakt ist: Das AGG schränkt die persönliche Entscheidungsfreiheit ein. Das mögen Sie vielleicht anders sehen, die Betroffenen aber sicher nicht.

"Andererseits begrüsse ich den Staat als 'Dienstleister' z.B. Pflicht-Sozialversicherung (...)"

Fakt ist: Auch hier wird Freiheit eingeschränkt. Die Tatsache, dass der Staat als Anbieter auftritt, ist eine Sache. Problematisch wird es aber definitiv dann, wenn er nicht mehr nur "Dienstleister" ist, sondern den Bürger als Monopolist zur Abnahme dieser "Dienstleistung" zwingt.

"(...) und als Wahrer Sozialer Gerechtigkeit."

Oh, die "soziale Gerechtigkeit"! Was immer damit denn genau gemeint ist ...

"Ich bin sicher, liberale Positionen müssen im 21. Jahrhundert neu überdacht werden. Dabei behaupte ich keineswegs den Stein der Weisen gefunden zu haben, aber die Entwicklung lebt von vielen Gedanken. Auch v. Mises und v.Hayek haben dazu beigetragen, vertreten aber ein anderes Zeitalter."

Da haben Sie sicher Recht. Allerdings übersteigt es schlicht meine Phantasie, wie Sie das AGG oder eine staatliche Zwangsversicherung mit liberalen Grundüberzeugungen unter einen Hut bringen wollen ...


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