26. Juli 2010

Loveparade II Hooligans sind gefährlich, Raver sind heilig

Über die eigenartigen Unterschiede in der Berichterstattung über zwei Katastrophen

Am 29. Mai 1985 starben 39 Menschen beim Europapokalendspiel im Brüsseler Heysel-Stadion. Schlägereien zwischen Fußball-Hooligans hatten eine Massenpanik ausgelöst. In den folgenden Wochen wurde umfangreich über das Wesen fanatischer Fußballfans und ihre Mitverantwortung an der Katastrophe diskutiert. Stadien wurden am Ende umgebaut, Alkoholausschank eingeschränkt, Stehplätze weitgehend abgeschafft, Eintrittskarten personalisiert und vieles mehr.

25 Jahre später sterben 19 Menschen bei einer vergleichbaren Katastrophe in Duisburg anlässlich der Loveparade. Eigenartigerweise findet eine Diskussion über eine mögliche Mitverantwortung der Teilnehmer auch im Ansatz nicht statt. Wer es dennoch wagt, wird bezichtigt, die Opfer zu verhöhnen. Schuld mögen die Veranstalter, die Polizei, die Stadt haben, so hören wir hier und dort. Nur die „Raver“, die wollten nichts als ein „friedliches Fest fröhlicher junger Menschen feiern“, wie es der Bundespräsident höchst persönlich formuliert.

Es ist die Einheitlichkeit der immer gleichen Meinung, die hier irritiert, wo das Verhalten der Teilnehmer doch ganz offenbar fragwürdig ist, wenn Absperrzäune aggressiv niedergerissen werden. Warum wird gerade über diese Mitschuld so laut geschwiegen, dass es dröhnt? Sind die „Raver“ so etwas wie die letzten Heiligen unserer Tage, die anders als Polizisten und Hooligans auch beim Wort zum Sonntag noch als unantastbar zu gelten haben?

Damit wir uns richtig verstehen: Jeder soll die Feste feiern, die er mag. Und jeder soll die Substanzen zu sich nehmen, die ihm belieben. Der Autor dieser Zeilen gilt nicht als Kind von Traurigkeit. Er feiert einmal im Jahr bei einem Volksfest mit – und das dann auch alles andere als nüchtern. Klar, Schützenfeste und Karneval haben anders als die Loveparade auch eine familiäre Komponente, Karussels und Zuckerwatte hier, Kinderverkleidung und Kamelle dort. Doch wichtiger ist: Karneval und Schützenfeste haben Liebhaber. Und zahlreiche Kritiker. Im Falle des Karnevals gibt es sogar eine institutionalisierte Gegenveranstaltung, die Stunksitzung.

Dergleichen ist bei der Loveparade selbst im Anschluss an die ganz große Katastrophe nicht denkbar. Und das ist der Punkt. Jeder mag feiern wie und was er will und am liebsten noch mit was und wem immer er will, solange es freiwillig geschieht. Wir leben in einem Staat, der anders als nach der hier vertretenen Überzeugung Drogen verbietet und Drogenkonsum scharf verfolgt. In diesem totalitarismuserfahrenen Land muss irritieren, wenn plötzlich Millionen zugedröhnter Menschen verzückt zucken, gesponsert von Städten und Ländern, live übertragen und angeheizt vom staatlichen Rundfunk – ohne Gegenstimme.

Small is beautifull. Als kleine Veranstaltung von Liebhabern besonderer Musik hatte die Loveparade – damals viel kritisiert – begonnen. Damals war sie liebenswert – wie jede Nische. Ein Beispiel: Immer schon hat es vielleicht fünf Prozent unter den Frauen gegeben, die keine Kinder haben wollten. Es waren nicht die schlechtesten – Künstlernaturen, Freigeister. Wie die ersten Raver. Wenn aber heute weit mehr als 50 Prozent der deutschen Frauen keine Kinder haben möchten, dann ist irgend etwas faul im Land. Die Heiligkeit der Mega-Loveparade mag ein anderer Aspekt desselben Phänomens sein. 


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