26. Juli 2010

Loveparade, Eva Herman und Wiglaf Droste Reichsparteitag der geilen Raver

Kritik an der Hofberichterstattung vom unglücklich gestörten kulturellen Höhepunkt des Jahres in Duisburg

Die „Bild“-Zeitung („Ist sie braun oder nur doof?“) hetzt heute mal wieder gegen Eva Herman. „Die Skandal-Moderatorin“, so das Blatt mit dem Großgedruckten, verglich nämlich „auf der Internet-Seite ihres Verlages das Loveparade-Drama mit Sodom und Gomorrha“. Gemeint ist ein Artikel Eva Hermans für den Kopp-Verlag. „Bild“ titelt: „Eva Herman verhöhnt Opfer der Loveparade“.

Nun ist es tröstlich, dass Deutschlands geilste Zeitung seit zwei Tagen mit unzähligen höchst pietätvollen Berichten wenigstens nicht auch noch die Opfer in jeder ihrer Zeilen verhöhnt. Doch was hatte Eva Herman geschrieben? Tatsächlich war es in erster Linie eine Medien- und Politik-Kritik. Daran nämlich, dass diese vorbehaltlos und übermäßig eine Veranstaltung subventionierten, an deren kulturellen Wert Zweifel durchaus zulässig sind.

Oder eben mit Eva Herman, die sich auf die Worte des neuen Bundespräsidenten bezieht: „Dieses ‚friedliche Fest fröhlicher junger Menschen’ ist in Wahrheit eine riesige Drogen-, Alkohol- und Sexorgie, geplant, genehmigt und zum Teil finanziert von der Stadt Duisburg und NRW. Als handele es sich um eine Kultur-Veranstaltung auf höchstem Niveau, waren Politik und Medien, allen voran der öffentlich-rechtliche WDR, schon im Vorfeld um eine lückenlose Berichterstattung bemüht.“ Wer sich, so Herman, „die Bilder der Loveparades aus den zurückliegenden Jahren ansieht, glaubt, in der Verfilmung der letzten Tage gelandet zu sein, wie sie in der Bibel beschrieben werden. Viele der Partygäste wirken auch in diesem Jahr bereits lange vor dem Unglück wie ferngesteuert. Betrunken oder vollgekifft, mit glasigen Blicken, wiegen sich die dünn bekleideten Körper in rhythmischem Zucken wie in Trance.“ Viele Mädchen, hat Herman gesichtet, „haben den Busen blank gezogen, manche sind fast völlig nackt. Sie wiegen sich in ekstatischer Verzückung im ohrenbetäubenden Lärm, Begriffe wie Sittlichkeit oder Anstand haben sich in den abgrundtiefen Bassschlägen ins Nichts aufgelöst.“

Die „Bild“, so die ehemalige Tagesschau-Moderatorin, „hatte im Internet schon lange zuvor getrommelt für die ‚geilste Party der Welt’! Und überträgt im Internet die Veranstaltung mit prominenten Moderatoren: Oliver Pocher und Lebensgefährtin Sandy Meyer-Wölden melden sich immer wieder aus dem ‚geilen Getümmel’, sie interviewen Promis wie die Klitschko-Brüder oder DSDS-‚Stars’, und wollen diesem Sodom und Gomorrha damit das Flair einer normalen Veranstaltung verleihen.“

Die diesjährige „Loveparade“ stand unter dem Motto „The Art of Love“. Liebe? Fragt Herman: „Oder Triebe? Man muss nicht ausgesprochen prüde sein, um sich hier nach kurzer Zeit mit Grausen abzuwenden. Riesige dunkle Wolken der Enthemmung und Entfesselung treiben über dem Geschehen, die jungen Menschen wirken, als hätten sie jegliche Selbstkontrolle abgegeben, ekstatisch und wie im Sog folgen sie dem finsteren Meister der sichtbaren Verführung. Zudem, das wird auch schnell deutlich, birgt das ‚friedliche Fest fröhlicher, junger Menschen’ in Wirklichkeit eine Menge Aggressionspotential. Der Alkohol und die Drogen wirken schnell, viele kommen bereits am Nachmittag in völlig verglastem Zustand an. Unkalkulierbar reagieren sie teilweise, als die Sicherheitskräfte eingreifen.“

Was Herman nicht erwähnt: Die Party wurde gleich neben den 19 Toten in unveränderter Lautstärke einfach stundenlang weitergefeiert. Die Veranstalter wollten „keine erneute Massenpanik“ mit einem Abbruch riskieren, heißt es offiziell. Könnte es nicht auch sein, dass man vielmehr eine Massenaggression der aufgeputschten „geilen Raver“ befürchtete?

Aufschlussreich war die Live-Übertragung des WDR mit Moderatoren, die angetreten waren zu feiern, und die dann immer wieder traurig ins Mikrofon grienten: „Die Party ist hier vorbei“ – während die Tonspur anderes verriet, auch im Bildhintergrund die Massen ekstatisch zuckten und die Herumstehenden bedröhnt grinsten. War das Unglück nicht dadurch entstanden, dass Teilnehmer übermütig und wie man hört „wütend“ Wände und Absperrzäune emporkletterten? Aufgeputscht durch einiges mehr als eine Dose Red Bull?

Eva Herman hat sich erlaubt, genau darauf hinzuweisen. Niemand, fügt sie hinzu, „wird jetzt natürlich, angesichts der Zahl von nahezu zwanzig Toten und den weiteren zahlreichen, zum Teil schwerverletzten jungen Leuten, über die entfesselten Auswüchse der ‚geilsten Party der Welt’ berichten, die symbolisch doch nur für den kulturellen und geistigen Absturz einer ganzen Gesellschaft steht. Kritik an dieser Veranstaltung war schließlich auch schon in den letzten Jahren politisch unkorrekt. Denn wir alle, die Jungen wie die Alten, sind doch ‚total cool’, oder?“

Selten, so die 51-Jährige, „wurde ein Begriff mehr durch den Dreck gezogen als bei der Loveparade. Man fragt sich verzweifelt, welche Definition von Liebe die jungen Menschen durch derartige und leider selbstverständlich gewordene Falschbezeichnungen für das eigentlich Schönste und Höchste in dieser Schöpfung erhalten müssen?“ Schließlich aber schießt Eva Herman weit über das Ziel hinaus: „Das amtliche Ende der Loveparade dürfte besiegelt worden sein! Eventuell haben hier ja auch ganz andere Mächte mit eingegriffen, um dem schamlosen Treiben endlich ein Ende zu setzen. Was das angeht, kann man nur erleichtert aufatmen! Grauenhaft allerdings, dass es erst zu einem solchen Unglück kommen musste.“

Diesen höchst zweifelhaften Wink Gottes auszurichten hätte Eva Herman besser einem amerikanischen Fernsehprediger überlassen. Der hat wenigstens Routine darin. Es ist allerdings auch irgendwie bezeichnend, dass selbst der zuständige deutsche Pfarrer im zufällig am Abend des Unglücks gesendeten ARD-„Wort zum Sonntag“ kein einziges Wort der Mahnung an der Veranstaltung verliert. Ganz im Stile des mitravenden Bundespräsidenten outet auch er sich als ein kritikloser Freund der Loveparade: „Loveparade heißt wörtlich übersetzt: Liebesparade. Hunderttausende kommen zusammen, um miteinander Musik zu hören, zu feiern und zu tanzen.“ Amen. Wer solche Kirchen hat, braucht sich auch über Politik und Medien nicht zu wundern.

Einmal mehr gilt: Lesenswertes findet man nur noch ganz am Rande, bei Herman und dem Kopp-Verlag vielleicht. Oder bei der Linksaußenpostille „Junge Welt“, wo Wiglaf Droste heute unter „Friedlich, fröhlich, tot – ein deutsches Sommermärchen“ die Sache so kommentiert: „Die Verlautbarungen der Kondolenzkamarilla ließen nicht lange auf sich warten: Merkel, Wulff et cetera versicherten sich selbst ihrer Fähigkeit, Schmerz, Trauer, Entsetzen und ähnliche Mediengefühle auszustellen. Wider solch routinierte Ausscheidungen hilft das antidotische Reimen: Mensch, bleibe heiter, du kennst es ja schon: Je hohler, je pleiter, desto mehr Inflation.“ Droste, einmal in Fahrt, gibt Gas: „Politikerhafte Pietätsheuchelei muss man den meisten der verbliebenen Love-Parade-Teilnehmern immerhin nicht vorwerfen; sie feierten einfach weiter.“

Während Droste sich „noch fragte, warum immer die dümmsten Nüsse überleben und das auch noch allen erzählen müssen, hörte“ er „weiter WDR – die Moderatorin im Studio sprach mit den Ich-bin-hier-draußen-schwer-professionell-vor-Ort-Reportern über Menschen, die tatsächlich gestorben waren, und alles war mit lockeren Beats unterlegt. Das Inhumane hat viele Gesichter – eins davon ist die plaudernde Partyvisage samt Plapperzunge, die alles in die Breite schwatzt und, sei es nur aus Furcht vor Entdeckung der eigenen Flachheit, jede potentielle Tiefe unterbindet. Es winden sich die Hirne, es singt der Rundfunkchor: Je weicher die Birne, desto härter ’s Brett davor.“

Am „erstaunlichsten“ empfindet Droste, „dass niemand abließ zu jammern, ‚friedliche und fröhliche junge Menschen hätten doch nur feiern und ihren Spaß haben wollen’ – obwohl die sich den von ein paar Abgängen doch gar nicht verderben ließen. Die unnz!-unnz!-stumpfe Technomasse leugnet ja nicht, dass es Kollateralschäden gibt – und überlässt das händeringende Bedauern darüber den professionellen Glitsch- und Glibberkomödianten aus Politik und Medien. Die ihrerseits dann große Gefühle entdecken für Leute, denen nur eine Rolle zugedacht ist: die von Brot-und-Spiele-Empfängern.“

Auch Droste benennt den Medienhype, auf seine Art: „Unterstützt von seiner Lebensgefährtin Sandy Meyer-Wölden, McFit und Bild.de war Oliver Pocher aufgeboten, bei der Love Parade zu moderieren. ‚Ein Traum wird wahr: Ich werde aus dem Auge des Hurrikans der wummernden Bässe die größte Party der Welt in die Wohnzimmer bringen.’ Verkündete Pocher, Kretin aus Herkunft, Neigung und Profession. In dieser Kreatur ist die Gemeinheit und Niederträchtigkeit einer ganzen WM-Fanmeile gebündelt. Soviel zu fröhlich und friedlich – aber so ist das mit den deutschen Sommermärchen: Sie sind eben keine Volkserzählungen mit wahrem Kern, sondern im Gegenteil kalkulierte, glatte Lügen.“

Herman übrigens rudert heute schon ein wenig zurück: „Sollten sich vor allem Familienangehörige, Freunde und Solidargemeinschaften in ihrem Pietätsgefühl verletzt sehen, so tut mir dies aufrichtig leid.“ Peinliche politikerhafte Pietätsheuchelei, die sie nicht nötig hat, und die flüssiger als flüssig daherkömmt.

Sicher, man kann es ohnehin auch ganz anders sehen als Herman oder Droste – und einfach mitfeiern bei der nächsten Loveparade oder, da diese nun ausfällt, ersatzweise eben beim übernächsten Gay Pride. Oder man stellt korrekt liberal fest, dass abgesehen von der Subventionierung streng genommen kein Problem vorliegt, schließlich feiert jeder freiwillig das Fest, das ihm gefällt. Nicht mal Herman oder Droste wollen das allerdings irgendwem verbieten.

Vielleicht irrt sich ja Herman auch, und eine Gesellschaft, die eine vermeintliche Loveparade als ersatzreligiöses Hochamt zelebriert, ist am Ende doch überlebensfähig. Es käme auf den Versuch an. Womöglich lassen sich irgendwann den Pillendöschen auch Reagenzgläschen für alle nackerten Teilnehmerinnen beigeben und so doch der Raver-Nachwuchs züchten, der gleich nach der Geburt dann bequem in der Krippe für alle entsorgt wird. Womöglich werden ob dieser wunderbaren Zukunftsaussichten auf eine schöne neue Liebeswelt auch die noch resistenten Pinguin-Damen der Moslems mit wehenden Fahnen zur „westlichen Kultur“ überlaufen. Nichts ist schließlich unmöglich.

Aber Zweifel wird man noch äußern dürfen. Beim Kopp-Verlag, so hört man, fiel ob des großen Zulaufs am Wochenende mehrmals der Server aus.


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