12. Juli 2010

Medien und Zeitgeistwandel Der neue „Focus“ auf der Überholspur

Helmut Markwort und Wolfram Weimer nun mit wöchentlicher Provokation?

Vor knapp einem halben Jahr verließ Gründungschefredakteur Wolfram Weimer das Monatsmagazin „Cicero“ – zusammen mit fast der gesamten Redaktion. Zurück blieb Michael Naumanns einsamer Abklatsch nach linkem Kursbuch. Weimer aber und die besten seiner Mannschaft haben am 1. Juli in München ihren neuen Job angetreten – in der „Focus“-Redaktion.

Die heute erschienene Ausgabe ist die erste, die Weimer komplett mit verantwortet – für die Nummer der letzten Woche war er nur ein paar Tage an Bord. Das Ergebnis kann sich sehen lassen – und macht Lust auf mehr. Der in die Tage gekommene, zuweilen arg graphiklastige und phantasielos daherkommende „Focus“ ist wie verwandelt. Selbst der 73-jährige Noch-Mit-Chefredakteur und künftige Herausgeber Helmut Markwort wirkt wie dem Jungbrunnen entstiegen. In seinem „Tagebuch“ lobt der Altliberale wider jede politisch korrekte Vorsicht Thilo Sarrazin und seine schlicht wahren Thesen zur hierzulande systematisch betriebenen Verdummung durch Negativauslese bei der Einwanderung.

Doch das ist längst nicht alles. Zwei gleichberechtigte Titelgeschichten über den „Reserve-Kanzler“ Karl-Theodor zu Guttenberg sowie den Angriff sozialistischer Radikalreformer auf das Gymnasium verraten exemplarisch auch zwei neue Strategien. Erstens – der Reservekanzler wirkt entschlossen – beabsichtigt man offenbar an der Arabellastraße, zukünftig Politik nicht nur zu kommentieren, sondern mitzugestalten und womöglich vor sich herzutreiben. So etwas traute sich jahrelang in Deutschland nur der „Spiegel“ von links her. Dass es auch von der anderen Seite funktioniert, zeigt jeden Donnerstag die „Weltwoche“ Roger Köppels in der Schweiz. Dort werden nicht nur die Grünen und Sozialdemokraten des Landes regelmäßig vorgeführt, vielmehr wird auch den bürgerlichen Parteien FDP und SVP ständig die richtige Richtung gewiesen, wenn diese sich mal wieder zu sehr zur linksgewendeten CDU sich orientieren.

Zweitens und dazu passend bekennt sich der „Focus“ nun deutlich zu einem antisozialistischen Selbstverständnis. Weimer hatte in Interviews angekündigt, einen „Leuchtturm des bürgerlichen Deutschland“ aufzubauen. Ein Meinungsmagazin, das in Zukunft auch ästhetisch weit gefälliger daherkommen soll.

Ein Massenblatt mit diesem Kurs hat der deutschen Politik bitter gefehlt, ist doch der „Spiegel“ nach dem Rausschmiss von Stefan Aust unter dem ausgewiesenen Überzeugungs-Linken Mathias Müller von Blumencron wieder ideologisch verbiesterter und dabei auch zunehmend politisch korrekt, ja langweilig geworden. Der Platz ist also vorhanden und wird größer. Es sieht deutlich danach aus, dass Markwort, Weimer und Co. danach streben, ihn auch zu besetzen.

Mit dem nur monatlich erscheinenden „Cicero“ war Wolfram Weimers Handlungsfreiheit deutlich eingeschränkter. Dennoch ließ er Eva Herman, Thilo Sarrazin und Peter Sloterdijk immer wieder erfolgreich für Frischluft sorgende Debattenlöcher in den Meinungsbeton der linken Republik schießen. Nun darf er wöchentlich zielen. Und Markwort hatte es jahrelang sehr schwer, gegen ein unter Aust finanziell bestens ausgestattetes und wendiges, oft überraschendes und zuweilen auch – man denke an die „Spiegel“-Aufklärung der Renten-Lügen – liberales Magazin aus Hamburg. Auf seine alten Tage hat nun auch Markwort die Chance, sein Werk – Ziel war immer ein besserer „Gegen-Spiegel“ – doch noch zu vollenden.

Einen Vorgeschmack und Hoffnung auf mehr gibt auch Weimer im Heft mit einem „Zwischenruf“ zum „Supernanny-Staat“ höchstselbst: „Sie mögen das warme Licht alter Glühbirnen? Sie fahren gerne schnelle Autos? Sie haben Übergewicht und rauchen zuweilen sogar? Passen Sie auf, Sie werden bald verboten!“ Eine Tugendrepublik dämmere herauf, warnt Weimer: „Ob Mülltrennung, Einheitsschule oder Krankenkasse – die Bevormundung nimmt zu. Leerverkäufe an der Börse sind verboten, der Leerverkauf der Freiheit aber floriert.“ Vom „nervenden Alarmpiepsen im Auto, wenn man seinen Gurt nicht gleich anlegt, über staatliche Stoppschilder im Internet, die Helmpflicht beim Skifahren, Gehaltsregeln für Manager bis zum Rauchverbot – dem totalen gefälligst – reicht das Besserwisser-Repertoire der Paternalisten.“ Und „so ist es beim Schornsteinfegerzwang wie bei der kafkaesken Bundesagentur für Arbeit. Und alles bitte mit Pflichtquoten des Gender Mainstreamings.“ Selbst das Essen und Trinken werde „bald eingehegt vom fürsorglichen Supernanny-Staat, der uns Gesundheitspunkte aufs Essen drückt und unseren Kleinsten die Butterbrote für den Kindergarten schmiert.“ Weimers wütender Einwurf ist politisches Freiheits-Manifest und Redaktions-Arbeitsprogramm für die nächsten Ausgaben zugleich.

Wer etwa in Nordrhein-Westfalen lebt und staunend ertragen muss, wie zum Beispiel der WDR derzeit täglich darüber berichtet, dass alle vernünftigen Menschen doch inzwischen für die sozialistische Einheitsschule seien und die CDU die Wahl verloren habe, weil sie hier bei „einer modernen Schulpolitik“ doch „noch nicht“ dabei sei, der weiß, wie nötig eine mächtige publizistische Gegenstimme mehr denn je ist. Und diese hat dann gar beste Aussichten, weil das politverdrossene Volk tatsächlich längst nicht so tickt, wie WDR, „Spiegel“ und Co. den Anschein erwecken.

Trotz alledem bleibt der alte Tanker „Focus“ ein Schiff auf dem Mainstream. Er mag Guttenberg ins Kanzleramt schreiben wollen und den sozialistischen Schulirrsinn benennen und hinterfragen. Dass aber Guttenberg wenn, dann besser mit einer neuen Partei in Form einer bundesweiten CSU der inhaltlich wie personell völlig verbrauchten CDU wie dem gesamten angemufften, linksdrehenden Parteiensystem den Todesstoß versetzen sollte, statt diese Leiche noch einmal über ein paar Jahre zu beatmen, oder dass die Politisierung der Bildung und der deutsche Schulzwang grundsätzlich und nicht nur ihre vordergründig linke Richtung zu hinterfragen sind, für diese weitergehenden Thesen werden schnittige Schnellboote auf Nebenflüssen sorgen müssen. Wenn es ans Eingemachte geht, denken wir an die Machtergreifung der Eurokraten und die heraufdämmernde EUdSSR, an politisch geschürte Klima- oder Aidshysterien mit den Milliardenprofiten in ihrem Windschatten oder an die systematische Zerstörung von Familien und Meinungsfreiheit, dann hat Weimers Arbeitsblatt durchaus noch Lücken.

Dennoch: Mit Überraschungen aus München darf fortan gerechnet werden. Viele Übelstände –  namentlich etwa in der Sozial- oder Einwanderungspolitik – konnten nur deshalb so überhandnehmen, weil bürgerliche Medien meist schlicht zu feige waren, dagegenzuhalten. Apropos Meinungsfreiheit: Man stelle sich nur einmal vor, die Nazimethoden gegen die Pressefreiheit unter dem Titel „Let’s Push Things Forward“ werden im „Focus“ thematisiert. Man weiß, dass gerade Markwort und Weimer bei Angriffen auf die Meinungsfreiheit in der Vergangenheit sich durchaus sensibel zeigten. Eine entsprechende Titelgeschichte – und plötzlich müssten sich die beteiligten Jungsozialisten und Gewerkschafter für ihr bislang im Verborgenen betriebenes wie schändliches Tun rechtfertigen, womöglich müssten ob dieses Skandals bei SPD und Ver.di dann auch Köpfe rollen…

Wie wäre es, „Focus“? So oder anders: Wenn das neue Münchner Meinungsmagazin künftig wöchentlich mit einer deutlich libertär-konservativen Stoßrichtung die Politik vor sich hertriebe, dann wäre das sehr erfreulich. Andere werden die nötigen Schneisen schlagen.


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