07. Juli 2010

Public Viewing Endzeitkultur der lebenden Leichen

Mögen Sie hysterische Frauen, Herr Klopp?

Die schwarz-rot-goldene Euphorie nähert sich mit dem heutigen Halbfinale dem Höhepunkt. Und unsere Jungs spielen Traumfußball. Grandios. Höchste Zeit also, in bester Tradition antizyklischer Berichterstattung gegenzusteuern und spielverderberisch auf die Schattenseiten zu schauen. Die bis in die Stollenspitzen politisierte Fußball-WM in Südafrika böte dazu einige Aufhänger: Hatte etwa bei der gemeinsamen „Fifa-Erklärung der Viertelfinalisten gegen Diskriminierung“ irgendjemand an Kevin Kuranyi gedacht? Spaß beiseite, Rudelgucken ist eine zu ernste Veranstaltung.

Und darum geht es: Public Viewing bezeichnet in den USA das öffentliche Aufbahren einer Leiche. Es sind bei jedem Spiel der deutschen Fußball-Nationalmannschaft inzwischen Hunderttausende Alkoholleichen und lebende Zombies auf engstem Raum, die sich gegenseitig beschauen, belauten und belauschen. Wir sehen Körperwelten in einer neuen Dimension, und es war nach Big Brother und Deutschland sucht den Superstar nur eine Frage der Zeit, bis Gunter von Hagens Panoptikum quadriert auch als fernsehsendewürdig empfunden würde.

Allerdings müsste man „einmal dringend recherchieren, wer bei welchem Sender zum ersten Mal auf den Gedanken kam, dass zu einer ordentlichen Fußballberichterstattung auch zwingend Bilder von Fanmeilen gehören“, wirft Marcus Bäcker dieser Tage in der „Berliner Zeitung“ ein. „Zur Strafe müsste diese Person eine Woche mit einer Diego-Maradona-Maske herumlaufen“, fügt er mit mildem Urteil hinzu.

Es lohnt sich, die lebendige, einsame Stimme Marcus Bäckers inmitten von Millionen Leichen und Untoten sowie deren Tatberichterstatter ausführlicher zu zitieren, etwa wenn Bäcker ausführt: „Es gibt möglicherweise kaum etwas Sinnloseres auf dieser Welt, als hintereinander Aufnahmen aus – sagen wir – Köln (Menschen reißen die Arme zum Himmel), Hamburg (Menschen reißen die Arme zum Himmel), Dresden (Menschen reißen, Sie wissen schon) und Berlin (raten Sie mal) zu zeigen.“ Und die Sprache dort? „Die Fanmeilen-Interviews vom Wochenende bewiesen einmal mehr, dass in Momenten größter Freude als erstes die Fähigkeit zur gepflegten Artikulation über die Wupper geht. Da überschlagen sich Stimmen, da grunzt es, es wird gestammelt, enthemmt gekreischt, man entblößt Zähne und Zäpfchen, und wer sich zumindest kurzzeitig an die Grundzüge menschlicher Kommunikation erinnert, gibt konzentriert zu Protokoll: ‚Geil! Geil! Geil.’ Will man so etwas im Fernsehen hören beziehungsweise sehen? Allerhöchstens ein Mal, aus Gründen der Dokumentation.“ Danach aber bitte nie wieder. Dennoch: Bäcker vergisst am Ende nicht den Fallrückzieher und outet sich selbst als lebende Leiche aus Passion, und sei es nur rein prophylaktisch mit Blick auf die Leserquote.

Der Wirtschaftsphilosoph Rahim Taghizadegan hat solche Rücksichtnahme nicht nötig und schreibt in der aktuellen Ausgabe „eigentümlich frei“ über „infantile Massen, Demokratie, Journalismus und das Spiele spielen“. Massen, so Taghizadegan, „verhalten sich im Kollektiv nicht unähnlich wie Kinder. Allerdings handelt es sich um kindliche Monster, denen alles Liebenswerte fehlt.“ Die Massen und der Massenjournalismus, der sie dieser Tage euphorisch mit dem eigenen Spiegelbild bedient, sahen selten so unschön aus wie beim Hordenfernsehen. Vergleiche mit den Bildern einer Kaiserparade zur vorletzten Jahrhundertwende oder mit den bewegten Bildaufnahmen Leni Riefenstahls vom Reichsparteitag („Triumpf des Willens“, heute auch bekannt als „innerer“) machen deutlich, dass ohnehin stets fiese Menschenmassen ohne Disziplin erst wirklich kenntlich werden wie Leichen ohne Schminke.

Günther Jauch hatte am Sonntag-Abend nach der 23. Einblendung irgendeiner anderen Fanmeile live vor Zehntausenden Dresdnern beim dortigen Public Viewing schlicht genug. Er fragte entnervt wie spontan den RTL-Netzer Jürgen Klopp: „Mögen Sie hysterische Frauen?“ Kloppo antwortete halbwegs ehrlich in Anbetracht der vor ihm wankenden weiblichen Faninnen: „Geht so.“

Glück gehabt, Katrin Müller-Hohenstein, dass ihr das nicht rausgerutscht ist. Es kommt immer darauf an, wer etwas sagt, womöglich liegt es auch einfach am Geschlecht. Betrunkene Horden von Männern gab es immer und überall, auch wenn über sie früher nicht noch stolz berichtet wurde. Ein dreifaches „Geil, geil, geil“ ins Mikro brüllende Mannsweiber allerdings, dieses ästhetische Phänomen ist diesseits herkömmlicher Pornografie ähnlich wie das Public Viewing selbst ein angelsächsischer Exportschlager. Die mangels jeglichen Anstands an die Steinzeit erinnernden britischen Rudelfrauen wurden zunächst auf Mallorca gesichtet und breiteten sich von dort schnell auch auf wesensverwandte Untote anderer Länder aus. Jürgen Drews weiß manches Lied davon zu singen.

Wundert sich beim Anblick solcher Exponate neudeutscher Weiblichkeit noch irgendwer, dass Islam-Import-Damen im Westen von einer solchen „Kultur“ eher abgestoßen als angezogen werden und auch deshalb vermehrt aus eigener freier Entscheidung zum Schleier greifen? Drogenbetäubte, unzurechnungsfähige Männer, sagt man in moslemischen Ländern, gab und gibt es auch „bei uns“. Aber völlig durchgedrehtes Weibsvolk? Zu Hunderttausenden, und noch stolz darauf? Die eine Leinwand anbrüllen und, sofern sie dazu noch imstande sind, elf fremden argentinischen Männern in 9.000 Kilometer Entfernung mit der ganz, ganz großen martialischen Geste entgegenschreien: „Ihr könnt nachhausefahren!“? Der Aphoristiker Michael Klonovsky näherte sich dem Thema von der anderen Seite: „Nach einem Tag Privatfernsehen erscheint einem der islamische Fundamentalismus wie ein ästhetisches Erlösungsangebot.“

Selbst gestandene Nationalkonservative mögen nicht mehr jubeln im Angesicht des schwarz-rot-goldenen Fahnenmeers, das da hübsch umerzogen womöglich auch der kruden und vom Mannschaftskapitän mit beinahe mehr Inbrunst als die Nationalhymne vorgetragenen Fifa-Erklärung für Kevin-allein-zuhaus’ zujubelt. So meint Martin Lichtmesz in der „Sezession“ neben der Tatsache, dass die geschwenkten Flaggen auch Aushängeschilder der bejahten hiesigen Multikulti-, Schnullibulli- und Soziaaaaaaaalkultur („geil, geil, geil“) sind, wohl dasselbe, wenn er schreibt: „Was mich am Schwarz-Rot-Gold-Overkill der letzten Wochen am meisten frappiert, ist die bizarre Diskrepanz zwischen dem äußeren frenetischen Fahnengeschwenke und der faktischen inneren Desertation der Deutschen und ihrer führenden Eliten, die sich weiterhin politisch so verhalten, als hätten sie unsere Zukunft längst aufgegeben. Was das Volk betrifft, sofern es noch als solches ansprechbar ist, so benennt ‚desertieren’ hier die allgemein verbreitete lethargische ‚Nach-mir-die-Sintflut’-Attitüde, meint den mangelnden Wille, sich zu ehren,  zu wehren und zu vermehren. Erst wenn nach dem etwaigen deutschen WM-Sieg die deutschen Geburtenraten in die Höhe schnellen, dann bin ich vielleicht bereit, all das Tamtam optimistischer zu sehen.“

Eher unwahrscheinlich, dass Sie sich korrigieren müssen, Herr Lichtmesz. Denn der demographische Selbstmord und die schaurigen Bilder von den Fanmeilen sind womöglich nur zwei Seiten derselben Degenerationsmedaille. Womit auch der zunächst sehr mutig klingende und inzwischen bis hin zum vielbeschworenen „Team Spirit“ der Nationalelf so typisch deutsche Anglizismus von der Leichenbeschau seine zweite und noch tiefere Bedeutung erhält: dem Zusehen und Zujubeln beim langsamen Tod des eigenen Volkes. Wesensmäßig zog es Frauen in vergangenen Jahrzehnten und -hunderten zur Hoheit im Innern, Heim und Haus zu behüten. Während sich der Mann für die „Öffentlichkeit“ und das Repräsentieren nach außen zuständig fühlte, zuweilen auch für den Exzess, war sie der Herr und Hüter im Haus, der ruhende Pol. Spätestens seit den ersten Mutationen aus England auf Malle und Alice Schwarzer oder Angela Merkel hierzulande ist nun alles ganz anders, man kann es auch trocken in der Geburtenstatistik nachlesen.

Andererseits: Nichts wird auch beim Public Viewing so heiß gegessen wie gekotzt. Gab es nicht schon immer reichlich bedröhnte weibliche Begleitung auf traditionellen Festivitäten vom rheinischen Karneval bis zum bayrischen Oktoberfest? Allerdings ist auch dort das Massenphänomen prekär-delierender junger deutscher Damen ein neues, neigten doch bis dato eher die alten Weiber einmal jährlich zur rituellen Ausschweifung. „Der Alkoholkonsum von Frauen steigt rasant. Deutsche Frauen liegen in Europa hinter den Britinnen an zweiter Stelle. Vor allem jüngere Frauen sprechen alkoholischen Getränken vermehrt zu“, meldet Medizinauskunft.de, die „Badische Zeitung“ titelt: „Betrunkene junge Frauen – ein Riesenproblem“.

Tatsächlich ist die moderne hysterisierte Fußballfanfrauenschaft meist 20 bis 40 Jahre alt. In anderen Kulturen und zu anderen Zeiten versorgen sie zuhause ihre Kinder und kommen derweil kaum auf die Idee, als lebende Leichen im Programm von RTL mitzuwirken.

Internet

Marcus Bäcker: Geil! Geil! Geil!

Martin Lichtmesz: Jean Raspail und die Fahne von Neukölln

Rahim Taghizadegan: Infantile Massen. Demokratie, Journalismus und das Spiele spielen


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