06. Juli 2010

Selbstverteidigung Für Christen kein Problem

Jesus warnt lediglich davor, sich mit der Staatsgewalt anzulegen

Das libertäre Nichtaggressionsprinzip umfasst das Recht, Person und Eigentum mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln angemessen zu verteidigen. Jeder hat also das Recht, sich so zu bewaffnen, wie er es für richtig hält. Wer angegriffen wird, hat das Recht, sich zu verteidigen. Das ist nicht Selbstjustiz, sondern das unveräußerliche Recht auf Selbstverteidigung, abgeleitet aus dem unveräußerlichen Recht auf Leben. Jeder hat, darüber hinaus, das Recht, sich zwecks Selbstverteidigung einer Gruppe bewaffneter Menschen anzuschließen oder eine Gruppe, zum Beispiel eine Sicherheitsagentur, mit dem Schutz seiner Person oder seines Eigentums zu beauftragen.

Wie aber verträgt sich eine Billigung der Selbstverteidigung mit dem Gebot Jesu in der Bergpredigt, die „andere Wange“ hinzuhalten, wenn man geschlagen wird, zum abgenommenen Rock noch den Mantel hinzuzulegen und zwei statt der erzwungenen einen Meile mitzugehen? (Matthäus 5, 38-41). Einfach, indem man wie beispielsweise der Ökonom, Historiker und Theologe Gary North in seinem Buch „Priorities and Dominion“, den Kontext beachtet. An dieser Stelle sei kurz eingeschoben, dass die folgenden Gedanken unabhängig davon gelten, ob die Bibel wortwörtlich der historischen Wahrheit entspricht, reine Fiktion ist, oder irgendetwas dazwischen. Wir betrachten hier die Übereinstimmung des Selbstverteidigungsrechts mit den uns überlieferten Aussagen eines Religionsstifters und nicht, ob diese Aussagen tatsächlich so oder anders getätigt wurden. Ihre Wirkung auf die heutige Welt ist unabhängig von ihrer historischen Belegbarkeit.

Jesus zitiert am Anfang dieses Abschnitts der Bergpredigt aus den religiösen Gesetzestexten der Juden, die heute Teil des Alten Testaments sind: „Ihr habt gehört, es ward gesagt: ‚Auge um Auge, Zahn um Zahn‘“. Schlägt man an der entsprechenden Stelle nach (Levitikus 24, 20), erkennt man schnell, dass es sich hier erstens um einen Teil eines strafrechtlichenKodex handelt, also gar nicht um die Frage, wie man sich in einem akuten Bedrohungsfall verhalten darf. Es geht in Levitikus schlicht darum, was manvor Gerichteinklagen beziehungsweise als Strafe erwarten kann.

Zweitens ist dieser Kodex für die Rechtspflege des kurz zuvor von der ägyptischen Tyrannei befreiten und sich selbst verwaltenden Volkes Israel geschrieben worden – so jedenfalls wurde und wird der alttestamentarisch-historische Kontext verstanden. Jesus dagegen sprach zu einem Volk, das seit Jahrhunderten unter dem Joch fremder Mächte lebte. Im Grunde sagt er seinen Zuhörern hier nichts weiter, als dass sie sich der staatlichenTyrannei und Willkür nicht aktiv widersetzen sollen. Er fordert sie sogar auf, die Träger der Willkürherrschaft und ihre Verbündeten zu bestechen, um sie gütig zu stimmen: „Und wer dir vor Gericht“, heißt es, nicht etwa: auf der Straße oder im eigenen Heim, „den Rock abstreitig machen will, dem lass auch noch den Mantel“. (Matthäus 5, 40). Hier soll offensichtlich nicht der gemeine Dieb begünstigt werden, sondern jemand, der das gemeine Volk mit Hilfe der Staatsgewalt ausplündert. Und: Er soll aus Gründen des Selbstschutzes des Geplünderten begünstigt werden. Das selbe gilt im Fall der zusätzlich gegangenen Meile.  

Anders gesagt: Jesus warnt davor, sich mit Vertretern oder Begünstigten der Staatsgewalt anzulegen. Historisch-theologisch gesehen kann man die Fremdherrschaft der damaligen Zeit als Strafe Gottes für ein ungehorsames Volk verstehen. Auch praktisch gesehen war der Rat vernünftig: Wer dem Staat konsequent Widerstand leistete, war, und ist bis heute, so gut wie tot. Als vom Staat beraubter, aber relativ freier Mensch kann man mehr Gutes in der Welt erreichen, als wenn man im Gefängnis sitzt oder hingerichtet wird.

„Dies ist der Weg zum Frieden“, meint North. „Es scheint ein teuerer Weg zum Frieden zu sein, tatsächlich ist er aber der kostengünstigere. Er macht eine zusätzliche Zahlung in der Gegenwart erforderlich, senkt aber die langfristigen Kosten des rechtschaffenen Lebens. Frieden zu gewinnen heißt Zeit zu gewinnen. Zeit ist das, was rechtschaffene Menschen brauchen, um eine Alternative zur Tyrannei zu errichten. Sie gewinnen Zeit, die Wege der Rechtschaffenheit und der Produktivität zu lernen. Dies trifft insbesondere dann zu, wenn die Tyrannei sowohl an Bösartigkeit wie auch an Macht zunimmt.“

Gegen „private“ Räuber dagegen kann und darf man sich auch als Christ durchaus mit allen angemessenen Mitteln wehren. Die nachträgliche Feststellung der Angemessenheit obliegt im Falle einer Klage einem Richter – der ebenfalls nicht staatlich finanziert zu sein braucht. Zwar sagt Jesus nirgendwo, dass es gut ist, sich gegen Angriffe von privat agierenden Banditen zu wehren. Er sagt aber auch nicht das Gegenteil. Er schweigt dazu. Das Thema war ihm offenbar nicht wichtig genug, daher kann man davon ausgehen, dass er die Lösung für angemessen hielt, die einem der gesunde Menschenverstand vorgibt. Die Aussage Jesu: „alle, die das Schwert erheben, werden durch das Schwert zugrunde gehen“ (Matthäus 26, 52), kann selbst ohne Kontext ebenfalls nur als prophetische Warnung verstanden werden, nicht als normative Vorgabe. Mit anderen Worten: Es mag zwar sein, dass man durch das Schwert – physisch oder seelisch – zugrunde geht, wenn man es erhebt. An diesen Preis zu glauben bedeutet aber lediglich, dass man im Falle des Angegriffenseins eine dem Glauben angemessene Kosten-Nutzen-Rechnung aufstellt und sich entsprechend verhält. Ein wehrhaftes Verhalten ist dadurch nicht ausgeschlossen.

Selbst wer die Schwert-Aussage als normative Vorgabe verstehen will, muss nicht ewige Verdammnis fürchten, wenn er sich wehrt. Denn, ebenfalls nach Matthäus (12, 31-32), wird „den Menschen ... jede Sünde und Lästerung vergeben werden“. Wobei es vermutlich notwendig ist, um Vergebung zu bitten, was aber ein anderes Thema ist. Wesentlich ist hier die einzige Einschränkung: „wer ein Wort sagt gegen den Heiligen Geist, dem wird nicht vergeben werden, in dieser Welt nicht und nicht in der kommenden.“ Wenn alles andere Vergebung finden kann, auch Mord und Totschlag, dann wohl erst Recht die Erhebung des Schwertes in Selbstverteidigung.  

Und nun zum Kontext in diesem Fall. Jesus mahnt zum einen daran, wie schon in der Bergpredigt, die Waffe nicht gegen die Staatsgewalt zu erheben. Außerdem, wie Kommentator Fritzliberal unter dem ef-online-Beitrag „Waffenurteil in den USA“ zu Recht feststellte: Wenn Jesus die Anwendung von Waffen tatsächlich grundsätzlich abgelehnt hätte – was sich aus dem Satz nicht erschließt – dann hätte er seinen waffentragenden Jüngern das schon lange vor der Festnahme so deutlich gemacht, dass ihnen das Tragen selbst eines scharfen Messers, geschweige denn eines Schwertes, verleidet worden wäre.

Das alles heißt selbstverständlich nicht, dass sich jeder Mensch bewaffnen oder bei einer Sicherheitsagentur versichern lassen muss. Das christliche Ethos gebietet Friedfertigkeit. Viele Christen verstehen die Bergpredigt trotz des oben beschriebenen Kontextes als Aufforderung zum kompromisslosen Pazifismus. Diese Interpretation sei ihnen unbenommen, doch sie müssen auch verstehen, dass sie nicht zwingend ist. Zudem kann es echte Friedfertigkeit nur geben, wenn der Verzicht auf Waffen freiwillig ist. Freiwilliger Verzicht wiederum ist nur möglich, wenn einem der Gebrauch grundsätzlich erlaubt ist.

Die größte Leistung bestehe darin, „den Widerstand des Feindes ohne einen Kampf zu brechen“, schreibt der chinesische Militärstratege und Philosoph der Antike, Sun Zi in seinem Werk „Die Kunst des Krieges“. Das kann natürlich auch heißen, die Feindschaft des Anderen mit christlicher Nächstenliebe zu überwinden. Man sollte aber beachten, dass die zitierte Weisheit Sun Zis nicht zufällig am Anfang eines Kapitels steht, das mit den Worten „Das Schwert in der Scheide“ betitelt ist. Mit anderen Worten: Wenn du Frieden willst, bereite den Krieg vor. Jenes Sprichwort verliert nicht an Gültigkeit, wenn man sich von der zwischenstaatlichen auf die private, interpersonelle Ebene begibt.

Schlussbemerkung: Kommentator uranium beschwerte sich in einem Nebenthread kürzlich darüber, irgendwie drehe sich bei ef alles nur noch um Religion. Das trifft zwar objektiv nicht zu, aber Objektivität zählt ja im richtigen Leben nicht. Es stimmt, dass nicht wenige Artikel bei ef und ef-online Religion thematisieren. Dazu Folgendes: Wenn, wie in unserer Zeit, politische Probleme hartnäckig ungelöst bleiben, könnte sich die Lösung im Präpolitischen befinden – und Religion fällt ganz eindeutig in diese Sphäre.

Internet:

Gary North: Priorities and Dominion – An Economic Commentary on Matthew (PDF), hier insbesondere Seiten 87-98


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