15. Mai 2010

Neulich in Frankreich Die deutsche Familie aus der Ferne betrachtet

Mentalitätsunterschiede mal anders

Vor einigen Wochen war ich in Frankreich. Ich habe einen Arbeitsurlaub gemacht in einem netten Hotel im idyllischen Département Tarn. Beim Frühstück fanden sich viele Familien im entsprechenden Raum versammelt. Als ich eintrat, fiel mir auf den ersten Blick auf, was jedem Besucher Frankreichs – überall dort – sofort auffällt, dass nämlich die Eltern in aller Regel jung sind, unter 30, und dass die Familien häufig mehr als zwei Kinder haben. Es handelte sich, um dies gleich zu betonen, keineswegs um Unterschichts-, sondern um Akademikerfamilien – in Deutschland fast undenkbar.

Kaum hatte ich mich gesetzt, stutzte ich ein weiteres Mal. Ich konnte den kleinen Springbrunnen auf der Hotelterrasse hören. Kein Gebrüll, keine herumrennenden und die anderen Gäste belästigenden, weitgehend unbeaufsichtigten Kinder, wie ich das von Deutschland her gewohnt bin. Als sich eine der Mütter für einen lustigen Grunzlaut eines der Kleinen, das offensichtlich gerade etwas Schmackhaftes genascht hatte, entschuldigen zu müssen glaubte, war ich peinlich berührt. In Deutschland wäre man beschimpft und der Kinderfeindlichkeit geziehen worden, hätte man gewagt, nach zehn Minuten lauten Hämmerns mit dem Löffel auf eine Porzellantasse freundlich bei den Eltern des hämmernden Kindes um etwas Ruhe zu bitten. Das Kind sei doch bloß „lebhaft“. Ich beschloss überrascht, mir die französischen Verhältnisse genauer anzuschauen.

Die Mütter wirkten selbstbewusst, jedoch ohne dieses Selbstbewusstsein wie eine Fahne vor sich her tragen zu müssen. Den Gesprächen war zu entnehmen, dass alle selbstverständlich berufstätig waren. Die Väter pflegten in der Erziehung der Kinder eine quasi natürliche Kooperation mit den Müttern, der ebenfalls jeder demonstrative Aspekt vollkommen abging. Einen Morgen war die Mutter mit den Kindern früher da, das nächste Mal der Vater. Abends genehmigten sich die Paare durchaus Zeit füreinander ohne die Kleinen, ein schlechtes Gewissen war den Eltern dabei nicht anzumerken. Offenbar waren die Kinder auch mal früher ins Bett gesteckt worden und blieben dort ohne Aufsicht schlafend liegen, ohne dass seitens der Erwachsenen frühkindliche Störungen beim Nachwuchs befürchtet wurden. Das Verhalten zu den Kindern war insgesamt liebevoll-bestimmt. Als ein Kleinkind versuchte, seine Mutter mit unartikulierten Lauten zu foppen, sagte diese ruhig zu ihm, es solle doch mit richtigen Worten zu ihr sprechen, dann würde ihm auch geantwortet. Sofort wurde der korrekte Satz geformt. Die Kinder wurden von ihren Eltern mit Sicherheit ernst genommen, ohne dass der geringste Zweifel aufkommen konnte, wer das Sagen hatte. Um es nochmals zu wiederholen: Die französischen Kinder wirkten dennoch keineswegs unterdrückt oder gehemmt. Zusammengefasst schien es mir, als seien Kinder für diese jungen Franzosen ein organischer Teil ihrer Selbstverwirklichung.

Als ich mir dann deutsche Verhältnisse vor Augen führte, speziell von Familien der Mittelklasse, mit denen, die ich in Frankreich sah, vergleichbar, wurde mir schlagartig klar, dass die sogenannte deutsch-französische Freundschaft eine Sache der Oberfläche ist, ja sein muss. Jeden Tag fahre ich auf dem Weg zur Arbeit am Erasmus-Kindergarten in Frankfurt vorbei. Die wohlhabenden Eltern, meist über 40, parken mit ihren SUVs mitten im Berufsverkehr rücksichtslos eine von zwei Fahrspuren zu, um ihre Sprösslinge in den Kindergarten zu bringen. Kinder sind in Deutschland ein so seltenes und kostbares Gut, dass sie als Waffe eingesetzt werden: Schaut her, ich habe ein Kind, also richtet euch gefälligst nach mir! Diese Kleinen lernen mithin nicht nur frühzeitig, wie man sich gegenüber seinen Mitmenschen verhält, sie sollen auch frühzeitig drei Sprachen lernen, was ihnen „im späteren Leben vieles einfacher“ machen soll. Die getrimmten Kinder dieser alten Deutschen, die sehr lange nur an ihre eigene Selbstverwirklichung gedacht haben, sind knallharte Investitionen in die Zukunft.

Unnötig zu erwähnen, dass dem elterlichen Verhalten die Ungezwungenheit fehlt, die ich in Frankreich beobachten konnte. Die Mütter nehmen oft eine berufliche Auszeit, weil ihnen die psychologische Legende eingeredet worden ist, den Kindern würde sonst etwas fehlen. Kaum zu glauben, dass ganze Generationen von Menschen psychisch verwahrlost aufgewachsen sind, weil ihre Mütter gearbeitet haben, aber auch heute soll eben die Welt am deutschen Wesen genesen. Wieviel an Wohlstandsverwahrlosung in diesen überprotektiven Familien heranwächst, will man sich lieber gar nicht vorstellen.

Kinder sind in Deutschland (offenbar im Gegensatz zu meinen Beobachtungen in Frankreich) eine Art kleine Erwachsene, sind als gleichberechtigte Gesprächspartner entdeckt worden, die sie ja aufgrund ihres moralischen und intellektuellen Rückstands gar nicht sein können. Es handelt sich um eine gedankliche Einbahnstraße: Kinder müssten dann ja auch für ihr Reden und Verhalten haften, sie müssten voll straffähig sein. Wenn im Museum ein Kleinkind von einem Elternteil knapp davon abgehalten wird, ein Gemälde zu beschädigen, darf in Deutschland das Wörtchen „Bitte“ nicht fehlen: Bitte mach’ kein Loch in den Rubens! Das Wort „Bitte“ suggeriert eine sinnvolle Alternative – zum Beispiel: Mach’ bitte kein Loch, sondern einen Schlitz in die Leinwand. Zur Beschädigung des Bildes gibt es aber keine Alternative, sondern es gibt nur das Verbot, es zu beschädigen. Ein Verbot soll dem deutschen Kind aber nicht zugemutet werden. Nur keine Grenzen…

Sind es wirklich solche Albernheiten, die deutsche Kinder zu freien Menschen machen sollen? Der Deutsche hält ja auch das Rasen auf der Autobahn für Freiheit – „freie Fahrt für freie Bürger“. Oder sollen solch’ restriktionsfreie Menschen wieder den Willen zur Macht ausleben? Liegt es nur an der gemessenen Zeit, die Eltern mit ihren Kindern sind, ob Kinder glücklich aufwachsen? Kann es nicht auch an der Wahrhaftigkeit des Gefühls liegen, das Eltern für ihre Kinder hegen? In China können bereits die Deformationen beobachtet werden, die die vom Staat verordnete Ein-Kind-Familie bei den Jungen und Mädchen verursacht: Alle Hoffnungen der Eltern werden auf dieses eine Kind projiziert, das diese überzogenen Erwartungen wahrscheinlich nicht als liebende Zuwendung empfindet. In Deutschland bilden sich diese Neurosen ohne staatlichen Zwang aus, sicher nicht in allen Schichten, aber in einer der maßgeblichen.

In Frankreich sind die Deutschen – ganz im Gegensatz zu ihrer Selbstwahrnehmung – als irrationales Volk bekannt, als ein Volk, das immer übertreibt und häufig maßlos ist. Aus meinem Urlaub zurück, habe ich allen Anlass, diese französische Einschätzung für wahr zu halten. Die Situation der deutschen Familie ist momentan keine, die hoffen lässt.


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