13. Mai 2010

Karstadt in Bad Duisburg Hirnphysiologische Grenzen der Fremdverwaltung

Oder: Thomas Keuer macht die Steuer teuer

Aus einer beliebigen Population von (angenommen) 1000 Menschen können vielleicht – nach entsprechendem Training – drei Menschen die 100 Meter unter 10 Sekunden laufen. Die anderen können es nicht. Sie werden es nie lernen, egal wie viel Trainingaufwand man betreibt. Aus derselben Gruppe von 1000 Menschen können aber – nach entsprechender Schulung – vielleicht auch nur 50 Personen administrative Aufgaben intellektuell bewältigen. Die anderen 950 können es nicht, egal wie sehr man sie auch ausbildet.

Ändern sich nun die Lebensumstände dieser Beispielspopulation so weit, dass nicht mehr 50 Verwalter für die Gruppe zuständig sind, sondern (angenommen) 150, dann müssen die 50 fähigen Administratoren nicht mehr nur insgesamt 1000 Mitmenschen verwalten. Sie müssen vielmehr zugleich auch all die Fehler bereinigen und beseitigen, die von den ebenfalls tätigen weiteren 100 Verwaltern verursacht wurden – und immer weiter werden.

Um hier nicht von dummen Verwaltungsmitarbeitern zu sprechen, soll das Phänomen der Einfachheit halber als die hirnphysiologische Grenze der Fremdverwaltungsfähigkeit bezeichnet werden. Komplexe administrative Vorgänge lassen sich mit intellektuell minderbegabten Akteuren eben nicht bewältigen. Werden die Aufgaben zu schwierig, scheitert das Vorhaben an dieser hirnphysiologischen Grenze. Der Punkt maximal gedeihlicher Besorgung fremder Angelegenheiten wird dann überschritten. Die Gesamtpopulation wird destruktiv verwaltet. Zuletzt kollabiert sie, wenn auch die fähigen Akteure das von den Kollegen angerichtete Chaos nicht mehr bereinigen können.

Ein empirischer Beleg für die Richtigkeit dieser These dürfte sich in diesen Tagen in Duisburg finden lassen. Dort scheitert das kommunalpolitische, gemeindeselbstverwaltete Projekt „Karstadt-Rettung“ augenscheinlich an der Unfähigkeit der handelnden Akteure, die komplexen Zusammenhänge zu erfassen und adäquat auf sie zu reagieren.

Und darum geht es: Karstadt droht – wie der durchschnittlich interessierte Bundesbürger seit langem weiß – der finanzielle Zusammenbruch. Ein Insolvenzverwalter ist tätig, um zu retten, was zu retten ist. 25.000 eigene Mitarbeiter und 30.000 weitere bei Zulieferern bangen um ihre Arbeitsplätze. Um den völligen Kollaps zu verhindern, haben die Mitarbeiter auf Lohn verzichtet. So sieht praktische Solidarität aus. Tragisch daran ist nur dies: Durch den Lohnverzicht sehen die Bilanzen der strauchelnden Arbeitgerberin etwas weniger desaströs aus. So soll es zwar auch sein. Aber leider löst dieses Aufhübschen der Firmenbilanz auch das Entstehen von Gewerbesteuerschulden aus. Karstadt in Duisburg muss zahlen. Macht 731.000 Euro für die Stadtkasse. Da lacht der Kämmerer.

Der Insolvenzverwalter indes ist ein betriebswirtschaftlich weiterblickender Mann. Er hat die Kommunen, in denen Karstadt tätig ist, ersucht, auf solche Gewerbesteuern zu verzichten. Denn nur so lasse sich das Gesamtkonstrukt noch erhalten. Spielen die Gemeinden nicht mit, erdrosseln sie den Warenhauskoloss endgültig. Die Stadträte allerorten sind also gefordert. Üben sie Verzicht, lebt Karstadt, sichern sie Arbeitsplätze, erhalten sie Standorte, verhindern sie Arbeitslose, schonen sie die Kassen der Bundesagentur für Arbeit. 90 Kommunen sind gefragt. Bottrop hat schon Einlenken signalisiert – kluge Leute, dort in Bottrop.

Duisburg indes funktioniert anders. Die Ratsmitglieder befanden soeben durch Beschluss: Verzicht kommt nicht in Frage! Wo kämen wir denn hin, wenn wir jetzt anfingen, Ausnahmen zu machen? Außerdem, heißt es, argumentierte das politisch bunte Gremium, man könne nicht für alle anderen gerade den Gewerbesteuerhebesatz von 470 Prozent auf 490 Prozent heraufsetzen und dann Extrawürste für Karstadt zulassen. Es muss doch gerecht zugehen, oder?

Das hirnphysiologische Moment in dieser Lage imponiert besonders in zwei Dimensionen: Zum einen wird der fiskalradikale Kurs den Duisburger Kämmerer nicht wirklich um einen Steuercent bereichern; denn wenn Karstadt stirbt, dann jedenfalls ohne die vorherige Überweisung von 731.000 Euro auf das städtische Konto. Die sind nämlich gar nicht wirklich da, sondern stellen nur einen fiktiven Buchungsposten in der Bilanz dar. Zum anderen können alle der bald frischgebackenen, neuen 55.000 arbeitslosen Karstädter Deutschlands einen Mann dann ganz besonders lieb haben: Thomas Keuer macht die Steuer teuer. Thomas Keuer nämlich sitzt für die SED-Nachfolgepartei „Linke“ im Duisburger Stadtrat. Und Thomas Keuer hat dort gegen den Verzicht auf die teure Steuer gestimmt. Thomas Keuer will demnach das Geld. Die „Westdeutsche Allgemeine“ liefert zu diesem Akt indes erst den wirklichen hirnphysiologischen Grenz-Exzess. Wörtlich schreibt das Blatt: „Pikant: Keuer ist Geschäftsführer der für den Handel zuständigen Gewerkschaft Verdi.“

Mit Trillerpfeifen und im Karstadt-Plastiksack stehen unterdessen die Demonstranten auf der Straße. Auf ihren Plakaten heißt es: „Wir verzichten auf unser Gehalt – die Stadt Duisburg fordert davon noch Steuern!!“. Hoffentlich haben Verdi, die „Linke“ und Herr Keuer wenigstens den Druck der Transparente bezahlt. Aus den Gewerkschaftsbeiträgen der Betroffenen wird dies ja noch darzustellen gewesen sein. Und Thomas Keuer wird sogar noch mit dem Satz zitiert: „Alle fühlten sich überfordert.“ Ja, so sieht es in der Tat aus, hirnphysiologisch.

In zwei Wochen soll vielleicht noch einmal abgestimmt werden, im Rat der Stadt Duisburg. Mal sehen, ob die 50 fähigen Verwalter die Überforderung der 100 anderen noch reparieren können. Allen Karstadt-Mitarbeitern wäre es zu wünschen. Der Stadt und dem Erdkreis insgesamt könnte dadurch zugleich eine weitere Erkenntnis zuteil werden: Die Verteilungskampflinie verläuft eben doch nicht – wie immer behauptet – zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, sondern in Wahrheit zwischen Bürgern und öffentlicher Steuerverwaltung. Die Gesamtpopulation wird dies auch eines nicht mehr fernen Tages verstehen. Denn einmal erklärt, ist es auch hirnphysiologisch ganz simpel. Es passt als Merksatz sogar auf ein einziges Plakat. Dann werden sich die tumben Pawlowschen Reiz-Reaktions-Muster der Stamokap-Fraktionäre mit ihrem tradierten Feindbild-Schema auch nicht mehr aufrechterhalten lassen. Goldene Zeiten für Endorphine.


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