29. April 2010

ef 102 Editorial

Amerika hat es in manchem besser, dank Ayn Rand

Warum werden Eigeninitiative und Unternehmertum in Amerika bewundert und in Europa behindert? Die Antwort auf diese Frage ist eng mit der dort außerordentlich hohen Popularität der Philosophin und Schriftstellerin Ayn Rand verknüpft, die in Deutschland oder Frankreich fast unbekannt ist. In den USA hat heute noch fast jedes Schulkind die mehr als 50 Jahre alten Romane der russischstämmigen Autorin gelesen, in Kontinentaleuropa haben selbst die meisten Englischlehrer nie von der amerikanischen Literatur-Ikone gehört. In ihrem mehr als tausend Seiten starken Hauptwerk „Atlas Shrugged“ (deutsch: „Wer ist John Galt?“) sieht die 1982 verstorbene Rand viele jener Entwicklungen voraus, die nun in der Wirtschaftskrise offenbar werden. Auch deshalb brechen die Verkaufszahlen ihrer Bücher jenseits des Atlantiks immer wieder neue Rekorde. Im letzten Jahr (2009) wurden erstmals mehr als eine Million Exemplare ihrer vier Romane verkauft, 2008 waren es damals bereits aufsehenerregende 500.000 Stück der hochbetagten Bücher. Alleine das 53 Jahre alte Magnum opus „Atlas Shrugged“ wurde in den USA alleine 2009 mehr als eine halbe Million Mal verkauft – macht von diesem Roman seit Erscheinen mehr als sieben Millionen verkaufte Exemplare, alleine in den USA. Mit mehr Herzblut als Ayn Rand hat niemand den Kapitalismus moralisch verteidigt. Dazu aus „Atlas Shrugged“ eine kleine Kostprobe: „Geld ist das Barometer der Moral einer Gesellschaft. Wenn Sie sehen, dass Geschäfte nicht mehr freiwillig abgeschlossen werden, sondern unter Zwang, dass man, um produzieren zu können, die Genehmigung von Leuten braucht, die nichts produzieren, dass das Geld denen zufließt, die nicht mit Gütern, sondern mit Vergünstigungen handeln, dass Menschen durch Korruption und Beziehungen reich werden, nicht durch Arbeit, dass die Gesetze Sie nicht vor diesen Leuten schützen, sondern diese Leute vor Ihnen, dass Korruption belohnt und Ehrlichkeit bestraft wird, dann wissen Sie, dass Ihre Gesellschaft vor dem Untergang steht.“

In unserer Jubiläumsausgabe vor zwei Monaten nannte ich an dieser Stelle Ayn Rand als einen der ganz großen Vordenker für eigentümlich frei. Entsprechend positive Artikel über ihr Werk haben wir in den letzten Jahren publiziert. Doch die gerne dunkel gekleidete Wahlamerikanerin hatte auch ihre Schattenseiten, die nicht erst mit ihrer sprichwörtlichen Intoleranz begannen und die mit ihren strenggläubigen Anhängern, die sich Objektivisten nennen, mit all deren skurrilem Sektengebaren nicht enden. Zuweilen war die große Denkerin eben doch sehr einfach gestrickt. Schauen wir dazu nur auf ihren mit besonderem Eifer verfochtenen Atheismus. Sie war überzeugt davon, der Menschheit erstmals und letztgültig „den Beweis“ geliefert zu haben, dass Gott nicht existiert. Selbst zufällig anwesende katholische Eheleute ihrer Gesprächspartner wurden von Rand harsch angefahren: „Haben Sie denn meine Beweise nicht gelesen? Setzen Sie sich hin und studieren Sie sie!“

Michael Klonovsky sagt: „Gesinnungen sind biographisch bedingt und fast immer tolerierbar.“ Ayn Rand, die die Ratio vergötterte, hätte diesen Satz nicht gemocht, und doch war auch sie eher der lebendige Beweis für die Richtigkeit der These: Wie ihre diesbezüglichen Geistesverwandten Stirner und Nietzsche hatte zum Beispiel auch die extreme Individualistin und Egoistin Rand keine eigenen Kinder – für die, bedürftig und hilflos wie sie zunächst sind, jeder gesunde Mensch liebend gerne ein gewichtiges Stück seines Lebens und seiner Freiheit aufgibt. Was war zuerst: Die Ideologie des unbedingten Eigennutzes und dann in der Konsequenz keine eigenen Kinder? Rand hat es so verkauft – eine gerade für eine Frau an Dürftigkeit kaum zu überbietende Aussage, die alleine den Randschen Egoismus als abnorm und langfristig nicht überlebensfähig ausweist. Aber wurde nicht viel wahrscheinlicher tatsächlich der eigenen Kinderlosigkeit eine pubertäre Ich-Ideologie aus Gründen der Selbstrechtfertigung oben aufgesetzt? Das wäre die rationalere Erklärung!

Es bleibt dabei: Amerika hat es in manchem besser, dank Ayn Rand. Einige Facetten der Grande Dame selbst, die als absolut humorlos galt, sowie ihre orthodoxe, spleenige kleine Gefolgschaft, die heute zuweilen Aufsehen erregt mit der Forderung, den Iran mal eben mit Atomwaffen anzugreifen, bietet so manche Gelegenheit für eine eher humoristische Betrachtung. Im Internet ist auf Youtube die Aufführung eines neckischen kleinen Theaterstücks zu finden, geschrieben von Murray N. Rothbard, inspiriert von dessen Treffen mit Rand und ihren Anhängern: „Mozart was a red“. Köstlich!

Etwas anderes: Nachdem eigentümlich frei bereits seit Jahren in vielen Flughäfen und Bahnhöfen bundesweit erhältlich ist, testen wir derzeit auch den flächendeckenden Einzelverkauf in vier ausgewählten Gebieten. In den Großräumen München und Hamburg, in Düsseldorf, Neuss und Umgebung sowie im nördlichen Schleswig-Holstein ist ef nun in vielen Kiosken und anderen Einzelverkaufsstellen erhältlich oder kann von allen dortigen Einzelhändlern auf Wunsch beim Grossisten kurzfristig bestellt werden. Es würde uns sehr helfen, wenn gerade in der Testphase möglichst viele Leser diese zusätzliche Möglichkeit vor Ort nutzen würden!

Wie immer wünsche ich Ihnen, liebe Leser, mit dieser Ausgabe besonders viel Lesefreude und Erkenntnisgewinn. Vergessen Sie dabei – und das gänzlich mit Ayn Rand – nie: Kein Fußbreit den neosozialistischen Ausbeutern aller Parteien! Mehr netto!

Information

Dieser Artikel erschien zuerst in eigentümlich frei Nr. 102


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von André F. Lichtschlag

Über André F. Lichtschlag

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige