Andreas Tögel

Jg. 1957, Kaufmann in Wien.

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Gefährliche Drohung: Sozialverträgliche Budgetsanierung

von Andreas Tögel

Im Osten was Neues?

Es wird ernst. In Österreich ist „Sparen“ angesagt. Die Rede ist von derzeit von der Nomenklatura im Stundentakt abgesonderten Ankündigungen zur Sanierung des durch jahrzehntelange Misswirtschaft und exzessive Finanzierung von „Brot und Spielen“ in Schieflage geratenen Staatshaushalts der Alpenrepublik. Selbstverständlich ist – schenkt man den Aussagen der politischen Elite Glauben – ausschließlich die Krise für die drastische Abweichung von den durch den „Maastrichtvertrag“ oktroyierten Haushaltsvorschriften verantwortlich. Und die veröffentlichte Meinung treibt täglich die Schuldigen durchs virtuelle Dorf: Spekulanten, Zocker, Gierhälse und Casinokapitalisten. Im Osten nichts Neues.

Gottseidank haben die Spitzen unserer Regierung, der rote Kanzler und sein schwarzer Vize (die beiden werden von Kritikern und Karikaturisten immer wieder – natürlich absolut kontrafaktisch – als Dick und Doof apostrophiert) den Ernst der Lage erkannt und sind nun wild entschlossen, robust gegenzusteuern. Ein „Sparprogramm“ muss her – natürlich ein „sozialverträgliches“. Nach solchen Ankündigungen sträubt sich den relativ wenigen verbliebenen Nettosteuerzahlern des Landes naturgemäß das Haar. Denn „Sparen“ heißt nach kakanischer Lesart Einnahmen erhöhen – und die aktuelle Kampagne weicht von diesem bewährten Muster nicht ab. „60/40“ lautet die vorerst kolportierte Formel, was heißen soll, dass die Sanierung zu 60 Prozent über „ausgabenseitige Maßnahmen“ und zu 40 Prozent über Mehreinnahmen bewerkstelligt werden soll.

Allein das wäre schon schlimm genug. Man stelle sich ein vergleichbares Szenario – umgelegt auf einen überschuldeten Privathaushalt – vor. Etwas anderes als eine rigorose Ausgabenkürzung – also eisernes Sparen – wird da kaum in Frage kommen. Woher sollten auch signifikante Einnahmensteigerungen kommen, wenn der Debitor von der rücksichtslosen Anwendung krimineller Mittel absieht? Die in Regierungsverantwortung stehenden Obertanen dagegen sehen das Problem aus dem Ruder laufender Staatschulden naturgemäß etwas entspannter. Sie verfügen ja – im Gegensatz zu privaten Pleitiers – über jede Menge gut bewaffneter Büttel, die sie zwecks weiter zu intensivierender Ausplünderung ihrer Untertanen jederzeit in Marsch setzen und damit vermeiden können, den Staat am Ende noch „kaputtzusparen“. Der in jeder Hinsicht schwergewichtige Finanzminister hat bereits grimmigen Tones klargestellt, dass das „Kaputtsparen“ (eine der Lieblingsvokabeln jedes aufrecht demokratischen Transfergeldempfängers) der so prächtig funktionierenden Staatsbürokratie für ihn keinesfalls in Betracht kommt.

Die wichtigste Vorgabe der dräuenden Herkulesaufgabe lautet also, dabei „soziale Gerechtigkeit“ obwalten zu lassen. Das heißt zuallererst, dass Kürzungen bei den Sozialausgaben natürlich absolut undenkbar sind. Wo kämen wir denn hin, wenn die seit Jahrzehnten auf die gegenleistungsfreie Entgegennahme staatlicher Wohltaten konditionierte Klientel der „Volksparteien“ plötzlich mit Leistungsverschlechterungen konfrontiert würde? Die wählten am Ende bei der nächsten Wahl glatt die Falschen – und Wahlen gibt es in diesem Jahr am laufenden Band.

Es wird also bei den bereits angekündigten Einsparung im Öffentlichen Dienst und ein paar anderen Marginalien bleiben. Nicht was Sie denken – natürlich ist es völlig unmöglich, auch nur ein paar Dutzend der Republik bekanntermaßen so aufopferungsvoll ihre besten Jahre hingebende Beamte hartherzig an die frische Luft zu setzen – Gott bewahre! Nein, aber in einigen Ressorts wird ernsthaft überlegt, jede zweite durch Pensionierung frei werden Stelle nicht nachzubesetzen. Zack! Ein Schelm, wer sich dazu versteigt nachzufragen, wozu denn die plötzlich entbehrlichen Damen und Herren bisher gut waren, wenn sie nun einfach sang- und klanglos eingespart werden können…

Sei’s drum. Auch ohne im Besitz einer magischen Kristallkugel zu sein, kann man einigermaßen gefahrlos die Prognose wagen, dass die ehrgeizigen Einsparungsziele niemals erreicht werden können – einfach weil sie dem ökonomischen Prinzip der Demokratie (das da lautet: Wahlen gewinnen!) zuwiderlaufen. Die Aufgabe, ein paar „Kapitalisten“ abzustieren, geht doch allemal leichter von der Hand, als Millionen von durch das Umlagesystem alimentierten Pensionisten, Beamten oder andere Transferleistungen beziehenden Klienten des Wohlfahrtsstaates zu verprellen.

So machen folgerichtig sozialistische Apparatschiks aus allen Parteien im Tagesrhythmus mit Erfindungen neuer Steuern von sich reden. Die „Bankensteuer“ ist derzeit ein absoluter Renner. Eine „Versicherungssteuer“ kommt gleich danach (schließlich sollen, wie wir durch führende Gewerkschafter erfahren haben, „die an der Krise Schuldigen zahlen“). Jedenfalls aber sind „Spekulationsgewinne“ (so werden – unter tosendem Beifall der Mainstreammedien – im sozialistischen Musterstaat nominelle Wertzuwächse von Investments aller Art neuerdings tituliert) dran, ebenso wie höhere Steuern auf Erträge von Privatstiftungen erwogen werden. Dass deren Privilegierung einst von einem sozialistischen Finanzminister eingeführt wurde, die nun ein der ehemals bürgerlichen ÖVP angehörender Finanzminister aus Gründen der sozialen Ausgewogenheit der Sanierungsmaßnahmen wieder abschaffen will, entbehrt nicht der Ironie. Auch eine Erhöhung der Mineralölsteuer ist wieder hochaktuell, wie auch die Wiedereinführung der erst vor nicht allzu langer Zeit abgeschafften Erbschafts- und Vermögenssteuern. Geht’s doch bei den letzteren lediglich um die „gerechte“ Belastung „leistungsfreier Einkommen“…

Dass es – angesichts der zu erwartenden, für den Standort Österreich katastrophalen Folgewirkungen der angedrohten einnahmenseitigen „Sanierungsmaßnahmen“ – gelingen könnte, den Staat zu entschulden, ehe auch der letzte Knochen des letzten verbliebenen Leistungsträgers und Nettosteuerzahlers dieser Republik restlos abgenagt ist, können nur Menschen annehmen, die gegenwärtig auch gespannt auf das Aufkreuzen des Osterhasen warten.

10. März 2010

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Kommentare

Adolescent, am 10. März 2010 um 13:31 ( Link )

Gut erkannt, was so los ist in unserem Land.

Vielen Dank für den Artikel und schöne Grüße aus Wien,
Adolescent

Soslan Khan Aliatasi, am 10. März 2010 um 13:33 ( Link )

Natürlich haben Sie größtenteils absolut recht. Jedoch darf man bei fairem Wettbewerb die Transferleistungsbezieher nicht vergessen, die auf Grund von sogenannter „Kunst” aus dem Füllhorn bedient werden. Der faire Wettbewerb ist bei Kunst nur dann gegeben, wenn die „veröffentlichte Meinung” nicht mit der „öffentlichen Meinung” gleichgesetzt wird. Die „veröffentlichte Meinung” aber hat durch jahrzehntelange Propaganda viele Gehirne „zurechtgekämmt”. Und was Wunder, wenn man andere Kunstströmungen in den Medien schlichtweg totschweigt. Da kann kein fairer Wettbewerb entstehen.
Die „Kunst” ist nur ein kleiner Aspekt – aber es werden jedes Jahr viele Millionen Teuros in sinnfreie Projekte gesteckt. Auch da könnte man viel Geld einsparen. Kein Künstler sollte bevorzugt von den Medien gepusht werden – und jeder sollte seine Werbung und Finanzierung der Projekte selber auftreiben müssen. Vermutlich würden viele sogenannte „Künstler” und ihre „großartigen Projekte” sang- und klanglos im Orkus der Kunstgeschichte verschwinden. Der Staat aber hätte viel Geld eingespart.

Dziamdzia, am 10. März 2010 um 14:35 ( Link )

>„Spekulationsgewinne“ (so werden – unter
>tosendem Beifall der Mainstreammedien – im
>sozialistischen Musterstaat nominelle
>Wertzuwächse von Investments aller Art
>neuerdings tituliert

Meine Theorie ist ja, dass diese "Neoliberale vs. Sozialstaatsfataschisten" -Rethorik an der Realität vorbeigeht.

Zeitlich gesehen jedenfalls fällt die Explosion der Sozialausgaben auffälligerweise zusammen mit einer politischen Entfesselung genau solcher Spekulationsgeschäfte.

Wenn nämlich durch die Deregulierung solcher Spekulationsgeschäfte, und im Zusammenspiel mit den planwirtschaftlich in jede Rezession hineingepumpten schuldenfinanzierten "Konjunkturprogrammen" auf einmal Traumrenditen auf den Finanzmärkten möglich sind, die mit realwirtschaftlichen Investments nie und nimmer denkbar sind, dann geht dies zwangsläufig mit einer Akkumulierung von Kapital in den Händen derer einher, die eh schon viel haben. Genau so geht die Schere zwischen arm und reich immer weiter auf.

Eine solche Entwicklung bedeutet, dass ich Arbeit immer weniger lohnt bzw. sich nur noch unter Ausbeutung der Arbeiter überhaupt noch lohnt. So sinken die Reallöhne immer weiter, und die Arbeitslosenzahlen steigen; gleichzeitig machen Investmentbanken sich mit Geschäften die Taschen voll, die keinerlei reale Wertschöpfung mit sich bringen.

Um unter den dadurch resultierenden Bedingungen, dass es nämlich immer weniger Arbeit gibt und diese immer schlechter bezahlt wird, das Volk halbwegs ruhigzustellen, müssen die entstehenden Lücken durch Umverteilung gefüllt werden. Sprich: Der Arbeitende ist doppelt der Blöde, denn er schuftet nicht nur gegen geschniegelte Banker an die ohne einen Finger zu rühren die hundertfache Rendite machen, sondern muss seine Kameraden noch mit durchfüttern die entweder keine Arbeit mehr haben oder davon nicht mehr leben können.

Weder die Neoliberalen noch die Sozialisten haben überzeugende Antworten auf diese Krise. Die beiden gehen, ohne dass sie es merken, Hand in Hand: Die ersten ermöglichen es einigen wenigen, die arbeitende Bevölkerung auszusagen - die zweiten sorgen für Brot und Spiele um sie ruhig zu halten.

Olaf Janowski, am 10. März 2010 um 15:58 ( Link )

Hermann Josef Abs hatte recht. ("Die Kuh melken und gleichzeitig schlachten - das geht nicht!").

Und die Prophezeiungen einiger Fundamentalchristen aus den USA Anfang der 90er über ein weltweites wiedererstarken des Sozialismus scheinen sich zu bewahrheiten ("Kansas City prophets").

CrisisMaven, am 10. März 2010 um 16:14 ( Link )

Dziamdzia: Unter normalen Verhaeltnissen ist Spekulation wohlstandsfoerderlich, nicht schaedlich. Sofern Sie mit dem Adjektiv neo"liberal" hoffentlich nicht den Dunstkreis des ef-Magazins meinen (der sich ja darum gezwungen sieht, das Adjektiv "libertaer" zu bemuehen – wird aber nicht lange was nuetzen, dann verfallen die Orwellschen Sprachfaelscher auch hier auf ein geeignetes Praefix), wenn Sie mit neo"liberal" also Markteingriffe (a la Bruederle, Lambsdorff, Ehrhard, Schiller/Schmidt et al.) meinen, denn unter dieser Herrschaft gab es nur solche: Sozialgesetze, Kartellgesetze, Netzentflechtung, Eingriff in die Gebuehrenhoheit der Mobilnetzfunkbetreiber, Zentralbankpflicht der Banken, "gesetzliches" "Zahlungs"mittel usw., so haben Sie einerseits recht, andererseits geht dann aber die Abgrenzung zum Sozialismus verloren. Es sind sozialistische (!) Strukturen, die Banken zu Profiteuren machen, die ueber den normalen Gewinn des "produzierenden" (und uebrigen dienstleistenden, etwa Reinigung) Gewerbes hinausgehen. Es ist ganz offensichtlich, dass unter NORMALEN Verhaeltnissen eine Bank TENDENZIELL etwas weniger verdient, als die produzierende Wirtschaft, DENN: sie leiht sich das Geld von jemandem, der dafuer ordentlich Zinsen haben will, sonst gaebe er das Geld jemandem anderen, und verleiht es an jemanden, dessen Eigenkapitalrendite HOEHER als der Bankzins ist ("leverage effect"), sonst naehme er den Kredit nicht auf. Da KANN fuer eine Bank kein hoeherer Gewinn abfallen als in der (seltsamer Begriff) "Real"wirtschaft. Was Sie schildern sind ganz richtig, aber falsch kausaliert, die neoliberal-sozialistische Ausweitung der (Kredit-) Geldmenge ueber Papiergeld und Zentralbanken und ihre Folgen, die es darum gibt, damit (auch) der Staat ueber seine Verhaeltnisse leben und Geldgeschenke machen kann. Dabei sind die Banken keinen Beschraenkungen in der Giralgeldschoepfung unterworfen ausser den willkuerlichen der Reserveverpflichtung und denen des (erwarteten) Bargeldabflusses. In einer LIBERAL strukturierten Wirtschaft kaeme es zu diesen Exzessen nicht, da es dort kein staatliches Geldwesen gaebe – die Buerger aber haben fuer diese Politik gestimmt, die sich gerade ihrem schrecklichen Ende naehert.

Singaporean, am 10. März 2010 um 17:51 ( Link )

CrisisMaven, ich bin ihnen ebenso dankbar, wie ich Dziamdzia dankbar bin.
Ihr Argument mit der Eigenkapitalrendite leuchtet mir ein, was aber verbirgt sich hinter den großen Spekulationen, wie können dort Milliarden erwirtschaftet werden, wenn anscheinend der Bezug zur Realwirtschaft fehlt? Woher kommt das Geld und wie vermehrt es sich?

Rockefeller hat richtig festgestellt, dass wer zuviel arbeitet, keine Zeit hat, um Geld zu verdienen. Mit den wahnwitzigen Abgaben in der BRD lohnt es sich ohnehin immer weniger, zu arbeiten. Wenn ich mir im Bekanntenkreis oder auch sonst anschaue, wer wirklich teure Privatautos fährt, dann handelt es sich meist um Akteure der Finanzwirtschaft. Wer es schafft, einen Fuß in die Tür eines Hedgefonds zu bekommen, hat ausgesorgt, wer dagegen in irgendwelchen anderen Firmen arbeitet, verdient zu keinem Zeitpunkt auch nur annähernd soviel Geld. Dabei gönne ich absolut jedem Menschen seinen Reichtum, unabhängig von der Menge. Es muss nur ausgeschlossen sein, dass Reichtum auf Kontrahierungszwang, also Steuergeldern beruht.

Interessant wäre, wenn PHOENIX etwas dazu sagen könnte, er als Insider, dürfte einen sehr guten Einblick haben.

Singaporean, am 10. März 2010 um 18:17 ( Link )

Jose Pinera spricht über die Schulden der westlichen Welt. Interview bei FOX News. Kategorie: empfehlenswert

Pinera spricht über das 100 Trilion Dollar Problem der USA

Danke für den Link@CrisisMaven

Jochen Trebmann, am 10. März 2010 um 18:22 ( Link )

Der schöpferisch tätige Unternehmer hat keine Angst vor Inflation, denn sie erleichtert Abschreibungen seiner Produktionsmittel. Der Arbitrageunternehmer hingegen und der Erbe oder der Spekulant, der hat Angst, denn außer seinem bedruckten Papier hat er ja nichts. Ok, man sagt, der Arbitrageur fördert Wettbewerb. Für irgendwas muß er ja scheinbar gutsein. Man könnte ihn aber auch einfach enteignen, ohne daß das Gemeinwohl irgendwelchen Schaden nimmt. Wer anderer Ansicht ist soll das beweisen!

Daher auch die Hysterie der Arbitrageure, also der Nicht- und Kaumunternehmer und Spekulanten, welche sogar, so hört man, in offensichtlichen Anfällen von geistiger Umnachtung in Gold investieren in der Hoffnung, man könne sich damit "retten". Es gibt ja Doomer, die bauen mittlerweile Rettungsboote aus Gold :-).

Verdienen werden an solcherart geschürter Hysterie natürlich nur die Goldhändler, denn wäre Gold eine so supertolle Investition, würden doch Goldhändler kaum Gold gegen Geld verkaufen. Zumindest Goldhändler scheinen von der Werthaltigkeit des Goldes nicht ganz so überzeugt zu sein.

Dieser bemerkswerte Umstand ist hysterisierten Goldkäufern offensichtlich noch nicht aufgefallen.

Arbitrageure waren schon immer diejenigen, welche die Zeche in der Krise zu zahlen hatten. Unternehmen kamen da immer ganz gut durch, Siemens und Thyssen und den Metzger um die Ecke gab es auch noch nach dem 8. Mai 45. Die Schulden waren halt weg, die Maschinen aber noch da - wenn die Russen diese nicht abtransportiert hatten.

Der Fehler der Sozialisten war, kein Eigentum an Produktionsmitteln zuzulassen, stattdessen aber Eigentum am Geld. Der sozialistische Staat ist somit ein Staat der Arbitrageure ohne schöpferische Komponenten. Daher auch die weitverbreitete, andressierte Faulheit im Osten unseres Landes. Der Arbitrageur ist halt mal ein Faultier. Sonst hätte er ja einen anständigen Beruf und würde diesen auch ausüben.

Der Schumpeter hat das schon ganz richtig eingeteilt, auch wenn Bänker und Goldhändler und hervorragendbesoldete, üblicherweise faule Bürokraten mir jetzt lieber an die Gurgel gehen würden.

Der Sozialist, oder besser: der Neidhammel, kapiert nicht, daß Geld nur bedrucktes Papier ist. Der Arbitrageur will es nicht kapieren, hängt doch sein ganzer Lebensinhalt an Geldscheinen. Der Bürokrat kann es nicht kapieren, zwecks geistig einfacher Struktur. Seinen Wert erhält Geld erst durch den schöpferischen Unternehmer, der innovativ tätig Werte schafft. Diese Binsenweisheit muß man offensichtlich ab und zu wiederholen.

Warum geht es uns schlecht?

Weil der schöpferisch tätige Unternehmer von allen Seiten in die Zange genommen wird. Vom Wohlfahrtsstaat, von den Klerikern, von den Sozialisten, also den Neidhammeln und von den Arbitrageuren. Solange der Unternehmer keine realen Werte durch Realarbeit schaffen kann, gibt es nichts zu verteilen. Das Geld wird weniger wert, weil ihm kein echter Wert gegenübersteht. Wenn dann weiter und weiter Geld aus dem Nichts erschaffen wird, ist es nicht mehr besichert. Das Ende? Siehe Griechenland, siehe Island, siehe...

Nun muß man aber nicht gleich losheulen. Geld ist noch jede Menge wert und es verliert nur wenig an Wert. Selbst wenn es schwere Erschütterungen geben sollte, so bleibt das Geld doch noch Zahlungsmittel - vielleicht mit etwas weniger Wert.

Weil aber Arbitrageure und Sozialisten am Geld hängen wie der Junkie an der Nadel, hyperventiliert die gesamte Finanzwirtschaft, als gäbe es kein Morgen. Doomer aller Sorten erklären den Weltuntergang und Libertäre sehen den Tag des jüngsten Gerichts heraufziehen. Tatsächlich aber wird es knallen, vielleicht auch heftig, aber Hauptsache, der schöpferische Unternehmer behält seinen Laden und er kann weiter produzieren.

Deshalb muß die Forderung lauten: Liebe Politiker, stärkt den schöpferisch tätigen Unternehmer so gut ihr nur könnt und sorgt dafür, daß die Arbitrageure in die Pflicht genommen werden. Wenn ihr, liebe Politiker, das nicht erhören wollt, dann wird halt euer Geld immer weniger wert und ihr könnt euch euren Wohlfahrtsstaat an den Hut stecken.

Haderach, am 10. März 2010 um 19:38 ( Link )

@Jochen Trebmann
Sie haben es auf den Punkt gebracht! Es ist müßig zu erwähnen dass gerade dem schöpferisch tätigem Unternehmer nicht nur keine Vorbildfunktion zugebilligt wird, sondern dass dieser wichtigste Akteur einer Wirtschaft von Seiten der Staatsparasiten geschmäht, verachtet und rufgemordet wird.

CrisisMaven, am 10. März 2010 um 21:03 ( Link )

Singaporean: die (Ur-)Sache fuer die wunderbaren (nominalen!) Geldgewinne der heutigen Banken ist technisch ebenso einfach wie andererseits kompliziert darzulegen. Bevor ich ins Detail gehe: sie vermehren das Geld im Zusammenspiel mit dem heutigen Zentralbanksystem auf wundersame Weise selbst, es ist kein richtiges Geld, "gilt" aber dennoch im Warenverkehr, jedenfalls solange, bis es zum Crash kommt (Dr. Spieles Ausfuehrungen zum Giralgeld sind insofern richtig, wenn ich auch die Ursache etwas anders verorte). Dieser Crash kommt auch mit schoener Regelmaessigkeit, wenn er auch manchmal sechzig Jahre auf sich warten laesst.
Dass ausgerechnet Banker sich grosstun, obwohl sie NICHTS erwirtschaften, ist schon ironisch. Das erste ursaechliche Problem: wenn wir Geld auf ein Girokonto tun, wird es, bis auf den regulatorisch vorgeschriebenen "Bodensatz" (das waren mal 40%, als ich mich das letzte Mal vor Jahrzehnten damit befasste) wieder ausgeliehen, dabei muesste es ja eigentlich (und zwar gegen Sicherheitsgebuehr!) AUFBEWAHRT werden. Kaum zahlen wir also Geld auf der Bank ein, ist es weg, wird jemandem anderen als Darlehen gutgeschrieben, bildet dort ein ... "Gut"haben, wird, soweit nicht abgehoben etc., wiederum ausgeliehen, wird erneut zu "Gut"haben usw. Das funktioniert theoretisch UNENDLICH, aus einem Euro werden SOFORT (im Zeitalter der elektronischen Ueberweisung/Gutschrift) UNENDLICH viele Euro. Wer UNENDLICH viele Euro auch zu nur DREI Prozent Zinsen verleihen kann (Ueberziehungskredite haben z.T. sogar zweistellige Zinssaetze!) erhaelt UNENDLICH viele Zinsen und einen dicken Bonus, faehrt dicke Schlitten und greift die "geilsten Puppen" ab – allerdings bleiben die auch nur solange bei ihm, wie er zahlen kann. Aber er kann sich auch bei Sotheby's troesten, die ihm auch eine gefaelschten Rembrandt andrehen, es geht schliesslich nicht um Echtheit, sondern darum, das unredlich verdiente Geld moeglichst "statusadaequat" auszugeben.
Da auch Herrn Keynes aufgefallen sein duerfte, dass UNENDLICH viel Geld nicht lange seine Kaufkraft behalten kann, hat man das Instrument der Mindestreserve eingefuehrt, d.h. vom jeweiligen Giralguthaben (NICHT Sparbuecher etc.) muessen in den USA derzeit 10% bei der Zentralbank "eingefroren" werden, so dass die Geldschoepfung nicht gegen unendlich gehen kann, sondern aus 100 Dollar eingezahlt nur 90 Dollar verliehen werden, daraus 81 Dollar und so weiter. Erhoeht/erniedrigt die Zentralbank die Mindestreserveverpflichtung, kontrahiert/expandiert die Kreditmenge fast gleichzeitig. (Nur derzeit gibt es, ERSTMALs in der [Papier]geld-Geschichte, "ueberschuessige" Reserven bei der Fed., weil fuer das Rettungs-Helikoptergeld gar kein Markt da ist UND dazu auch das haftende Eigenkapital fehlt. Dann gibt es noch die "Offenmarkt"-Geschaefte, bei denen die Zentralbank Staatsanleihen an- oder verkauft und so Geld aufsaugt oder ausgibt oder die Wertpapier-Pensions-Geschaefte, bei denen die Zentralbank Geld gegen Sicherheiten in Staatsanleihen ausleiht und so ueber den gebotenen Zins das (kurzfristige) Zinsniveau beeinflusst.
Womit wir zur zweiten Einschraenkung der Geldschoepfung kommen: die Banken muessen ein bestimmtes Eigenkapital besitzen im Verhaeltnis zu allen getaetigten Krediten. Hier klang neulich schon an, dass
Dann ist da noch der leidige Bargeldumlauf, die "Transaktionskasse" und die "Hortung" (ersteres fuer lfd. Bareinkaeufe, letzteres z.B. die Pfennige in der Flasche fuer die Hochzeitsschuhe) – sie schraenken die Giralgeldguthaben weiter ein. Darum sind die Banken so sehr hinter dem Kreditkartengeschaeft her – es minimiert die Transaktionskasse und erlaubt ein hoeheres Kreditvolumen, obwohl das selbst vielen Bankern nicht bewusst ist, aber die haben auch den Sinn des Disagios in der Baufinanzierung nie verstanden.
Jetzt leihen die Banken also ein Mehrfaches dessen aus, was als echtes Geld vorhanden ist. Damit erwirtschaften sie auch ein Mehrfaches an Zinsgewinnen und Gebuehren, als bei einem (gold)gedeckten Geldumlauf moeglich waere. Und deshalb geht das nur begrenzt gut, weil irgendwann wird die Abweichung zwischen realer Wirtschaft und erfundener Geldmenge eingefordert und auf diesen Kontraktionsprozess begeben wir uns langsam zu. Dann wollen Einleger ihr Geld zurueck, es gibt aber nicht soviel Geld, da kommt der deus ex machina und schafft neues – der "lender of the last (holiday) resort" – die Zentralbank, die ja ohne Goldbindung beliebig viel Geld ausgeben kann. Dass die Menschen, die nun ihr Geld einfordern, damit wertloses Ueberschussgeld erhalten, endet dann regelmaessig in Hyperinflation – da hat der Banker aber seine Villa bereits bezahlt aus Geldern, die damals noch "gegolten" haben. Das ist die Tragik des Ganzen und ich bin ueberzeugt, es gaebe, wenn die meist jungen Schnoesel es verstehen wuerden, wenigstens ein paar, die aus dem Gewerbe austreten wuerden, weil es ihrem Gewissen widerspricht. So aber glauben sie, den Stein der Weisen gefunden zu haben und schauen hochmuetig auf alle Nicht-Finanziers herab. (Auf die technischen Details der ganzen Verbriefungen usw., die eine weitere Steigerung erlauben, gehe ich hier nicht ein, auch die Carry Trades usw. – sie fuehren alle jedenfalls zu ungedeckter Geldschoepfung, die aber dennoch Zinsen erzielt, aus neuem Geld wenn noetig, bis der Schwindel eben auffliegt.)

CrisisMaven, am 10. März 2010 um 21:05 ( Link )

P.S.: Ist schon mal jemand aufgefallen, dass die Namen der Kommentierenden nicht mehr auf Webseiten verweisen? Scheint im Zuge der Verbesserungen am Editor und der Dankemmeldung in der Kopfzeile passiert zu sein.

Haderach, am 11. März 2010 um 9:51 ( Link )

@CrisisMaven
Sehr guter Beitrag, ich glaube da

Womit wir zur zweiten Einschraenkung der Geldschoepfung kommen: die Banken muessen ein bestimmtes Eigenkapital besitzen im Verhaeltnis zu allen getaetigten Krediten. Hier klang neulich schon an, dass
ist etwas verloren gegangen.

hoeppe, am 11. März 2010 um 9:53 ( Link )

@Haderach

Sie haben es auf den Punkt gebracht! Es ist müßig zu erwähnen dass gerade dem schöpferisch tätigem Unternehmer nicht nur keine Vorbildfunktion zugebilligt wird, sondern dass dieser wichtigste Akteur einer Wirtschaft von Seiten der Staatsparasiten geschmäht, verachtet und rufgemordet wird..

Herr Trebmann bringt eigentlich nichts auf den Punkt sondern nur unternehmerische Sekundärprosa und da kann ich mich locker einklinken.

So sehen dann die Rufmorde und Schmähungen aus, die dem Unternehmer aus der Politik entgegenschlagen….Bilder sagen bekanntlich mehr als 1000 Worte….(auch wenn ich damit vielleicht das Layout versaue)



Ok.. Industriepräsident Keitel und die CEO’s Enders und Bernotat, die sich hier mit den Senatoren Mc Cain und Kerry beim Dinner warm ans Bein pinkeln sind ja nach hiesiger Definition keine richtigen Unternehmer?! Weil Sie nichts auf eigene Rechnung unternehmen. Plädiere daher auf verbot der AG als Unternehmensform!!

Für was soll der Unternehmer eigentlich Vorbild sein? Für deutsche Tugenden? Vorbild war er im Allgemeinen doch noch nie, höchstens eine Respektsperson – in den guten alten Zeiten.

@Jochen Trebmann

Warum geht es uns schlecht?

Also mir geht es weiterhin blendend!! Behausung warm und trocken, genug zu Essen, Frau und Kinder gesund…, und ich habe nicht den geringsten Schimmer, womit ich das verdient habe?

Vielleicht sollten Sie mal nicht so viel Unternehmen, dann geht es Ihnen auch wieder besser.

Haderach, am 11. März 2010 um 13:15 ( Link )

@hoeppe
Der gemeine Parasit hat natürlich seine Probleme mit der Unterscheidung zwischen angestellten Managern und Unternehmern. Genauso wie in eigenverantwortlicher Risikobewältigung, kreativer Ideenverwirklichung oder verantwortungsvoller Beschäftigungsschaffung etwas vorbildhaftes zu sehen.

Haderach, am 11. März 2010 um 13:24 ( Link )

@nahum

Sicher gibt es oberflächliche Verbindungen zwischen „neoliberal“ und „sozialistisch“. Beide wollen den „Staat“ überwinden, beide wollen das „Politische“ in die Zivilgesellschaften tragen. Beide erkennen nur eine Wirklichkeit an, die ökonomische Wirklichkeit, beide erkennen nur einen Aspekt an, das Rationale. Kein Wunder, dass von den 27 EU-Spitzenleuten mindestens 11 ehemalige Führer quasisozialistischer Sekten sind, dass viele der neoliberalen und neokonservativen Groß“intellektuellen“ in den USA ehemalige Kommunisten, kommunistische Konvertiten, sind.

Vielleicht trifft Ihre Analyse auf manchen neoliberalen zu, mit klassischem Liberalismus, um den es bei EF meines Erachtens geht, hat das nicht das geringste zu tun.
Dieser ist die direkte Antithese zu jeder kollektivistisch sozialistischer Ideologie. Ihr Versuch einen Topf für beides zu kreieren zeugt entweder von Unwissenheit oder Böswilligkeit.

hoeppe, am 11. März 2010 um 13:38 ( Link )

@Haderach

Der gemeine Parasit hat natürlich seine Probleme mit der Unterscheidung zwischen angestellten Managern und Unternehmern. Genauso wie in eigenverantwortlicher Risikobewältigung, kreativer Ideenverwirklichung oder verantwortungsvoller Beschäftigungsschaffung etwas vorbildhaftes zu sehen.

Ich gehe sicherlich recht in der Annahme, dass Ihre „Problemanalyse“ hiermit erschöpft ist. Wobei diese Unfähigkeit zur Unterscheidung wohl eher Ihr Problem ist, weniger ein Problem der Parasiten.

Ich habe in der Kantine gerade Nietzsche „Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn“ gelesen. Wie heißt es da so schön…

„….und wie jeder Lastträger seinen Bewunderer haben will, so meint gar der stolzeste Mensch, der Philosoph, [ich ergänze… der Unternehmer,] von allen Seiten die Augen des Weltalls teleskopisch auf sein Handeln und Denken gerichtet zu sehen.“

Haderach, am 11. März 2010 um 13:46 ( Link )

@hoeppe
Auch Nietsche lesende Parasiten bleiben Parasiten. Was Sie als "Problemanalyse" bezeichnen ist wohl eher eine Frage der Moral. Ein Begriff den Sie noch einmal nachschlagen sollten.

CrisisMaven, am 11. März 2010 um 14:25 ( Link )

nahum et al.: Die ueberbordenden Gewinne sind exakt (nach einer Einuebungsphase) wie von Ihnen beschrieben seit 1971 ff. entstanden - Papiergewinne, geschuldet zum groessten Teil der Abschaffung des letzten Goldstandards durch Nixon. Sie stehen aber nur auf dem Papier. Natuerlich kann man sich voruebergehend, und es erscheint einem hart Arbeitenden schreiend ungerecht, von einem Banker-Bonus aus Papiergeld, der in die Milliarden geht, einen Porsche etc. kaufen. Man kann leider auch ganze Landstriche durch Aufkauf enteignen, weil man mehr Geld fuer eine Immobilie bieten kann als sie real wert waere. Aber am Ende des Tages werden sich die meisten dieser Herren Ausbeuter demuetig mit dem Porsche und der Standuhr und dem bei Sothebys uebersteigert ersteigerten Picasso oder Rauch zum Bauern aufs Land begeben und um Eier betteln - und, so schwant mir, sie werden hinten anstehen und mitansehen muessen, wie ihnen der arbeitslose Maurer, auf den sie herabgeblickt hatten, vom Bauern die letzten Eier wegschnappt, weil er ihm den Anbau einer Scheune hochzieht, was der Banker in seinem Massanzug nicht kann. Die Zeit wird schon noch kommen und die klassischen Wirtschaftstheorien ploetzlich wieder heiss begehrt sein, weil einzig die Produktiven dauerhafte Werte schaffen.

hoeppe, am 11. März 2010 um 14:42 ( Link )

@Haderach

Ich kann jetzt bei aller Mühe und in der gebotenen Kürze nichts bei Ihnen Entdecken, was zum Vorbild taugen sollte. Das Unternehmertum scheint keinen eingebauten Selbstschutz vor Einfältigkeit und prolligen Habitus zu bieten.

eine Frage der Moral. Ein Begriff den Sie noch einmal nachschlagen sollten.

Aha, ein Begriff den ich also noch mal nachschlagen sollte…?!

Ich belasse es mal dabei…, kann eigentlich nur schlimmer werden und ich will keinen vergraulen der sich anderweitig noch sinnvoll einbringen will.

Andreas Tögel, am 11. März 2010 um 15:20 ( Link )

Verehrter Hoeppe, damit


Das Unternehmertum scheint keinen eingebauten Selbstschutz vor Einfältigkeit und prolligen Habitus zu bieten.
haben Sie ganz unzweifelhat recht. Allerdings hat das hier auch niemand behauptet. Ist letztlich auch völlig egal, denn weder brillante Intelligenz noch geschliffene Umgangsformen machen den erfolgreichen Unternehmer aus (ich zumindest kenne eine ganze Menge von entsprechenden Beispielen).

Allerdings schließe ich mich Haderachs Meinung an, daß schon erhebliche Unterschiede zwischen unternehmerischen Denken und "Managerdenken" bestehen. Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich behaupten, daß das Spiel entscheidend anders aussieht, wenn´s um eigene Geld (oder das der Bank verpfändete Dach überm Kopf) geht, als um das Investment einem unbekannter Aktionäre. Der Umgang mit Chancen und Risken wird dadurch (zweifellos auch abhängig vom Temperament des Akteuers) erheblich beeinflußt.

Ich meine jedenfalls - wieder aus meiner persönlichen Erfahrung gesprochen - daß das Auseinderfallen der Funktionen von Unternehmensführung und Kapitalbereitstellung (und das macht eben heute - im Unterschied zu früher - das Wesen der meisten Kapitalgesellschaften aus) einen maßgeblichen Grund für einige der Probleme unseres Wirtschaftssystems darstellt.

Gruß aus Wien,
Andreas Tögel

CrisisMaven, am 11. März 2010 um 15:49 ( Link )

Hallo Herr Toegel, eben darum bin ich nach langem Ueberlegen heute der Meinung, dass eine Haftungsbeschraenkung auf das Kapital (AG, GmbH, Genossenschaft) abgeschafft gehoert. Auch der Aktionaer braucht unbeschraenkte Nachschusspflicht, wenn er in ein Unternehmen investiert, das Schaden stiftet. So loesten sich alle Probleme, die diese Krise mit herbeigefuehrt haben, ja sogar die unbeschraenkte Geldschoepfung und "Hebelung" waere wahrscheinlich nicht eingetreten, wenn z.B. Merton et al. fuer ihren Unsinn mit dem Long Term (!) Capital Management Fund haetten persoenlich haften muessen und daraufhin ihre Nobelpreis-Tantiemen und die Professoren- und Vortragsgelder haetten bis auf das unpfaendbare Minimum ueber Jahre und Jahrzehnte abtreten muessen. Das gleiche natuerlich auch fuer Politiker - und schon haette Frau Dr. (!) Merkel keine Garantien ausgesprochen ...

Singaporean, am 11. März 2010 um 19:18 ( Link )

@CrisisMaven: Vielen Dank für die ausführliche Erläuterung.

Sie sagen, dass Banken unendlich viel Geld verleihen können. Bei 2-3% Mindestreserve mag das durchaus richtig sein aber jeder Kreditnehmer muss doch auch Sicherheiten hinterlegen und das Geld wieder zurückzahlen bzw. erwirtschaften? Würde dieses System dann nicht doch funktionieren, da eine Koppelung an die Realwirtschaft zwingend besteht? Wer kein Geld erwirtschaften kann, der bekommt auch keines?

Molot, am 11. März 2010 um 19:19 ( Link )

@hoeppe

Also mir geht es weiterhin blendend!! Behausung warm und trocken, genug zu Essen, Frau und Kinder gesund…, und ich habe nicht den geringsten Schimmer, womit ich das verdient habe?

Wissen Sie, wozu eine Zeckenzange gut ist?
B.Ullmann

Andreas Tögel, am 11. März 2010 um 19:55 ( Link )

Verehrte(r) CrisisMaven

...bin ich nach langem Ueberlegen heute der Meinung, dass eine Haftungsbeschraenkung auf das Kapital (AG, GmbH, Genossenschaft) abgeschafft gehoert.

Dazu soviel: lt. Handelsrecht in Österreich (wird in Deutschland vermutlich nicht wesentlich anders aussehen) ist die Haftung der Gesellschafter einer GmbH zwar auf deren Stammeinlage beschränkt, aber: der Geschäftsführer haftet im Falle einer Insolvenz mit seinem Privatvermögen, falls ihm zumindest grobe Fahrlässigkeit nachgewiesen werden kann. Der GF einer nicht zu einem Konzern gehörenden GmbH muß - da er, anders als sein für einen Konzern tätiger Kollege - über keinen vom Mutterunternehmen ausgestellten "letter of comfort" verfügt, im Falle des Finanzierungsbedarfs der Bank gewöhnlich (außerhalb des Unternehmens befindliche) Sicherheiten anbieten. D.h., daß zwar die Gesellschafter außer ihrer Stammeinlage nichts verlieren können, der GF aber sehr wohl. Der einzig wirksame Schutz für den GF besteht daher darin, nichts zu besitzen...(oder etwa auf allfällig vorhandene Immobilien z. B. für seine Partnerin oder seine Kinder ein "Belastungs- und Veräußerungsverbot" einverleiben zu lassen). Gar sooo einfach ist es also für die GmbH nicht (bei einer AG sieht das möglicherweise anders aus - das entzieht sich meiner Kenntnis), die Gläubiger auflaufen zu lassen - Haftungsbeschränkung hin oder her.

Sollte es sich beim GF um einen lediglich Angestellten und nicht um einen namhaft beteiligten Gesellschafter handeln, befindet der sich - kommt es zu finaziellen Problemen - in einer alles andere als komfortablen Position. Einerseits macht er sich strafbar, wenn ihm nachgewiesen werden kann, daß er nicht rechtzeitig Konkurs angemeldet hat, andererseits aber sägt er sich - so bald er das tut - augenblicklich den Ast ab, auf dem er sitzt.

Ich bin nicht überzeugt davon, daß die Übernahme des vollen Risikos durch nicht an der Führung des Betriebes beteiligte Gesellschafter sehr zweckmäßig wäre. Ich gebe zu bedenken: Privates "Risikokapital" wäre unter diesen Umständen nur noch schwer aufzutreiben. Das aber würde bedeuten, die jetzt bereits zu mächtige Bankenwelt noch weiter aufzuwerten und am Ende faktisch an der Betiebsführung beteiligen zu müssen - eine einigermaßen erschreckende Vorstellung...

Gruß aus Wien,
Andreas Tögel

CrisisMaven, am 11. März 2010 um 19:56 ( Link )

Singaporean: "Sie sagen, dass Banken unendlich viel Geld verleihen können. Bei 2-3% Mindestreserve mag das durchaus richtig sein aber jeder Kreditnehmer muss doch auch Sicherheiten hinterlegen und das Geld wieder zurückzahlen bzw. erwirtschaften? Würde dieses System dann nicht doch funktionieren, da eine Koppelung an die Realwirtschaft zwingend besteht? Wer kein Geld erwirtschaften kann, der bekommt auch keines?" Das ist ein sehr guter Punkt und die Antwort darauf klingt manchen vielleicht wie ein schlechter Witz, aber die Sicherheiten werden vom Kredit geschaffen! Wenn eine Bank in der gerade immer noch am Platzen befindlichen Immobilienblase in den USA ein Haus finanzierte, so gab es das Haus ja noch gar nicht (bei Neubauten) oder es hatte ein halbes Jahr zuvor noch nur die Haeolfte gekostet. Frueher (d.h. bis in die sechziger Jahre etwa), war es, wie ich aus dem Studium von Artikeln und US-Blogs erfahren habe, ueblich, dass man entweder sein Haus ganz bar bezahlt oder aber mindestens 40% Eigenanteil hatte. Auch war die Bankstruktur wesentlich kleinraeumiger. Aber damals galt ja auch noch der eingeschraenkte Goldstandard, es gab also gleich mehrere Bremsen (s.u.).
Die moderne Kreditschoepfung hat aber jeden Bezug zur realwirtschaftlichen Realitaet deshalb verlassen, weil sie ganz anders funktioniert (nur zwei Beispiele):
a) ein Anleger kaufte in der Dotcom-Blase Aktien. Dann ging er zur Bank und belieh dieses Portfeuille zu haeufig 70%. Nun konnte er fuer 170% Aktien kaufen, diese belieh er wieder (zum alten Ausgangswert 100% mit 1,7 mal 70% (da war er schon bei einer ca. 100%igen Beleihung des Ursprungskapitals!) und so weiter. Nun stiegen diese Aktien (warum wohl) ... und nun konnte er weitere Spielraeume nutzen, worauf die Aktien weiter stiegen.
b) Dasselbe bei Haeusern. "Flipping Houses" war das normalste der Welt, normale Durchschnittsverdiener hatten ploetzlich sieben Haeuser im finanzierten "Wert" von 3,5 Mio. Dollar und mehr – nur zum Weiterverkauf.
In beiden Faellen: wenn diese "gestiegenen" Assets nun verkauft wurden, war das Geld ploetzlich da – woher hatte der Kaeufer das Geld – auch nur z.T. aus Eigenkapital – er konnte ja nun eine "noch bessere", "hoehere" Sicherheit beleihen usw. Dieses Geld besteht aus und auf dem Papier bis schliesslich der Preis sinkt – soweit er finanziert war, werden die Kredite uneinbringlich und die Kreditgeldmenge sinkt wieder, als ob es sie nie gegeben haette, was ja realwirtschaftlich auch stimmt. Dennoch hat das fatale Auswirkungen, denn mit dem Schein-Geld wurden ja reale Investitionen losgetreten, die aber niemals reell waren. Daher ist auch die Berechnung des BRUTTOsozialproduktes so unsaeglich unsinnig. In einem gedeckten Geldsystem wuerde das, einen ordentlich geprueften und wahren Bank-Jahresabschluss vorausgesetzt, aber nicht gehen, denn das Geld waere stets Hinterlegungsschein eines realen Sicherungsbertrages (i.d.R. Gold), und nur soviel koennte ausgegeben werden, als Gold da waere um es einzuloesen. Wuerde das der Realwirtschaft schaden? Mitnichten – alle die Haeuser, die heute uneinbringliche Kredite "tragen", waeren bloss nicht gebaut worden und, um Wowereit zu zitieren, "das ist gut so".

CrisisMaven, am 11. März 2010 um 20:16 ( Link )

Lieber Herr Toegel: "die Gläubiger auflaufen zu lassen" - da stellen Sie auf eine irgend geartete boeswillige Insolvenzverschlepung ab. Das meinte ich aber gar nicht. Geht der Geschaeftsfuehrer "rechtzeitig", d.h. bevor genau 50% des Stammkapitals aufgebraucht sind, zum Insolvenzgericht, kann ihm nichts passieren (sofern die Buchfuehrung ordnungsgemaess war, eines der wenigen abstrakten Gefaehrdungsdelikte im deutschen Strafrecht). Das meinte ich aber nicht. Er haftet NICHT, wenn er sich fahrlaessig (im Nachhinein betrachtet) geirrt hat – siehe Daimler-Benz und Reuter und sein Nachfolger Schrempp, erst hochgelobt, mit der Chrsyler-Pleite, siehe Cargolifter – auf jedes erfolgreiche Unternehmen kommt mindestens ein gescheitertes, das bei meiner Haftungsloesung unterblieben waere). Aber nicht einmal darum geht es mir. Es geht um die Haftung etwa fuer Umweltschaeden etc. Bisher belangt niemand den Umweltverschmutzer haftungsrechtlich – im Gegenteil, es gelten staatlich verordnete Grenzwerte und wer diese unterschreitet haftet grundsaetzlich nicht; auch das"Rest"risiko millionenfachen Todes der Atomtechnik steht in keiner RWE-Bilanz, die es darum sprengen wuerde. Waere hier eine vollstaendige Haftung gegeben (das haben die Gerichte zu regeln, nicht die Vorschriften, die die Gerichte daran hindern, taetig zu werden), gaebe es wahrscheinlich weniger Aktionaers-Risikokapital, und das ist ja von mir gewuenscht. Soll es sich weniger risikoreiche Betaetigungsfelder suchen, Atom, Ruestungs- und Gentechnik sind nun mal nicht muendelsicher! Daher halte ich auch Ihre Befuerchtung steigender Banken-Macht fuer ein non-sequitur: werden sich denn Banken an etwas kreditierend beteiligen, was schon privaten Investoren zu risikoreich ist? Im Leben nicht!

CrisisMaven, am 11. März 2010 um 20:21 ( Link )

Nachtrag: uebrigens schmerzt es die Glaeubiger bereits, wenn noch 51% des Kapitals vorhanden sind, denn es reicht, so gut die Vorschrift gemeint ist, nicht, um die Glaeubiger zu befriedigen. Denn die Bilanzwertansaetze werden nach dem "ongoing concern"-Prinzip ermittelt, d.h. eine spezielle Bandanlage zur Montage von LKW z.B. ist mit den aktivierten Herstell- oder Anschaffungskosten zu bewerten. Aber sowie der Betrieb eingestellt wird, ist sie womoeglich von NEGATVEM Wert – weil niemand anders sie SO, wie sie gebaut wurde, gebrauchen kann, also ihre Abrisskosten NRGATIV zu Buche schlagen. Bei einer umfssenden Haftung wuerde hier in Grosskonzernen wesentlich umsichtiger geplant. Das vernichtete Kapital fehlt ja am Ende uns allen, wenn wir auf die gesamtgesellschaftliche Arbeitsteilung abstellen.

hoeppe, am 12. März 2010 um 11:49 ( Link )

Ich habe von Aktien und Unternehmensrecht NULL Ahnung!!

@ Andreas Tögel

Ich meine jedenfalls - wieder aus meiner persönlichen Erfahrung gesprochen - daß das Auseinderfallen der Funktionen von Unternehmensführung und Kapitalbereitstellung (und das macht eben heute - im Unterschied zu früher - das Wesen der meisten Kapitalgesellschaften aus) einen maßgeblichen Grund für einige der Probleme unseres Wirtschaftssystems darstellt.

Ich kann am Wesen der Kapitalgesellschaften aus „Marktradikaler“ Sicht nichts Verwerfliches finden.

Nach meinem kurzen Onlineblindflug kann ist erst mal festhalten, dass die ganze Chose der Aktiengesellschaft eine Errungenschaft der Moderne ist. Ostindien-Kompanies (Niederlande England), Eisenbahnbau in den USA, Edison..., Daimler-Benz mutierte 1926 zur AG, Siemens 1897 um, laut Homepage, das Unternehmen auf eine breitere finanzielle Basis zu stellen und um konkurrenzfähig zu bleiben usw. usf.

Seit 500 Jahren ist es also gewünscht, die ganz ganz dicken ökonomischen Bretter zu Bohren (vermutlich um das eigene Los zu verbessern….!?). Zur Vorfinanzierung wird von Investoren Kapital eingesammelt. Wer dabei mit allumfassender Haftung droht findet keine Investoren und wer einer antiquierten Bauernregel folgt und erst mal fleißig spart, sieht am Markt sowieso nur noch die Rücklichter der Konkurrenz.

Die Investoren kommen alle freiwillig ins Boot und das unternehmerische Risiko ist auf viele Schultern verteilt. Dadurch lässt sich auch mehr stemmen und sogar der „kleine“ Parasit kann per Aktienkauf am unternehmerischen Erfolg profitieren.

Es steht der Aktionärsversammlung (Aufsichtsrat?) frei, einen Mietling mit der vermeintlich zielführensten Denke (77 Prozent protestantisch oder konfessionslos…) zu frei verhandelten Konditionen an die Spitze der AG zu setzten.

Was die Haftung angeht, so ist die Kohle der Investoren im schlimmsten Fall eben weg und weitere Gläubiger (Lieferanten, Banken) kucken je nach Insolvenzrecht (??) mehr oder weniger in die Röhre.

Die Schuldknechtschaft droht nur, wenn der Unternehmer dem Investor sein Dach überm Kopf verpfändet, wozu nach meinem Wissen niemand gezwungen wird, er macht es freiwillig oder kann es lassen. Also ich würde es zumindest lassen und bin deshalb auch kein Unternehmer.

Aktiengesellschaften sind also summa summarum ne doll Sache.

Letztendlich ergibt sich für mich die Frage, wie es um den Erfolg und den Fortschritt des modernen Unternehmertums ohne Fremdkapital und Verschuldungsorgie bestellt wäre.

@CrisisMaven

Es geht um die Haftung etwa fuer Umweltschaeden etc. Bisher belangt niemand den Umweltverschmutzer haftungsrechtlich – im Gegenteil, es gelten staatlich verordnete Grenzwerte und wer diese unterschreitet haftet grundsaetzlich nicht; auch das"Rest"risiko millionenfachen Todes der Atomtechnik steht in keiner RWE-Bilanz, die es darum sprengen wuerde. Waere hier eine vollstaendige Haftung gegeben (das haben die Gerichte zu regeln, nicht die Vorschriften, die die Gerichte daran hindern, taetig zu werden), gaebe es wahrscheinlich weniger Aktionaers-Risikokapital, und das ist ja von mir gewuenscht.

Irgendwie versandet hier die marktliberale Grundhaltung in der rechtspositivistischen Regulierung. Wer soll den hier irgendwelche Schäden beziffern oder bilanzieren? Pro potentiellen Toten 1000 Euro Risikorücklage?

Ich kann nur wieder am esoterischen Rad drehen. Wie soll ein Mensch für sein Handeln überhaupt vollständig haften? Mit Geld, Freiheitsentzug, Auspeitschen, mit dem Leben? Und ist die Haftung dann auch vollständig?

@Molot

Wissen Sie, wozu eine Zeckenzange gut ist?

Um sich in Diskussionsforen zum Idioten zu machen?

CrisisMaven, am 12. März 2010 um 12:09 ( Link )

Hallo hoeppe: "Wer soll denn hier irgendwelche Schäden beziffern oder bilanzieren?" - Das ist ganz einfach: ENTWEDER ein potentielles Risiko laesst sich versichern, d.h. Dritte, die nicht selbst an dem Produkt interessiert sind, eben Versicherungsmathematiker etc., sind in der Lage, das Risiko einzuschaetzen und dafuer per Praemie einen Preis zu berechnen ODER das Risiko ist so schwer kalkulierbar, dass man es auf die eigene Kappe nehmen muss – dann aber bitte VOLLSTAENDIG! Dass aber ICH dafuer haften soll, dass jemand, weil unkalkulierbar, KEINEN Versicherungsschutz (fuer mich!) erwerben kann, und dann regelmaessig im Namen des Fortschritts (!) gerade die UNKALKULIERBAREN Risikien MIR aufgebuerdet werden, der Gewinn aber, wenn's klappt, dem "Investor" bleibt, ist zutiefst illiberal. Lieberalismus ist NICHT die Denke, wonach jeder der Allgemeinheit Schaden zufuegen darf, bloss weil dadurch der Preis "billiger" wird, Liberalismus ist, wenn jeder an den Gewinnen UND Verlusten seiner Aktion beteiligt ist. Und, nochmal, ganz viele Produkte wuerden daher nie das Licht der Welt (d.h. der Serienproduktion) erblicken, aber getreu Bastiat, "das, was man nicht sieht" ist das Kapital ("MEINES"!), das dadurch geschont wird und daher fuer ANDERE Produkte zur Verfuegung steht! Wir haben uns nur alle schon zu sehr an diese haftungsfreie Produktionweise gewoehnt als dass es noch gross auffaelt, welche Unverschaemtheit dieses haftungsfreie Investieren eigentlich darstellt. Mit Liberalismus hat das noch nie was zu tun gehabt, mit Neo"liberalismus" schon.

Singaporean, am 12. März 2010 um 19:06 ( Link )

@CrisisMaven: Danke für die weiteren Ausführungen. Ihre Beispiele haben deutlich gemacht, dass die Wertschöpfung aus dem Kredit heraus selbst passiert. Es kann sich aber doch nicht um eine Mehrheit gehandelt haben, die so verfahren ist. Ich kenne relativ wenig Privatpersonen, die ihre Häuser beleihen, um andere Häuser zu kaufen. Selbiges mit Aktien. Dies muss dann schon im großen Rahmen, respektive institutionell ablaufen, damit die Auswirkungen spürbar werden oder liege ich da falsch?

CrisisMaven, am 12. März 2010 um 21:01 ( Link )

Singaporean: "Ich kenne relativ wenig Privatpersonen, die ihre Häuser beleihen, um andere Häuser zu kaufen. Selbiges mit Aktien" - Also in Deutschland hat nach den Katastrophen in der Beleihungspraxis in den siebziger Jahren (als variable Hypotheken von 6% auf 17% Zinsbelastung oder so anziehen konnten – Volckers Hochzinspolitik, die weltweit nachgeahmt werden musste – man konnte z.T. 12% auf TAGESgeld bekommen!) in der Sparte Immobilienkredite die Vernunft wieder die Oberhand bekommen, daher gibt es bei uns das geschilderte Phaenomen derzeit nicht zu beobachten (in Spanien dagegen schon eher, auch in Irland und Grossbritannien). Am neuen Markt jedoch war das gang und gaebe – gerade die Angestellten der Dotcom-Boutiquen kauften "wie bekloppt" die Aktien ihres eigenen Arbeitgebers auf Kredit, sowohl durch die geschilderte Pyramidierung wie auch, indem sie noch zusaetzlich Dinge beliehen, die sie auftreiben konnten. In der Zeit, in der jedes IPO nicht nur x-fach ueberzeichnet war, sondern der Aktienkurs danach immer sich gleich verdoppelte, schien das den (mit solchen Aktien) ebenso unerfahrenen Kreditsachbearbeitern ein ebenso sicheres Geschaeft zu sein wie den "Anlegern". Da gab es haufenweise Privatinsolvenzen hinterher. Aber in den USA war das "flipping houses" geradezu Pflicht, wenn man nicht fuer verrueckt erklaert werden wollte. Es gab Fernkurse und Seminare, wie man das anstellt, Haeuser wurden vom Plan weg gekauft und angezahlt und noch vor Fertigstellung schon wieder fuer's Doppelte verkauft usw. (In Deutschland hatten wir aber auch diese ueberteuerten Steuersparimmobilien, deren Klagewelle sich gerade durch die Gerichte waelzt.) Dabei waren wegen der Anti-Diskriminierungspolitik, die die Banken z.T. rechtlich, z.T. wegen politischen Drucks aus der Buergerrechtsbewegung und anderen NGOs, durchfuehren mussten, keinerlei Kreditsicherheiten mehr erforderlich – man fuellte ein gefaelschtes Einkommen aus, das der Annuitaet der Beleihung entsprach, der Makler besorgte einen Gutachter, der den gewuenschten Wert testierte und niemand hatte ein schlechtes Gewissen, da das Objekt ja in wenigen Jahren das Doppelte des bereits heillos ueberschaetzen "Wertes" wert sein wuerde. Da dann AIG die verbrieften Hypotheken versicherte, AIG selbst ein AAA-Rating hatte und die Regel galt, dass eine ausfallversicherte Anleihe das Rating des Versicherers bekommt, hatte auch niemand die Hypotheken lange in den Buechern. Dass die Branche dann aber diese Anleihen (Collateralised Debt Obligations – CDOs) wieder selbst ankaufte (und nicht irgendwelche Leute aus ihrem sauer Ersparten), dafuer Carry Trades in z.B. Yen in Anspruch nahmen und dadurch bei fast Null Zins Ausleihung fast 100% Zinsgewinn einstrichen, das alles zusammen erst verschaerfte die Lage so total. Dabei sind fatalerweise auch noch die Eigenkapitalregeln bei AAA-Papieren ja niedriger, als es dem realistischen Risiko entsprochen haette. Dasselbe Spiel haben wir ja jetzt wieder bei den Staatsanleihen – die Banken leihen sich Zentralbankgeld zu fast 0% (real WENIGER als 0%) Zinsen und investieren in Anleihen wie die Griechenlands, solange die ihr AAA noch haben, und erhalten 5, 6, 7% - das sind mehrere hundert Prozent Gewinne. Kein Wunder kann Ackermann von 25% Eigenkapitalrendite schwafeln. Risikoadaequat bepreist ist die Deutsche Bank dagegen insolvent. Was aber derzeit komplett verdraengt wird, ist, dass es zwei grundsaetzlich verschiedene Finanzierungs-Straenge in den USA gab: die echten Subprime-Hypotheken, bei denen Leuten Haeuser finanziert wurden, von denen man WUSSTE, dass sie sie nicht bezahlen koennen (z.B. sogar sog. "liar loans", d.h. gegen einen Aufschlag konnte man auf die Einkommensachweise ganz verzichten!!!) und bei denen alle nur die Hoffnung hatten, der Markt "werde es schon richten" und die "eigentlich" soliden variablen Hypotheken, die Jumbo-Loans und anderes, bei denen z.T. von vornherein ein verminderter Zins- und Tilgungsbetrag vereinbart wurde, der dann dem Kapital (principal) zugeschlagen wurde, wobei die echten, marktgerechten Zinsen erst dann zu zahlen waren, wenn entweder z.B. 5 Jahre um waren oder die Darlehenssumme 110 bis 125% der urspr. Summe erreichen wuerde (which ever comes first). So haben auch ganz "ehrliche" Leute finanziert, eben in der Hoffnung, der gestiegene Preis werde es richten und sie wuerden in den ewig guten konjunkturellen Zeiten jedes Jahr befoerdert und mehr verdienen. Diese adjustable rate Mortgages oder ARMs sind DERZEIT noch finanzierbar, weil sie zu wenig kosten, aber die allermeisten werden dieses oder naechstes Jahr angepasst. Da wegen der Inflationsgefahren die langfristigen Zinsen steigen, droht hier ein WEIT GROSSERES Desaster als beim vermeintlichen Ausloeser der Krise, dem Subprime-Schwindel. Das verkraften auch die USA nicht mehr.

hoeppe, am 15. März 2010 um 9:06 ( Link )

@CrisisMaven

ODER das Risiko ist so schwer kalkulierbar, dass man es auf die eigene Kappe nehmen muss – dann aber bitte VOLLSTAENDIG! Dass aber ICH dafuer haften soll, dass jemand, weil unkalkulierbar, KEINEN Versicherungsschutz (fuer mich!) erwerben kann, und dann regelmaessig im Namen des Fortschritts (!) gerade die UNKALKULIERBAREN Risikien MIR aufgebuerdet werden, der Gewinn aber, wenn's klappt, dem "Investor" bleibt, ist zutiefst illiberal.

Schön…, nur scheint die Nachfrage nach Energieversorgern, die sich gegen die atomare Verseuchung ganzer Regionen versichert haben oder eine entsprechende Haftung garantieren gegen null zu gehen. Wie wollen Sie diese Nachfrage mit liberal verträglichen Mitteln ankurbeln?

CrisisMaven, am 15. März 2010 um 9:26 ( Link )

Gar nicht lieber Hoeppe - das ist ja gerade die Marktwirtschaft, dass sie sozialschaedliche Unternehmen gar nicht erst zum Zuge kommen liesse - sowohl Asbest wie Atomkraft wurden vom Staat der Industrie aufgezwungen - in Deutschland die Atomenergie mit einer Haftungsuebernahme des Staates, dem damals die Energiewirtschaft ueber die kommunalen Vorzugsaktien vollstaendig gehoerte, was das Stimmrecht betraf (wir waren in den fuenfzigern und sechzigern gar nicht SOO weit von der DDR entfernt! [Und nun haben wir sie heim ins Reich geholt und werden gar von ihr regiert!]), bei Asbest in Deutschland durch das perfide Umlagesystem der Berufsgenossenschaften, ein korporatistischer Zwangsverband. In den USA erzwang das Kriegsministerium z.B. die Verwendung von Asbest als Isolierung in Kriegsschiffen und ueber "zivile" Bauvorschriften (siehe die Spaetschaeden der World-Trade-Center-Rettungsmannschaften) nur OHNE Haftungsuebernahme - der JohnsManville-Konzern und andere gingen darueber in Massenklagen in den siebziger und achtziger Jahren unter. Auch das aber nur durch manipulativen Eingriff in das Bilanzrecht, das, wie bei den Banken, die vollstaendige Abbildung ungewisser Risiken ueber erforderliche Rueckstellungen beschneidet. Bei uns hat es die Berufsgenossenschaft nur "gerettet", dass sie so zaeh entschaedigt, dass die meisten darueber bereits versterben und dass wir keine Sammelklagen kennen. WIR werden an der Atomkraft ebenso noch Konkurs gehen, wenn nicht eine gnaedige Hand die maroden Maschinen bis zur endgueltigen Abschaltung vor einem Kollaps bewahrt. Aber es sind schon zwei Raumfaehren vom Himmel gefallen, die EXAKT nach demselben mathematischen Verfahren "sicher" gerechnet sind. Von den Spaetschaeden der weder geklaerten noch moeglichen Entsorgung ganz zu schweigen – wer will denn auch nur die Bezahlung EINES Hausmeisters ueber eine Million Jahre (!) bilanziell darstellen, geschweige denn eines Endlagers von der gesellschaftlichen Dimension der Pyramiden?

hoeppe, am 15. März 2010 um 11:23 ( Link )

@CrisisMaven

- das ist ja gerade die Marktwirtschaft, dass sie sozialschaedliche Unternehmen gar nicht erst zum Zuge kommen liesse.

Ja…., unter Umständen theoretisch vielleicht schon möglicherweise denkbar.

Das Problem ist nur, dass die „Marktwirtschaft“ allein nicht in der Lage ist, den Staat vom Markt zu verdrängen. Und in der Praxis scheint einem die unternehmerische Jacke dann doch näher zu sein als die österreichisch weichgespülte marktwirtschaftliche Hose.

Der Unternehmer an den großen Fleischtöpfen des „moderne Rechtsstaats“ ist eine absolute Erfolgsstory. Dagegen sehen sogar die Kesslerzwillinge alt aus.

Atomkraft wurden vom Staat der Industrie aufgezwungen

Hm…?

Ich gehe davon aus, dass der Staat auf die am Markt operierenden Industrieunternehmen wie General Electric, Westinghouse, Babcock - Wilcox, Combustion Engineering und Siemens keinen großartigen Zwang ausüben musste, um sie dazu zu bewegen, Atomkraftwerke zu errichten.

Und Stromverbraucher wurden anschließend gezwungen Atomstrom ab zu nehmen? Kann ich eigentlich auch kaum glauben.

CrisisMaven, am 15. März 2010 um 11:39 ( Link )

Die Atomkraftwerke waren der Industrie wahrlich nicht in die Wiege gelegt. Es waren 5-Megawatt-Reaktoren fuer U-Boote im Kalten Krieg, Entwicklungskosten vollstaendig vom Staat bezahlt. An Grossanlagen dachte niemand. Der Staat BRAUCHT aber eine "zivile" atomare Infrastruktur, wie er zivile Autofabriken braucht, um die Kosten der Technologie-Entwicklung zu decken – in diesem Fall fuer Atombomben. Das gilt fuer alle militaerischen Neuentwicklungen, dass sie nur finanziell tragbar sind, wenn sie zivile Industrien hervorbringen. Bei Autos geschieht das von alleine, bei Atomkraft musste man nachhelfen. Dass der Staat nicht zu verdraengen ist, weil die Buerger keine liberalen Parteien (die FDP ist keine) waehlen, sehe ich selbst. Ich kann ja auch nur aufklaeren. Dass die Atomindustrie von selbst Gewinne gemacht haette, stimmt so nicht – Westinghouse hat auf den Siedewasserreaktor gesetzt und ging daran fast zugrunde, AEG hat das Konzept fuer Deutschland uebernommen und ging daran fast zugrunde. Vattenfall knapst heute noch am Siedewasserreaktor Kruemmel. Nur dank der staatlich verordneten Bilanzmanipulation, die die Risiken aus den Bilanzen heraushaelt, ist es gelungen, die Braut Atomkraft so aufzuhuebschen, dass die Industrie sie annahm. Dass die Industrie es DANN tut, wenn es sich endlich rentiert mit staatlicher Hilfe, das kann man ihr nicht verargen. Haette Siemens nicht zugegriffen, dann waere es ABB oder wer anders gewesen. Auch fuer Gewalt, und staatliche Investitionslenkung mit vorgehaltener Pistole ist Gewalt, gibt es Marktgesetze, das sieht man in der Bronx.


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