02. März 2010

Dokumentation Die „Süddeutsche Zeitung“ und die „Junge Freiheit“ gratulieren eigentümlich frei

Radikales Sprachrohr des Gegners aus Grevenbroich

Gestern die „Junge Freiheit“ und heute die „Süddeutsche Zeitung“ berichten anlässlich der hundertsten Ausgabe ef über unser Magazin. Im Folgenden dokumentieren wir beide Artikel:

Radikales Sprachrohr der Freiheitsfreunde

Das 100. Heft des „ef-Magazins“

von Christian Dorn

„Junge Freiheit“ vom 1. März 2010

BERLIN. Unter der offenen Frage „Zeitenwende oder Wertewandel?“ feiert das libertäre Monatsmagazin eigentümlich frei (ef) mit der März-Ausgabe 2010 sein 100. Heft-Jubiläum. Von André F. Lichtschlag (41) zu einem antizyklischen Zeitpunkt gegründet - im Schicksalsjahr 1998, als Rot-Grün antrat, diese Republik gemäß dem Erbe der Achtundsechzger umzuerziehen -, ist die Zeitschrift seither zu einem unverzichtbaren und im besten Sinne radikalen Sprachrohr aller Freiheitsfreunde geworden. Kaum einer, der unter Libertären, Konservativen und Liberalen sowohl in Deutschland wie weltweit Rang und Namen hatte, der sich hier nicht zu Wort meldete: So äußerten sich in ef bereits Wirtschaftsnobelpreisträger Milton Friedman, der jüngst verstorbene FDP-Grande Otto Graf Lambsdorff, Wirtschaftslenker Hans-Olaf Henkel oder Blattmacher wie der ehemalige Welt-Chefredakteur Roger Köppel.

Nicht zu vergessen der dem klassischen Liberalismus verpflichtete Publizist Roland Baader, der zu den Lieblingsautoren des Herausgebers gehört und der erst kürzlich seinen 70. Geburtstag feierte. Ohne ihn, so Lichtschlag im Vorwort seiner Jubiläumsausgabe, wäre die Zeitschrift nicht das, was sie heute ist: ein Medium für freiheitlich denkende Menschen, die darum wissen, „daß der gemeinsame Nenner aller Freiheitsfeinde von rechts und links stets eine unkritische Staatsgläubigkeit ist“ (Carlos A. Gebauer).

„Anmaßung plus Täuschung plus Geschäft plus Bestechung“

Programmatisch für das Selbstverständnis von eigentümlich frei steht etwa folgendes Baader-Zitat, das zuerst im ef-magazin veröffentlicht wurde und 2008 als Buch erschien („Freiheitsfunken. Aphoristische Impfungen“, Lichtschlag-Verlag): „Politik ist Anmaßung plus Täuschung plus Geschäft plus Bestechung. Genauer: Anmaßung gesellschaftsgestalterischer Handlungskompetenz plus Vortäuschung der Notwendigkeit von umfassendem Aktivismus plus Geschäft mit der Bewirtschaftung des Neids plus Bestechungsspendabilität mit anderer Leute Geld.“

Damit korrespondiert die Auffassung von ökonomischen Gesetzen als Naturgesetzen: „im Sinne der wenig wandelbaren Natur des Menschen. Niemand, kein Funktionär und keine Partei, kann sie ausschalten.“

Entsprechend widmen sich die zahlreichen Kolumnen des Magazins dem Beständigen und Bewährten: So etwa die „Lebenswerte“ von Michael Klonovsky, der „Deutschland Brief“ von Bruno Bandulet, die „Make love, not law“-Reflexionen von Carlos A. Gebauer, die „Oldie“-Weisheiten von Klaus Rainer Röhl oder die Überlegungen von Jörg Guido Hülsmann in seiner Rubrik „Wirtschaft und Ethik“.

Natürlich ist auch Roland Baader mit seinen neuen „Freiheitsfunken“ vertreten. Hier eine weitere Kostprobe („Erfolgsaussicht“): „Hat jemand, der unablässig für die Freiheit eintritt, überhaupt noch eine Erfolgsaussicht? Eigentlich nur eine: die Selbstachtung nicht zu verlieren.“

Wie unverzichtbar das Magazin - das schon früh vor der gegenwärtigen Finanz- und Wirtschaftskrise gewarnt hatte - in der tagesaktuellen Debatte ist, zeigt sich an der neuen Ausgabe: In seinem Beitrag „´Spiegel´ und Co. gegen die katholische Bastion: Die Scheinheiligen“ liefert Lichtschlag alle Argumente, die - um ein Beispiel zu nennen - den Diskutanten in der jüngsten „Hart, aber fair“-Sendung, wo über den sexuellen Mißbrauch in der katholischen Kirche gestritten wurde, gefehlt hatten. Die Wirklichkeit wird hier vom Kopf auf die Füße gestellt, wenn Lichtschlag feststellt, daß „´Spiegel´ und Co.“ zu der „hausgemachten und immer alltäglicheren Christenverfolgung mitten in Deutschland schweigen“. Lesenswert ist auch die persönliche Erinnerung des JF-Kolumnisten Ronald Gläser, der hier seine Schulzeit am verleumdeten Canisius-Kolleg beschreibt - ein gänzlich anderes Bild, als es von den Mainstream-Medien gezeichnet wird.

Für seine Prophezeiungsgabe gefürchtet

Der für seine Prophezeiungsgabe gefürchtete Jurist und einstige TV-Anwalt Carlos A. Gebauer beschreibt derweil - vor dem Hintergrund des CD-Ankaufs mit gestohlenen Daten von „Steuersündern“ - ,wie eine „Rechtsordnung günstig abzugeben“ ist, und entwirft das Zukunftsszenario einer Spitzel-Gesellschaft par excellence. Die den rechtswidrigen Datenankauf befördende Finanzkrise reflektiert Bruno Bandulet in seinem „Deutschland Brief“. Angesichts der Verschuldung Griechenlands bleibe für den Euro-Raum am Ende nur „die Wahl zwischen Staatsbankrott und Inflation“.

Roland Baader vertieft dieses Problem im Hauptbeitrag der ef-Ausgabe. Aus seiner Sicht geht es um mehr als „nur“ Krise und Depression: um bevorstehenden Staatsbankrott und Währungszerrüttung, verarmende Bevölkerung, Suppenküchen, Gesellschaftszerfall und Aufruhr. Dementsprechend befürchtet Baader Notverordnungen als letzte staatliche Versuche, Herr der Lage zu werden. „Kurz: das Ende der Freiheit und das Ende aller Sicherheit und Gerechtigkeit.“

Noch aber ist es nicht soweit. Immerhin haben die Thesen der ef inzwischen auch Peter Sloterdijk, Norbert Bolz oder Gunnar Heinsohn aufgegriffen, die ef-Gefährten Reinhard K. Sprenger und Hans Olaf Henkel saßen unlängst zusammen bei Anne Will in der Sendung, und Westerwelle hat sich aus dem ef-Editorial die Parole „Mehr netto“ entliehen. Gewicht erhält diese freilich nur, wenn man es so formuliert wie André Lichtschlag: „Kein Fußbreit den neosozialistischen Ausbeutern aller Parteien! Mehr netto!“

Der Gegner aus Grevenbroich

„Eigentümlich frei“: Deutschlands einziges radikal liberales Magazin kämpft weiter für den Kapitalismus

von Marc Felix Serrao

„Süddeutsche Zeitung“ Nr.50, Dienstag, den 2. März 2010 , Seite 17

Zum Minarettverbot in der Schweiz ist eigentlich alles gesagt worden. Roger Köppel, der Chefredakteur der Weltwoche, erklärte das Votum seiner Landsleute zum „leuchtenden Beispiel“ der Demokratie, die meisten anderen Kommentatoren reagierten erschrocken. Wochenlang ging es um das große Ganze; um Religion und Aufklärung, Populismus und Fremdenangst, kurz: ums Abendland. André Lichtschlag, Chefredakteur und Herausgeber der radikal-, einige würden sagen brachialliberalen Zeitschrift Eigentümlich frei, war das alles ein bisschen zu dick. „So nachvollziehbar der grundsätzliche Protest gegen das Establishment und dessen falsche Einwanderungspolitik ist, so fragwürdig ist es doch konkret, anderen auf deren Grundstücken vorzuschreiben, wie und was sie auf eigene Kosten zu bauen haben“, schrieb er in seinem Februarheft. Und weiter: „Was würde etwa ein x-beliebiger konservativer US-Amerikaner als Verfassungspatriot vom Schweizer Verbot halten?“

Seit zwölf Jahren und hundert Ausgaben gibt es Eigentümlich frei, seit dieser Woche liegt das Jubiläumsheft im Bahnhofsbuchhandel aus. Die Zahl der Abonnenten hat sich Lichtschlag zufolge seit 2008 auf knapp 3000 verdreifacht, die gedruckte Auflage liegt demnach bei 5000 Stück. Das ist natürlich ein Klecks, immer noch. Und ganz sicher ist die Größe ein Grund dafür, dass die veröffentlichte Meinung Eigentümlich frei nicht kennt - von wenigen, dafür meist freundlich-interessierten Besprechungen abgesehen, etwa in der Neuen Zürcher Zeitung. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass viele meinen, dass das Meinungsspektrum im publizistischen Raum zwischen taz und Cicero voll erfasst würde. Spricht man indes mit FDP-Langzeitwählern, Sloterdijk-Fans oder Sarrazin-Verstehern, jener noch etwas tapsigen, aber immer selbstbewussteren Milieu-Melange, die bisher wenig mehr vereint als ihre Ablehnung von „68, dann findet man viele, die die Zeitschrift kennen.

Guido Westerwelle, zum Beispiel, da ist André Lichtschlag sicher, „hat uns gelesen“. Auch Hans-Olaf Henkel gehöre schon seit langem zur Leserschaft, und der kürzlich verstorbene Otto Graf Lambsdorff habe Eigentümlich frei „gekannt und geschätzt“. Unter den aktiven Parteiliberalen ist vor allem Detmar Doering, Leiter des Liberalen Instituts (der Thinktank der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung) als Redaktionsbeirat der Zeitschrift verbunden. Auch mit der Hayek-Gesellschaft, die das Erbe des berühmten Ökonomen Friedrich August von Hayek wahrt, sei er „gut verdrahtet“, sagt der Chefredakteur.

Lichtschlag ist sicher: Seine Weltanschauung, die bislang so nischig war, wird immer beliebter. „Als ich vor Jahren in der Tageszeitung Die Welt einen Gastkommentar über die asoziale Wirkung von Hartz-IV (. . .) schrieb, mahnte mich selbst mancher Eigentümlich frei nahestehender Freund, es doch nicht zu übertreiben“, schreibt Lichtschlag im aktuellen Editorial. „Heute erscheinen solche Artikel (. . .) in großen Blättern beinahe im Wochentakt.“

Das mag stimmen, aber nur in der Tendenz. Denn so aggressiv wie Lichtschlag, 41, der neben seinem Heft im nordrhein-westfälischen Grevenbroich auch noch einen kleinen Buchverlag betreibt, formuliert kaum einer. Gender Mainstreaming? Ein Umerziehungsversuch der „Feminismus-Industrie“. Klimawandel? Hysterie. Volksparteien? „Neosozialistische Ausbeuter.“ Und Lichtschlags Vorbild: Die Schweiz. Nicht nur wegen des Erfolgs der erzkonservativen Weltwoche, die er als „Vorbild“ bezeichnet. Der Chefredakteur schätzt das Alpenland, wie er sagt, vor allem für seine niedrigen Steuern, den föderalen Wettbewerb und die geistige Ferne zur EU, die er gerne als „EUdSSR“ bezeichnet.

Ein wenig erinnert Lichtschlags Tonfall an Henryk Broder, der für seine Austeilkünste auch in Eigentümlich frei oft gewürdigt wird: pointiert und lustig, aber bei wiederholter Lektüre oft auch ermüdend schrill. Andere Medien sind in Lichtschlags Wahrnehmung meist eben nur das: „die Medien“. Gleichförmig, staatsgläubig und, der Klassiker, „politisch korrekt“. Es mag verständlich sein, dass einer nach Jahren in der publizistischen Sezession seine Beißreflexe pflegt; das stärkt das Selbstbild, und bietet den Lesern zuverlässige Feindbilder. Doch für alle, die der ideologischen Debatten der vergangenen vier Jahrzehnte überdrüssig oder schlicht zu jung dafür sind, ist diese Form der Attacke nicht mehr als beleidigte Rabulistik.

Das Motto von Eigentümlich frei lautet: „Individualistisch - kapitalistisch - libertär“, wobei mit letzterem eine Philosophie gemeint ist, die im 20. Jahrhundert vor allem in den USA populär wurde. Der klassische Liberalismus wird hier mit einer radikalindividualistischen Note gewürzt, die in der Freiheit, vor allem der Besitzfreiheit des Einzelnen den höchsten Wert erkennt, und die dem Staat allenfalls Minimalfunktionen zubilligt. Anfangs, sagt Lichtschlag, sei sein Heft noch viel radikaler und „anarcho-kapitalistischer“ gewesen als heute. Inzwischen sehe er „das alles aber nicht mehr so absolut“. Über die Frage nach dem Grund lacht er. „Man wird älter. Die Autoren auch.“ Und im Grunde sei der radikale Liberalismus „als Denkgebäude fast so geschlossen wie der Marxismus“. Und so schwarzweiß wie die Theorie sei die Welt nun mal nicht.

Was aber nicht heißt, dass Lichtschlags Zukunftsvision positiv ausfällt. „Die Zeiten werden härter“, sagt er. „Der Klassenkampf kommt.“ Es klingt fast fröhlich.


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