Alexander Kissler

Jg. 1969, Journalist und Buchautor, www.alexander-kissler.de

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Das Unwort des Jahres: Sprengelpflicht

von Alexander Kissler

„Ein zwingender persönlicher Grund, der gewichtiger als das Staatsinteresse sei, liegt nicht vor.“

Das Jahr ist noch jung, viel Raum also für Idiotien jedweder Art. Bekanntlich sind auf diesem Gebiet keinem Politiker, keinem Helden der Öffentlichkeit und auch keinem Schreibenden Grenzen gezogen. Ich schreibe es nieder, fasse mir an die eigene Brust und muss doch fortfahren: Für mich steht das Unwort des Jahres schon fest. Ganz sicher bin ich mir, seit ich vor wenigen Tagen ein Wort kennenlernte, dessen Existenz mir bisher komplett verborgen geblieben ist. Es handelt sich um die Sprengelpflicht.

Für wenige Augenblicke schaffte das kuriose Wörtlein es auf die vorderen Plätze der Radionachrichten. Der bayerische Verwaltungsgerichtshof hatte nämlich für Recht erkannt: Die kleine Isabell muss weiterhin die Grundschule in Bach an der Donau bei Regensburg besuchen. Die Pforten der Ganztagsgrundschule im Nachbarort Tegernheim bleiben ihr verschlossen. Der Wunsch der Eltern ist nicht von Belang, die Sprengelpflicht steht höher.

Ich lernte: Neben dem Schulzwang gibt es in weiten Teilen Deutschlands die Sprengelpflicht. Die sogenannten Pflichtschulen, also Grund- und Hauptschule, sollen gleichmäßig befüllt werden. Deshalb haben die Kinder die ihrem Lebensmittelpunkt nächstgelegene Schule zu besuchen. Eine Ausnahme ist nur bei „zwingenden persönlichen Gründen“ möglich.

Ein solcher, entschied nun das Gericht, ist weder der Wunsch der Mutter, ins Berufsleben zurückzukehren, noch die Auffassung der Eltern, das pädagogische Konzept der weiter entfernt liegenden Schule sei für ihr Kind besser geeignet. Bereits im August 2009 hat das Bundesverfassungsgericht die Sprengelpflicht für verfassungskonform erklärt.

Deftig ist die im bayerischen Urteil überlieferte Begründung. Der Elternwunsch, lese ich, laufe der staatlichen Schulorganisation zuwider. Und dann folgt der beeindruckend klare Satz: „Ein zwingender persönlicher Grund, der gewichtiger als das Staatsinteresse sei, liegt nicht vor.“ Der Staat hat also, einem Lebewesen gleich, Interessen. Diese können mit anderen Interessen und Wünschen kollidieren, die dann in der Regel zurückzutreten haben.

Schließlich, heißt das wohl, ist der Staat Interessengeber und interessierter Akteur gleichermaßen, er hat Interessen und er teilt sie zu, er wacht über das Interesse, das andere ihm gegenüber anmelden und schneidet es sich zurecht. Freiheit sind dann die Schnipsel, die am Boden liegen bleiben, nachdem der Staat seinen Schnitt gemacht hat.

Der Sprengel war ursprünglich jener Bereich, den der Bischof mit Weihwasser besprenkelte. Er markierte den Einflussbereich einer bestimmten geistlichen, später auch weltlichen Macht, ist also eine Erscheinung aus Spätmittelalter und Früher Neuzeit. Heute noch aber fährt der Staat segnend und teilend durch die Lande, sammelt die Kinderlein ein und liefert sie ab, wie und wo es ihm gefällt. Er kommt nicht zu Pferde, ein papierner Pegasus namens Erziehungs- und Unterrichtsgesetz genügt ihm.

Des Preisens muss kein Ende sein. Wie wäre es mit der Volksbank- und Raiffeisenpflicht? Denn wo der Staat den Untertan wohnen lässt, da soll er auch sein Geld lassen. Der teure Ankauf ausländischer Daten-CDs entfiele dann ganz. Oder mit der Urlaubs- und Freizeitpflicht, die Fernreisen nur bei „zwingenden persönlichen Gründen“ zulässt, dem heimatlichen Sprengel zuliebe? Sollte nicht auch Schluss sein mit der Ausbildungs- und Berufswahl? Angeboten wird nur noch, was die heimische Hochschule hergibt, das örtliche Handwerk braucht, dem regionalen Markt ermangelt.

Bleibe im Lande und nähre dich redlich: Vieles ließe sich da noch bessern, von Sprengel zu Sprengel, Scholle zu Scholle. Die Zukunft wird, wie alles einmal war, sie bringt Lohn gegen Fron, Leben für den Leviathan und Gehorsam für mich, Schutz und Schild im Wechsel. Narrhallamarsch!

23. Februar 2010

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Kommentare

Daniel Hartmann, am 23. Februar 2010 um 9:36 ( Link )

Dieser Satz sollte in die Liste der "Zitate des Tages" aufgenommen werden:

Freiheit sind die Schnipsel, die am Boden liegen bleiben, nachdem der Staat seinen Schnitt gemacht hat.

df, am 23. Februar 2010 um 12:03 ( Link )

Wunderbar! Nachdem das autorInnenkollektiv den begriff der sünde von altmodischen mystizistischem ballast befreit hat und ihm einen sozialen sinn gegeben hat, machen es die genossInnen vom BVerfG mit dem begriff des sprengels.
Mit der parole "Bleibe im Lande und nähre dich redlich" folgt man auch dem politischen fortschritt hin zum mindestlohn und der fremdarbeiterfreiheit.

Olaf Janowski, am 23. Februar 2010 um 12:33 ( Link )

"Freedom dies by inches!"

Bumper Sticker der Hells Angels charter MC Oakland in den 70ern.

Und:

"Wer sich nicht wehrt lebt verkehrt!"

(Alt68er Spontispruch)

Und genau da hakt es ... beim treudoofen harmoniebedürftigen Deutschen Michel ...

Er lässt sich so viele Zwänge im ganzen Leben gefallen, zu aller erst natürlich den Schulzwang (demnächst auch den Kinderkrippenzwang).

Kontrolle total, besser hätten´s Adolf und die beiden Erichs auch nimmer machen können.

AndiDD, am 23. Februar 2010 um 13:27 ( Link )

Im ersten Impuls möchte man diesem Artilkel vorbehaltlos zustimmen. Bei näherem Nachdenken ergibt sich jedoch ein anderes Bild.
Diese "Sprengelpflicht" hat einen durchaus handfesten Hintergrund, der sehr wohl im Interesse des Allgemeinswohls liegt (als das man das "Staatsinteresse" auch interpretieren kann): Bliebe es den Eltern nämlich uneingeschränkt selbst überlassen, wäre ein flächendeckend (hoffentlich) hohes Niveau der Schulbildung nicht mehr zu halten. Realer oder vermeintliche geringe Qualitätsunterschiede würden zu Schülermigrationen und letztendlich Ghettobildung - durch einen selbstverstärkenden Trend - führen. Für die weniger wohlhabenden würde das dramatisch verschlechterte Ausbildungschancen bedeuten, für die Wohlhabenderen - da der Preis bekanntlich von Angebot und Nachfrage bestimmt wird - letztendlich zwangsläufig zu Schulgebühren an den überlaufenen und dann besseren Ausnahmeschulen, gegebenenfalls auch in horrender Höhe. Am Ende zahlen alle - vom Unterschichtkind bis zum Kind des gehobenen Mittelstands - einen immensen Preis für die angemahnte Wahlfreiheit. Auch wenn ich nicht gerne auf die USA als Beispiel verweise, hier ist der Vergleich angebracht.
Seien wir froh um ein Schulsystem, in dem es eben NICHT vom Geldbeutel oder der Wohngegend der Eltern abhängt, wie gut die Schule ist, die ein Kind besuchen kann.

FritzLiberal, am 23. Februar 2010 um 13:38 ( Link )

@AndiDD:

Realer oder vermeintliche geringe Qualitätsunterschiede würden zu Schülermigrationen und letztendlich Ghettobildung - durch einen selbstverstärkenden Trend - führen.

Geringe - reale oder vermeintliche - Qualitätsunterschiede würden mitnichten zu einer Schülermigration führen. Wegen einem bloß geringen Unterschied wird kein Mensch jahrelang einen deutlich längeren Schulweg für sein Kind in Kauf nehmen. Größere Qualitätsunterschiede würden dann allerdings eine Bestrafung der schlechten Schulen durch Wegbleiben der Kinder bewirken, hoffentlich verbunden mit den entsprechenden Sanktionen für das Lehrpersonal (Arbeitslosigkeit). Und diese Sanktionsmöglichkeit für Minderleister ist überfällig.

df, am 23. Februar 2010 um 13:48 ( Link )

@AndiDD: Die staatlichen Schulen sind mittlerweile flächendeckend so grottenschlecht, daß sogar private Nachhilfe für Kinder von Hartz-IV-Empfängern bezuschußt wird, wenn sonst niemand aus der Familie helfen kann. In der Diskussion ist, dies auf alle Hartz-IV-Familien auszudehnen.
Der Staat bezahlt also Nachhilfe, weil die Kinder in der Schule, in die sie staatlich verordnet gehen müssen, nichts lernen.

AndiDD, am 23. Februar 2010 um 14:09 ( Link )

@FritzLiberal: Sie vermischen hier zwei Dinge, die zunächst einmal nichts miteinander zu tun haben. Nämlich die Organisation des Schulsystems selbst und den Gegenstand des Artikels. Völlig richtig, Sanktionsmöglichkeiten fehlen und wären notwendig. Und ja, die Qualität unserer Schulen wird immer schlechter. Die Folgerung wäre, aber das System an sich entsprechend zu ändern und all die notwendigen Maßnahmen umzusetzen. Ich stimme Ihnen hiet absolut zu.
Unser bestehendes System um eine uneingeschränkte Wahlmöglichkeit für Elten einfach zu ERGÄNZEN, ist aber keine geeignete Lösung sondern würde das Problem nur verschlimmern. Entgegen Ihrer offensichtlichen Ansicht kann es einem beamteten Lehrer nämlich herzlich wurscht sein, ob die Eltern ihre Schüler auf seine Schule schicken. Im Gegenteil: Erst darf er sich über weniger Arbeit freuen und anschließend schickt ihn sein Dienstherr einfach den Schülern nach.

AndiDD, am 23. Februar 2010 um 14:14 ( Link )

@FritzLiberal: Noch ein Nachtrag, da Sie darauf nicht eingegangen sind - Sind Sie tatsächlich der Ansicht, dass man Schüler, deren Eltern sich die "freie Schulwahl" organisatorisch oder finanziell nicht erlauben können, die also nicht "sanktionierungsfähig" sind, auf diesen sanktionierungswürdigen Schulen verschimmeln lassen sollte?

FritzLiberal, am 23. Februar 2010 um 14:50 ( Link )

@AndiDD: ich gebe Ihnen recht, die Kritik an der Sprengelpflicht allein greift viel zu kurz. Das komplette Schulwesen gehört dem Zugriff des Staates komplett entzogen.

Sven Adam, am 23. Februar 2010 um 18:43 ( Link )

Für die weniger wohlhabenden würde das dramatisch verschlechterte Ausbildungschancen bedeuten, für die Wohlhabenderen - da der Preis bekanntlich von Angebot und Nachfrage bestimmt wird - letztendlich zwangsläufig zu Schulgebühren an den überlaufenen und dann besseren Ausnahmeschulen, gegebenenfalls auch in horrender Höhe. Am Ende zahlen alle - vom Unterschichtkind bis zum Kind des gehobenen Mittelstands - einen immensen Preis für die angemahnte Wahlfreiheit.

Dabei übersehen Sie geflissentlich, daß gleichzeitig mit dieser Migration die Qualität der besseren Schule gefährdet ist, weil z. B. die Klassenverbände dann immer größer werden. Schulen lassen sich nicht beliebig baulich erweitern, da ist meist schon die Lage vor.
Sehr viel wahrscheinlicher ist, daß die Migration sich durch dynamische Qualitätsverschiebungen im Verlauf selbst limitiert.

nehring, am 23. Februar 2010 um 20:51 ( Link )

andiDD
sven adam

was haben sie gegen migration?

migration hin zu anderen staaten, sogar hin zu anderen kontinenten soll doch ein menschenrecht sein?

migration hin zu anderen schulen (selbst im gleichen landkreis) aber nicht?

frei denken heisst ja wohl (auch) logisch denken?

Neutrino, am 23. Februar 2010 um 22:11 ( Link )

Zu meiner Schulzeit war das ähnlich. Ich bin auf eine Schule gegangen, die zwar räumlich näher war, aber dessen Fahrzeit mit dem Schulbus mehr als doppelt so lang war, als zu einer weiter entfernten Schule.
Aber auf die entferntere Schule zu gehen, wurde damals von jener Schule abgelehnt mit dem Argument, ich müsse auf die ortsnächste Schule!
So habe ich jahrelang einen längeren Schulweg wegen eben einer solchen Regelung gehabt.
Statt 20 Min Busfahrt pro Hin-/Rückweg hatte ich 50 Min Busfahrt pro Hinweg und 1 Stunde 30 Min Busfahrt pro Rückweg.
Jeden Tag. Jahre lang.

Danke, Deutschland!

CrisisMaven, am 23. Februar 2010 um 22:51 ( Link )

AndiDD: mit derselben Begruendung koennte man auch die Besuchspflicht beim Sprengel-BAECKER einfuehren.

Sven Adam, am 23. Februar 2010 um 23:09 ( Link )

@ Nehring: Was habe ich denn gegen Migration? Mit der Feststellung, daß sich Migration im Beispiel der staatlichen Schulen (welches nicht beliebig auf andere Formen der Migration übertragbar ist, da z. B. bei der Auswanderung keine Sprengelpflicht besteht) wahrscheinlich selbst limitiert, wurde ein Argument gegen Migration ja gerade entkräftet.

AndiDD, am 24. Februar 2010 um 11:52 ( Link )

@CrisisMaven: Wenn Sie Bildung mit einem Laib Brot gleichsetzen, wäre das möglicherweise so.
Leider (und das "leider" meine ich ernst) lassen sich nicht alle Leistungen innerhalb einer Gemeinschaft von Marktgesetzmäßigkeiten regeln. Neben der wirtschaftlichen Seite unserer Existenz gibt es noch eine gesellschaftlich-kulturelle Seite (manche Menschen nennen das Humanismus, andere Religion), die uns zwingt, über ökonomische Bedürfnisbefriedigung (Bäcker) hinauszudenken und - beispielsweise - Schulkindern einen optimalen Start ins Leben zu ermöglichen. Daher betreiben wir keine Euthanasie an Behinderten (wirtschaftlich nutzlosen Menschen).
Ganz abgesehen davon liefert eine solide Schulausbildung BREITER MASSEN ganz erhebliche Renditen. Daher sollten wir uns überlegen, wie wir diese Schulausbildung im Ganzen verbessern.

AndiDD, am 24. Februar 2010 um 11:58 ( Link )

@nehring: Das Recht zur Migration bleibt allen Eltern doch unbenommen. Sie können hinmigrieren wo immer sie wollen und Ihre Kinder dort zur Schule schicken.
Wenn wir mal in wirtschaftlichen Kategorien denken wollen (ein anderer Kommentator hatte die Schule mit dem Bäcker verglichen): Weshalb sollte es möglich sein, das Brot des Bäckers A zu konsumieren und den Bäcker B dafür zu bezahlen? Würden Sie sich das als Bäcker gefallen lassen?
Genau das wollen aber beispielsweise Eltern, die in einem Bundesland wohnen und ihre Kinder in einem anderen in die Schule schicken möchten.

CrisisMaven, am 24. Februar 2010 um 12:01 ( Link )

DOCH, ALLE Leistungen lassen sich innerhalb einer Marktgeseelschaft (MARKTgesellschaft - wir haben keine) marktkonform erbringen. Die Niederlande haben 75% Privatschulen (aber auch dort gibt es keinen wirklich freien Markt dafuer). Alles andere sind unbewiesene Behauptungen die leider zu erbaermlichen Schulen und in den absehbaren Staatsbankrott fuehren - wo sind die Schulen dann? "Schulkindern einen optimalen Start" - lassen die Eltern ihre kinder verhungern? Nein, aber verbloeden?

AndiDD, am 24. Februar 2010 um 12:22 ( Link )

@CrisisMaven: Nun, ja, gegen das Argument "DOCH, BASTA", kann ich in der Tat wenig vorbringen.

Sven Adam, am 24. Februar 2010 um 12:42 ( Link )

@AndiDD: Ich denke, man kann diese Diskussion unaufgeregter führen. Was die Perspektive angeht, so sind die Gesetze von Angebot & Nachfrage mitnichten nur auf die Ökonomie beschränkt.
Warum betreiben wir keine Euthanasie an Behinderten? Zum einen deshalb nicht, weil sie keineswegs in der von Ihnen vorgetragenen Homogenität wirtschaftlich nutzlos sind (sogar einen beidseitig beinamputierten Kfz-Meister, der mit einem Lederschutz über beiden Stümpfen mit Armeskraft auf den Motorblock hüpft, habe ich schon gesehen). Zum anderen, weil es eine Nachfrage für eine menschliche Gesellschaft gibt. Wir finanzieren in rollstuhlgerechte Busse und breite Aufzüge und ermöglichen gerade dadurch behinderten Menschen eine Teilhabe am Wirtschaftsleben.
Marktgesetze gehen über Wirtschaftsmathematik weit hinaus.

FritzLiberal, am 24. Februar 2010 um 12:53 ( Link )

@AndiDD:

Wenn wir mal in wirtschaftlichen Kategorien denken wollen (ein anderer Kommentator hatte die Schule mit dem Bäcker verglichen): Weshalb sollte es möglich sein, das Brot des Bäckers A zu konsumieren und den Bäcker B dafür zu bezahlen? Würden Sie sich das als Bäcker gefallen lassen?

Diese Argument entsteht aber erst dadurch, dass der Staat sich das Schulwesen gealtwam angeeignet hat und mittels Zwangsabgaben finanziert. Diese Kollektivsystem ist bei Ihrem Beispiel mit dem Bäcker widersinnig, und beim Schulwesen ebenso. Die Folge davon ist augenfällig: das Schulsystem hat eine ähnliche Qualität wie das der staatlich organisierten Lebensmittelversorgung in der DDR 1.0, nämlich eine schauderhaft schlechte. Und der Staat versucht das mittels weiterer Zwangsmaßnahmen wie dem "Sprengelzwang" zu reparieren, weil die Eltern sonst gewisse Schulen konsequent meiden und damit das Scheitern des Staatsschulsystem offenkundig würde. Es ist so wie immer: jedes staatliche Zwangsmaßnhame bedingt einen Rattenschwanz an weiteren staatlichen Interventionen, bei stetig sinkender Qualität der Leistung und ständig steigenden Kosten. Mit bloßen Reparaturmaßnahmen ist da nichts zu erreichen, man muss dem Staat den Zugriff auf das Schulwesen entziehen. Und zwar radikal.

AndiDD, am 24. Februar 2010 um 14:38 ( Link )

@Sven Adam und FritzLiberal
Die Aufgeregtheit täuscht vielleicht etwas. Wenn ich hier als Advocatus Diaboli das Beispiel des Behinderten anführe oder das des Bäckers breittrete, dann trotz der Tatsache, dass ich unser Schulsystem für suboptimal halte.
Dennoch halte ich auch alle Ihre Argumente für wenig durchdacht.
Stichwort Behinderter: In einem rein ökonomisch ausgerichteten System wäre dieser Behinderte, den Sie ansprechen, nie erwachsen geworden, weil die Ressourcen, die zu seiner Ausbildung beötigt worden wären, mit weitaus höherer Rendite bei Nichtbehinderten angelegt worden wären. Sie wissen sicherlich, wie marktwirtschaftliche Investitionsmechanismen und Mittelallokationen funktionieren. Ich weiß nicht, wie ich Ihnen das noch besser erklären kann...
Das ist auch das schlagkräftigste Argument für ein staatliches Schulsystem. Bildung ist nun mal keine "Commodity" wie eine Semmel oder ein Pfund Leberwurst. Gehen wir doch alle mal in uns und überlegen, wie ein "marktwirtschaftliches" Schulsystem (das es im Übrigen nirgends auf der Welt gib) aussähe.
Gäbe es eine Schulpflicht? Wer würde diese durchsetzen, falls überhaupt?
Gäbe es einheitliche Bildungsstandards?
Wie wäre es mit der hier so gepriesenen "Migrationsfreiheit" im realen Leben angesichts international nicht abgestimmter Standards? Vielleicht hilft Ihnen ein historischer Blick zurück in die Zeit, in der Bildung Privatsache war, und die Frage an sich selbst, ob es Ihnen gefallen hätte, diese Zustände am eigenen Leib zu erleben.

Sven Adam, am 24. Februar 2010 um 20:19 ( Link )

@AndiDD: Da Sie erneut auf ein "rein ökonomisches System" abstellen, gehe ich davon aus, daß Sie meine vermeintlich wenig durchdachten Argumente gar nicht gelesen haben. Auf die Wirkung der Marktgesetze auch jenseits reiner Ökonomie hatte ich nicht rein zufällig hingewiesen.
Sie fragen nach Schulpflicht und nach einem marktwirtschaftlichen Schulsystem? Dann fragen Sie sich einfach mal, wer denn Bildung nachfragt: Wer hat ein Interesse an produktiv einsetzbarem Fachwissen? Wer hat ein Interesse an Kindern, die später auf eigenen Beinen stehen? Wer hat ein Interesse daran, daß sich Bürger mit ihrem Land identifizieren können? Und schon haben Sie die Player, die auf dem Markt um ihre Anteile kämpfen. Und schließlich sagt kein Mensch, daß Schulbildung in nur einem Gebäude mit einem Lehrkörper stattfinden muß. Bildung durch die Eltern, Besuch ausgewählter Kurse, etc. ist alles kombinierbar.
In einem freien Markt wären Eltern, die ihre Kinder nicht für eine gute Bildung motivieren, wohl ziemlich töricht.
Und was wollen Sie mit "Bildungsstandards?" Können Sie den Hauptschulabschluß oder das Abitur der 60er Jahre mit den entsprechenden Abschlüssen in diesem Jahrtausend vergleichen? Wo ist denn dieser Standard?
Ein historischer Blick zurück in eine Republik mit freier Marktwirtschaft fällt mir in Deutschland eher schwer .... da gibt unsere Geschichte nicht so furchtbar viel her.

CrisisMaven, am 24. Februar 2010 um 20:36 ( Link )

Lieber AndiDD: "In einem rein ökonomisch ausgerichteten System wäre dieser Behinderte, den Sie ansprechen, nie erwachsen geworden, weil die Ressourcen, die zu seiner Ausbildung beötigt worden wären, mit weitaus höherer Rendite bei Nichtbehinderten angelegt worden wären." - Das ist das pseudowissenschaftlche Renditekonzept der "mathematischen" Wirtschafts"wissenschaftler". Es GIBT KEINE Rendite in DIESEM Sinne! Wie erklaeren Sie sich, dass der eine Waschbetonplatten, der andere Solnhofener Platten auf seinen Gartenweg tut? Waere nicht asphaltieren besser? Warum ueberhaupt ein Gartenweg? Welche ein unrentabler Luxus. Nein, wenn Eltern ein behindertes Kind haben, dann kuemmern sich manche liebevoll darum, andere nicht. Manche schieben esab, andere verzichten dafuer, obwohl anders geplant, auf Luxuskarosse und Solnhofener Platten. Die von Ihnen genannte Rendite gibt es nur in den ueblichen hirnrissigen "wirtschaftlichen" Modellen - da sind sie dem Baeren aufgesessen, der Herrn Bernanke hoffentlich bald verspeist.

Marco Vogt, am 25. Februar 2010 um 0:40 ( Link )

Sprengelpflicht?

Interessiert mich nicht, sobald meine Tochter in die Schule muss, werden wir gegebenenfalls umziehen.

Wir sind ja als Akademiker sehr flexibel, notfalls auch im Umkreis von 100km.

FritzLiberal, am 25. Februar 2010 um 10:49 ( Link )

@Marco Vogt: sehr treffender Beitrag. Zeigt sehr gut, dass staatliche Zwangsmaßnahmen meist das Gegenteil von der (kommunizierten) Absicht bewirken. "Chancengleichheit für die sozial Schwächeren" wird als Begründung für die Zwangsmaßnahme genannt - Auswirkung: für die sozial Schwächeren ist es reines Glücksspiel, ob die Schule für ihre Kinder erträglich oder unerträglich ist, Wohlhabende ziehen halt um oder schicken ihre Kinder gleich auf die Privatschule.

AndiDD, am 25. Februar 2010 um 23:18 ( Link )

@CrisisMaven: Ich möchte nicht ökonomisch theoretisieren und mich auch nicht auf den Renditebegriff versteifen. Sie greifen mein Argument aber in Ihren eigenen Beitrag auf: "Wie erklaeren Sie sich, dass der eine Waschbetonplatten, der andere Solnhofener Platten auf seinen Gartenweg tut? Waere nicht asphaltieren besser?" Ihre Argumentation zeigt, dass sie ein Element der Bleiebigkeit und des Zufalls zugestehen. Meine Antwort deshalb: Die Platten gefallen demjenigen eben besser. Und falls jemandem Asphalt besser gefällt, sind die Platten weder beleidigt noch ist das ein ethisches Problem.
Jetzt übertragen wir das mal auf die Bildungsproblematik und drehen wir den Spieß mal um: Wir haben ein behindertes (oder lernschwaches, das reicht ja auch) Kind. Sagen Sie mir doch einfach, weshalb dieses Kind gefördert werden sollte. Es wäre schön, wenn Sie dabei so argumentieren könnten, dass sichergestellt ist, dass ALLE lernschwachen Kinder eine Ausbildung erhalten (und zwar nicht nur zufällig wie im Plattenbeispiel).

AndiDD, am 25. Februar 2010 um 23:20 ( Link )

@Marco Vogt: Ihre Einstellung ist großartig, denn sie zeigt unabhängig von allem Theoretisieren und allem Gejammer Ihren ganz persönlichen Einsatz für Ihre Kinder. Ergebnisse werden immer trotz und nicht wegen der Umstände erzielt...

Anton B. Caesar, am 28. Februar 2010 um 23:07 ( Link )

@AndiDD

Das ist zwar richtig, zeigt aber, warum sich Windige und Schlaue in diesen staatskriminellen Zeiten halten können, Helden und Aufrechte aber zugrunde gehen.

Und das lehne ich ab.

CrisisMaven, am 01. März 2010 um 0:48 ( Link )

AndiDD: "Sagen Sie mir doch einfach, weshalb dieses Kind gefördert werden sollte. Es wäre schön, wenn Sie dabei so argumentieren könnten, dass sichergestellt ist, dass ALLE lernschwachen Kinder eine Ausbildung erhalten" - die Frage gebe ich erstmal zurueck und frage - sind Sie der Ansicht, durch DAZWISCHENTRETEN eines Staates wird das "sichergestellt" - warum? Wer zieht denn da die Strippen anders als ohne Staat? Und wie ist es mit Leuten wie Hitler, Myrdahl, Australien, Deutschland, Schweden und all den anderen, die im Gegenteil den Staat dafuer vorsahen, das Erbgut zu schuetzen und genau diese Menschen auszumerzen???

Anton B. Caesar, am 01. März 2010 um 1:00 ( Link )

Apropos Helden und Aufrechte
- und Polizeistaat Bayern:

Habe ich gerade gefunden:
Polizeistaat Bayern veruntreut extensiv Steuergelder für Schulzwang

StefanS, am 01. März 2010 um 5:00 ( Link )

Es ist doch erstaunlich, daß dieses Thema in Deutschland bestenfalls (immerhin hervorragend) auf ef-online.de behandelt wird, in Österreich dagegen sogar im sogenannten Öffentlichen Rundfunk.

Wer das so sehen mag, das ist jetzt Eigenwerbung.
Wer das anders sehen mag, der sieht mich einfach mal:
ORF2 Hausunterricht
Barbara Karlich Show: Ich unterrichte meine Kinder selbst
Das Dateiformat ist iTunes und iPod (Apple). Für andere Betriebssysteme, Windows u.a., gibt es einen kostenlosen Video-Player:
videolan.org

StefanS, am 01. März 2010 um 5:08 ( Link )

Und mein Dank - auch an dieser Stelle - an Barbara Karlich für die Themenwahl. Sie hat sich das Thema spürbar zu eigen gemacht. Und an die Redakteurin Lucia Metzbauer, die sich professionell und - für mich erstaunlich - so richtig in das Thema reingekniet hat. Und mein Dank an alle Mitarbeiter der Produktionsfirma, die alles so gut vorbereitet und begleitet haben. Ein ganz besonderen Dank gilt dem Freund und ef-Autor Dr. Eugen Maria Schulak und seiner geschätzten Lebensgefährtin Kerstin. Sie waren dabei und sind auch im Film im Publikum zu sehen.


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