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Afghanistan: Krieg in der Phantomstadt Mardscha

von Anahita Girishki

Die mediale Metamorphose eines Lehmweilers zur 80.000 Einwohner-Stadt

18. Februar 2010

Wie die weltweite Mainstream-Presse, also alle von Agenturnachrichten oder Regierungsinformationen abhängigen Medien, übereinstimmend berichteten, richtet sich die neue Offensive der NATO-Streitkräfte in Afghanistan in der Provinz Helmand vor allem gegen die Taliban-Hochburg Mardscha, auch Marja, Marjah oder Marjeh geschrieben. Mardscha, so die Presse übereinstimmend, soll eine Stadt mit 80.000 bis 85.000 Einwohnern sein. Die früheste Quelle für diese Einwohnerzahl stammt vom 3. Februar 2010, und zwar aus einem Artikel der „Los Angeles Times“. Dieser Artikel wird auch als Referenz für den englischen Wikipedia-Artikel herangezogen, der überhaupt erst am 27. Dezember 2009 angelegt wurde, also reichlich spät für eine so einwohnerreiche Stadt. Sehr viel mehr Angaben über die Stadt als aus dem Presseartikel liefert auch Wikipedia nicht. Die Angaben beziehen sich nur auf die Nato-Offensive, abgesehen von ein paar dürftigen klimatischen Daten, die sich auf ein paar Messungen in den 50er Jahren beziehen. Einen deutschen Wikipedia-Artikel gibt es bis dato überhaupt nicht, obwohl viele andere afghanischen Orte, auch solche mit deutlich weniger als 10.000 Einwohnern, bereits im führenden Online-Lexikon registriert sind.

Ich persönlich wurde deswegen stutzig, da ich selbst Afghanin bin und sogar aus der Provinz Helmand stamme. Als Kind und Jugendliche bin ich in Helmand viel herumgekommen, und ich war damals in ausnahmslos allen mehr als 5.000 Einwohner zählenden Orten dieser Provinz, also in allen Dörfern, die man mit etwas Wohlwollen als Stadt bezeichnen kann. Mardscha aber kannte ich nur als armselige verstreute Hüttensammlung im Distrikt Nad Ali. Nun kann es natürlich mal vorkommen, dass sich innerhalb von zwei Jahrzehnten ein kleiner Weiler zu einer größeren Stadt mausert. Aber ein intensives Studium aller neueren Landkarten von Afghanistan ergab nur einen Treffer: Auf einer Onlinekarte von AIMS (Afghanistan Information Management Services) befindet sich südwestlich des Distrikthauptorts Nad Ali ein kleines Pünktchen namens „Marjeh“. Um jeden noch so absurden Zweifel auszuschließen schaue ich also bei Google Earth nach, ob vielleicht in den letzten Monaten die Taliban hier ein Städtchen aufgezogen haben. Aber Google Earth zeigt an der Stelle, wo sich der Ort Mardscha befinden soll, nur viele Felder und dazwischen ein paar Pisten und Hütten.

Irgendetwas ist also faul an der Sache. Führt die NATO hier eine Phantomoperation und die Medien an der Nase herum? Aber vielleicht ist ja aus Versehen aus einer Region Mardscha die Stadt Mardscha geworden, auch wenn es auf jedweden Landkarten weder eine Region, noch einen Distrikt dieses Namens gibt, zumal der Weiler Mardscha selbst sich in einer Randlage des Distrikts Nad Ali befindet. Doch laut „ntv“ vom 16. Februar 2010 ist Mardscha nach dem Angriff nun eine „Geisterstadt“, was mit einem AP-Foto von einer verkohlten Lehmhütte bebildert wird. Und unter Berufung auf AFP und dpa meldet zum Beispiel das „Hamburger Abendblatt“ am 17. Februar 2010, dass die afghanische Flagge auf dem Marktplatz von Mardscha gehisst worden sei und dass von Gebäuden der Stadt die NATO-Soldaten von Heckenschützen beschossen worden seien. Es gibt sogar ein Foto einer afghanischen Flagge auf einem Gebäudefragment. Offenbar wollen, wenn nicht die Nachrichtenagenturen selbst, so doch die Informanten der Agenturen, also höchstwahrscheinlich die NATO-Kommandeure vor Ort, uns weismachen, dass es eine Stadt namens Mardscha gibt, die sogar über ein städtisches Zentrum verfügt und in der es zu Häuser- und Straßenkämpfen kommt, ähnlich also wie seinerzeit 2004 im irakischen Falludscha. Über die Motive einer solchen potemkinschen Aufbauschung kann man nur spekulieren.

Dieser Fall ist also ein heißer Tipp für einen Enthüllungsjournalisten, der sich embedded oder unembedded auf den Weg nach Mardscha macht und entweder über gute Ortskenntnisse verfügt oder wenigstens Google Earth zu bedienen weiß.

Internet:

Englischer Wikpedia-Eintrag über Marja

AIMS-Landkarte mit dem Ortseintrag „Marjeh“

NTV-Artikel über Mardscha vom 16.02.2010

Artikel vom Hamburger Abendblatt vom 17.02.2010

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