10. Februar 2010

„Spiegel“ und Co. gegen die katholische Bastion Die Scheinheiligen

Kinder als Opfer und der Kampf zwischen neuem und altem Glauben

Jedem Tierchen sein Pläsierchen: Wer es mit der Wahrheit nicht so genau nimmt, wird Journalist. Wer ein wenig kriminell veranlagt ist, geht zum Finanzamt. Sadisten sollen überdurchschnittlich häufig als Zahnarzt tätig sein. Masochisten wollen bei Bohlen Popstar werden. Bildungsferne lernen zuweilen Profifußball. Schwule schneiden als Friseur besonders gut ab. Notorisch Faule gehen in den öffentlichen Dienst. Und wer gar nichts wird, wird Wirt. Wer aber mindestens sieben dieser acht Eigenschaften gleichzeitig erfüllt, der wird Politiker.

Jede Neigung kennt Berufe, in denen sie überdurchschnittlich häufig anzutreffen ist, weil sie dort auch womöglich am besten ausgelebt werden kann. Und Kinderschänder? Werden Sportlehrer oder Priester! Die Nähe und die besondere Respektsposition gegenüber Kindern muss auf notorische Kinderschänder furchtbar anziehend wirken. Wen wundert es also?

Der „Spiegel“ vermutet nun in dieser Woche unter dem Titelthema „Die Scheinheiligen – die katholische Kirche und der Sex“, dass es in Wahrheit umgekehrt sei: Haare schneiden macht homosexuell, Fußball spielen dumm und Priester sein pädophil.

Die These kam nicht überraschend. Seit Rudolf Augsteins Zeiten und spätestens mit dem Abgang von Franz-Josef Strauß bekämpft das Hamburger Nachrichtenblatt regelmäßig den einen großen Feind in der Institution der katholischen Kirche – alle Jahre wieder wird uns etwa eine antiklerikale „Weihnachtstitelgeschichte“ auf den Gabentisch gelegt. Die These ist auch diesmal simpel: Der Zölibat katholischer Priester sei der „Fehler im System“ und lasse Geistliche zwangsläufig zu Ungeheuern werden.

Man hätte diese These leicht überprüfen können, indem man eine ansonsten weitgehend ähnliche Gruppe zum Vergleich heranzieht. Wenn der „Spiegel“ ansatzweise recht hätte, müssten nämlich nicht-zölibatär lebende protestantische Priester signifikant weniger häufig als Kinderschänder überführt werden. Alleine, nichts darüber ist im „Spiegel“ zu finden.

Wohl aber auf der katholischen Nachrichtenseite kath.net, dort weist der Theologe Johannes Maria Schwarz auf eine nationale Studie hin, die im amerikanischen „Christian Science Monitor“ veröffentlicht wurde und nach der die protestantischen Kirchen Amerikas zu einem höheren Anteil von Pädophilie betroffen seien als die katholische Kirche. Zudem liege unter den beschuldigten Personen der Anteil der ehrenamtlichen Mitarbeiter der Kirchen über jenen der hauptamtlichen Mitarbeiter und Pastoren. Auch der „Spiegel“ bezieht in seinen Verdachtsfällen gleich alle kirchennahen Angestellten mit ein, die aber nicht dem Zölibat unterliegen und deshalb gerade nicht die eigene These stützen.

Auch Erzbischof Silvano Tomasi, ständiger Beobachter des Vatikans bei den Vereinten Nationen in Genf, weist darauf hin, dass die meisten Missbrauchs-Fälle in den USA in protestantischen Konfessionen zu verzeichnen seien. Die entsprechenden Skandale in jüdischen Gemeinden der USA lägen im Zahlenvergleich ebenfalls über den Missbrauchsvorfällen innerhalb der katholischen Kirche.

Auch nach Ansicht des deutschen Kriminalpsychiaters Hans-Ludwig Kröber zeigen die vom „Spiegel“ veröffentlichten Zahlen, „dass sexueller Missbrauch bei Mitarbeitern der katholischen Kirche sehr viel seltener vorkommt als bei anderen erwachsenen Männern“. Dem Domradio sagte Kröber, die vom „Spiegel“ ermittelten Zahlen legten „nahe, dass die Geisteshaltung, in der Priester lebten, sie weitgehend davor schützt, Täter zu werden“. Denn nichtzölibatär lebende Männer werden, so Kröber, mit einer 36 mal höheren Wahrscheinlichkeit zu Missbrauchstätern als katholische Priester. Seit 1995 habe es in Deutschland 210.000 polizeilich erfasste Fälle von Kindesmissbrauch gegeben. Die vom „Spiegel“ in einer Umfrage ermittelte Zahl von 94 Verdächtigen innerhalb der katholischen Kirche sei „verschwindend gering“. Kröber arbeitet als Professor für forensische Psychiatrie an der Berliner Charite und ist Mitherausgeber des Standardwerks „Handbuch der Forensischen Psychiatrie“.

Die amerikanische Zeitung „Newsday“ berichtete im Jahr 2002, dass 0,2 Prozent aller Sporttrainer in den USA nicht nur eines Sexualdeliktes beschuldigt, sondern bereits in dieser Hinsicht verurteilt worden seien. Der Aufschrei über die Trainer aber bleibt bis heute aus.

Wohlgemerkt, jeder einzelne Missbrauch, ob vom Pfarrer oder Sportlehrer, ist einer zuviel. Doch die offenbar völlig an den Haaren herbeigezogene Zölibatsthese des „Spiegel“ kommt nicht von ungefähr. Dass da Männer freiwillig auf Sex verzichten um des Himmelreichs willen, ist für einen „Spiegel“-Journalisten unserer Tage schlichtweg eine Provokation. Und er ist damit nicht alleine. Bereitwillig steht mal wieder mehr als die halbe deutsche Presse stramm, wenn es gegen die katholische Kirche geht. Das war nach der „Williamson-Affäre“ so, und es ist nun nicht anders. Der Zölibat, so drückte es ein Blogger aus, „erfüllt alle jene, die ihre Sexualerziehung aus ‚Bravo’ und Co. bezogen haben, mit tiefem Unbehagen.“ Der Journalist Alexander Kissler drückt es so aus: „Der Zölibat ist im 21. Jahrhundert das am deutlichsten sichtbare Zeichen, dem die Welt widerspricht; schließlich bezweifelt er deren gesamte Logik.“ Er fügt hinzu: „Der zölibatär lebende Priester kränkt, allein weil er ist, die Gegenwart fundamental. Sie vergilt es ihm mit Generalverdacht, Sippenhaft, Schuldsvermutung.“ Das Unbehagen am enthaltsamen Widerspruch gegen die Moderne entlädt sich dann schnell in Ausgrenzung und Hass. 2005, in jenen Wochen vor und nach der Wahl Benedikts XVI. zum Papst, vermutete der „Spiegel“ betroffen, die Deutschen hätten „den Glauben an die Gottlosigkeit verloren“. Diese Euphorien seien heute aufgebraucht, meint Paul Badde in der „Welt“: „Jetzt melden sich die Gottlosen wieder zurück, verbissener als je zuvor und so aggressiv, als gelte es, verlorenes Terrain zurückzuerobern.“

Ziel der Angriffe ist mit der katholischen Kirche der größte anzunehmende und vielleicht letzte ernstzunehmende Fels in der Zeitgeistbrandung. Den Kritikern gilt sie als letzte konservative Bastion und in ihrem alten Glauben als der natürliche Gegner der neuen Zivilreligion vom genderneutralen, multikulturalen und klima- wie sozialgerechten Einheitsmenschen. Die konservativsten Teile ihrer Organisation stehen entsprechend unter besonderem Beschuss. Die traditionalistischen Piusbrüder – wie auch unter den Protestanten die Evangelikalen – sollen, so fordern es Grüne und Sozialdemokraten immer eindringlicher, endlich vom Verfassungsschutz überwacht werden. Das ist in Deutschland die Vorstufe vom Verbotsverfahren.

Insofern geht es den konservativen Klerikern nicht anders als allen anderen konservativen Wachen gegen den Traum vom neuen Menschen. Von der Politik werden sie verfolgt oder sollten es zumindest sein, von den Medien gehetzt – und ganz unten sorgen marodierende Truppen unbehelligt für handfeste Einschüchterung. Evangelikale Kongresse wie im letzten Mai in Marburg müssen mit riesigem Polizeiaufgebot vor militanten Sozialisten und Homosexuellenaktivisten geschützt werden. Bei einem christlichen Schweigemarsch wie dem „Marsch für das Leben“ im September in Berlin werden feierliche Grußworte von NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU), Bischof Wolfgang Huber (damals Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland), dem Berliner Erzbischof Georg Sterzinsky sowie dem JU-Vorsitzenden Philipp Mißfelder in Abwesenheit verlesen, während das still demonstrierende Fußvolk von 400 bewaffneten Polizisten vor hasserfüllten und Mordparolen grölenden Linksautonomen und propagandaschwulen SA-Widergängern geschützt werden muss. Zu dieser hausgemachten und immer alltäglicheren Christenverfolgung mitten in Deutschland schweigen „Spiegel“ und Co.

Und auch dazu, dass dem fortschrittlichen Weltbild gemäß eigentlich die falschen Katholiken nun der kollektiven Schande bezichtigt werden, stehen doch ausgerechnet die Jesuiten unter Verdacht. Die sind aber so etwas wie die Piusbrüder mit umgekehrten Vorzeichen, die Kässmänner der katholischen Kirche. Sie waren es, so weiß Alexander Kissler zu berichten, „die den lockenden Seim des Marxismus und der Befreiungstheologie in sich aufsogen und den Arbeiterpriester salonfähig machten; Jesuiten stemmten sich gegen die Pillen-Enzyklika Pauls VI. und gegen den Pflichtzölibat, und Jesuiten wurden auch von Johannes Paul II. mehrfach zur Kirchenordnung gerufen. Für jede liturgische oder theologische Extravaganz findet sich noch heute zuverlässig ein Jesuit, der sie gutheißt.“ Und täglich grüßt der Jesuitenschüler Heiner Geißler.

Kissler schließt daraus: „Reformeifer und der Hang zur Selbstsäkularisierung schützen nicht vor Abgründen. Die moralische Lauterkeit in der Kirche wächst keineswegs automatisch, wenn die Kirche sich weltlicher gibt. Man kann sich moralistisch über Tradition und Konvention erheben und dennoch nicht die bessere Moral gepachtet haben“, womit dann allerdings das gesamte moderne Glaubenskartenhaus der von den Medien vorgebeteten Zivilreligiosität zusammenkippt.

Im Zentrum der Kritik steht am Ende einmal mehr Papst Benedikt, der „Zölibatsverfechter“. Der „Spiegel“ behauptet: „In Joseph Ratzingers papierener Welt aus Studium und Gebet hat das Thema Missbrauch durch Priester keinen Ort.“ Klar, „dass Benedikt XVI. wie von selbst in das Fadenkreuz des Trommelfeuers geraten ist“, meint Paul Badde: „Er wehrt sich ja nicht. Er verteidigt sich nicht. Er wird nicht in Talkshows aufkreuzen.“ Aber, so Badde, „es gibt eben keinen, der dem Furor der gescheiterten linken Sozialingenieure von gestern aufreizender im Wege steht. Nicht wenige von ihnen sind inzwischen als Wortpolizisten oder Blockwarte einer neuen Zivilreligion zu Lohn und Brot gekommen, die (außer Gott) alles anbetet, was der Selbstermächtigung des Menschen über Leben und Tod und Schicksal dient. Unter ihnen wird der gute alte Agitprop nun gegen die letzte Bastion in Stellung gebracht, die diesem Projekt noch widersteht: Kirche und Papst.“

Es lohnt, Paul Baddes kluge Analyse in der „Welt“ ausführlicher zu zitieren: „Katholiken glauben nicht nur an einen einzigen Gott. Sie glauben zudem, als Konsequenz dieser Überzeugung, dass es Wahrheit gibt. Und zwar eine Wahrheit, also nicht zwei, drei, vier oder unzählige. Und was wahr ist, kann nicht gleichzeitig unwahr sein; auch dreiste Wiederholungen machen Lügen nicht wahr. Den Glauben an die Existenz einer Wahrheit teilen fromme Katholiken im Übrigen mit frommen Juden und frommen Muslimen.“ Ihr rigider Umgang mit der Wahrheit, so Badde, mache die katholische Kirche „ein wenig ungeschmeidig gegenüber all denen, die heute eine und morgen eine andere Meinung haben und vertreten, weil es ihrer Ansicht nach ja keine allgemeingültige Wahrheit gibt. Nur lauter spukende Zeitgeister. Da spuken sie eben mit. Gestern Kommunist, morgen Buddhist, übermorgen vielleicht einmal Mondanbeter.“ Heute aber sind wir erstmal alle „ökosozialfairgerecht“, wie Carlos A. Gebauer es genderneutral auf den Punkt brachte.

Der Hass auf Benedikt, riecht Badde, „duftet wie der Hass, den schon die Nazis gegen Pius XII. hegten“. Damals waren die Jesuiten noch papsttreu und norddeutsche Nazis höhnten: „Juden und Jesuiten, die können uns nicht beschieten!“ Auch damals heizten Presse, Protestanten und Politik die Progromstimmung gerne mal mit an, die dann unter dem einstigen Zeitgeist auch Hunderte katholische Priester mit dem Leben bezahlen sollten.

Wenn aber der „Spiegel“ immer wieder gerne auf die „vergessenen Opfer der Nazis“ hinweist, dann sind nie die Katholiken gemeint, die sich tatsächlich wie kaum eine andere Gruppe der Wahl der NSDAP und danach oft selbst den alltäglichen Naziritualen wie dem Hitlergruß verweigerten, was seinerzeit keineswegs so gratismutig war wie der heutige „Kampf“ aller Helden „gegen rechts“. Gemeint sind lieber Deserteure oder, und das besonders gerne: Homosexuelle.

Dass diese damals zuweilen zu den Tätern zählten und nicht nur die Münchner NSDAP mitsamt ihrer auffälligen Reiterhosen- und Stiefelästhetik in der örtlichen Presse vor der Machtergreifung als schwule Truppe beschrieben wurde, fällt ebenso wenig ins Gewicht wie die heutigen Hassprediger, diesmal gleich unter der Regenbogenfahne, mit ihren lautstarken Gewaltphantasien am Rande stiller christlicher Glaubensdemonstrationen.

Die meisten Missbrauchsopfer, von denen der „Spiegel“ berichtet, sind übrigens Jungen und nicht Mädchen. Der „Spiegel“ schließt daraus, dass sich jetzt endlich auch die katholische Kirche der doch offenbar dort weit verbreiteten Homosexualität öffnen müsse. Tatsächlich weisen das Bundeskriminalamt und der Deutsche Kinderschutzbund darauf hin, dass bei den Opfern von Kindesmissbrauch generell eindeutig Jungen mit 61,6 Prozent gegenüber 38,4 Prozent Mädchen dominierend seien. Sind also, wenn man die wenigen erfassten weiblichen Täter vernachlässigt und gleichzeitig bedenkt, dass nur eine kleine Minderheit aller Männer schwul ist, demzufolge Homosexuelle weit überdurchschnittlich häufig Kinderschänder im Vergleich mit Frauen zugeneigten Männern? Diese Frage interessiert den „Spiegel“ nicht. Dabei könnte hier die statistische Relevanz durchaus aussagekräftiger sein als im Fall von Sportlehrern oder Priestern.

Damit auch dies klar gesagt wird: Dennoch sind nicht alle Homosexuellen potentielle Kinderschänder. Im Gegenteil, die allermeisten sind es nicht, und die stille schwule Mehrheit, selbst zuweilen konservativ, beteiligt sich auch heute wie damals nicht an Ausschreitungen. Dass aber der „Spiegel“ mal eben katholische Geistliche unter Generalverdacht stellt, und dies unter einem Cover, das in ähnlicher Form gegen eine andere Minderheit gerichtet mindestens Lichterketten für Toleranz, vermutlich aber eine Anklage wegen Volksverhetzung hervorgerufen hätte, ist aus Sicht des Blattes nur so konsequent wie tatsächlich scheinheilig.


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