04. Februar 2010

Gestern bei Plasberg „hart aber fair“ zum staatlichen Kauf gestohlener Daten Die stilistische Bankrotterklärung der „Süddeutschen Zeitung“

Journalismus ganz unten

Nun stritt also gestern Abend auch Frank Plasbergs TV-Runde über die Frage, die in dieser Woche die Deutschen bewegt: Darf der Staat sich zum Hehler machen?

Der interessante Talk entwickelte sich zum Duell zweier Journalisten, dem Schweizer Roger Köppel, Chefredakteur des konservativ-libertären Zürcher Magazins „Weltwoche“, und Hans Leyendecker, Leiter des Ressorts Investigative Recherche der linksliberalen „Süddeutschen Zeitung“ aus München. Letzterer wurde meist sekundiert von Wolfgang Bosbach (CDU), Köppel erhielt zeitweise Unterstützung von Gerhard Baum (FDP). Die Journalisten bestimmten dabei das Tempo und den Ton.

Roger Köppel machte deutlich, dass die Probleme bei den überhohen deutschen Steuern und Abgaben zu suchen seien, nicht in Schweizer Schließfächern oder auf dortigen Nummernkonten. Es sei schließlich der deutsche Sozialstaat bankrott und die Rentenansprüche der Deutschen nichts mehr wert: „Ein Staat der drei Mal das Volksvermögen vernichtet hat“, so Köppel, „dessen Sozialsysteme zusammenbrechen, vor dem bringen die Bürger ihr Geld halt in Sicherheit.“

Eine der zahlreichen Leserzuschriften bei Plasberg drückte es so aus: „Was war zuerst: Die Verschwendung öffentlicher Gelder durch die Politiker oder die Hinterziehung von Steuern durch die Bürger? Warum steht die Verschwendung von Steuergeldern bis heute noch immer nicht unter Strafe? Wie lange haben die Politiker noch Narrenfreiheit bei der Verwaltung der ihnen anvertrauten Gelder, die die Bürger mühsam erarbeitet haben? Wann müssen Politiker, die für die Vermögensvernichtung und für die ständige Geldentwertung verantwortlich sind, mit einer Bestrafung rechnen, wann werden sie zur Rechenschaft gezogen? Und wann werden die überfälligen Konsequenzen aus dieser Finanzkrise gezogen, die ebenfalls Politiker zu verantworten haben?“

Gerhard Baum wies in der Sendung darauf hin, dass die deutsche Politik, und Kanzlerin Merkel vorneweg, nun ein „Klima des Denunziantentums“ entstehen ließen. Wie zur rechten Anleitung zeigte Plasberg auf den Fliesenleger oder die Friseuse nach Feierabend, die ohne Rechnung ebenso Steuerhinterziehung betrieben. Oder auf den kleinen Handwerker, der demnächst womöglich von seinem Lehrling angezeigt werde, weil dieser sich für heiße Informationen ein paar Euro Belohnung vom Finanzamt verspreche.

In finstersten Zeiten des Stalinismus, dem bislang konsequentesten Großversuch eines totalitären Denunziantenstaats, war niemand vor Niemandem mehr sicher. Entsprechend gesellte sich zur puren Lebensangst eine Kultur der Unwahrheit, wie sie vom britischen Kolumnisten Anthony Dalrymple bedrückend geschildert wurde. Ist es nach dieser Woche der staatlichen Offenbarung tatsächlich noch so weit hergeholt, dass etwa angeschwärzte Umweltsünder nachts abgeholt werden? Die Schaufestnahme von Klaus Zumwinkel, tagesschaugerecht präsentiert als Feind des Volkes, hatte bereits vor zwei Jahren vieles von dem überschritten, was in Deutschland lange nicht mehr für möglich gehalten wurde...

Vorgeblich ging es in Plasbergs Show, in der Sportreporter Marcel Reif als Gast Nummer Fünf mehr aus- als einfiel, um einen Streit zwischen Deutschland und der Schweiz, oder besser um den Gegensatz zwischen deutschen und schweizerischen Politik- und Moralvorstellungen. In Wirklichkeit stritten Liberale mit Sozialisten. Schließlich wurden selbst in Deutschland zuweilen jene gesichtet, die den Rechtsstaat nicht für ein paar Euro verkaufen wollen. Und umgekehrt, das fügte Roger Köppel hinzu, gibt es auch in der Schweiz „Linke und Sozialdemokraten“, die „an den Neid appellieren und immer noch glauben, dass es den Armen besser geht, wenn man den Reichen nur genug wegnimmt“.

Hans Leyendecker bestätigte offenherzig: Nein, wenn das Verhältnis umgekehrt wäre, und der Staat dem Dieb mehr für die geklauten Daten zahlen müsste als er dadurch einnehmen könnte, dann wäre er dagegen! Es geht demnach auch den vehementesten Verteidigern der staatlichen Hehlerei um nichts als die reine Geldgier.

Leyendecker schlug sich und seine Anliegen vor laufender Kamera selbst KO. Das kann passieren gegen einen Profi wie Köppel und mit einem scheinheiligen Anliegen im Gepäck. Man möchte es dem Rheinländer Leyendecker nicht einmal übel nehmen, muss man doch hierzulande auch jönne könne.

Was sich dann allerdings dessen Arbeitgeber erlaubte, immerhin eine der großen überregionalen Zeitungen in Deutschland, ist mit dem Wort „peinlich“ nur beschönigend umschrieben. In eigener Sache, das lernten wir früher noch in der Schule, halten wir uns vornehm zurück. Nicht so die „Süddeutsche“, die heute Morgen gegen den Konkurrenten Roger Köppel nachtritt. Dieser, so Leyendeckers Redaktionskollegin Melanie Ahlemeier, offenbarte sich gestern bei Plasberg als „entsetzt“, dem „Grenzgängertum“ zugeneigt, „fuchtig“, „echoffierend“, „um Luft und Worte ringend“, als „zornig“, „ohne Selbstkontrolle“, einer, der „auf der Suche nach geistigem Beistand nicht weit voran“ kam, ja „fast ganz alleine war“ mit seinen „etlichen verbalen Angriffen“, ein „Eiferer“, dessen „Stimme sich fast überschlug“, der „geißelnd“ und „kokettierend“ sich als „Zwingli der Neuzeit“ aufführte.

Man traut seinen Augen nicht, schaut die Sendung ein zweites Mal und sieht erneut nichts als einen äußerst bedächtigen und souveränen Roger Köppel neben einem vergleichsweise doch eher emotionalen Kollegen Leyendecker.

Für was also müssen wir uns mehr fremdschämen? Für die mangelnde Kinderstube der „Süddeutschen Zeitung“, in eigener Sache überhaupt so vehement zu streiten? Oder für ihren „Stürmer“-Stil?

Internet

„Süddeutsche Zeitung“: TV-Kritik – Ein Schweizer ruft nur noch: Skandal!

„Hart aber fair“ auf Videostream, für alle, welche die Sendung verpasst haben oder noch mal nach dem „fuchtigsten Eiferer“ suchen möchten


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