Alexander Kissler

Jg. 1969, Journalist und Buchautor, www.alexander-kissler.de

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Karl-Theodor zu Guttenberg: Des Ministers Geschichtsprophetie

von Alexander Kissler

Von einem, der auch mal abhebt

Von zweierlei Art kann das akademische Vorwort sein. Oft dient es dem Dank an die Lehrer und stellt die Arbeit umständlich unter den Scheffel, damit sie desto heller erstrahle. Solches Vorwort ist das Graubrot an Deutschlands Universitäten und die Regel.

Manchmal aber schwingt das Proömium sich auf in die Höhen eines Manifests, hebt ab in den Orbit der Globaldeutung, des ein und für alle Mal und sehr zu Recht Gesagten über Mensch, Welt, Kosmos, Geschichte. Von solcher Art ist das Vorwort, mit dem Karl-Theodor zu Guttenberg seine juristische Dissertation einläutete. Sie heißt „Verfassung und Verfassungsvertrag – Konstitutionelle Entwicklungsstufen in den USA und der EU“.

Wer heute, da der Verteidigungsminister heikel jettet zwischen Hindukusch und Berlin, das 2009 publizierte Bayreuther Werk noch einmal hervorholt, der begreift: Nur in der internationalen Politik konnte dieser Deutungswille eine Form finden. Zu Guttenberg erweist sich auf den zwei sentenzensatten Seiten als Meister der Verknappung.

Essenz ist hier alles: das an Spengler wie Toynbee mahnende morphologische Denken, die Melancholie, das Schaudern zwischen Schimmer, Schemen und dem „Blick nach innen“. Zu Guttenberg hebt nach einer knappen Exposition des Themas – „Europa und die USA“ – an mit dem „Schimmer der Ernüchterung“, der „kleinen wie epochalen Erschütterung“ und „mancher Tradition“, die der Nostalgie gewichen sei. Gemeint ist besagtes Verhältnis von Alter und Neuer Welt.

Dem Historiker klassischer Prägung, der wie zu Guttenberg in der Geschichte ein Gewebe erblickt aus „Kraftfeld“ und „gestaltenden Persönlichkeiten“, wird nicht bang. Er weiß, dass Geschichte ein zyklisch‘ Ding ist und dennoch immer nah am Scheitern. Europa habe seinen „Pfad“, lesen wir, „eklektisch eigen beschritten“, den Weg der Verfassung nämlich, und sei „wiederkehrend am Scheideweg“: „Kann man demgemäß und aktuell von Scheitern sprechen? Von einem großen Projekt, das im Angesicht des Hafens noch tragisch Schiffbruch erleidet? Oder vernehmen wir lediglich ein erneutes, wenngleich keuchendes historisches Durchatmen?“

Die asthmatische Rede geht vom europäischen Verfassungsvertrag, der als „Vertrag von Lissabon“ keine Verfassung geworden ist. Eine „Zäsur“ ortet zu Guttenberg, ohne zu verschweigen, dass Zäsuren wie Scheidewege, mögen sie uns auch erschüttern und ernüchtern, „traditionell paradox“ auf Kontinuität deuten: „In jeder noch so brachialen Ablehnung“ sei „immanent der Fortgang angelegt.“ Die Historie lässt sich nicht betrügen, sie geht über den Menschen hinweg. Der Historiker ist in zu Guttenbergs Perspektive ihr rückwärtsgewandter Prophet, nicht ihr Gestalter.

Alles bleibt sich gleich im Haus der Sprache, das hier ein Haus des ganzen Seins sein soll. Wer Geschichte studiert, wie sie hier studiert wird und wie sie etwa im Kaiserreich überall gelehrt worden ist, der steht immer kurz davor zu verzweifeln und zweifelt dann eben nicht. Ihm bleibt das Los auferlegt, noch in den Adverbien, die „demzufolge“ heißen und „indes“ und „gleichwohl“ und „nunmehr“, dem Einst die Treue zu halten.

Zu Guttenberg weiß: Beitragen kann er nur „eigenes Gemurmel“, entstanden trotz „intellektuell dürftigerer Alltagserlebnisse“. Im Winter 2008, als er das Vorwort schrieb, war er bekanntlich Generalsekretär der CSU, zuvor Vorsitzender des CSU-Bezirksverbandes Oberfranken.

Wenn es abschließend heißt, der Verfasser habe eine „verwegene Charakter- und Lebensmelange“ einschließlich einer „beklagenswerten Eitelkeit“, dann ist dieses Bekenntnis mehr als eine Captatio benevolentiae. Karl-Theodor zu Guttenberg müssen wir einen Aphoristiker und Geschichtsmorphologen nennen, den Kairos suchend, Kairo findend.

Literatur

Deutschlandtheater: Politik und Zeitvergehen 2008/09 - Alexander Kisslers Kolumnen jetzt als Buch

01. Februar 2010

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Kommentare

Marc , am 01. Februar 2010 um 14:55 ( Link )

Jesses!

Wenn man das liest hat man den Eindruck, daß selbst Leopold von Ranke und Friedrich der Große zusammen nicht an das Format des Guttenhügels heranreichen, der gleich einem Orbit der Globaldeutung Kairos sucht und Kairo findet, ja ein Gravitationszentrum eigenen Sonnensystems ist, von strahlenden Satelliten umkreist!

nahum, am 01. Februar 2010 um 16:18 ( Link )

"Laut SPIEGEL (11/2009) wird das Familienvermögen des feschen Freiherrn auf ca. 600 Millionen Euro geschätzt. Die Familie von und zu Guttenberg, die auf ihrem Schloss im Fränkischen bei Kulmbach residiert, gehört damit zu den 300 reichsten Familien bzw. Personen Deutschlands. Wenn die Informationen des SPIEGEL stimmen, vermisst man eine nachvollziehbare Angabe darüber, wie dieses unvorstellbare Vermögen aufgehäuft werden konnte.

Adel steht, das weiß jeder, längst nicht mehr für noble Verhältnisse; vielmehr übte man sich – besonders nach dem Zweiten Weltkrieg – oft eher in der edlen Kunst des stilvollen Verarmens. Und das Heizen von alten Schlössern geht auch ganz schön ins Geld. Auch „KT’s“ Vater Enoch (ein Dirigent, der wirklich gute Musik macht) kann diese Millionen unmöglich mit dem Dirigentenstöckchen herbeigezaubert haben. Die Frage nach dem „Woher“ steht also unbedingt im Raum, zumal Karl-Theodor nachweislich nie in der „Freien Wirtschaft“ tätig war: Er ist promovierter Jurist und arbeitete ein Jahr lang in einer New Yorker Kanzlei. Welcher ist unbekannt.

Gutti geizt ganz offensichtlich mit genauen Informationen über seine wirtschaftlichen Umstände und seinen beruflichen und politischen Werdegang. Seine Homepage ist schütter und dürftig. Aber diese falsche Bescheidenheit in Sachen Angaben zur eigenen Person, auf die in einer Demokratie die Öffentlichkeit nun einmal Anspruch hat, dürfte einigen Hintergrund haben.

Die Ernennung des 37-Jährigen stets gut Gegelten in ein Ministeramt (auch wenn, wie wir noch sehen werden, wohl eher das Außen- und nicht das Wirtschaftsamt angepeilt wurde) hatte sich schon früher abgezeichnet – wenn man genauer hingeschaut hätte. Als Indikator kann schon 2002 Guttenbergs Berufung in den Auswärtigen Ausschuss des Bundestages zeitgleich mit seiner Wahl in den deutschen Bundestag für die CSU (Wahlkreis Kulmbach) im sensationell zarten Alter von nur 31 Jahren. Vorher hatte Guttenberg allerdings schon bei der CSU im Fachausschuss Außenpolitik gesessen und einige Jahre als CSU-Politiker hinter sich – wie viele erfährt man nicht.

„Das Geheimnis des schwarzen Barons“ lautet der Titel eines Porträts zu Guttenbergs im FOCUS, Heft 13/2009. Der Artikel selbst lüftet es jedoch nicht. Stattdessen gehen die Redakteure lediglich auf sein Erfolgsgeheimnis ein (Welcher Erfolg eigentlich? Er hat doch noch gar nichts geleistet … oder etwa doch, hinter verschlossenen Türen?), welches in seinem schon immer vorhandenem grenzenlosem Selbstbewusstsein und seinem Bemühen, nicht den Eindruck eines abgehobenen Aristokraten zu vermitteln, verortet wird. „Er wurde bereits in jungen Jahren auf eine spätere Führungsaufgabe vorbereitet …“

Wie kommt es nun, dass ein so junger Parlamentarier, der gerade erst in den Bundestag gewählt wurde und Außenpolitik bisher nur auf CSU-Parteiebene betrieben hat, sogleich in dieses bedeutsame Gremium weitergeleitet wird? Worin bestand seine „Qualifikation“?

Welche Voraussetzungen qualifizierten Gutti für dieses hochsensible Gremium? Entscheidend für die umstandslose Inkorporierung Guttenbergs in den Auswärtigen Ausschuss des Deutschen Bundestages, der, wie wir gesehen haben, nur formal ein Beratungsgremium, aber faktisch ein Entscheidungsgremium ist, muss seine Mitgliedschaft in der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) zu Berlin gewesen sein. Über den genauen Zeitpunkt seiner Aufnahme ist wieder nichts zu eruieren, sie muss jedoch schon vor 2002 erfolgt sein.

Die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik

Es wird daher Zeit, einmal die DGAP etwas kritisch zu beäugen: Ein Blick auf die aktuelle Mitgliederliste zeigt eine interessante Mixtur aus einflussreichen Politikern, Wirtschaftskapitänen, Bankenbossen und Medienmogulen.

Die DGAP firmiert auch unter German Council on Foreign Relations, was ihre abhängige Verwandtschaft zum entsprechenden US-amerikanischen Einflussgremium „CFR“ verdeutlicht. Die DGAP ist also ein direkter „Kaktusableger“ des CFR.

Über den Council on Foreign Relations (CFR) ist schon vieles geschrieben worden, und hier ist nicht der Ort, all dies wieder aufzufrischen. Es kann jedoch kein Zweifel daran bestehen, dass es sich bei dieser Gesellschaft um ein äußerst einflussreiches Gremium handelt, dass sich gerne als „Denkfabrik“ apostrophiert. Die finanziell hochpotenten Kreise, die den CFR unterhalten, haben eine klare Vorstellung davon, wie die Welt nach ihrem Wunsch und Willen modelliert werden soll. Diese Vorstellungen überschneiden sich streckenweise mit neoliberalen, neokonservativen oder US-amerikanischen geostrategischen Interessen, kommen aber nie 100%ig mit diesen zur Deckung, denn es handelt sich um Interessen „sui generis.“ Die Aufnahme in dieses Einflussgremium steht folglich nicht jedem politisch Interessierten offen, sondern erfolgt nach eigenen Regeln."
http://preview.zeitgeist-online.de/exklusivonline/dossiers-und-analysen/230-das-guttenberg-dossier-teil-1.html

Al_Bore, am 01. Februar 2010 um 18:04 ( Link )

@nahum

"...vermisst man eine nachvollziehbare Angabe darüber, wie dieses unvorstellbare Vermögen aufgehäuft werden konnte."

Warum? Ich meine sowohl was das Vermissen als auch die Unvorstellbarkeit angeht.

ErgrauendeHausfrau, am 02. Februar 2010 um 0:15 ( Link )

Guttenberg ist doch irgendwie ein deutscher Obama. Er steht in der Gunst der Deutschen ziemlich weit oben, egal was er zu tun oder zu sagen scheint. Allein seine Äußerung, daß man auch darüber nachdenken müsse, Opel in die Insolvenz gehen zu lassen, rechtfertigt diese Verehrung aus Sicht der arbeitsplatzerhaltenwollenden deutschen Mentalität nicht.

Ich kann hierzu nur sagen: Holzauge sei wachsam! Und zwar, weil man sich dieser natürlichen Autorität, die dieser Mann ausstrahlt, nur schwer entziehen kann.

Eine weitergehende Recherche in diese Richtung könnte durchaus angebracht sein.

nahum, am 02. Februar 2010 um 10:49 ( Link )

@ErgrauendeHausfrau (am 02. Februar 2010 um 0:15), Sie geben den Fingerzeig: „Eine weitergehende Recherche in diese Richtung könnte durchaus angebracht sein.“

Erschreckend, wenn „man (???) sich dieser natürlichen Autorität, die dieser Mann (der gegeelte Gutenberg) ausstrahlt, nur schwer entziehen kann“.

ErgrauendeHausfrau, für manche war es schon immer erschreckend gewesen, wie viele reife Frauen sich für die "natürliche Autorität" Hitlers begeisterten ...

ErgrauendeHausfrau, am 02. Februar 2010 um 11:43 ( Link )

Nahum:

Genau deswegen habe ich ja auch darauf hingewiesen. Bei Obama ist es doch genau so, obwohl ich persönlich das nicht nachvollziehen kann.

Aber daß die Männer davor gefeit sind, halte ich für ein Gerücht.

Hitler wurde ja auch "nur" von 33 % der Deutschen gewählt, der Wahn (auf jeden Fall der offiziell dargestellte) ist wohl erst später aufgetreten.

nahum, am 02. Februar 2010 um 14:35 ( Link )

@ErgrauendeHausfrau, die eine kann schon beim Anblick des telepromtenden Obama nicht mehr an sich halten, die andere zieht hausbacken die "natürliche Autorität" des stets gegeelten oberfränkischen Freiherrn magisch in den Bann.

Beide Polit-Smarties brennen wie gesteuerte Silvesterraketen aus dem dunklen Nichts in den dunklen Himmel.

Gut zu hören, dass Obama zumindest keine neue US-Mondmission will. Beim gegeelten US-Einflussagenten Guttenberg wissen wir noch nichts genaues über den dreisten Fahrplan seines US-Vorgesetzten ... über das Kundusmassaker ... direktemang .... ins Kanzleramt. Ein US-Beamter vollmundig: "Wir erschaffen mit den perversen Gefühlen dieser autoritätssüchtigen Deutschen unsere Realität"


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