28. Januar 2010

Staatsschule und Demokratie „Homeschooling ist Nordkorea!“

Volkes Stimme und das Stockholm-Syndrom

Was haben die Erfinder Alexander Graham Bell, Thomas Edison, Cyrus McCormick und die Gebrüder Wright, die Generäle Stonewall Jackson, Robert E. Lee, Douglas MacArthur und George Patton, die Künstler Claude Monet, Leonardo da Vinci, Charles Chaplin und Andrew Wyeth, die US-Präsidenten George Washington, Thomas Jefferson, Abraham Lincoln und Theodore Roosevelt, die Wissenschaftler Pierre Curie, Albert Einstein, Booker T. Washington und Blaise Pascal, die Staatsmänner Konrad Adenauer, Winston Churchill, Patrick Henry und William Penn, die Komponisten Irving Berlin, Wolfgang Amadeus Mozart, Anton Bruckner und Felix Mendelssohn, die Schriftsteller Hans Christian Anderson, Charles Dickens, Agatha Christie und C.S. Lewis gemeinsam? Sie alle waren, glaubt man den Angaben der Seite Hausunterricht.org, in ihrer Kindheit ganz oder zeitweise – wie jetzt im Moment zwei Millionen US-Amerikaner – nicht auf einer Schule, sondern wurden zuhause unterrichtet. Die so zahlreichen amerikanischen „Homeschooler“ gelten heute an den Universitäten des Landes als weit überdurchschnittlich erfolgreich.

In den meisten Ländern ist der Hausunterricht legal, teilweise wie in Russland wird er sogar gefördert. Deutschland steht mit seinem unerbittlichen Schulzwang recht alleine da. Jedes Jahr wächst die Zahl der Homeschooler weltweit nach verschiedenen Schätzungen um zehn bis 20 Prozent, während nicht nur in Deutschland die staatliche Schulbildung in einem immer schlechteren Ruf steht.

Gestern nun hat ein US-Gericht der deutschen Familie Romeike Asyl gewährt, weil deren Kinder entgegen dem Eltern- und Kinderwillen in die deutsche Schule eingewiesen werden sollten, den Eltern hätten bei weiterer Zuwiderhandlung Geld- und Haftstrafen gedroht. Das Menschen-und Familienbild könnte unterschiedlicher nicht sein: In den USA genießen die Eltern das natürliche Erziehungsrecht ihrer Kinder und der Staat hat sich in Familienangelegenheiten nicht einzumischen, in Deutschland sind Kinder wie Eltern Untertanen des allmächtigen Staates.

Der „Spiegel“, das war zu erwarten, verhöhnt die Opfer und deren „angebliche Verfolgung“. Das ist von einem Blatt, das zwei- bis dreimal im Jahr Adolf Hitler in Farbe auf ihrem Cover platziert, nur konsequent. Schließlich hatte der auch mit dem Reichsschulpflichtgesetz von 1938 den deutschen Sonderweg zementiert, wenn nicht erfunden.

Bemerkenswerter sind die Leserreaktionen beim „Spiegel“, die gestern so ähnlich auch bei der „Welt“ und anderen viel genutzten Kommentarspalten zu finden sind. Diese sind zwar grundsätzlich mit Vorsicht zu genießen und Manipulation ist nicht ausgeschlossen. Doch ist das Thema für Politik und Medien eher zweitrangig und damit der Aufwand zielgerichteter Beeinflussung eher unwahrscheinlich. Ein paar Zitate aus Volkes Stimme könnten sich also lohnen.

- „Wer sich an die hiesigen Gesetze nicht halten will, kann gehen. Wo ist das Problem? Für evangelikale Fundamentalisten sind die USA ohnehin das bessere Land. Sie haben dort zwar keine Alters- und Krankenversicherung, aber Hauptsache sie dürfen ihre Kinder weiter indoktrinieren. Ich denke, wir brauchen diese Leute nicht und wenn sie dort Asyl bekommen, dann ist allen damit gedient.“ (Klo)

- „Kinder sind nicht das Eigentum ihrer Eltern! Nicht ohne Grund gibt es eine Schulpflicht in Deutschland, eben um zu verhindern, dass sich Eltern herausnehmen, bestimmen zu wollen, ob, und wenn ja, was, ‚ihre’ Kinder lernen. Derselben Logik folgend dürften allerdings Eltern auch nicht bestimmen, ob ihre Kinder einer Religionsgemeinschaft angehören sollen (und wenn ja, welcher) bzw. was diese zu glauben haben oder auch nicht. Das können sich diese – dann hoffentlich zu selbständig denkenden Menschen erzogen – immer noch aussuchen, wenn sie dazu in der Lage sind, z. B. ab 18.“ (Emmi)

- „Schlimm für die armen Kinder, die so der Erziehung der Eltern ohne alternativen Einfluss ausgeliefert sind. Traurig, dass Amerika da auch noch mitzieht, aber von dort ist man ja christlich fundamentalistisch einiges gewohnt.“ (electrastar)

- „Asyl für alle Spinner, dann sind wir die wenigstens los...“ (snickerman)

- „Herr und Frau Romeike behaupten von sich, Christen zu sein. Gerade die evangelikalen Christen sind dafür bekannt, dass sie die Bibel möglichst wortgetreu auslegen. Deswegen frage ich mich, warum Herr und Frau Romeike sich nicht an die in der Bibel, genauer gesagt im Neuen Testament, vorgegeben Regeln halten? ‚So gebet dem Staat, was des Staates ist, und Gott, was Gottes ist!, frei nach Matthäus 22,22.“ (Parvis)

- „Schule ohne Schulpflicht ist sinnlos. Entweder grundsätzlich freiwillig: Dann können wir die staatlichen Schulen dicht machen und jede Religion und Weltanschauung gestaltet ‚ihre’ Art von Bildung nach Gutdünken, entweder gemeindeweise oder nur auf die jeweilige Familie begrenzt: Die evangelikalen Christen, die katholischen Christen, die neuapostolischen Christen, die schiitischen Moslems, die sunnitischen Moslems, die Scientologen, die Zeugen Jehovas, die orthodoxen Marxisten usw. usf. Oder wir machen ein verbindliches Schulsystem für alle.“ (Porgy)

- „Es ist schlichtweg lächerlich zu behaupten, es würde jemand aufgrund der Schulpflicht politisch verfolgt. Das ist reiner Realitätsverlust.“ (Celegorm)

- „Diese Eltern wollen nicht, dass ihre Kinder mit den Ansichten Andersdenkender konfrontiert werden. Unsere Demokratie funktioniert aber nur in einer pluralistischen Gesellschaft, in der ich zwar Meinungen nicht teilen aber zumindest respektieren muss. Wenn sie in einer solchen Gesellschaft leben wollen, sollten sie auch deren Grundprinzipien anerkennen – oder gehen! Andernfalls gefährden die Eltern oder später die Kinder unsere Demokratie.“ (BoliviaQueViva)

- „Es ist in der Psychologie/Soziologie mehrfach bewiesen worden, dass Kontakt zu anderen Gruppen die Toleranz gegenüber diesen Gruppen steigert und Vorurteile abbaut, genau das wollen diese Art von Leuten verhindern. Auch sollte jeder Mensch selbst entscheiden dürfen, welcher Religion (wenn überhaupt) er sich anschließen möchte, doch ich glaube kaum [Achtung, Rechtschreibung nach Staatsschulbesuch, die Red.] das dass [sic!] im Plan dieser HomeSchooler erlaubt wäre. Mir tun nur die Kinder leid!“ (th3_j4cka55_r00l5)

- „Ein paar Spinner weniger, wo ist das Problem?“ (netchilla)

- „Ein paar Spinner weniger in D. Ich hoffe, dass die deutschen Gerichte auf ihrer Linie beharren. Nichts gegen Heimunterricht als solchen, aber sobald den Kindern essentielle Bestandteile der Bildung enthalten werden (Evolution nur als ein Beispiel) und sie durch den Heimunterricht auch völlig beabsichtigt von der Gesellschaft isoliert werden, dann ist DAS ein Verstoß gegen die Menschenrechte der Kinder. Und die tun mir wirklich Leid. Bekloppte und offenbar paranoide Eltern (weiß ja nicht, wann der Vater das letzte Mal in ein Schulbuch geguckt hat) und jetzt müssen sie auch noch in Amiland leben. Ist es jetzt sarkastisch, wenn ich Gott darum bitte, dass aus den Kindern trotzdem noch was vernünftiges wird?“ (Narn)

- „Ich finde die Schulpflicht in Deutschland richtig, sie fördert soziale Kompetenz und und und... Jedem steht es doch frei sein Kind zu Hause von ‚richtigen’ Weltbild zu überzeugen. Es ist in meinen Augen ein Verbrechen wenn Eltern Kinder wie Gefangene einer Gehirnwäsche unterziehen können.“ (DasBrot)

- „Bin hier völlig Meinungskonform, ein paar Spinner weniger in unserer Heimat ist die positive Message, des hier beschriebenen Gesamtumstandes.“ (verbal_akrobat)

- „Wenn Sie das freiheitlich und demokratisch nennen wollen, wenn jeder Spinner machen darf, was er will, auch wenn er damit anderen (in diesem Fall seinen Kindern) schadet, bitteschön. Man könnte es auch dumm, verantwortungslos und asozial nennen.“ (OWL-Dirk)

- „Reden die Amerikaner nicht immer so stolz von Trennung von Kirche und Staat? Wo ist in dem Urteil die Trennung? Die Entscheidung des Gerichtes war falsch und ist gegen die US Verfassung. Homeschooling ist großer Blödsinn, denn die Kinder haben erstens keinen Kontakt zu anderen nicht immer gleich-denkenden Kindern und somit sozial unterentwickelt und zweitens glaube ich kaum, dass die Qualität die gleiche wie an Schulen ist. Homeschooling ist Nordkorea, brain washing.“ (Jay's)

Nun sind alle diese Kommentare das beste Argument gegen die Staatschule, hat diese doch offenbar viele Menschen zu hasserfüllten Dummbeuteln gemacht, die Orwells schlimmste Visionen noch übertreffen. Krieg ist Frieden. Homeschooling ist Nordkorea – einer der ganz wenigen Staaten auf der Welt, der ähnlich unerbittlich wie Deutschland Schulzwang betreibt.

Die hier zitierten Kommentare sind nur beispielhaft für ein – im Wortsinne – überwältigendes Stimmungsbild. Wie sehr muss man als Schüler heimlich gelitten haben, um einen solchen Hass gegen die zu entwickeln, die nichts tun als ihre Familie demselben Erlebnis zu entziehen? Wie sonst wäre die unerbittliche Häme gegenüber Andersdenkenden und die seltsam verdrehte Argumentation zu verstehen? Sind die kollektiven Liebeserklärungen an das pisagebeutelte deutsche Bildungswesen am Ende mit dem Stockholm-Syndrom zu erklären?

Es ist erstaunlich, in welchem Ausmaß es staatliche Schulen hierzulande geschafft haben, das religiöse Vakuum durch den Kult um die „Demokratie“ zu füllen. Einen sich fortschrittlich-atheistisch dünkenden unerschütterlichen Glauben an die Mehrheit, die jede abweichende Minderheit nach Belieben „erziehen“ darf, immer im Namen des Gottes Demokratie. Brain washing?

Doch es gibt auch die anderen, durchschnittlich die Intelligenteren. Über 200.000 Deutsche verlassen jedes Jahr dieses Land, der größte Teil davon in Richtung USA. Sie alle lassen uns allein mit totalitären Medien und Spießercharakteren, die seltsam stolz darauf sind, Zwang für Freiheit zu halten und die sich gebildet wähnen, wenn sie Nordkorea als Paradies für Homeschooler preisen.

Internet

Liste bekannter Homeschooler


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