26. Januar 2010

Zeitgeist-Wende, Teil 9 Der Sozialstaat als totalitäres Regime und die von ihm missbrauchten Kinder

Ein Orkan aus Frankfurt

„Der Sozialstaat gleicht immer mehr einem totalitären Regime, das die Familien zerschlägt“, so lautet der wohl meistzitierte Satz des vergangenen Wochenendes aus dem bereits vieldiskutierten „FAZ“-Artikel „Alleinerziehende – die Hätschelkinder der Nation“ von Rainer Hank und Georg Meck. Die Bemerkung stammt vom Kieler Sozialphilosophen Wolfgang Kersting. Peter Sloterdijk hat Nachwuchs bekommen.

Und es ist nicht die einzige Prise plötzlicher Wahrheit, die uns da entgegenweht. Vielmehr entfachen Hank und Meck in der altehrwürdigen „Frankfurter Allgemeinen“ einen Orkan, der mal eben eines der bundesdeutschen Großtabus hinwegfegt: Die Gruppe der Alleinerziehenden wachse stetig, schuld seien die perversen Anreize des Wohlfahrtsstaates, der Sonderprämien für Alleinerziehende zahle – eine „Einladung zum Missbrauch“ selbst für die, die dauer- oder wechselhaft heimlich einen „Partner“ haben.

„Die staatliche Unterstützung nimmt den Charakter einer Trennungsprämie an“, zitiert die „FAZ“ den Chef des Münchner Ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn. Mit vier Kindern seien schnell „auch 2000 Euro drin“. Und das, so Hank und Meck, „läppert sich im Lebensverlauf. Für eine nie erwerbstätige Mutter mit einem Kind – eine nicht untypische Hartz-IV-Biographie“ – müsse „der Steuerzahler bis zu ihrem 50. Lebensjahr 445.000 Euro bezahlen“. Eine vergleichbar qualifizierte, ebenfalls alleinerziehende, aber erwerbstätige Mutter zahle im selben Zeitraum rund 215.000 Euro an Steuern. Das bedeute: „Um die erwerbslose Alleinerziehende zu alimentieren, braucht es zwei Arbeiterinnen gleichen Typs.“

Die „FAZ“ beruft sich auf das Ergebnis einer noch unveröffentlichten Studie des Kieler Instituts für Weltwirtschaft. Auch deren Ergebnis: „Eine alleinerziehende Hartz-IV-Empfängerin wäre nicht nur dumm, sich offiziell wieder einen Partner zuzulegen. Es wäre auch unklug, wenn sie einen regulären Job annähme.“

Sonderzahlungen gibt es immer obenauf: „Allein für Babyausstattung, Hilfen für Klassenfahrten oder für Kommunion respektive Konfirmation stieg der Aufwand zwischen 2005 und 2007 von 42 auf 62 Millionen Euro. Was die staatliche Förderung der Alleinerziehenden aber insgesamt den Steuerzahler kostet, hat bislang noch niemand errechnet“, so die „FAZ“. Dabei ist das nur der kleinere, ökonomische und die Erwachsenen betreffende Teil der Bilanz. Schlimmer wiegt, und diese Fragen seien eigentümlich frei hinzugefügt: Wieviele Kinder aus intakten, liebevollen Familien sind nie geboren worden, weil diese als Melkkühe der Nation doppelt und dreifach ausgebeutet werden und sich selbst als Doppelverdiener spätestens beim zweiten Kind kaum mehr die Klassenfahrt leisten können, die der anderen Seite des perfiden Spiels auch gerne noch beim vierten jungen Empfangsberechtigten oben drauf geschenkt werden? Und wie geht es den Kindern derer, die nach der Umverteilung zugunsten kaputter Lebensläufe nun statt dessen Nachwuchs in die Welt setzen, den sie selbst nicht hätten finanzieren können, und den sie zuweilen nicht aus Liebe gebären, sondern aus mehr oder weniger nüchterner Berechnung? Wieviele Ehen wurden aufgrund der perversen sozialstaatlichen Anreize geschieden oder nie geschlossen – und wie viele Kinder haben dadurch ohne festen Vater gelitten? Wer hat je die Seelen der Kleinsten gezählt, die dieser Sozialstaat zerstört hat? Wie oft endete das politische Menschenexperiment der systematischen Umverteilung von den Produktiven und Soliden hin zu den Asozialen und Leichtsinnigen in unmenschlichen Katastrophen, in Wut, Lieblosigkeit, Krankheit, Vernachlässigung, Verzweiflung oder Selbstmord? Wer hat diese Menschenopfer auf dem sozialstaatlichen Altar der Blüms und Dresslers, der Schröders und Merkels, der Engelen-Kefers und Bsirskes, die uns alle doch wie Mielke schon nur lieben, je gezählt? Und wann kommt die Zeit, da politisch-bürokratische Schwerverbrecher, die längst nicht mehr nur Diebstahl und Hehlerei betreiben, als das bezeichnet werden, was sie tatsächlich auch sind?

Zu hart? Mag sein. Übertrieben? Vermutlich. Doch war nicht schon beim flächendeckenden Einweisen der Kleinsten in Kinderverwahranstalten mittels neuer Krippenpolitik nach alter DDR-Rezeptur meist nur von den finanziellen Kosten die Rede? Dabei ist auch diese von so vielen bereits gewollte staatliche Lufthoheit über den Kinderbetten nicht zuletzt eine Folge der Sozialpolitik, trauen doch deren Macher selbst ihrer eigenen Klientel nicht mehr zu, die durch Gesellschaftsklempnerei geborenen eigenen Kleinen auch zu umsorgen. Oder denken wir an den typisch deutschen und in seiner umbarmherzigsten Form bis hin zur Gefängnishaft für sich wehrende Eltern weltweit einmaligen Schulzwang: Wieviele gemobbte Kinder in der Schulanstalt, aus der es kein Entrinnen gibt, haben anschließend sich oder anderen viel Leid angetan? Wer hat hier die nachhaltig Verletzten oder gar Toten gezählt?

Oder könnte die Politik gar der falsche Adressat sein? Ist nicht überhaupt in einer sterbenden Gesellschaft wie der unseren die heimliche, doch beinahe sadistische Feindschaft gegenüber Kindern die typische Zeiterscheinung? In gesunden, aufstrebenden Gesellschaften gibt es für die Erwachsenen immer das eine große Ziel: „Mein Kind soll es einmal besser haben!“ Seit 1968 aber verwirklichen und verzehren sich hierzulande Eltern selbst. Sie vererben dem lästigen Nachwuchs keinen kleinen Wohlstand mehr, sondern große Schulden. Die verletzten Seelen ihrer Schlüssel- und Scheidungskinder – „Du musst jetzt an Dich denken, nicht an Dein Kind“ – sind ebenfalls noch ungezählt.

Immerhin, eine Bresche hat die „FAZ“ mit der Aufstellung der ökonomischen Bilanz geschlagen. Vielleicht mehr, beruft sie sich doch am Ende wieder auf den Philosophen Kersting. „Klar“ sei für den nämlich: „Der Staat macht das nicht aus moralischen Motiven der Gerechtigkeit, sondern aus eiskaltem politischen Kalkül. Er macht sich seine Bürger zu abhängigen Untertanen und erwartet dafür Dankbarkeit in Form von Wählerstimmen.“ Soviel „Klar“ war selten zuvor.

Der ganz neue Zeitgeist, der da immer spürbarer in seinen Vorböhen heranweht, wird durchaus auch von denen gespürt, die ihn fürchten dürfen. Stellvertretend sei der linke Blogger „Antiferengi“ zitiert. Der ordnet die „FAZ“-Offenbarung gleich gewichtig ein: „Philosophen scheinen bei uns im Lande mittlerweile generell eine Sonderstellung als bezahlte Sprachrohre für neoliberale Propaganda zu erlangen.“ Soweit ist es natürlich noch nicht, aber der Blog-Sozi ist durchaus beeindruckt: „Ehrlich gesagt wollte ich gar nicht glauben, was ich da gelesen habe.“ Es sei „die komplette Übernahme einer gegnerischen Argumentation“, der moralische Zeigefinger deute schließlich jetzt auf die linke Hand zurück. Aus der Sicht „Antiferengis“ liest sich das so: „Ersetzen wir die Worte ‚Sozial-, Wohlfahrtsstaat’ mal durch ‚neoliberaler Politideologie’, ‚sozialer Wandel’ durch ‚geistig ökonomisierten Wandel’ und ‚finanzielle Anreize’ durch ‚finanziellen Entzug’. Bei dem Mann kann man eigentlich generell ‚Sozial’ durch ‚Kapital’ ersetzen.“ Und schon, so muss er wohl meinen, werden die wirklichen Asozialen als solche auch erkenn- und benennbar.

Hoffen wir’s.

Internet

Rainer Hank und Georg Meck: Alleinerziehende, die Hätschelkinder der Nation

„Antiferengi“: Perfide Verdrehungen

Serie

1. ef 97: Der Fall Sarrazin markiert eine Zeitenwende

2. Der schwarz-gelbe Koalitionsvertrag und die Reaktion der Medien: Zaghafter Beginn einer Zeitgeistwende

3. Beginnender Wandel des Zeitgeists durch Rückkehr des Stolzes: Weitere Belege für den Start in den Epochenwechsel

4. Zeitgeistwechsel kurz vor dem Zusammenbruch: Sarrazin und Sloterdijk als Stauffenbergs und Scholls unserer Tage?

5. Belege für den Zeitgeist-Wechsel jetzt auch in der linken Presse: Die Dämme brechen, das Pendel beginnt den Rückschlag

6. Zeitgeist-Wende, Teil 6: Die schwarz-gelben Küken kommen

7. Zeitgeist-Wende, Teil 7: Martin Mosebach und der Anarchismus der Barmherzigkeit

8. Zeitgeist-Wende, Teil 8: Auch Springer-Verlagschef Mathias Döpfner spricht jetzt Klartext


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