18. Januar 2010

Margot Käßmanns kleine Geschichtsstunde Der „Spiegel“ zieht die Kriegsbilanz

Was möchte uns Jan Fleischhauer sagen?

Margot Käßmann, die Gegen-Päpstin der Evangelischen Kirche in Deutschland, gilt im „Spiegel“ gemeinhin als „Power-Protestantin“. Mit Scheidungs-Bonus ins Amt gewählt, steht sie vermeintlich fortschrittlich für flächendeckende Krippenverwahrung der Kleinsten und tatsächlich vorgestrig für „soziale Gerechtigkeit“ in anonymisierter, erzwungener, kältester sozialstaatlicher Form. Da freut sich der „Spiegel“. Andere wie ef-Autor Alexander Kissler sehen die Person Käßmann als „Symptom der fundamentalen Krise des deutschen Protestantismus“. Aus „Transzendenz“ werde „Politik, aus Theologie Gesellschaftskritik, aus Christentum Sittlichkeit.“

Dann aber gab Margot Käßmann der „Berliner Zeitung“ ein bis heute wenig beachtetes Interview zu Weihnachten. Und plötzlich, drei Wochen danach, macht der  „Spiegel“ aus der politisch bislang stets überkorrekten Vorzeigelutheranerin eine gefährliche Geschichtsrevisionistin. Alles begann mit einem Satz und einer Frage des Interviewers der „Berliner Zeitung“: „Von diesem Land ist ein schrecklicher Krieg ausgegangen. Wie hätte man dem anders begegnen können, als mit Gewalt?“ Käßmann antwortete ausgerechnet am 24. Dezember nicht mit der seit Richard von Weizsäckers Rede vom 8. Mai 1985 offiziell erwünschten Befreiungsthese durch einen gerechten Krieg der Alliierten gegen Deutschland, sondern genau daran zweifelnd: „Das Argument lautet immer: Hätten die Alliierten nicht eingegriffen, hätte es keinen Frieden gegeben. Warum gab es vorher keine Strategien? Warum wurde die Opposition in Deutschland nicht gestärkt? Warum wurden die Gleise, die nach Auschwitz führten, nicht bombardiert? Schließlich heißt es immer: Jetzt müssen wir Waffen einsetzen. Der Preis, der dafür zu zahlen ist, ist enorm hoch.“ Das darf man bei allein 60 Millionen Todesopfern des Zweiten Weltkriegs diesseits des „Spiegel“ so sehen.

Dessen Redakteur nennt nun ebenfalls den Preis: „allein auf amerikanischer Seite 170.000 Soldaten“. Käßmann aber blieb auch nach ungläubiger Nachfrage der „Berliner Zeitung“ dabei: „Krieg setzt ein Gewaltpotenzial frei, für das ich keine Rechtfertigung sehe. Krieg hat Unrecht, Zerstörung, Vergewaltigungen im Schlepptau. Krieg zerstört alle, die an ihm beteiligt sind.“ Es sei „gut, dass es zu diesen Weihnachten ein verstärktes Bewusstsein dafür gibt“.

„Das ist nun allerdings“, wirft der „Spiegel“ ein, „eine neue, aufregende Sicht auf den Zweiten Weltkrieg“. Im „Spiegel“ sieht man es offenbar lieber altbacken und langweilig so, dass Krieg keinerlei Gewaltpotenzial freisetze, dass Krieg Recht habe und Zerstörung oder Vergewaltigungen stets nur die treffe, die es nicht anders verdient haben. Oder in des „Spiegels“ Diktion eines fleißigen bundesrepublikanischen Mittelstufen-Schülers: „Bislang hatten wir immer gedacht, dass wir für die Befreiung durch die alliierten Truppen dankbar sein müssten.“ Opfer? Ungerechtigkeit? Nur ein ganz kleines bisschen, wir wissen es schon – „allein auf amerikanischer Seite 170.000 Soldaten“.

Folge „man der Argumentation der Bischöfin“, so der „Spiegel“, dann „wäre der Zweite Weltkrieg zu vermeiden gewesen“. Jedes Kind – und das Nachrichtenmagazin noch dazu – weiß doch, dass vertauschte Details in der Geschichte der Menschheit, sehen wir nur auf Versailles, immer für einen anderen historischen Verlauf sorgen können, nur eben der Zweite Weltkrieg, der war, so „hatten wir es bislang immer gedacht“, völlig unvermeidbar.

„Warum wurde die Opposition in Deutschland nicht gestärkt?“, fragte Käßmann. Der „Spiegel“ blufft spät aber nachhaltig zurück: „Welche Opposition, mag der Unbedarfte denken. Nicht jedem fallen auf Anhieb die Zigtausenden im Widerstand ein, die nur auf ein Signal aus London oder Washington zum Losschlagen gewartet haben.“ Als wenn etwa die Helden des 20. Juli „auf ein Signal aus London oder Washington“ hätten warten dürfen. Dem „Spiegel“ sei die Lektüre der Erinnerungen von Freya von Moltke aus dem britischen Exil empfohlen, die belegen, wie schändlich die alliierte Führung deutsche Oppositionsbestrebungen gegen Hitler hintertrieb.

„In Käßmanns kleiner Geschichtsstunde“, meint nun das Hamburger Nachrichtenblatt, seien „am Ende irgendwie alle schuld, Sieger und Besiegte, Angreifer und Verteidiger, Täter und Opfer.“ Abgesehen davon, dass Käßmann ja gerade nicht die Schuld betrachtet, sondern auf die unschuldigen Opfer verweist, macht des „Spiegels“ Vorwurf tatsächlich nur dann Sinn, wenn Schuld nicht individuell zugesprochen wird, sondern im Kollektiv. Erst aus der Sicht eines Kindercomics, in dem Gut und Böse auf den ersten Blick zu unterscheiden sind, und mit Hilfe der im Kern rassistischen oder nationalistischen Kollektivschuldthese wird der Krieg „gerecht“, wenn dann nämlich Millionen individueller Opfer qua falschem Wohnort zu falscher Zeit unabhängig von ihren eigenen Taten zu Tätern umgedeutet werden. Dann erscheinen sieben Millionen deutsche Todesopfer als zu vernachlässigende Täter und allenfalls 170.000 potenzielle amerikanische Comic-Helden fallen auf die Negativseite der Bilanz. Käßmann aber wies auf Abermillionen Einzelschicksale hin, die im Zweiten Weltkrieg für den kollektivistischen Wahn aller kriegstreibenden Politiker mit dem Leben bezahlten, vergewaltigt oder vertrieben oder selbst zu Vergewaltigern und Vertreibern wurden. Des „Spiegels“ Kritik schließt mit erhobenem Finger: „Das haben die Vertriebenen nach Ende des Zweiten Weltkriegs nicht anders gesehen.“

Der Clou der Geschichte ist der Autor des „Spiegel“-Beitrags. Verantwortlich zeichnet nicht etwa einer der nervenden Antifa-Alarmisten aus Müller von Blumencrons Online-Truppe, der zweimal die Woche einen falschen Furz aus der rechten Ecke melden muss. Vielmehr war es mit Jan Fleischhauer genau jener „Spiegel“-Autor, der zuletzt „aus Versehen konservativ wurde“ und von dem man annehmen darf, dass er Margot Käßmann für gewöhnlich auch eher nicht als Power-Protestantin wertet.

Lesen wir nun seinen Einwurf über „Käßmanns kleine Geschichtsstunde“ gegen den Strich, so kann man ihn nicht nur bereits in der Überschrift auch ganz anders interpretieren. Wollte der Neukonservative Fleischhauer vielleicht gar nicht nach drei Wochen kleinlich, stillos und politisch überkorrekt nachtreten? Sondern eher eine Debatte anstoßen, weil er weiß, dass ausgerechnet Frau Käßmann einmal getroffen hat? Dafür sprächen dann in der Tat abstruse Hinweise wie der auf das alliierte Signal an den deutschen Widerstand, die 170.000 US-Toten oder am Ende das Opfer der Vertriebenen. Will uns der kluge Kollege Fleischhauer ausgerechnet mit Hilfe der EKD-Teetante auf die tatsächliche Absurdität sowohl des Afghanistan-Einsatzes wie auch des verbreiteten und so eindimensionalen wie infantilen Geschichtsbildes hinweisen?

Internet

Das Interview mit Margot Käßmann in der „Berliner Zeitung“

Jan Fleischhauer im „Spiegel“: Käßmanns kleine Geschichtsstunde


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