14. Januar 2010

„Familienpolitik“ Wenn Jugendämter verrückt spielen

19 Prozent Steigerungsrate jährlich

Kurz nach der Geburt ihres Sohnes fand Maria Bischaus (Name geändert) allerhand Post vor. Als erstes meldete sich das Finanzamt, um ihrem Sohn Robert eine Steuernummer zu verpassen. „Der Junge war noch nicht mal einen Monat alt und soll schon Steuern zahlen, wie toll!“, dachte sich Frau Bischaus. Dann öffnete sie den nächsten Brief – vom Gesundheitsamt. Eine Sachbearbeiterin will sie und das Kind sehen. Warum eigentlich?

Die Eingriffe des Staates in das Familienleben seiner Bürger werden immer tiefgreifender. Der Staat schickt seine Agenten in Berlin zu den frischgebackenen Eltern, um nach dem Rechten zu sehen. Natürlich nicht offiziell. Im Ankündigungsschreiben steht natürlich ganz harmlos, dass es um „Angebote für das Kind“ ginge. Aber wer weiß schon, was diese Regierungsagenten hinterher für Berichte schreiben über die Leute, die sie besucht haben?

Und es trifft immer öfter „normale Leute“. Voila Fechner zum Beispiel. Die 45jährige Alleinerziehende aus Berlin hat das Aufenthaltsbestimmungsrecht für ihre minderjährige Tochter verloren, und das kam so: Die Mutter (selbst Erzieherin) lebte mit ihren drei Kindern normal zusammen, bis ihr vor zwei Jahren Geld fehlte. Sie verdächtigte ihre inzwischen 16-jährige Tochter, weil sie in ihrem Zimmer Quittung teurer Boutiquen fand.

Sie traute sich nicht, ihre Tochter selbst zur Rede zu stellen und bat eine „Freundin“ um Rat. Diese „Freundin“ willigte sofort ein, selbst mit dem renitenten Sprössling zu reden. Viola Fechner sah daraufhin ihre Tochter nie wieder.

Die „Freundin“ ist mit Fechners Tochter nämlich zum Jugendamt gegangen, und die haben der Mutter das Kind sofort entzogen. Grund: Kindeswohlgefährdung. Hat die Tochter den Beamten eine Horrorgeschichte erzählt, um den im Raum stehenden Diebstahlsvorwurf zu entkräften? Wir wissen es nicht. Alles Spekulation. Selbst die Mutter hat nie erfahren, was genau sie so getan haben soll. „Bis heute weiß ich nicht, warum meine Tochter aus der Familie genommen wurde“, sagte sie gegenüber der „Berliner Zeitung“, die diesen Skandal öffentlich gemacht hat.

Seit Jahren nehmen die Eingriffe des Staates massiv zu. Spektakuläre Fälle vor einigen Jahren wie Jessica (starb den Hungertod bei asozialen Eltern in Hamburg) oder Kevin (wurde beim asozialen Stiefvater tot im Kühlschrank gefunden) haben zu einer ungeheuren Ausweitung der Kontrollen geführt. Es ist wie so oft: Weil eine Handvoll Idioten Fehler machen, werden Millionen normale Menschen hinterher bestraft beziehungsweise mit den Segnungen des Sozialstaates beglückt.

Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache: 2008 haben die Jugendämter 32.300 Kinder und Jugendliche in Obhut genommen. Das waren 14,4 Prozent mehr als im Vorjahr. Und auch 2007 hat es bereits eine erhebliche Steigerung gegeben. Die Staatsausgaben für Inobhutnahme sind allein 2007 um 19 Prozent gestiegen. Insgesamt gibt der deutsche Staat über fünf Milliarden Euro pro Jahr für Jugendhilfe aus, also für Dinge, um die sich eigentlich Familien selbst kümmern sollten oder könnten, wenn der Staat ihnen diese Aufgabe nicht abnehmen würde.

Viola Fechner hat angefangen sich dagegen zu wehren. Sie schreibt Briefe an Kommunalpolitiker oder Minister und hat schließlich sogar einen Betroffenenverband gegründet, bei dem sich schon 100 andere Eltern gemeldet haben, denen auch ihr Kind aus nichtigen Gründen entzogen worden ist.

Ihre Tochter hat sie aber leider noch nicht zurückbekommen. Wen der deutsche Sozialstaat einmal einkassiert hat, den gibt er nicht so schnell wieder frei.


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