19. Dezember 2009

Greenpeace Die Widersprüche mehren sich

Grüne Politik schwimmt gegen den Strom

War es nicht eine grüne Erfolgsstory, Strom zu produzieren, ohne klimawandlerisches Kohlendioxid in die Atmosphäre freizusetzen? Sauberer Strom aus Photovoltaikzellen und Windrädern? Anbieter, die uns eine reine Ökospannung an den Hausanschluss anlegen, frei von schlimmen Atom- und Kohlekraftelektronen. Saubere Leitungen ohne Ruß und ohne Strahlung also.

Der nächste Schritt ist eigentlich logisch: das Elektroauto. Es könnte mit sauberem Ökostrom geladen werden. Es würde auf der Straße keine Emissionen freisetzen und sogar die Umweltzonen einschließlich roter, gelber und grüner Plaketten langfristig überflüssig machen – was bei näherer Betrachtung durch eine staatlich gepolte Brille eigentlich gegen das Elektroauto als Plaketteneinnahmenkiller spricht.

Das Elektroauto kann aber noch mehr: Mit weniger bewegten Teilen im Motor ist es ungleich leiser als Kraftfahrzeuge mit Verbrennungsmotor und zugleich weniger wartungsanfällig. Teure Lärmschutzwälle auf Kosten des Steuerzahlers könnten entfallen – zu Lasten politisch kurzgeschlossener Baulöwen, was aus Sicht der praxiserprobten Klüngelpolitik freilich nicht geht, denn wer zahlt dem Beamten und dem Kommunalpolitiker dann noch Schmiergelder?

Die Konzeptfahrzeuge erreichen bereits Radien von über 400 Kilometern, bis die Batterie wieder geladen werden muss. Sobald die Batteriegröße auch ein Batteriewechselkonzept wie bei Elektrogabelstaplern gestatten wird, könnte man sich an der Tankstelle einfach eine neue Batterie reinschieben und die alte Batterie zum Laden zurückgeben. Batterien wären dann Tankfüllungen und nicht mehr Bauteil des Fahrzeugs, im beständigen Tausch „leer“ gegen „voll“ zuzüglich Aufladekosten und Marge nach Angebot und Nachfrage gehandelt, sofern sich auch Ökostromanbieter darauf einlassen.

Greenpeace aber findet das gar nicht gut: Das Elektroauto verbrauche so viel Strom, dass es in der CO2-Bilanz einem Mittelklasseauto entspreche. Wolfgang Lohbeck, „Autoexperte“ bei Greenpeace, moniert auch die „ausgefuchste Terminplanung“, welche wegen der Ladezeiten des Fahrzeugs erforderlich sei. Greenpeace schwimmt also gegen den – elektrischen – Strom und hält Verbrennungsmotoren langfristig für klimaeffizienter.

Das wirft Fragen auf.

Erstens: Gibt es den sauberen Ökostrom überhaupt, wenn ein grüner Autoexperte wegen des Stromverbrauchs eines Elektromobils diesem dennoch das Niveau eines Mittelklassefahrzeugs attestiert – und das wortwörtlich auch „langfristig“, was einen vorweg genommenen Ausschluss der Möglichkeit bedeutet, dass in Deutschland – eben langfristig – nur noch Ökostrom angeboten wird? Überrascht nimmt man zwischen den Zeilen zur Kenntnis, dass auch Greenpeace scheinbar im Ökostrom keine Alternative zu Atom- oder Kohlekraft erkennt, wenn dereinst viele Elektroautos aufgeladen werden müssten.

Zweitens: Benötigt man den Verbrennungsmotor „langfristig“, um die CO2-Panik aufrechterhalten und in klingende Münze wandeln zu können? Sehen grüne Sozialisten mit sauberen Elektroautos ihre Existenzberechtigung schwinden? Ist der elektromotorisierte Individualverkehr eine Bedrohung für das Carsharing- und ÖPNV-Kollektivdenken, das aus einem Umweltschmutzfinken einen anständigen Deutschen macht?

Drittens: Fürchtet man die Unabhängigkeit von den OPEC-Ländern und anderen ölliefernden Staaten, weil dann eine wichtige Brücke im Kampf um Multikulturalismus einstürzen könnte und Abschottung droht? Eine Abschottung, die weitere Besuche radikalerer Genossen in einschlägigen Trainingscamps unterbinden und den Kampf um den internationalen Sozialismus gefährden könnte? Der geringe Anteil an Öl für die Kunststoffindustrie könnte dann schließlich aus „westlich-kapitalistischen Quellen“ bezogen werden.

Unternehmen wie die Wittenstein AG produzieren bereits Elektroantriebe, deren Größe das Format einer größeren, prall gefüllten Damenhandtasche umfasst, freilich um einiges schwerer sind und ein Drehmoment von über 800 Nm vorweisen können (fast das dreifache eines Diesels). So werden Arbeitsplätze geschaffen und Menschen aus der Abhängigkeit vom Staat geholt. In einer Zeit, in der Politiker gerade wegen ihrer galaktischen Distanz zu Markt und Freiheit dem Vorbild von FDJ-Merkel folgend immer wieder Ludwig Erhard bemühen müssen, um überhaupt noch Vertrauen zu gewinnen, muss das Entstehen elektromotorischer Märkte wie eine Bedrohung für den alle Flächen verhartzen wollenden Staat aussehen.

Internet

Greenpeace bei heute


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Sven Adam

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