16. Dezember 2009

Zeitgeist-Wende, Teil 6 Die schwarz-gelben Küken kommen

Über die neue Generation bürgerlicher Politiker

„Der Trend geht zum Polit-Küken“, titelt der Kölner „Express“. Forsa-Chef Manfred Güllner sagt: „Es gibt eine große Sehnsucht nach frischen, unverbrauchten Gesichtern, die nicht so gestanzt und ritualisiert daherreden wie die etablierten Politiker.“ Deutschlands Medien gackern begeistert über die schwarz-gelben Hühnchen, die allesamt in den 70ern geboren und entsprechend von 68er-Lehrern sozialisiert wurden. Sie befinden sich in ihren 30er-Lebensjahren und steigen steil in hohe Positionen auf. Für die FDP sind dies Gesundheitsminister Philipp Rösler (Jahrgang 1973) und Generalsekretär Christian Lindner (Jahrgang 1979), für die CSU der Verteidigungsminister und heimliche Vorsitzende Karl-Theodor zu Guttenberg (Jahrgang 1971) und für die CDU schließlich Kristina Köhler (Jahrgang 1977).

Auffällig ist, dass sie alle eher konsequenter als ihre Vorgänger Position beziehen für Markt und Werte. Als entschieden konservativ und liberal kann man sie im Vergleich zu ihren älteren Kollegen durchaus bezeichnen. So attestiert das „Handelsblatt“ Köhler: „Mit dem Prädikat Konservativ ins Familienministerium“. Die „Erlanger Nachrichten“ bezeichnen sie als „konservativ, cool und konsequent“. Zu Guttenberg hat, so die „Blaue Narzisse“ einen „kulturkonservativen Geist“, was den Kollegen des „Spiegel“ ein Dorn im Auge und Grund für die jüngste Kampagne gegen den unheimlichen Aufsteiger ist: Eine „Krise des Konservativen“ möchten die Hamburger herbeischreiben und beißen sich doch die Zähne an ihm aus. Die beiden FDP-Youngster schließlich gelten unter der Hand zuweilen gar als libertär. Der linke „Morgen“ erkennt in Rösler einen „liberalen Extremisten“ und Kollege Lindner schrieb für „eigentümlich frei“. Beide zusammen gaben Sie zu Jahresbeginn eine viel beachtete programmatische Schrift mit radikal-liberalen Farbtupfern heraus: „Freiheit: gefühlt – gedacht – gelebt; liberale Beiträge zu einer Wertediskussion“. Auch zu Guttenberg gilt als konsequenter Marktwirtschaftler – „Markte sind erwiesenermaßen effizient“ – und „Merkels Mädchen“ Kristina Köhler bekennt, den „Kampf gegen rechts“ zukünftig auch gegen links wenden zu wollen.

Natürlich sind und bleiben die vier Halbstarken was sie sind: Politiker, in der Regierung noch dazu. Als solche sind sie berufsbedingt immer auch Opportunisten und Sozialdemokraten. Und doch zeigt der flüchtigste Vergleich mit ihren jeweiligen Vorgängern, dass sie alle das gefühlt geringere Übel verkörpern. So ist Lindner gegenüber Dirk Niebel (Jahrgang 1963) nicht nur liberaler, sondern auch für Überraschungen gut. Der jungliberale Rösler ist im Vergleich mit der altlinken Ulla Schmidt (Jahrgang 1949) nicht nur intelligenter, sondern auch unabhängiger und mutiger. Guttenberg steht für Zukunft, Stil und Optimismus, Franz Josef Jung (Jahrgang 1949) für den leisen Abgang. Und Köhler ist im Gegensatz zu Ursula von der Leyen (Jahrgang 1958) durchaus genderskeptisch und nicht gar so krippengeil.

Doch alles ist erstens relativ und zweitens deutsch. Die Soziologin Kristina Köhler hat nicht das Format von Baroness Margaret Thatcher, der Bayer Karl-Theodor zu Guttenberg ist zwar reich, aber längst nicht so unabhängig wie der Schweizer Christoph Blocher, General Christian Lindner verspricht nicht die tiefgreifende Erneuerung seiner Partei wie einst Barry Goldwater, der Arzt Philipp Rösler ist kaum so glaubwürdig wie sein amerikanischer Medizin- und Politikkollege Ron Paul, und alle vier deutschen Küken haben bei weitem noch nicht das konservativ-libertäre Profil dieser vier Titanen.

Auffällig aber ist, dass es im rot-rot-grünen Lager keine vergleichbaren Aufsteiger gibt. Links – und das ist eben auch hier die entscheidende Erkenntnis – war gestern. Ob Opa Ströbeles grüne Apo-Veteranen, ein durchschnittlich-seniler Ü80-SPD-Ortsverein oder die muffeligen Stasirentner der Linken, sie alle wirken heute nicht eben hipp. Das bestätigt sogar die Ausnahme von der Regel: Mathias Brodkorb (Jahrgang 1977), stellvertretender Vorsitzender der SPD-Landtagsfraktion in Mecklenburg-Vorpommern, wurde bereits 2003 von der Zeitschrift „Neon“ zu den „100 wichtigsten jungen Deutschen“ gezählt. Der Herausgeber des nominell sozialdemokratischen, inhaltlich aber innovativen und zuweilen mutigen Magazins „Horizonte“ und Initiator der Internetseite „Endstation rechts“ ist derart undogmatisch und anders, dass er im linken Lager längst als Außenseiter gilt, der sich über die „Bestmenschen gegen rechts“ und anderen linken „Antifa“-Firlefanz ebenso gekonnt lustig macht wie mit seinem „Storch Heinar“ über deren braune Straßenkampfbrüder.

Zugegeben, all das ist nur ein sehr kleiner und gewollt optimistischer Lichtblick. Für ein endgültiges Urteil über die jungen wilden Politrocker ist es bei weitem zu früh. Erinnern wir uns daran, dass vor gar nicht allzu langer Zeit Angela Merkel als Hoffnungsträgerin galt. Die wirklichen Herausforderungen stehen den heutigen Küken erst noch bevor. Deutschland aber würde es gut tun, wenn sie nicht enden wie die Henne Angela.

Serie

1. ef 97: Der Fall Sarrazin markiert eine Zeitenwende

2. Der schwarz-gelbe Koalitionsvertrag und die Reaktion der Medien: Zaghafter Beginn einer Zeitgeistwende

3. Beginnender Wandel des Zeitgeists durch Rückkehr des Stolzes: Weitere Belege für den Start in den Epochenwechsel

4. Zeitgeistwechsel kurz vor dem Zusammenbruch: Sarrazin und Sloterdijk als Stauffenbergs und Scholls unserer Tage?

5. Belege für den Zeitgeist-Wechsel jetzt auch in der linken Presse: Die Dämme brechen, das Pendel beginnt den Rückschlag


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