03. Dezember 2009

Frank Plasberg diskutiert in „Hart aber fair“ über den Schweizer Volksentscheid zum Minarettverbot „Ich bin doch das Opfer!“

Deutsche Gespräche am Vorabend des Mauerfalls

Der Kommentator des „Spiegels“, Reinhard Mohr, sah gestern Abend bei Frank Plasberg „eine der besten ‚Hart aber Fair’-Sendungen seit langem“, weil eine „notwendige Debatte über Demokratie und Integration“ nun endlich „eröffnet“ worden sei. Mohr, selbst Altachtundsechziger und seit vielen Jahren etablierter Journalist von „taz“ über „FAZ“ bis „Spiegel“, erfreut sich an der Diskussion, weil „im Zentrum des Konflikts“ nun „die Errungenschaften Europas seit der Französischen Revolution von 1789“ stünden. Schließlich könnten jetzt endlich „die Grenzen der Religion“ aufgezeigt werden.

Plasberg sah es in der Sendung ähnlich und fragte seine Gäste, ob nicht auch der Kölner Dom heute als zweifelhaftes Machtsymbol gelten müsse. Der CDU-Politiker Wolfgang Bosbach antwortete mit breitem Grinsen: „Ein Kölner Dom könnte heute nicht mehr gebaut werden, das würden die kommunalen Bauordnungen gar nicht zulassen!“ Wohlgemerkt, der Katholik Bosbach verteidigte in der Sendung mehrfach gerade diese behördlich verordnete Monotonie durchs Gemeindebaurecht und beschwichtigte damit nicht nur die Angst vor „nicht ins Stadtbild angepassten“ Minaretten, sondern auch Plasberg und Mohr in ihrem viel weitergehenden Ansinnen.

Lord Acton stellte fest: Macht korrumpiert. Bosbach zeigte gestern, dass sie auch aus kleinen Katholiken große Bürokraten macht. Als Spitzenpolitiker und CDU-Wetterfähnchen witterte Bosbach, dass ein wenig Islam-Kritik heute beim Publikum gut ankommen könnte. Er war nicht der einzige Tiefflieger der Runde. Die Grüne Bärbel Höhn blieb sich treu und wollte von türkischen Problemzonen wenig wissen: Es sei „unverantwortlich, abstrakte Ängste zu schüren“. Die Muslime seien „Teil unserer Gesellschaft und wir können unsere Probleme nur gemeinsam lösen“, wiederholte sie das Mantra der Bunten Republik Deutschland. Dabei müssen wir für die sachlich argumentierende Höhn dankbar sein, es hätte auch Parteifreundin Claudia Roth kommen können. Nebenbei offenbarte Höhn ihre Unsicherheit über einen offenbar ungewohnten Zug im Zeitgeist, in dem sie die Gegner der Minarette nicht gleich mit der Faschismuskeule traktierte, was noch vor wenigen Wochen die gewöhnliche Antwort deutscher Medien und Politik auf eine solche Provokation aus dem Volke gewesen wäre.

Aiman Mazyek, Generalsekretär des Zentralrats der Muslime in Deutschland, gab sich „entsetzt, aber nicht überrascht“ über die „islamfeindliche Schweizer Volksabstimmung“. Auf die Frage nach moslemischen Problemfällen antwortete er: „Natürlich gibt es ein paar Durchgeknallte, aber wir müssen doch die Moschee im Dorf lassen.“

Neben diesen drei Langweilern aus Politik und Interessenverbänden sorgten die beiden anderen Gäste, zwei Journalisten, für Farbe.

Der Herausgeber der Schweizer Wochenzeitschrift „Weltwoche“, Roger Köppel, war der einzige Gast, der den Volksentscheid seiner Landsleute offensiv verteidigte. Das öffentlich-rechtliche Podium hatte sich mit ihm seinen Quotenaußenseiter gegönnt; eins zu vier gegen die ungehörigen Schweizer. Im Publikum, das zeigt die Kommentarseite der ARD und wurde auch in der Sendung verschämt bestätigt, war das Verhältnis umgekehrt.

Der Unterschied zwischen öffentlicher und veröffentlichter Meinung sei nirgends größer als in den „Fragen zur Integration und zum Islam“, bestätigten sich Plasberg und Bosbach gegenseitig. Sie vergaßen die traditionell noch größere Kluft zwischen der Meinungs- und Politikelite auf der einen und dem Volk auf der anderen Seite, wenn es um die Beurteilung des fünften Gastes der Sendung geht. Michael Friedman tat gestern alles dafür, dass dieser Abstand eher noch größer wird. Ständig quatschte er dazwischen, ließ weder den Moderator noch die anderen Gäste ausreden, spielte sich selbst eher noch mehr als ohnehin gewohnt als moralisches Gewissen und Großinquisitor zugleich auf: „Herr Mazyek, führen Sie die Debatte? Dann berichten Sie mir doch wie das läuft!“ Und Friedman erreichte schließlich selbst einen für seine Verhältnisse noch erwähnenswerten Tiefpunkt, als er in einer misslungenen Mischung aus pöbelndem 17-jährigen arabischen Street-Fighter und dreijährigem deutschen Kleinkind den Schweizer Kollegen Köppel nachäffte und versprach, „jetzt auch gaaaaaaaanz laaaaaaangsam zu spreeeeeeeechen“, damit dieser ihm folgen könne. Dass Friedman sich anschließend noch über Plasberg beschwerte, als der dessen fortwährenden Redeschwall wenigstens kurzzeitig unterbrechen wollte, war dann schon wieder der Normalfall. Als er am Ende Plasberg attestierte, dass dieser es ja glücklicherweise „gemerkt habe, dass es nicht optimal war“, ihn, Friedman, zu unterbrechen, offenbarte er bescheiden und beiläufig schließlich seine Unangreifbarkeit innerhalb der meinungsbildenden Klasse Deutschlands.

So wurde es für uns Anne-Will-Bestrahlte eine überdurchschnittlich gute öffentlich-rechtliche Talkshow, die zugleich eine unterdurchschnittlich schlechte Runde des zuweilen unkorrekten Ausnahmemoderators Plasberg war. Tenor der Sendung und Beispiel zugleich: Mazyek: „Ich bin doch das Opfer, nicht Herr Bosbach!“ Friedman: „Ich möchte auch mal Opfer sein.“

Als Pluspunkt verteidigte Roger Köppel ruhig und gelassen die Ehre der Schweizer Demokratie, was die vielen Schweiz-Freunde unter den Zuschauern noch einmal vermehren half. Der Schweizer Gast war es nebenbei auch, der Michel Friedman nicht alles durchgehen ließ: „Ich bin nachhaltig beeindruckt von der Fulminanz der Rhetorik von Herrn Friedman. Man muss nur immer schauen, was hinter dem Feuerwerk dann an Substanz stehen bleibt. Herr Friedman, Sie dürfen das jetzt nicht wieder in einem Wortschwall zudecken…“ Da stockte für einen Augenblick das Dauergrinsen von Gast Nummer Fünf.

So kann Köppel, der als erzliberaler Querkopf von anderen Schweizer Medien selten gelobt wird, sogar mit guten Noten nach Zürich heimkehren. Der Schweizer „Tages-Anzeiger“ berichtet: „Roger Köppel verteidigte gestern das Minarettverbot in einer ARD-Talkshow. Er hatte einen schweren Stand, wurde wegen seines Akzents verhöhnt – aber wusste sich zu wehren. Obwohl allein auf weiter Flur, ging Köppel nicht als Verlierer aus der Runde. Das lag auch an einer Umfrage, die während der Diskussionsrunde eingeblendet wurde: Offenbar unterstützen viele Deutsche die Entscheidung der Schweizer.“

Köppels Verdienst war es schließlich auch darauf hingewiesen zu haben, dass man in Deutschland „nicht alles zu allem sagen“ könne. Als Beispiel nannte er die Sarrazin-Debatte – und damit nun allerdings genau den Fall, der zaghaft immerhin eine Öffnung der Debatte einläutete. Besser hätte er den Umgang mit Bürgerprotesten in Köln gegen die dortige Großmoschee erwähnt. Wir erinnern uns: Im September 2008 hatten Politik und Medien – allen voran CDU-Ministerpräsident Rüttgers, ein Parteifreund des nun leicht gewendeten Bosbach – den Mob aufgehetzt gegen jeden, der es wagte, den Meinungsführern zu widersprechen. Diese Vorgänge beim durch Politik, Kulturschickeria, Polizei, Medien und Straßenterror vereint verhinderten „Antiislamisierungskongress“ fand nicht nur die „FAZ“ damals „zum fürchten“. Die anderen deutschen Medien verschwiegen sie oder verhöhnten die Opfer der Gewalt.

Plasberg aber redete nicht von Köln, sondern von Antalya, und davon, dass etwa auch deutsche Urlauber oder Rentner in der Türkei sich wenig angepasst an die dortige Mehrheitskultur benähmen. Er überging zwei minimale Unterschiede: Die Deutschen Ballermänner am Bosporos sind Gäste auf Zeit, die auch jederzeit wieder nach Mallorca gehen können, die Rentner finden Sonne auch in Florida. Und sie beide kassieren nicht, sondern zahlen.

Die eigentlichen Probleme, die auch das deutsche Publikum so ängstlich und wütend machen, und die dafür sorgen, dass alle Online-Umfragen von „Bild“ über „Welt“ bis „Spiegel“ eine überwältigende Mehrheit auch hierzulande für ein Minarett-Verbot anzeigen, wurden in der Sendung mit keiner Silbe angesprochen. Sie sind diesseits von Türmen an Moscheen zu finden.

Warum leben 70 Prozent der Türken und 90 Prozent der Araber in Berlin – oft dauerhaft eingerichtet – von Sozialhilfe? Welche Gruppen wandern aus welchen Anreizen in welcher Zahl in Deutschland ein? In wievielen deutschen Stadtvierteln trauen sich Polizisten nur noch mit Mannschaftswagen hinein? Wer dominiert die Neugeborenenabteilungen in den Krankenhäusern? In welchen Schulen kapitulieren Lehrerinnen vor der rohen Gewalt? Welche U-Bahnen werden nicht nur von Senioren längst gemieden? Wie steht es um den Kinderwunsch deutscher Frauen und um den Zusammenhalt in den Familien? Wieviele Schüler werden regelmäßig auf dem Pausenhof oder Nachhauseweg misshandelt? Wer sind die Opfer und wer sind die Täter? Welches Durchschnittsalter werden die Deutschen in 20 Jahren haben und wie wird die nahe Zukunft einer vergreisenden Gesellschaft aussehen? Wer ist Nettosteuerzahler und wer Staatsprofiteur in einem kleptokratischen Land mit nie gesehener Steuer- und Abgabenhöhe? Welche Bevölkerungsgruppen dominieren die Statistik schwerer Gewaltverbrechen sowie als Insassen das Leben in den Gefängnissen?

Das sind die Fragen, welche Deutsche wie Schweizer – und übrigens auch Franzosen wie Belgier, Niederländer und Briten – heute umtreiben. Fragen, die sie selbst sich nicht einmal zu stellen wagen. Plasberg wies auf die „Ängstlichkeit der Menschen“ hin, und tatsächlich zeigten die eingespielten Straßenumfragen überdeutlich verängstigte Gesichtszüge, wie wir sie sonst nur aus Fernsehberichten aus totalitären Staaten kennen. Schnell weghuschende Befragte wollten möglichst „nichts Falsches“ sagen, als ihnen das Mikrophon zur Kommentierung der Volksabstimmung in der Schweiz entgegengehalten wurde.

Erinnern wir uns dazu an die Worte des britischen ef-Autors Theodore Dalrymple, der sagt, er habe in seinen „Studien der kommunistischen Gesellschaften herausgefunden, dass es nicht das Ziel kommunistischer Propaganda war, zu überzeugen, sondern vielmehr zu demütigen. Deshalb galt: Je weniger die Propaganda mit der Realität übereinstimmte, desto besser. Wenn Leute dazu gezwungen werden, still zu bleiben, wenn sie die offensichtlichsten Lügen erzählt bekommen, oder noch schlimmer, wenn sie dazu gezwungen werden, die Lügen selbst zu wiederholen, so verlieren sie ein für allemal ihren Sinn für Rechtschaffenheit. Wenn man offensichtlichen Lügen zustimmt, arbeitet man mit dem Bösen zusammen, ein Stück weit wird man selbst diabolisch. Die Fähigkeit, sich zu widersetzen, verringert sich oder geht ganz verloren. Eine Gesellschaft von kastrierten Lügnern ist einfach zu kontrollieren. Wenn man die politische Korrektheit analysiert, dann hat sie dieselben Folgen aus denselben Zielen heraus.“

Die Schweizer haben am vergangenen Sonntag gegen den Widerstand ihres gesamten Establishments aus Politik, Gewerkschaften, Unternehmerverbänden, Kirchen und Medien das psychologische Ventil einer Abstimmung über Minarette genutzt. In der Sache haben sie falsch entschieden, weil Minarette nicht das Problem sind und religiöse Toleranz ein hohes Gut. Aber sie haben eine Diskussion über längst überfällige Fragen angestoßen, die sich in der Endphase des politisch korrekten Tugendterrors noch immer kaum einer zu stellen wagt, auch Plasberg nicht. Doch der Großsowjet der herrschenden Kaste steht längst mit dem Rücken zur Wand. Womöglich schon bald, ob in Volksabstimmungen wie in der Schweiz oder in plötzlich ebenso überraschenden Wahlausgängen, werden die Tabus fallen und die Fragen gestellt werden, den Schweizer Mauerspechten und dem Medium Internet sei Dank. Sie betreffen den Sozialstaat, die Einwanderungs- und Bildungspolitik sowie das eigene kulturelle Selbstverständnis.


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