28. November 2009

Feindbild Muslim Tatsächlich ist es ein unschönes Spiegelbild

Über ein Symptom des gesellschaftlichen Zusammenbruchs

Deutschland und darüber hinaus das, was gemeinhin als „der Westen“ bezeichnet wird, „haben fertig“. Viele wissen das. Noch mehr ahnen es. Demographisch, demokratisch, kulturell, moralisch und ökonomisch zehren wir von der Vergangenheit und leben auf Kosten der Zukunft. So ist das im Sozialismus, immer. Große Gelehrte wie Ludwig von Mises oder Friedrich August von Hayek haben dicke Bücher zur Erklärung des Phänomens verfasst. Roland Baader in Deutschland oder Igor Schafarewitsch in Russland haben erklärt, warum jeder neue sozialistische Menschenversuch – und es gab im Laufe der Jahrhunderte viele – immer wieder aus vier Komponenten besteht: Eigentumszerstörung, Religionszerstörung, Familienzerstörung, gekoppelt mit der Utopie der sozialen Gleichheit. Jetzt erleben wir es wieder einmal hautnah selbst, nun steht auch unsere neosozialistische Gesellschaft wie vor mehr als zwanzig Jahren der damals realsozialistische Osten vor dem Offenbarungseid.

Die kommunistischen Führer im Osten hatten ein Feindbild, dem sie alle Übel dieser Welt bis zum Schluss anlasteten; den „kapitalistischen Westen“. In Wirklichkeit zeigte der Vergleich mit eben diesem Westen in jeder genannten Beziehung nur, dass man selbst am Ende war. Das Feindbild war in Wirklichkeit ein unschönes Spiegelbild.

Auch der sozialdemokratische Westen pflegt zunehmend ein Feindbild – „die Moslems“. Hier wird es weniger von den Führern und dafür umso mehr vom Volk getragen, wie ein Blick in ein beliebiges Diskussionsforum unserer Tage schnell belegt. Die Führer halten noch inne, da ihre alten politisch-korrekten Glaubenssätze von der unhinterfragbaren „Bereicherung durch Einwanderung“ ihnen das neue Feindbild verhängen. Doch die Dämme brechen. Die zu Neokonservativen konvertierten Altsozialisten schießen bereits aus vollen Rohren auf die bösen Muselmanen, verbal und durchaus auch mal real international – in Afghanistan, im Irak, demnächst allzu gerne auch im Iran. Und die charakterlosesten Opportunisten und aalglattesten intellektuellen sowie politischen Führer schießen im Inland bereits fleißig mit, Jürgen Rüttgers und Ralph Giordano vorneweg.

Die Beweggründe des aufgebrachten Volkes sind dabei durchaus nachvollziehbar: Immer mehr Straßenzüge im eigenen Land werden für Deutsche zum No-Go-Bezirk, gedemütigt noch von den stets juristisch, soziologisch, politisch und sozialstaatlich übervorteilten Jungmänner-„Migranten“ (gemeint sind nicht die Rheinländer in Berlin). Die Bauzeichnung der Ehrenfelder Großmoschee – der „neue Kölner Dom“ – ist eine eindrucksvolle symbolische Demonstration der Macht. Da ist es verständlich, wenn sich Angst und Wut auf „die Musels“ weiter verbreiten.

Zunehmend stehen sie für alles Böse dieser Welt: „Politisch inkorrekte Westler“ erklären, die islamische Religion sei in Wirklichkeit eine aggressive politische Ideologie, ihr Religionsstifter bereits sei ein Krieger und ein Kinderschänder gewesen. Sie seien kulturell, moralisch und ökonomisch rückständig und ihre Religion habe anders als das Christentum im Westen eine „Aufklärung“ nie erfahren. Schließlich würden Moslems in wenigen Jahrzehnten bereits demographisch im Westen die Macht ergreifen. Ein Blick in die Neugeborenenabteilung eines Krankenhauses in einer beliebigen westlichen Großstadt sagt dazu mehr als Tausend Worte.

Gerade die Angst aber vor der Machtübernahme durch baldige moslemische Mehrheiten im alten Europa zeigt, dass wir es auch heute lediglich mit einem Blick in den Spiegel zu tun haben. Denn würden die westlichen Gesellschaften nicht selbst absterbende sein und würde die Geburten- bei den Einheimischen nicht tendenziell eine Selbstmordrate sein, so würden nicht andere jene Macht an sich reißen können. Jene anderen, die nicht eine Kultur des Todes, sondern des Lebens pflegen. Moslems vermehren sich, der Westen ist verbraucht, alt, gebrechlich, lendenlahm und nur noch notdürftig auf Pump überlebend. In einer solchen Gesellschaft wird die Selbsttötung eines unscheinbaren und vergleichsweise wenig bekannten Torhüters als kollektives emotionales Großereignis zelebriert wie andernorts und zu anderer Zeit der im Kampf gefallene „unbekannte Soldat“. Was zuweilen als „Landnahme“ bezeichnet wird, ist deshalb eher eine milde „Landgabe“.

Nebenbei: Die osteuropäischen Kommunisten vergaßen in ihrem Hass auf den Westen, dass dort selbst ihre eigene Ideologie bereits auf den Vormarsch war. Die vielen roten Fahnen nach 1968 und noch mehr die immer weitergehende sozialdemokratische Politik im Westen wurden ausgeblendet, so wie heute gerne die „westlichen Tendenzen“ unter Muslimen vergessen werden. Sinkt nicht auch bei ihnen die Geburtenrate seit Jahren stark? Ist nicht auch die islamische Jugend im Westen wie in der eigentlichen Heimat von der Pop-Kultur der Untreue, des unproduktiven Konsums und der Ehr- wie Kinderlosigkeit bereits weitaus stärker angezogen als vom Prediger in der Moschee? Und ist nicht auch die moslemische Welt diesseits alter Ideen vom Gold-Dinar längst eine Schuldengemeinschaft, die nicht nur in Dubai auf Sand gebaut ist? Wenn nach dem altsozialistischen Osten in den kommenden Jahren auch der neosozialistische Westen „fertig hat“ – wird dann die muslimische Welt die nächste sein, die demographisch, demokratisch, kulturell, moralisch und ökonomisch zusammenbricht?

Vieles spricht dafür. Andererseits hat der traditionelle Islam wie der traditionelle Katholizismus seine Lebensfähigkeit über viele Jahrhunderte bewiesen, während die verschiedenen Sozialismen zumeist als Ein-, zuweilen auch als Zwei-, höchstens aber als Drei-Generationen-Projekte angelegt sind und dann systembedingt verenden.

Doch schauen wir uns die anderen Vorwürfe der Spiegelfechter noch einmal genauer an und greifen dazu dankend einige interessante Einwände des Kommentators „Dr. Spiele“ auf, die dieser zum jüngsten Artikel von Andreas Unterberger, „Christen, Moslems und das Schweigen“, auf ef-online einstellte.

Im ehemals christlichen Westen folgten nach der Aufklärung Kommunismus, Nationalsozialismus und Sozialdemokratismus – und in der Folge dieser Ideologien das inflationäre Papiergeldsystem sowie Abermillionen Ermordete und Beraubte. Wo finden wir mit dem Gulag, dem großen Sprung nach vorn und dem Holocaust auch nur entfernt Vergleichbares im „unaufgeklärten moslemischen Kulturraum“? Die schlimmsten Verbrechen, die gegen die Armenier, fanden auch dort ausgerechnet durch die „aufgeklärten“ Jungtürken statt, die sich an westlichen Modernisierern orientierten.

Und was den aggressiven, kriegerischen und terroristischen Islam betrifft: Wessen Armeen stehen seit mehr als 100 Jahren in wessen Kulturraum? Wer finanzierte jahrzehntelang die fundamentalistischen Strömungen in Saudi-Arabien und in Afghanistan? Waren es Muslime oder Amerikaner? Die Machtergreifung der ebenso fundamentalistischen wie US-ergebenen Saudis kostete etwa 400.000 Muslime das Leben. Die wenigen Terroristen unter mehr als einer Milliarde Muslimen haben finanziell, bildungsspezifisch und kulturell weit überdurchschnittlich häufigen Kontakt zu westlichen Gesellschaften im Allgemeinen, zu deren Ideologien im Besonderen und zu ihren Geheimdiensten im Speziellen. 

Nebenbei: Die gesamte Geschichte der RAF stellt sich 30 Jahre später von Kurras über Baader und Mahler bis Viett als in jedem Schritt beobachtet, wenn nicht gar inszeniert von diversen Geheimdiensten heraus. Was werden wir in 30 Jahren über den „islamistischen Terrorismus“ erfahren, von dem bereits heute auffällig viele entsprechende Querverbindungen bekannt sind?

Und die Intoleranz? Die Sultane ließen im 15 und 16. Jahrhundert mehr als 100.000 aus Spanien vertriebene Juden in der heutigen Türkei siedeln. Das Osmanische Reich war wie heute noch das Russische ein Vielvölkerreich und im Vergleich zum „aufgeklärten 20. Jahrhundert“ ausgesprochen tolerant gegenüber Minderheiten. Noch heute leben im Iran Juden und Christen weitgehend unbehelligt, sie praktizieren offen ihre Religion in ihren Kirchen und Synagogen. Der Unterschied nur zu den Muslimen im Westen und die bessere Erklärung für das wachsende Unbehagen an den „neuen Mitbürgern“ dort: Die traditionellen Minderheiten leben und arbeiten auf eigene Kosten.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Die Christenverfolgung in manchen islamischen Ländern ist ein Skandal, das Schweigen der westlichen Presse dazu nur ein weiterer Beleg für eine untergehende Ordnung. Die verbreitete Geringschützung und teilweise brutale Unterdrückung von Frauen im Islam ist eher noch unschöner als die moderne Männerverachtung im feministischen Westen. Und ja, Mohamed war im Gegensatz zum friedliebenden Jesus ein Krieger. Da darf man werten. Und richtig, es gibt auch deshalb religiöse Unterschiede. Nur würden „die Muslime“ dennoch nicht so furchteinflößend vor der vermeintlichen Machtübernahme stehen, wenn nicht der Westen selbst in jeder Beziehung vor dem Ende stände.

Sarrazin hat trotzdem recht: Viele real existierende Einwanderer in Deutschland (und mehr noch in Frankreich oder Belgien) sind ein großes Problem. Der Anteil des „Prekariats“ unter den Türken und vor allem Arabern ist insbesondere in Berlin augenfällig höher als unter den „Einheimischen“. Doch das ist ein durch Einwanderungspolitik und Sozialstaatlichkeit hervorgerufenes Übel, nicht eines der Religion. Und es ist auch nur ein Symptom des Zusammenbruchs, in etwa vergleichbar mit dem Zustand des Maschinenparks, der Straßen oder der verängstigten Menschen im Osteuropa des Jahres 1988.


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